{"id":175,"date":"2007-01-04T14:15:58","date_gmt":"2007-01-04T12:15:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=175"},"modified":"2007-01-04T14:15:58","modified_gmt":"2007-01-04T12:15:58","slug":"darf-man-uber-das-bose-lachen-ksta","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=175","title":{"rendered":"DARF MAN \u00dcBER DAS B\u00d6SE LACHEN? (KStA)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Beitrag zum Thema &#8222;Hitler im Film&#8220;, anl\u00e4\u00dflich des Kinostarts von &#8222;Mein F\u00fchrer&#8220; mit Helge Schneider in der Hauptrolle<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n(kna)<\/p>\n<p>Nazi-Geschichten laufen derzeit auf allen Kan\u00e4len und in jeder Tonart. Dabei darf immer \u00f6fter auch gelacht werden &#8211; wie in Dani Levys Hitler-Satire &#8222;Mein F\u00fchrer &#8211; Die wirklich wahrste Wahrheit \u00fcber Adolf Hitler&#8220;, die am 11. Januar im Kino startet. In ihr gibt der Komiker Helge Schneider den Diktator, dem auf Grund seiner Depressionen sein fr\u00fcherer j\u00fcdischer Schauspiellehrer an die Seite gestellt wird, um ihm wieder mehr Selbstbewusstsein zu verschaffen.<\/p>\n<p>Eine andere Hitler-Satire hat ihre Karriere auf den Videoplattformen des Internets gemacht, der Kurzfilm &#8222;Der Bonker&#8220; von Felix G\u00f6nnert nach der Comicfigur von Walter Moers. &#8222;Berlin, 30. April 1945. Die Welt brennt, Deutschland liegt in Schutt und Asche, und Japan geht es auch nicht mehr so gut. Aber einer l\u00e4sst sich nicht unterkriegen &#8211; im F\u00fchrerbunker brennt noch Licht.&#8220;<\/p>\n<p>Mit diesem Vorspann beginnt die freche Satire auf die Person des &#8222;F\u00fchrers&#8220;. Er rappt, sitzt auf dem Klo, putzt sich die Z\u00e4hne und planscht in der Badewanne, in der der Chor der Adolf-Enten singt: &#8222;Adolf, du alte Nazisau, kapitulier doch endlich.&#8220;<\/p>\n<p>Das Lachen \u00fcber Hitler ist salonf\u00e4hig geworden &#8211; und hat eine lange Tradition. Die Verunglimpfung seiner Person durch \u00dcberzeichnung war die Methode der beiden gro\u00dfen Hitler-Satiren der 40er Jahre: &#8222;Der gro\u00dfe Diktator&#8220; von Charlie Chaplin und &#8222;Sein oder Nichtsein&#8220; von Ernst Lubitsch. Beiden Filmen ist gemein, dass sie \u00e4u\u00dferst respektlos mit ihrer Figur und ihrer Redeweise umgehen.<\/p>\n<p>Inszeniert wurden beide Satiren von zwei in den USA arbeitenden Europ\u00e4ern, dem Briten Chaplin und dem schon 1942 ausgewanderten Deutschen Lubitsch, dem, w\u00e4re er in Deutschland geblieben, Verfolgung gedroht h\u00e4tte. Aber darf ein deutscher Regisseur das? Diese Frage scheint unausgesprochen hinter der gesamten Nachkriegsfilmgeschichte zu stehen &#8211; die sie bis in die neunziger Jahre eher verneint hat.<\/p>\n<p>Der deutsche Spielfilm hat sich weitgehend um das Abbilden des &#8222;F\u00fchrers&#8220; gedr\u00fcckt, ihn gewisserma\u00dfen umschrieben. Rainer Werner Fassbinder l\u00e4sst in &#8222;Lili Marleen&#8220; die S\u00e4ngerin Wilkie (Hanna Schygulla) die Treppe in der Reichskanzlei hinaufschreiten, und als die Fl\u00fcgelt\u00fcren sich \u00f6ffnen, bricht ein Lichterglanz hervor &#8211; ein Moment der Kolportage, mit der der Film genau wie mit der alten Ufa-Herrlichkeit permanent spielt.<\/p>\n<p>Der filmische Umgang mit dem &#8222;F\u00fchrer&#8220; blieb dem Dokumentarfilm vorbehalten. Von Joachim C. Fest stammt &#8222;Hitler &#8211; Eine Karriere&#8220; (1977), ein Zusammenschnitt zeitgeschichtlicher Aufnahmen. Zwei Jahrzehnte zuvor hatte sich schon Erwin Leiser in seinem &#8222;Adolf Hitler &#8211; Mein Kampf&#8220; (Schweden 1959) an einer solchen Zusammenstellung versucht, die vom Ersten Weltkrieg bis zum Ende des Zweiten reichte.