{"id":181,"date":"2007-01-11T21:42:16","date_gmt":"2007-01-11T19:42:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=181"},"modified":"2007-01-11T21:42:16","modified_gmt":"2007-01-11T19:42:16","slug":"hitler-in-den-80ern-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=181","title":{"rendered":"HITLER IN DEN 80ERN (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schon das deutsche Kino der 80er Jahre hat versucht, sich seinen Reim auf Hitler zu machen, insbesondere zwei Regisseure, die nicht zuf\u00e4llig dann auch zu den k\u00fchnsten Regisseuren ihrer Generation wurden: Christoph Schlingensief und Romuald Karmakar<br \/>\n<\/strong><img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nMichael Althen<\/p>\n<p>Also gut. Man lacht in dem Film ungef\u00e4hr zweieinhalb Mal. Einmal, wenn der Schauspiellehrer Gr\u00fcnbein (Ulrich M\u00fche) aus dem KZ Sachsenhausen als geschundene Kreatur in die Reichskanzlei gebracht wird und Goebbels (Sylvester Groth) ihn jovial fragt: \u201eNa, wo haben wir Sie denn aufgescheucht?\u201c Als habe man ihn aus der Sommerfrische geholt. Das zweite Mal, wenn Hitler (Helge Schneider) genervt Goebbels nach\u00e4fft und \u201eWollt ihr den totalen Krieg?\u201c so affektiert runterleiert, als k\u00f6nne er den Satz nicht mehr h\u00f6ren, und schon gar nicht von Goebbels.<\/p>\n<p>Und ein halbes Mal, wenn Hitler n\u00e4chtens heimlich aus dem Fenster der Reichskanzlei steigt, was sich jedoch mit einem Sch\u00e4ferhund an der Leine schwierig gestaltet, wenn das Fenster im ersten Stock liegt &#8211; und schwupp baumelt der Hund einen Meter \u00fcberm Boden an der Leine in der Luft. W\u00e4re vielleicht auch ohne Hitler lustig, deshalb z\u00e4hlt der Lacher nur halb. Und dann gibt es noch den ein oder anderen Viertellacher, aber in einer Kom\u00f6die sollte man nicht lange rumrechnen. Entweder sie ist lustig. Oder sie ist es nicht. Diese ist es jedenfalls nicht.<\/p>\n<p>Hitler in den 80ern<br \/>\nAber sie k\u00f6nnte es sein, wie die genannten Szenen belegen. Sie k\u00f6nnte &#8211; und m\u00fcsste &#8211; so b\u00f6se sein, dass einem das Lachen im Halse stecken bleibt. Das hat es ja auch schon gegeben. Und zwar nicht nur bei Chaplin und Lubitsch, die immer als Vergleichsgr\u00f6\u00dfen herangezogen werden, als k\u00f6nne sich im Ernst jemand mit ihnen messen, und deren frappierende Eleganz ja auch daher r\u00fchrt, dass zu Zeiten von \u201eDer gro\u00dfe Diktator\u201c und \u201eSein oder Nichtsein\u201c das wahre Ausma\u00df des Grauens bestenfalls erahnt werden konnte.<\/p>\n<p>Wenn man schon Vergleiche sucht, dann kommen ohnehin nicht die Genies aus Hollywood in Frage, sondern eher das deutsche Kino der achtziger Jahre, wo sich zwei Leute schon in ihren Anf\u00e4ngen ihren Reim auf Hitler zu machen versuchten, die nicht zuf\u00e4llig dann auch zu den k\u00fchnsten Regisseuren ihrer Generation wurden: Christoph Schlingensief und Romuald Karmakar. Der eine hat in \u201e100 Jahre Adolf Hitler\u201c den F\u00fchrerbunker in ein sexualpathologisches Tollhaus verwandelt, der andere in \u201eEine Freundschaft in Deutschland\u201c den \u201eAdi, die Drecksau\u201c gleich selbst dargestellt.