{"id":1706,"date":"2014-07-23T14:21:15","date_gmt":"2014-07-23T12:21:15","guid":{"rendered":"http:\/\/www.christoph-schlingensief.de\/weblog\/?p=1706"},"modified":"2014-10-21T13:17:05","modified_gmt":"2014-10-21T11:17:05","slug":"schlingensief-hat-mir-neue-welten-eroeffnet-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=1706","title":{"rendered":"\u201eSCHLINGENSIEF HAT MIR NEUE WELTEN ER\u00d6FFNET\u201c (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Operndorf bei Ougadougou in Burkina Faso w\u00e4chst. Sein Architekt Francis K\u00e9r\u00e9 lebt in Berlin und spricht im Interview \u00fcber Ziegel, Kunst und das Gl\u00fcck mit Christoph Schlingensief zusammengearbeitet zu haben. <\/strong><\/p>\n<figure id=\"attachment_1707\" aria-describedby=\"caption-attachment-1707\" style=\"width: 300px\" class=\"wp-caption alignnone\"><img loading=\"lazy\" class=\"size-medium wp-image-1707\" src=\"http:\/\/www.christoph-schlingensief.de\/weblog\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/2-format14-300x108.jpg\" alt=\"Architekt Francis K\u00e9r\u00e9, geboren 1965 in Burkina Faso\" width=\"300\" height=\"108\" srcset=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/2-format14-300x108.jpg 300w, https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/uploads\/2014\/07\/2-format14.jpg 720w\" sizes=\"(max-width: 300px) 100vw, 300px\" \/><figcaption id=\"caption-attachment-1707\" class=\"wp-caption-text\">Architekt Francis K\u00e9r\u00e9, geboren 1965 in Burkina Faso<\/figcaption><\/figure>\n<p><strong>Herr K\u00e9r\u00e9, ein Morgen im Operndorf, es ist Sommer. Beschreiben Sie uns die Szenerie: Was gibt es zu sehen, zu h\u00f6ren?<\/strong><br \/>\nAcht Uhr morgens, in Burkina Faso. Ein paar Bauarbeiter sind unterwegs auf dem Gel\u00e4nde, aus der Schule dringen die Stimmen der Kinder. Der Direktor empf\u00e4ngt Besucher, die er durchs Dorf f\u00fchrt. Und man h\u00f6rt die H\u00fchner gackern.<\/p>\n<p><strong>Und manch einer wird sich fragen: Wo ist denn hier die Oper?<\/strong><br \/>\nDas Dorf w\u00e4chst, da stehen Wohnh\u00e4user, die Kantine, Werkst\u00e4tten. Und im Zentrum erkennen Sie schon den Platz f\u00fcr das Festspielhaus, f\u00fcr das zuk\u00fcnftige Theater.<\/p>\n<p><strong>Im Juni wurde die Krankenstation er\u00f6ffnet.<\/strong><\/p>\n<p><strong>Christoph Schlingensief hat \u201eOper\u201c als soziale Idee verstanden, als humanes Gesamtkunstwerk. \u201eOperndorf\u201c \u2013 war der Name nicht von Anfang an eine Provokation, ein gezieltes Missverst\u00e4ndnis?<\/strong><br \/>\nIch muss immer an diesen Satz von Christoph denken: Der Schrei eines Neugeborenen ist die wahre Oper. Das war die Vision eines gro\u00dfartigen K\u00fcnstlers, und nun ist sie Realit\u00e4t. Das Dorf ist entstanden, es funktioniert, Frauen k\u00f6nnen hier ihre Kinder zur Welt bringen, und Kinder bekommen Unterricht. F\u00fcr Burkina Faso haben eine Krankenstation und eine Schule mit musischer Ausrichtung gro\u00dfe Bedeutung.<\/p>\n<p><strong>Bei der Grundsteinlegung im Februar 2010 zeigten sich die Menschen aus den Nachbard\u00f6rfern abwartend bis misstrauisch \u2013 kein Wunder bei dem Auftrieb damals mit Politikern und Botschaftern und Medien. Wird das Dorf jetzt angenommen?