<\/p>\n<p>Das Interesse an T\u00e4terbiografien scheint, gerade in Fernsehformaten, im letzten Jahrzehnt einen neuen Aufschwung zu erleben. Pr\u00e4gend waren sicherlich die vornehmlich vom ZDF ausgestrahlten Dokumentationen wie &#8222;Hitlers Helfer&#8220; oder &#8222;Hitlers Frauen&#8220;, oder j\u00fcngst Heinrich Breloers &#8222;Speer und Er&#8220;, der Spielszenen mit dokumentarischen Aufnahmen mischte und in dem Tobias Moretti den &#8222;F\u00fchrer&#8220; als eine Charge darstellte.<\/p>\n<p>Doch selbst im Kino der f\u00fcnfziger Jahre gab es einen Film, der aus heutiger Perspektive wie ein Meilenstein in der Darstellung der Figur Adolf Hitler wirkt: G.W. Pabsts &#8222;Der letzte Akt&#8220;, eine \u00f6sterreichische Produktion aus dem Jahr 1955. Es geht um die letzten Tage Hitlers, den Albin Skoda darstellt, im Bunker unter der Reichskanzlei. Pabst vermeidet jede Morbidit\u00e4t, er filmt einen Totentanz mit expressionistischen Schlagschatten.<\/p>\n<p>Hitler ist in diesem Film ein Mann, der sich in Ritualen ergeht, der nutzlose Befehle gibt und dem sein l\u00e4cherliches Testament \u00fcberhaupt keine Tragik verleiht. Noch einmal widmete sich &#8222;Der Untergang&#8220; (2004) mit dem vielleicht besten Hitlerdarsteller bislang, Bruno Ganz, den letzten Stunden im F\u00fchrerbunker &#8211; aber Pabsts Film bleibt der b\u00f6sere, weil er gerade die Gener\u00e4le als feige Speichellecker entlarvt.<\/p>\n<p>Man sollte nie vergessen, dass der &#8222;Untergang&#8220; und seine Vorl\u00e4ufer gewisserma\u00dfen den Resonanzrahmen bilden, auf dem sich die neueren Satiren \u00fcber den F\u00fchrer entfalten. &#8222;Der Bonker&#8220; funktioniert schon von seinem Setting her als eine Parodie auf das monumentale Untergangs-Epos, und zu den Sternstunden in Dani Levys Kom\u00f6die &#8222;Mein F\u00fchrer&#8220; geh\u00f6rt, dass sie sich lustig macht \u00fcber die scheinheilige Psychologisierung Hitlers.<\/p>\n<p>&#8222;Der Bonker&#8220; und &#8222;Mein F\u00fchrer&#8220; sind Reaktionen auf die Nazi-Bilder der popul\u00e4ren Kultur, auf den Kitsch, die billige Erkl\u00e4rwut. Sie verneinen die Gr\u00f6\u00dfe ihrer Figur. Und sie sind dabei nicht die ersten: Armin M\u00fcller-Stahl etwa hat sich in seinem &#8222;Gespr\u00e4ch mit dem Biest&#8220; (1997) jeder Psychologisierung verweigert und lieber ein Hitler-Doppelg\u00e4nger-Verwirrspiel inszeniert.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief hat in &#8222;100 Jahre Adolf Hitler &#8211; Die letzten Stunden im F\u00fchrerbunker&#8220; den &#8222;Untergang&#8220; schon als gro\u00dfe L\u00e4cherlichkeit vorweg genommen. Aber vielleicht sind &#8222;Der Bonker&#8220; und &#8222;Mein F\u00fchrer&#8220; die vorerst definitiven Filme zum Thema, weil sie uns auch die bisherige Stumpfheit der Hitler-Bilder vor Augen f\u00fchren. &#8222;Nat\u00fcrlich muss man \u00fcber Hitler lachen!&#8220;, meint Herbert Achternbusch.<\/p>\n<p>4.1.2007<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/merchandise.php\"><img src=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/shop\/hitler_banner_450.gif\" alt=\"Schlingensief DVDs\" \/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Beitrag zum Thema &#8222;Hitler im Film&#8220;, anl\u00e4\u00dflich des Kinostarts von &#8222;Mein F\u00fchrer&#8220; mit Helge Schneider in der Hauptrolle<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/175"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=175"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/175\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=175"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=175"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=175"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}