<\/p>\n<p>Turn\u00fcbungen und Erektionsprobleme<br \/>\nUnd es ist halt doch etwas anderes, Karmakar dabei zu erleben, wie er sich einen runterholt, w\u00e4hrend ihm eine Frau ins Gesicht pinkelt, als Helge Schneider dabei zuzusehen, wie er in l\u00e4cherlicher Unterw\u00e4sche auf Katja Riemann vergeblich Turn\u00fcbungen veranstaltet, um dann seine Erektionsprobleme zu beklagen. Ist Geschmackssache, k\u00f6nnte man sagen. Genau. K\u00f6nnte ja sein, dass man mit dem guten Geschmack in der Auseinandersetzung mit Hitler nicht so richtig weiterkommt. K\u00f6nnte ja sein, dass auch das Lachen \u00fcber Chaplin nur so ein gut abgehangenes Am\u00fcsement ist, hinter dem man sich leichter verstecken kann, weil es halt ein Klassiker ist. Und vielleicht h\u00e4tte es ja dem \u201eUntergang\u201c ganz gut getan, wenn man gesehen h\u00e4tte, wie Hitler die Kugel in den Kopf dringt, statt sich diskret abzuwenden.<\/p>\n<p>Das deutsche Kino hat also durchaus versucht, seinen Spa\u00df mit dem F\u00fchrer zu treiben &#8211; und dazu z\u00e4hlen auch Walter Moers&#8216; \u201eBonker\u201c und der grandiose Polt-Hitler-Verschnitt des Filmstudenten Florian Wittmann -, aber es lie\u00dfe sich einwenden, dass all dies von den Freiheiten des Underground profitierte, in dem es keinen anderen Druck gibt als den, den man sich selber macht. Es mussten keine F\u00f6rdergremien und Sender \u00fcberzeugt werden, weil die Kosten \u00fcberschaubar waren.<\/p>\n<p>Kreisen ums leere Zentrum<br \/>\nDas ist bei \u201eMein F\u00fchrer\u201c nat\u00fcrlich anders, da musste dann auch der Untertitel \u201eDie wirklich wahrste Wahrheit \u00fcber Adolf Hitler\u201c her, damit jeder gleich merkt, dass sich Dani Levy einen Scherz erlauben m\u00f6chte. Der Impuls, dem heiligen Ernst des \u201eUntergangs\u201c etwas entgegenzusetzen, ist ja durchaus verst\u00e4ndlich, und auch wenn man \u201eAlles auf Zucker\u201c nicht so viel abgewinnen konnte, gab es Anlass zur Hoffnung, Levy k\u00f6nne mit derselben Atemlosigkeit den F\u00fchrerbunker aufwirbeln. Die Geschichte um den j\u00fcdischen Schauspiellehrer, der den depressiven Hitler f\u00fcr eine gro\u00dfe Rede noch einmal auf Vordermann bringen soll, ist auch nicht schlecht ausgedacht (und das Vorbild Paul Devrient hat ja auch Brecht schon mal zum \u201eArturo Ui\u201c inspiriert), aber der Film kreist um ein leeres Zentrum.<\/p>\n<p>Die Begegnungen von Gr\u00fcnbaum und Hitler, von M\u00fche und Schneider bleiben so blass, dass man sich stets fragt, wann es eigentlich losgeht. Diese L\u00e4hmung erfasst auch die gesamte Entourage mit Ausnahme des brillant aufgelegten Sylvester Groth, der eine Ahnung vermittelt, wohin die Reise h\u00e4tte gehen k\u00f6nnen. Stattdessen w\u00fcnscht man sich, irgendwer w\u00fcrde Helge Schneider endlich mal die starre Maske vom Gesicht rei\u00dfen, hinter der er wirklich bis zur Unkenntlichkeit verschwindet. Am Ende \u00e4rgert man sich, dass man um einen Helge-Schneider-Film \u00fcber Hitler betrogen wurde.<\/p>\n<p>11.1.07<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schon das deutsche Kino der 80er Jahre hat versucht, sich seinen Reim auf Hitler zu machen, insbesondere zwei Regisseure, die nicht zuf\u00e4llig dann auch zu den k\u00fchnsten Regisseuren ihrer Generation wurden: Christoph Schlingensief und Romuald Karmakar<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/181"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=181"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/181\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=181"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=181"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=181"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}