{"id":1807,"date":"2016-04-29T22:38:37","date_gmt":"2016-04-29T20:38:37","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1807"},"modified":"2016-04-30T01:59:16","modified_gmt":"2016-04-29T23:59:16","slug":"der-untergrundkuenstler-goethe-institut","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1807","title":{"rendered":"DER UNTERGRUNDK\u00dcNSTLER (GOETHE-INSTITUT)"},"content":{"rendered":"<h5><strong>Christoph Schlingensief starb 2010 im Alter von nur 49 Jahren. Einer einfachen Einordnung entzieht sich der Aktionsk\u00fcnstler in seiner sch\u00f6pferischen Vielfalt noch immer erfolgreich. J\u00f6rg van der Horst, einstiger Mitarbeiter Schlingensiefs, fragt nach dessen Aktualit\u00e4t.<\/strong><\/h5>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Anfang 2010 beschleicht Christoph Schlingensief das ungute Gef\u00fchl, zu fl\u00fcchtig, sogar zu wenig gearbeitet zu haben. Vielleicht ahnt er, dass ihm nur noch wenig Zeit bleibt. Mal resigniert er vor der \u00dcbermacht, vor der st\u00e4ndigen physischen und psychischen Pr\u00e4senz seiner Krebserkrankung, die im Anschluss an eine Routineuntersuchung im Januar 2008 diagnostiziert worden ist. Dann wieder sch\u00f6pft er aus der eigenen Ohnmacht, aus Angst und Zweifel \u2013 Antriebskr\u00e4fte, die seine Arbeit seit den 1980er-Jahren gepr\u00e4gt haben. Er entwickelt eine blanke Lebens- und Arbeitswut gegen \u201ediese Schei\u00dfe Krebs\u201c. Was bis dahin schon schwer genug gewesen ist, wird f\u00fcr die Menschen in seinem Umfeld zunehmend unm\u00f6glich: Schritt zu halten mit dem Tempo, in dem Schlingensief jetzt denkt und agiert, in dem er, der Getriebene, Ideen und Vorhaben entwirft und wieder verwirft.<\/p>\n<h5>Aufkratzen der Oberfl\u00e4che<\/h5>\n<p>Zwei herausragende Projekte der beiden letzten Jahre \u2013 das Fluxus-Oratorium <i>Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir<\/i> (2008) und die Ready-Made-Oper <i>Mea Culpa<\/i> (2009) \u2013 widmet er seiner Erkrankung. Sie richten sich an sein Verlangen, leben zu wollen, und an die Gewissheit, pl\u00f6tzlich, vor seiner Zeit, sterben zu m\u00fcssen. Es sind Beschw\u00f6rungen. Schlingensief feiert sich selbst, seine Verunsicherung, seine Verzweiflung und mehr noch: seinen zuk\u00fcnftigen Tod. Das ist ergreifend, ein Hochamt. Das ist auch kitschig und irgendwie grausam, ein Exorzismus. Aber es ist wahrhaftig. Man nimmt ihm diese Weihespiele ab, weil sie ein Panoptikum er\u00f6ffnen, in dem er seit jeher unterwegs ist.<\/p>\n<p>Gemeinsam mit der Publikation seines Krebstagebuchs <i>So sch\u00f6n wie hier kanns im Himmel gar nicht sein<\/i> (2008), das in Deutschland ein Bestseller wird, tragen <i>Kirche der Angst<\/i> und <i>Mea Culpa<\/i> ma\u00dfgeblich zu einer breiten und emotionalen Diskussion dar\u00fcber bei, wie \u00f6ffentlich jemand sein privates Leiden machen darf. Zumal wenn Schlingensief das Privileg des K\u00fcnstlers, die B\u00fchne, dazu gebraucht, um dieses Leiden durchzuspielen. \u201eGebrauchen\u201c, \u201eDurchspielen\u201c, das sind in diesem Zusammenhang bewusst gew\u00e4hlte Worte. Sie beschreiben Methoden seiner ganzen Arbeit. Es ist die Arbeit eines K\u00fcnstlers, der den Oberfl\u00e4chen misstraut und der sie deshalb aufkratzt. Und es ist ein schwer fassbares Werk, das Werk eines wahrhaften Untergrundk\u00fcnstlers.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id='gallery-1' class='gallery galleryid-1807 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Intro_Schlingensief.