{"id":1769,"date":"2015-08-24T13:44:40","date_gmt":"2015-08-24T11:44:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1769"},"modified":"2015-08-31T13:49:40","modified_gmt":"2015-08-31T11:49:40","slug":"schlingensief-fehlt-der-freitag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1769","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF FEHLT (DER FREITAG)"},"content":{"rendered":"<p><strong><span class=\"catchword\">Provokationskunst<\/span> \u201eEr war der, der er war, mehr nicht, aber immerhin, wer kann das schon von sich sagen.\u201c Vor f\u00fcnf Jahren starb Christoph Schlingensief. Seine Provokationskunst fehlt.<\/strong><\/p>\n<p>Ein Blog-Beitrag von Freitag-Community-Mitglied Marlen Hobrack<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief ist seit f\u00fcnf Jahren tot. So lange schon?, fragt man sich verwundert, und tats\u00e4chlich: Er, der Provokationsk\u00fcnstler, fehlt in den Debatten um Griechenland oder die Fl\u00fcchtlingskrise. Es fehlt ein Schlingensief-Coup von der Dimension der Chance 2000, des von ihm gegr\u00fcndeten Parteiprojekts. 6 Millionen Arbeitslose sollten damals\u00a0 im Wolfgangsee baden und ihn damit zum \u00dcberlaufen bringen (um Helmut Kohls Ferienhaus zu \u00fcberschwemmen). \u00dcbergelaufen ist der See nicht. Aber immerhin brachte die Aktion den Salzburger B\u00fcrgermeister Josef Dechant zum Sch\u00e4umen. Der grotesk-irrwitzige Gr\u00f6\u00dfenwahn: Der fehlt, bei aller Bescheidenheit, den meisten politischen K\u00fcnstlern und Aktivisten.<\/p>\n<p>Was k\u00f6nnte er dieser Tage nicht alles inszenieren! Einen Ritt auf dem H\u00f6llenmotorrad mit Varoufakis auf dem Sattel, einen Sch\u00e4uble-Rollstuhl zum Sozius umgebaut, und dann ab zur Akropolis cruisen, unterwegs tausende griechische Rentner und Arbeitslose sammeln, gemeinsam ein trojanisches Pferd zimmern und es anschlie\u00dfend bis nach Berlin ziehen. Man stelle sich vor, Schlingensief h\u00e4tte ein Interview mit Varoufakis gef\u00fchrt \u2013 ob er Varoufakis, den gro\u00dfen Selbstinszenator, vielleicht entzaubert h\u00e4tte?<\/p>\n<p>Oder die Fl\u00fcchtlingskatastrophe!<\/p>\n<p>Schon im Jahr 2000 widmete er sich dem Thema Fremdenhass im Rahmen seiner Installation Ausl\u00e4nder raus! Schlingensiefs Container, eine Art Big Brother f\u00fcr Asylbewerber, wobei die Zuschauer die Asylbewerber nicht nur aus dem Container, sondern auch aus dem Land herausw\u00e4hlen durften. Die Online-Wahlbeteiligung war gro\u00df.<\/p>\n<p>Ob man die Aktion in ihrer Blo\u00dfstellungskraft noch \u00fcbertreffen k\u00f6nnte?<\/p>\n<p>Vielleicht w\u00fcrde er heute hunderttausend Gummiboote im Mittelmeer schwimmen lassen, f\u00fcr jeden Fl\u00fcchtling, der sich in den letzten Jahren \u00fcbers Meer gewagt hat, eines. Vielleicht w\u00e4re er selbst \u00fcber das Wasser gewandelt, \u00fcber die Boote, meine ich. Er, der in den letzten Jahren seines Lebens dem christlichen Erl\u00f6ser-Pathos etwas zu viel zugesprochen hatte, wie Omilein dem Eierlik\u00f6r. Vielleicht noch ein Gl\u00e4schen, und noch eines\u2026 Kann ja nicht schaden.<\/p>\n<p>Wom\u00f6glich h\u00e4tte er dabei den, am wagnerischen Werk geschulten Sinn f\u00fcr Pathos wieder hinter sich gelassen und\u00a0 zu seiner Prim\u00e4rtugend zur\u00fcckgefunden: Weniger Wagner, daf\u00fcr mehr Schlingensief, Wahnwitz statt Wahnfried.<\/p>\n<blockquote><p>\u201eIch sage: Wenn einer auf der B\u00fchne \u00bbHerein!\u00ab ruft, dann darf die T\u00fcr eben gerade nicht aufgehen. Dann ist es besser, wenn einer tot umf\u00e4llt.\u201c<\/p>\n<p>(Christoph Schlingensief im Spex-Interview)<\/p><\/blockquote>\n<p>Das Zentrum f\u00fcr politische Sch\u00f6nheit lie\u00df die Toten kommen, das galt vielen schon als piet\u00e4tlos (als sei es piet\u00e4tvoller, die Leichen der Menschen in K\u00fchlh\u00e4usern einzulagern), aber man ahnt, dass Schlingensief die Lebenden h\u00e4tte kommen lassen.<\/p>\n<p>Er h\u00e4tte vielleicht ein Bild gefunden, f\u00fcr unser Pathos des Mitleids bei gleichzeitiger, praktischer Unt\u00e4tigkeit in Fl\u00fcchtlingsfragen. Ich stelle mir Schlingensief vor, wie er mit Fl\u00fcchtlingen im Musikantenstadl auftritt, 100 Fl\u00fcchtlinge auf der B\u00fchne, zwischen Heuballen und pfiffigen Kutschen und in die Landschaft gestreuten Dirndl-Tr\u00e4gern. \u201eSparen Sie sich Ihre SOS Patenschaft, nehmen Sie auf der Stelle einen Fl\u00fcchtling mit nach Hause, so ein kleines h\u00fcbsches Kind mit traurigen Augen, das macht sich doch gut im 1-a-gepflegten G\u00e4rtchen zu Hause!