{"id":1798,"date":"2015-10-20T01:12:27","date_gmt":"2015-10-19T23:12:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1798"},"modified":"2015-10-21T01:13:52","modified_gmt":"2015-10-20T23:13:52","slug":"christoph-schlingensief-der-berserker-und-der-feingeist-bz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1798","title":{"rendered":"CHRISTOPH SCHLINGENSIEF, DER BERSERKER  UND DER FEINGEIST (BZ)"},"content":{"rendered":"<div><strong>Christoph Schlingensief wird am Dienstag posthum mit dem Konrad-Wolf-Preis der Akademie der K\u00fcnste ausgezeichnet. Doch was verbindet den fr\u00fch verstorbenen Kunstrebellen aus Oberhausen mit dem bedeutendsten DEFA-Filmregisseur?<\/strong><\/div>\n<div><\/div>\n<div><img loading=\"lazy\" class=\"alignnone size-large wp-image-1800\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/christoph-schlingensief2-1024x676.jpg\" alt=\"christoph-schlingensief2\" width=\"660\" height=\"436\" srcset=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/christoph-schlingensief2-1024x676.jpg 1024w, https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2015\/10\/christoph-schlingensief2-450x297.jpg 450w\" sizes=\"(max-width: 660px) 100vw, 660px\" \/><\/div>\n<div><\/div>\n<div>\n<div>\n<p>Im Jahr 1997 verlieh die Akademie der K\u00fcnste ihren allj\u00e4hrlich \u201ef\u00fcr herausragende Leistungen auf den Gebieten der darstellenden Kunst und der Film- und Medienkunst\u201c gestifteten Konrad-Wolf-Preis an Volker Schl\u00f6ndorff. Damals schien die maximale Diskrepanz zwischen Preistr\u00e4ger und Namensgeber erreicht zu sein. Ausgerechnet Schl\u00f6ndorff, der nicht nur als hochangesehener Regisseur, sondern auch als rabiater Abwickler der Babelsberger Studios in die deutsch-deutsche Filmgeschichte eingegangen ist, nahm einen Preis als Troph\u00e4e mit nach Hause, der einst nach dem wichtigsten aller DEFA-Regisseure benannt worden war. Kurz vorher hatte er noch verk\u00fcndet, dass die DEFA etwas sei, was \u201enicht gut riecht\u201c.<\/p>\n<p>In diesem Jahr nun geht derselbe Preis an Christoph Schlingensief. Wird damit das Jahr 1997 noch \u00fcbertroffen? Auf den ersten Blick k\u00f6nnten Schlingensief und Wolf wohl kaum verschiedener sein. Weder Herkunft, Werdegang oder Handschrift noch politische Gesinnung oder der Stil ihres Auftretens weisen Gemeinsamkeiten auf. W\u00e4hrend Konrad Wolf f\u00fcr sein stets auf Vermittlung bedachtes Handeln bekannt war, r\u00fcpelte, provozierte und kr\u00e4nkte Christoph Schlingensief \u2013 Diplomat und Feingeist der eine, Berserker und Enfant terrible der andere. Lediglich die Tatsache, dass sie beide K\u00fcnstler waren und Filme gedreht haben, scheint sie zu so etwas wie Kollegen zu machen.<\/p>\n<p>Vergleicht man nun diese Filme, ergibt sich auch hier zun\u00e4chst wenig Verbindendes. Konrad Wolf wurde nach seinem Moskauer Studium zum prominenten DDR-Regisseur, der hochprofessionelle Werke \u00fcber die deutsche Gegenwart und vor allem Vergangenheit schuf. In ihnen zeigte er die Grenzen von Humanismus und Aufkl\u00e4rung auf (\u201eIch war neunzehn\u201c) oder thematisierte mit Bedacht die Kollision von individuellen Anspr\u00fcchen und sozialistischer Wirklichkeit (\u201eSolo Sunny\u201c). Obwohl Konrad Wolf gesch\u00fctzt war durch seine staatstragende Verwandtschaft (sein Bruder Markus leitete den Auslandsnachrichtendienst im Ministerium f\u00fcr Staatssicherheit; beider Vater war der \u201eproletarisch-revolution\u00e4re\u201c Schriftsteller Fridrich Wolf) und die eigene Einbindung in Partei und Apparat, wusste er stets um die Relativit\u00e4t der gew\u00e4hrten Freir\u00e4ume. Ein Dissident war er nie.