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/Intro_Schlingensief-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche0derangst2281.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche0derangst2281-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche1derangst129.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche1derangst129-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche1derangst509.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche1derangst509-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche1derangst5411.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche1derangst5411-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche2Aderangst0059.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche2Aderangst0059-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche2Aderangst0077.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kirche2Aderangst0077-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kircheGPBangst0262.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/kircheGPBangst0262-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure>\n\t\t<\/div>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Dieses Werk in Phasen zu zerlegen, w\u00fcrde bedeuten, seinen Fluss zu unterbrechen. Ganz gleich, ob in seinem Heimatmedium Film, im Theater, auf der Stra\u00dfe, im Fernsehen, im H\u00f6rspiel, in der Oper oder im Museum, immer hat Schlingensief Partikel vorangegangener Arbeiten im Gep\u00e4ck und montiert sie neu, montiert sie anders. Er \u00fcbermalt seine Kunst und des \u00d6fteren auch sich selbst. In der rasanten TV-Show <i>U3000<\/i> (2000) aus einer fahrenden U-Bahn oder in den Aktionen der <i>Atta-Trilogie<\/i> (2003\/2004) begie\u00dft er sich selbst bis zur Unkenntlichkeit mit Farben. Er ist identisch mit seinem Werk. Beharrlich leistet er, der Untergrundk\u00fcnstler, Widerstand. Widerstand gegen Konventionen, Konformismen und Konstanten, ob sie nun die universalen Themen beherrschen, den deutschen Alltag oder die Sehgewohnheiten des eigenen Schaffens.<\/p>\n<p>In Schlingensiefs R\u00e4umen steht allzeit die Frage, ob das noch Inszenierung ist oder schon Eskalation, der Ausbruch der Kunst oder der Einbruch des Realen, noch Anfang oder schon Ende. Was er in diesen R\u00e4umen untersucht, seziert und gelegentlich maltr\u00e4tiert, ist der soziale K\u00f6rper. Sein letztes Projekt, das 2008 gegr\u00fcndete <i>Operndorf Afrika<\/i> in Burkina Faso, liest sich darum eben nicht wie ein Verm\u00e4chtnis an die Nachwelt, das verwaltet sein will. Es ist ein Anfang, geht \u00fcber seinen Tod hinaus, eine Vision vom Aufgehen der K\u00fcnste in Lebenswirklichkeit.<\/p>\n<h5>Von Afrika lernen<\/h5>\n<p>Seit 1993 reist Schlingensief mehr oder minder regelm\u00e4\u00dfig nach Afrika. Zun\u00e4chst nach Namibia, 1996 nach Simbabwe, wo er unter abenteuerlichen Umst\u00e4nden den Film <i>United Trash<\/i> dreht. In den Folgejahren kehrt er drei Mal nach Namibia, das ehemalige Deutsch-S\u00fcdwestafrika, zur\u00fcck: 1999 improvisiert er hier eine Wagner-Rallye als letzten Teil der sogenannten <i>Deutschlandsuche \u201999<\/i>. Auf einer Rundreise im Fr\u00fchjahr 2004 bereitet er seine Bayreuther Inszenierung des <i>Parsifal <\/i>vor, die im Folgenden sowohl thematisch als auch gestalterisch deutlich afrikanische Z\u00fcge tr\u00e4gt. Das Bayreuther Festspielhaus auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel, das Epizentrum urdeutscher Wagnerkultur, wird afrikanisiert, mehr noch zur\u00fcckkolonialisiert \u2013 ein Gedanke, der bald auch in Schlingensiefs Idee vom \u201eOperndorf\u201c einzieht. 