<\/strong><br \/>\nDer Platz ist nicht mehr leer, wir haben H\u00e4user gebaut und eine Struktur geschaffen, die wird von den Kindern aus der Umgebung belebt. Sie kommen auch am Wochenende, um auf ihren Instrumenten zu \u00fcben, und zu Workshops. Der Ort l\u00e4dt sich auf, wie Aino Laberenz sagt. Christophs Frau, sie treibt die Sache weiter.<\/p>\n<p><strong>Wie gro\u00df ist das Einzugsgebiet?<\/strong><br \/>\nDie n\u00e4chsten D\u00f6rfer sind ein, zwei Kilometer entfernt, bis in die n\u00e4chstgr\u00f6\u00dfere Siedlung an der Stra\u00dfe nach Ougadougou, der Hauptstadt, sind es vier Kilometer. Die inzwischen 150 Sch\u00fcler, die wir haben, gehen zu Fu\u00df, nicht ungew\u00f6hnlich f\u00fcr mein Land. Ich bin immer wieder \u00fcberrascht, wie viele junge Menschen kommen. In den Ferien zelten sie beim Dorf, es gibt Kunstprojekte aller Art.<\/p>\n<p><strong>Normalerweise baut ein Architekt ein Haus, und dann ward er nicht mehr gesehen. Wie regelm\u00e4\u00dfig reisen Sie nach Burkina Faso?<\/strong><br \/>\nMindestens einmal im Monat. Ich habe in meiner Heimat noch andere Projekte, vor allem in Gando, woher ich komme. Dort braucht man mich, die Dinge m\u00fcssen wachsen.<\/p>\n<p><strong>Das Operndorf wird von Deutschland aus unterst\u00fctzt. Was tut die Regierung in Ougadougou?<\/strong><br \/>\nDie Politiker wollten so etwas Prestigetr\u00e4chtiges wie eine Oper sofort haben. Aber sie wussten nicht, was Christoph Schlingensief wirklich vorhatte. Jetzt ist die Regierung unser Partner. Sie hat Stromleitungen gelegt und \u00fcbernimmt f\u00fcr die neue Krankenstation die Personalkosten. Die Akkreditierung neuer Botschafter in Burkina Faso geht einher mit einem Besuch im Operndorf. Die Regierung ist stolz darauf. Das hat Aino Laberenz erreicht. Das Operndorf geh\u00f6rt zu den popul\u00e4rsten Orten im ganzen Land.<\/p>\n<p><strong>K\u00e9r\u00e9 hat ein Projekt in Kenia: aus dem Ort kommen Obamas Vorfahren<\/strong><\/p>\n<p><strong>Das Ganze schwankt doch zwischen Wahnsinn und Wunder, Traum und Pragmatismus. Die Wenigsten glaubten anfangs daran, hielten es f\u00fcr einen gro\u00dfen Schlingensief-Streich. Was haben Sie gedacht, als Schlingensief zum ersten Mal mit seiner Idee auf Sie zukam?<\/strong><br \/>\nIch habe damals alles M\u00f6gliche erlebt. Die klassische Entwicklungshilfe lehnte das Projekt vehement ab. Ich selbst war misstrauisch. Oper? Ich lebte schon lange genug in Deutschland, um bei einer Oper an einen aufwendigen Bau zu denken. Aber dann hat mich Christoph mit seiner positiven Energie \u00fcberzeugt. Ich empfand Bewunderung, Begeisterung, wir waren Komplizen. Pl\u00f6tzlich war ich in der Sache drin. Einmal sagte ich ihm: H\u00e4tte ich gewusst, worauf ich mich einlasse, h\u00e4tte ich dich nie angerufen. Wir standen unter gro\u00dfem Druck. Es sollte ja alles Kunst sein. Es w\u00e4re auch Kunst gewesen, wenn es schief- gegangen w\u00e4re. Aber das h\u00e4tte ich meinen Landsleuten nicht antun k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><strong>Sie sprechen von Schlingensief noch immer gleichsam im Pr\u00e4sens. Er ist noch da?<\/strong><br \/>\nJa, das alles ist mit ihm verbunden, das bleibt auch so. Man kann ihn ja nicht wecken, aber heute wei\u00df ich, die Arbeit mit ihm war ein gro\u00dfes Gl\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Warum?