\u201c, und Florian Silbereisen h\u00e4tte zwei drei vier Tr\u00e4nen aus dem Knopfloch gequetscht.<\/p>\n<p>Aber vielleicht hatte er die Antwort auf nicht gestellte Fragen zu Fl\u00fcchtlingen bereits gefunden mit seinem Opernhaus-Projekt in Burkina Faso, das Afrikaner nicht mehr als Hilfeempf\u00e4nger und NGO-Opfer sehen wollte, nicht als Menschen, die von Europ\u00e4ern gerettet werden m\u00fcssen.<\/p>\n<p><strong>Irgendwas zwischen Faust und Fitzcarraldo<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief verstand sein Opernhaus-Projekt gerade nicht als postkolonialen Kulturexport nach Afrika. Nicht der wei\u00dfe Mann soll den Afrikanern die Kultur bringen. Er w\u00fcnschte es sich andersherum: Es sollte ein Ort entstehen, an dem ureigene kreative Energien frei werden, die dann wom\u00f6glich nach Europa exportiert werden.<\/p>\n<p>Kann Kultur ohne ihre Akteure wandern? Wenn wir alles daf\u00fcr tun, uns afrikanische Migranten vom Leib zu halten: Muss dann nicht auch die Idee des Kulturimports scheitern?<\/p>\n<p>Schlingensief ahnte das Problem.<\/p>\n<p>In seinem Theaterst\u00fcck S.M.A.S.H. \u2013 In Hilfe ersticken, sieht er eben jenes Operndorf aufgrund seines Erfolges von Hilfsorganisationen \u00fcberrannt, weil der Europ\u00e4er sich Afrikaner nicht anders als hilfesuchend und bed\u00fcrftig vorstellen kann. So wird der (ertr\u00e4umte) Erfolg zum Ausgangspunkt f\u00fcr das Ersticken der freigewordenen kulturellen Kraft, eine faustische Schreckversion.<\/p>\n<p>Mangel, Not, Sorge, Schuld: Vielleicht ahnt Schlingensief hier, dass jede Form der Einmischung, trotz bester Intention, den Keim der Zerst\u00f6rung in sich tr\u00e4gt.<\/p>\n<blockquote><p>&#8222;Ich habe nichts erlebt in meinem Leben, aber ich habe immer alles behauptet, zur Not mit den Worten anderer.&#8220;<\/p>\n<p>(Christoph Schlingensief im Spex-Interview)<\/p><\/blockquote>\n<p>Schlingensief, der Baumeister. Schlingensief, der gro\u00dfe Zerst\u00f6rer! Schlingensief konnte gut gepflegte Fassaden einrei\u00dfen, Menschen entzaubern, allein dadurch, dass er sie zum Reden brachte.<\/p>\n<p>Das Zum-Reden-Bringen war die eigentliche Kunst Schlingensiefs, nicht der Trash, nicht der Pathos, nicht die Liebe, die besonders bei seinem Opernhausprojekt in\u00a0 sp\u00fcrbar wurde. Aber zum Reden bringen konnte er nur, weil er nie zynisch war.<\/p>\n<p>In seinen Dialogen, ob mit Late-Night Talker Harald Schmidt oder in seiner eigenen Talkshow, sieht man die Schlingensiefsche M\u00e4eutik, die Hebammenkunst, in ihrer Reinform.<\/p>\n<p>Wenn Rudolph Moshammer sich in Schlingensiefs Talkshow Talk 2000 an die Armen und Kranken und Runtergekommenen im Land wendet, sie direkt adressiert und ihnen empfiehlt, sich an der Sch\u00f6nheit des Regenbogens (&#8222;der kostet nichts!&#8220;) zu erfreuen, um Mut f\u00fcr den neuen Tag zu fassen, m\u00f6chte man vor lauter Scham tief im Boden versinken.<\/p>\n<p>Die Talkshow, die ihre G\u00e4ste bekannterma\u00dfen im Auftrag der Quote gerne vorf\u00fchrt, tat hier genau das Gegenteil: Sie nahm ihre G\u00e4ste ernst. Und entbl\u00f6\u00dfte genau dadurch ihre Peinlichkeit. Man sieht einen Mann wie Moshammer, der sich nicht nackt machen kann (jedenfalls nicht im Fernsehen), in der gro\u00dfen Konfrontation mit dem Allesentbl\u00f6\u00dfer. Der Zuschauer sch\u00e4mt sich fremd, er leidet, wird kathartisch gereinigt, denn sind wir nicht alle wie der Moshammer? So eitel und selbstgef\u00e4llig und verstellt?<\/p>\n<p>Nur Schlingensief sch\u00e4mt sich nicht, warum auch. Vielleicht war er ein gro\u00dfer Schauspieler, der die Schamlosigkeit nur spielte. Oder einfach so unverstellt, dass er die Scham gar nicht n\u00f6tig hatte?<\/p>\n<p>Schlingensief selbst war das eigentliche Kunstwerk. Und jeder Versuch der Musealisierung seines Werks muss daran scheitern, dass man ihn nicht konservieren kann, diesen wunderbaren, wahnwitzigen Mann.<\/p>\n<p>Quelle: <em><a href=\"https:\/\/www.freitag.de\/autoren\/marlen-hobrack\/schlingensief-fehlt\" target=\"_blank\">Der Freitag, 23.8.2015<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Provokationskunst \u201eEr war der, der er war, mehr nicht, aber immerhin, wer kann das schon von sich sagen.\u201c Vor f\u00fcnf Jahren starb Christoph Schlingensief. 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