2005 macht er Station in der Hafenstadt L\u00fcderitz, wo er anl\u00e4sslich seiner Langzeitarbeit <i>Der Animatograph<\/i> im Township Area 7 eine begehbare Drehb\u00fchne installiert und Szenen f\u00fcr sein Filmmonument <i>The African Twintowers<\/i> dreht, das wiederum \u2013 im Fluss der Werke \u2013 zum Herzst\u00fcck seiner ersten gro\u00dfen Einzelausstellung <i>18 Bilder pro Sekunde<\/i> (2007) wird.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<div id='gallery-2' class='gallery galleryid-1807 gallery-columns-3 gallery-size-thumbnail'><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/burkina2015_laongo-1-6.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/burkina2015_laongo-1-6-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/burkina2015_laongo-1-24.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/burkina2015_laongo-1-24-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/burkina2015_laongo-1-84.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/burkina2015_laongo-1-84-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon portrait'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/burkina2015_laongo-1-491.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/burkina2015_laongo-1-491-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure><figure class='gallery-item'>\n\t\t\t<div class='gallery-icon landscape'>\n\t\t\t\t<a href='https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/burkina2015_laongo-1601.jpg' rel=\"lightbox[1807]\"><img width=\"150\" height=\"150\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2016\/04\/burkina2015_laongo-1601-150x150.jpg\" class=\"attachment-thumbnail size-thumbnail\" alt=\"\" loading=\"lazy\" \/><\/a>\n\t\t\t<\/div><\/figure>\n\t\t<\/div>\n\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Schlingensiefs Affinit\u00e4t zum afrikanischen Kontinent allein im Sinne einer Inspirationsquelle zu deuten, griffe zu kurz. Es hat, so seltsam es klingt, immer auch mit einer tempor\u00e4ren Flucht zu tun \u2013 aus der so empfundenen deutschen Enge und der Enge des deutschen Kulturbetriebs, um Deutschland gewisserma\u00dfen am anderen Ende der Welt wiederzufinden, da, wo man es am wenigsten vermutet. Seine F\u00e4higkeit zur Projektion \u2013 zur \u00dcbermalung des einen Extrems durch das n\u00e4chste \u2013 muss man stets im Blick haben, wenn man sich zum Betrachter seiner Kunst macht. Also interessiert ihn an Namibia die Behauptung eines deutschen Paralleluniversums, wie sie eine vor Gro\u00dfmannssucht strotzende Kolonialpolitik aufgestellt hat, und wie sie in mancherlei Politik heute noch durchschimmert \u2013 und ihn fasziniert das Planspiel, das solche Paradoxien in ihr Gegenteil verkehrt, sie \u201ebis zur Kenntlichkeit\u201c entstellt.