<\/strong><br \/>\nIch sage meinen Architektenkollegen: Ihr m\u00fcsst mit gro\u00dfen K\u00fcnstlern wie Schlingensief arbeiten, dann werdet ihr viel freier.<\/p>\n<p><strong>Wie hat die Erfahrung mit Schlingensief Sie ver\u00e4ndert?<\/strong><br \/>\nDieser Mensch konnte inszenieren: Visionen, Landschaft, Menschen. Architektur ist auch Dramaturgie. Ich bin viel mutiger geworden. Ich hatte immer Angst zu scheitern. Von ihm habe ich gelernt, man muss es einfach machen. Denn wenn man es nicht gemacht hat, dann wei\u00df man auch nicht, dass es geht. Er hat mir neue Welten er\u00f6ffnet.<\/p>\n<p><strong>Auch Christoph Schlingensief hat von Ihnen gelernt, und das Dorf verdankt Ihnen viel. Es w\u00e4re ohne Sie nie entstanden.<\/strong><br \/>\nSchon als Student war ich von der Idee fasziniert, H\u00e4user in einer Art und Weise zu bauen, dass sie eine Regenzeit \u00fcberstehen, ohne dass man ewig reparieren muss. Das haben wir umgesetzt, unsere rustikale, im Grunde wartungsfreie Bauweise wird inzwischen international beachtet. Lehmziegel mit Beton.<\/p>\n<p><strong>Wie sieht das Dorf in f\u00fcnf Jahren aus?<\/strong><br \/>\nIch rede lieber nicht \u00fcber Visionen, ich hoffe, dass das Dorf sich stabilisiert. Die finanziellen Probleme bleiben. Wir m\u00fcssen n\u00e4chstes Jahr weiterbauen. Auch das Festspielhaus muss kommen, das Zentrum.<\/p>\n<p><strong>Der Weg der Zivilisation: Man baut erst die Stadt, dann das Theater. Erst die Kinder, dann die Kunst, oder?<\/strong><br \/>\nDas Festspielhaus ist der gr\u00f6\u00dfte geplante Bau auf dem Gel\u00e4nde, ein Theater f\u00fcr 600 Zuschauer. Der Ort ist jetzt schon begehrt, bei T\u00e4nzern, beim Filmfestival von Ougadougou. Das Festival du Desert aus dem vom Krieg gezeichneten Nachbarland Mali gastierte bereits im Operndorf. Burkina Faso bietet Strukturen und Sicherheit. Aber ich will daf\u00fcr sorgen, dass wir langsam wachsen.<\/p>\n<p><strong>Das gilt f\u00fcr das Operndorf. Als Architekt erleben Sie aber gerade einen bemerkenswerten Aufschwung. Sie reden sehr bescheiden \u00fcber sich selbst.<\/strong><br \/>\nIn Mali habe ich ein Museum gebaut und den Nationalpark, in Genf das Museum f\u00fcr das Internationale Rote Kreuz. Das war mein erstes Projekt in Europa. In Mannheim hat mein B\u00fcro den Wettbewerb f\u00fcr die Umgestaltung der Taylor Barracks gewonnen, ein ehemaliges Gel\u00e4nde der US-Army, 46 Hektar. Ein gr\u00fcnes Gewerbegebiet soll dort entstehen. Man muss Geld verdienen. In Kenia ist ein Erziehungskomplex von uns geplant, von der Kita bis zum College. Dieses Projekt liegt in dem Dorf, aus dem Barack Obamas Vorfahren kommen, es wird von der Mama Sarah Obama Foundation unterst\u00fctzt. Barack Obama sollte den Bau noch w\u00e4hrend seiner Pr\u00e4sidentschaft er\u00f6ffnen, aber nun wird es ein wenig sp\u00e4ter werden.<\/p>\n<p><em>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte R\u00fcdiger Schaper.<\/em><\/p>\n<p>Aus: <a href=\"http:\/\/www.tagesspiegel.de\/kultur\/operndorf-in-burkina-faso-schlingensief-hat-mir-neue-welten-eroeffnet\/10231122.html\" target=\"_blank\">Der Tagesspiegel vom 22.7.2014<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Operndorf bei Ougadougou in Burkina Faso w\u00e4chst. 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