<\/p>\n<\/div>\n<div>\n<p><strong>Stets auf der Suche nach Konfrontation<\/strong>Christoph Schlingensief suchte hingegen stets die Konfrontation \u2013 tat dies allerdings mit dem Wissen des komfortablen Hinterlands, das die westliche Demokratie nun einmal bot. Hier musste man sich schon einiges einfallen lassen, um \u00fcberhaupt noch aufzufallen. Diese unterschiedlichen zeitlichen, mentalen und politischen Konstellationen f\u00fchrten zwangsl\u00e4ufig auch zu grundverschiedenen Ergebnissen. So drehten beide Regisseure zwar Filme \u00fcber den Nationalsozialismus \u2013 die Ergebnisse wirken allerdings wie aus spiegelverkehrten Sonnensystemen. Schlingensief parodierte 1989 in \u201e100 Jahre Adolf Hitler\u201c die NS-F\u00fchrungsriege als schrilles Panoptikum, in dem es keinerlei Spielraum f\u00fcr Differenzierungen geben konnte. Opfer kamen hier ebenso wenig vor wie T\u00e4ter, denn Letztere wurden lediglich als Schie\u00dfbudenfiguren pr\u00e4sentiert. Konrad Wolfs \u201eSterne\u201c war 1959 einer der ersten und bis heute eindringlichsten Filme \u00fcber den Holocaust. Er zeigt die seelischen N\u00f6te eines deutschen Soldaten, der die Ausma\u00dfe der Vernichtungsmaschinerie zu begreifen und sich dagegen aufzulehnen beginnt. Was h\u00e4tte wohl Wolf zu Schlingensiefs Film gesagt?<\/p>\n<p>Bei aller Polarit\u00e4t zwischen Hysterie (Schlingensief) und Empathie (Wolf) gibt es aber doch auch Schnittmengen. Die ergeben sich aus dem jeweiligen Aufk\u00fcndigen stillschweigenden Einvernehmens. Beiden ging es um das Sichtbarmachen von Widerspr\u00fcchen im Umgang mit der Vergangenheit. Der staatliche Antifaschismus der DDR sprach die eigenen B\u00fcrger von jeder Einzelschuld frei, schob das Problem der \u201eAufarbeitung\u201c Richtung Westen ab, wo viele alte Nazis Amt und W\u00fcrden bekleideten. Dort wiederum bem\u00e4chtigte sich eine zunehmend selbstzufriedener werdende Linke des Themas.<\/p>\n<p>So absurd dies zun\u00e4chst auch erscheinen mag, sind Schlingensief und Konrad Wolf durch ihre Haltung doch verbunden \u2013 sie ist eine elementar-humanistische. Im Operndorf im westafrikanischen Burkina Faso, das ausdr\u00fccklich in den Konrad-Wolf-Preis mit einbezogen wird, fand diese Haltung ihre materialisierte Gestalt. Am 24. Oktober w\u00e4re Christoph Schlingensief 55\u2005Jahre alt geworden.<\/p>\n<p>Von Claus L\u00f6ser<br \/>\nQuelle: <a href=\"http:\/\/www.berliner-zeitung.de\/kultur\/konrad-wolf-preis-christoph-schlingensief--der-berserker-und-der-feingeist,10809150,32198196.html#plx1275423629\" target=\"_blank\">Berliner Zeitung vom 20.10.2015<\/a><\/p>\n<\/div>\n<\/div>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief wird am Dienstag posthum mit dem Konrad-Wolf-Preis der Akademie der K\u00fcnste ausgezeichnet. 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