<\/p>\n<p>Das paradoxe Moment schl\u00e4gt sich schlie\u00dflich auch im Titel <i>Operndorf Afrika<\/i> nieder. Oper? \u2013 Afrika? Welche Art Wissens- und Kulturtransfer von der Ersten in eine zur Dritten degradierten Welt soll das bitte sein? Schlingensief stellt das gemeine Verst\u00e4ndnis vom Hilfsprogramm bis hin zum modernen Messianismus vollst\u00e4ndig auf den Kopf. \u201eVon Afrika lernen\u201c und \u201eMacht mit unserem Geld, was ihr wollt\u201c sind Parolen, die er dem Bau dieser Experimentierstatt voranstellt. Mit ihm betritt Fitzcarraldo Afrika, jener Romantiker, der nicht weniger wollte, als im peruanischen Urwald ein Opernhaus zu errichten, nicht weniger, als den produktiven Wahnsinn zu verwirklichen. \u201eUnsere Oper ist ein Dorf\u201c, beschreibt Schlingensief seine Vision, \u201eein Dorf mit einer Grundschule, einer Geburten- und Krankenstation, Sportanlagen und Prober\u00e4umen. Eine Komposition aus Alltag, der gelebt sein will.\u201c Die vielbeschworene \u201eWerkstatt Bayreuth\u201c, die er an Ort und Stelle nicht hat finden k\u00f6nnen, in Burkina Faso behauptet er sie. Hier realisiert sie sich mittlerweile selbst.<\/p>\n<h5>Plagen der Neuzeit<\/h5>\n<p>Ein antagonistisches Prinzip zieht sich bei aller Heterogenit\u00e4t wie ein roter Faden durch den Schlingensief-Kosmos, durch die Filme der <i>Deutschlandtrilogie<\/i> (1989\u20131992), Theaterarbeiten wie <i>100 Jahre CDU<\/i> (1993), <i>Rocky Dutschke \u201968<\/i> (1996) oder <i>Kunst &amp; Gem\u00fcse, A. Hipler <\/i>(2004), die <i>Parsifal<\/i>-Inszenierungen (2004\u20132007) und erst recht durch die Editionen seines eigenen Gesamtkunstwerks, des <i>Animatographen<\/i> (2005\/2006). Es begegnen sich Geburt und Comic, Chaos und Adorno, Leidenschaft und Erstarrung, Isolation und Massenhysterie, Karneval und Tod. Die Leichtigkeit des Seins trifft auf komplette \u00dcberforderung, Poesie auf Drastik. Sicherheit ist nirgends, Schlingensiefs beinahe heiliger Ernst hingegen ist \u00fcberall.<\/p>\n<p>Seine Arbeit zeichnet sich nicht nur gegen\u00fcber dem Werk anderer K\u00fcnstler durch eine atemberaubende Andersartigkeit aus. Sie tut dies vor allem im Verh\u00e4ltnis zu sich selbst. Unvereinbarkeiten und Unsinn sind da zwangsl\u00e4ufig, und sie sind gewollt. Es sind die ewigen Widerspr\u00fcche und die Plagen der Neuzeit, die Schlingensief auf den Plan rufen. Das mag nach missionarischem Eifer klingen, nach moralinhaltigem Engagement. In der k\u00fcnstlerischen Praxis ist es das genaue Gegenteil. Seine Filme bezeichnet er als Verbrechen, sein Theater bezeichnen andere als handgreiflich. Er bevorzugt die T\u00e4terrolle, wo andere das Opferlamm feiern. Es sind die Dogmatiker und Heilsverk\u00fcnder, die Schlingensief verd\u00e4chtig sind. Ob sie nun von der Kirchenkanzel, aus den Parlamenten, aus dem Fernseher oder auch nur von den B\u00fchnen predigen \u2013 in seinen Augen machen sich all jene unglaubw\u00fcrdig, die einem partout etwas glauben machen wollen.<\/p>\n<p>Mit der <i>Church of Fear<\/i> (2003) errichtet er den Ungl\u00e4ubigen ein Denkmal, indem er sie bei der Biennale in Venedig auf S\u00e4ulen setzt. Er kultiviert das Andersdenken \u2013 und das Anderssein. Die geistig und k\u00f6rperlich Behinderten, die seit Beginn der 1990er-Jahre mit Schlingensief arbeiten, repr\u00e4sentieren nicht die Bedauernswerten und vom Schicksal Gezeichneten, zu denen sie oft fahrl\u00e4ssig abgestempelt werden. In <i>Schlacht um Europa<\/i> (1997) an der Berliner Volksb\u00fchne oder im TV-Magazin <i>Freakstars 3000<\/i> (2002) sind sie das beneidenswerte Ideal, Menschen, die ganz bei sich sind, die sich nicht erst inszenieren m\u00fcssen, um darzustellen. Neben diesem nat\u00fcrlichen Ausdruck bleibt jedem professionellen Schauspieler nur die Rolle des Statisten. Die Behinderten erst konstituieren Schlingensiefs intuitives Theater der unbegrenzten M\u00f6glichkeiten. Sie geben den Takt vor und bewirken die L\u00fccken im geschmierten Spiel, die er als das gr\u00f6\u00dfte Gl\u00fcck empfindet.<\/p>\n<p>Junkies, Obdachlose und Arbeitslose, die Schlingensief in Projekten wie <i>Notruf f\u00fcr Deutschland<\/i> (1997) oder <i>Chance 2000<\/i> (1998) zu Hauptpersonen macht, fungieren nicht als das schlechte Gewissen einer anonymen Gesellschaft. Sie treten als Individuen in Erscheinung, die f\u00fcr sich selbst sprechen. Sie sind autonome Zellen. Gleiches gilt f\u00fcr die sieben Neonazis, die Schlingensief in seiner Version des <i>Hamlet<\/i> (2001) als Schauspieltruppe im Schauspiel zu Wort kommen l\u00e4sst \u2013 Gleiches gilt auch f\u00fcr ihn. Er steht im Zentrum seiner Arbeiten, \u00fcberh\u00f6ht sich aber nicht.<\/p>\n<p>W\u00e4hrend der Aktion <i>Bitte liebt \u00d6sterreich<\/i> (2000) moderiert er die allabendliche Abschiebung von Asylbewerbern, die in einem Container mit der Aufschrift \u201eAusl\u00e4nder raus\u201c interniert sind. Das bringt Schlingensief den zwischenzeitlichen Ruf ein, menschenverachtend, profilierungss\u00fcchtig oder wenigstens mediengeil zu sein. Dabei beruht die geballte Dem\u00fctigung der Aktion auf der explosiven Vermengung aktueller Zitate wahlk\u00e4mpfender Politiker mit dem Konzept des weltweiten TV-Erfolgs <i>Big Brother<\/i>. Abermals spielt Schlingensief also ein Wors-Case-Szenario durch, das andere vorgeben.<\/p>\n<h5>Vorbilder?<\/h5>\n<p>Geht es um eine grunds\u00e4tzliche Verortung der Person Schlingensief innerhalb seiner Projekte, f\u00e4llt kein Wort h\u00e4ufiger als das vom Provokateur. Es mutet fast schon an wie eine Berufsbezeichnung, weil es sich zwischen totaler Ablehnung einerseits und Anerkennung einer vermeintlich anarchischen Attit\u00fcde andererseits beliebig dehnen l\u00e4sst. Schlingensief hingegen bevorzugt den Begriff der Selbstprovokation, schlie\u00dflich setzt er sich seinen Versuchsanordnungen selber aus. Haftbarkeit \u00fcbernehmen, hei\u00dft die Devise.<\/p>\n<p>K\u00fcnstler wie Joseph Beuys oder Paul McCarthy, die Wiener Aktionisten oder Matthew Barney tauchen immer wieder in seinen Arbeiten auf, Richard Wagner ist geradezu ein Leitmotiv. Sie sind aber niemals reine Referenz, sondern werden von Schlingensief hinterfragt und auf ihren Gebrauchswert hin abgeklopft. In ihm nur einen versp\u00e4teten Dadaisten, Situationisten oder einen Dekonstruktivisten auszumachen, w\u00fcrde niemandem gerecht. Auch Schlingensief nicht. Nennt er Luis Bu\u00f1uel als einziges Vorbild und zitiert Andr\u00e9 Breton, so ist seine Richtung dennoch nicht surreal, weil sie nicht \u00e4sthetisch \u00fcberh\u00f6ht, weil sie sich nicht in Phantasmen niederschl\u00e4gt. Vielleicht ist Schlingensief ein Subrealist. Er kehrt kein Unterbewusstsein nach au\u00dfen. Er abstrahiert das Bewusste, das, was eigentlich direkt vor unserer Nase liegt. Ganz bestimmt ist er ein Eklektizist und Arch\u00e4ologe der Gegenwart, der seine Fundst\u00fccke ausgr\u00e4bt und sie wieder und wieder verwertet. Die Grenzen, die er verwischt, sind immer auch die Grenzen der Kunst und ihrer Stilarten.<\/p>\n<h5>Brutst\u00e4tte im Abseits<\/h5>\n<p>Alles in allem bleibt Schlingensief ein Randst\u00e4ndiger, auch nach durchaus etablierenden Schritten an das Burgtheater Wien, nach Bayreuth und in den Deutschen Pavillon in Venedig, den er f\u00fcr die Biennale 2011 gestalten sollte. Die Leidenschaft, mit der er aus dieser Position heraus sich und die Welt in Angriff nimmt, l\u00e4sst den Schluss zu, dass er im Abseits seine Brutst\u00e4tte gefunden hat. Seine Arbeit ist, soviel Emphase muss sein, eine Arbeit am Ende der Kunst, vielleicht ihr Epilog \u2013 und deshalb immer erst im Werden, immer ein Aufbruch.<\/p>\n<p>Schlingensiefs Tod am 21. August 2010 im Alter von nur 49 Jahren ist eine unentschuldbare Verschwendung an Kreativit\u00e4t und Eigensinn. Deutschland, vielleicht sogar der Welt, der Welt der Kunst ganz bestimmt, ist ein Berserker abhandengekommen, r\u00fccksichtslos gegen sich und andere, neugierig und in seiner Neugier von bestechendem Enthusiasmus. Die Einzigartigkeit seines Werks beweist sich an dessen Vielfalt, ihrer Ambivalenz und Lust am Synkretismus in Form und Inhalt. Sein Posten im Untergrund ist verwaist. Sein \u00fcberbordender Mut zur Einmischung zwischen Kunstraum und Lebenswelt hat noch keinen Nachfolger gefunden. Auf Sichtweite gibt es keinen wie ihn, den Forscher, den Verbrecher, den Subrealisten, der sich mit Haut und Haar an den Oberfl\u00e4chen seiner Zeit zu schaffen macht. Wohl auch darum ist es beinahe unm\u00f6glich, Schlingensiefs Fortwirken in den K\u00fcnsten zu bemessen. Nat\u00fcrlich sind da die Epigonen und auch Erbschleicher, die sich seinen Namen mit leichter Hand auf ihre Fahnen schreiben. Halten wir ihnen zugute, dass sie es nicht besser wissen, dass sie ihn nicht besser kennen k\u00f6nnen, eben weil er so fr\u00fch verstorben und so j\u00e4h aus dem Fluss seiner Arbeit gerissen worden ist. Stemmt er auch Inszenierungen, Aktionen, Projekte und Installationen, die durchaus als wegweisend zu bezeichnen sind, so bleibt doch das Gef\u00fchl, dass es vor allem sein eigener Weg ist. Ein Weg, den kein anderer gehen kann, weil er vollends an die Person, auch an die Marke Schlingensief gebunden ist.<\/p>\n<p>Jetzt ist die Zeit, um Christoph Schlingensief zu erforschen und in seinem Werk auf Reisen zu gehen; ihn zu entdecken, seine Kunst, seine Wahrhaftigkeit \u2013 unter den Oberfl\u00e4chen, im Untergrund.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p class=\"autor erste\"><strong>Autor<\/strong><\/p>\n<p>J\u00f6rg van der Horst war von 1998 bis 2010 k\u00fcnstlerischer Mitarbeiter, Konzepter und Pressereferent von Christoph Schlingensief. Heute arbeitet er unter anderem als Textredakteur f\u00fcr die Nachlassverwaltung Christoph Schlingensief und die Festspielhaus Afrika gGmbH.<\/p>\n<p>Copyright: Goethe-Institut e. V., Internet-Redaktion, April 2016<br \/>\nQuelle: <a href=\"https:\/\/www.goethe.de\/de\/m\/kul\/bku\/20743753.html\">www.goethe.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief starb 2010 im Alter von nur 49 Jahren. Einer einfachen Einordnung entzieht sich der Aktionsk\u00fcnstler in seiner sch\u00f6pferischen Vielfalt noch immer erfolgreich. J\u00f6rg van der Horst, einstiger Mitarbeiter Schlingensiefs, fragt nach dessen Aktualit\u00e4t.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1807"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1807"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1807\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1807"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1807"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1807"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}