{"id":17,"date":"2005-08-04T10:47:42","date_gmt":"2005-08-04T08:47:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=17"},"modified":"2005-08-04T10:47:42","modified_gmt":"2005-08-04T08:47:42","slug":"merkel-ist-supersus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=17","title":{"rendered":"&#8222;Merkel ist supers\u00fc\u00df&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ein Gespr\u00e4ch mit \u00bbParsifal\u00ab-Regisseur Christoph Schlingensief \u00fcber Heldendarsteller in der Politik, Zombies in Bayreuth und Deutschland vor der Wahl<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><em>DIE ZEIT 32\/2005<\/em><\/p>\n<p>DIE ZEIT: Herr Schlingensief, die Zeit von Kanzler Gerhard Schr\u00f6der scheint allm\u00e4hlich abzulaufen. Dramaturgisch betrachtet: War er eine Fehlbesetzung?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Nein, er war die richtige Besetzung. Man muss sich ja mal erinnern, dass er uns von Helmut Kohl erl\u00f6st hat. 16 Jahre Kohl, was war das zum Teil f\u00fcr eine furchtbare Zeit! Schr\u00f6der war die richtige Figur, aber zur falschen Zeit. Als er kam, 1998, zur Zeit der New Economy, dachte man doch, jetzt ist die Zeit der Manager, und der kann das. Da war die New Economy in Wirklichkeit schon am Ende, blo\u00df wussten wir das noch nicht.<\/p>\n<p>ZEIT: Schr\u00f6ders Ausruf der vorzeitigen Neuwahlen war der Versuch, sich noch mal als Held zu inszenieren. Warum hat es nicht funktioniert?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich finde, der hat nichts von einem Helden. F\u00fcr mich ist er ein 68er, der noch mal seine dicken Eier zeigen wollte. Ich kann ihn nicht mehr ertragen. Wenn jetzt alle die CDU so toll finden, dann soll die jetzt von mir aus mal vier Jahre lang den Arsch hinhalten.<\/p>\n<p>ZEIT: Was hat Schr\u00f6der falsch gemacht?<\/p>\n<p>Schlingensief: Zum Erkenntnisprozess geh\u00f6rt Zeit. Und die Zeit, die geben wir uns nicht, die gibt Schr\u00f6der uns nicht. Er bricht einfach ab. Schr\u00f6der hat es nicht geschafft, eine Geschichte zu erz\u00e4hlen oder Bilder zu produzieren. Denken Sie an dieses schreckliche Foto aus dem letzten Wahlkampf, da sitzt der Kanzler, in so einem komischen \u00d6lton gehalten, am n\u00e4chtlichen Schreibtisch. Es sah aus wie ein Abschiedsgem\u00e4lde, die letzten Stunden im Bunker, oben knallt\u2019s schon. Hat das nicht der Eichinger dann nachgedreht? Na ja, jedenfalls hab ich damals bei der SPD angerufen und gefragt, warum macht ihr so schreckliche Wahlplakate? Da dachte ich noch, dass man etwas h\u00e4tte machen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>ZEIT: Was w\u00e4re heute ein treffendes Bild?<\/p>\n<p>Schlingensief: Na ja, man m\u00fcsste ein Bild zeigen mit 30 Hartz-IV-Empf\u00e4ngern drauf, die sehen alle ziemlich blass aus, lachen nicht in die Kamera, sehen verzweifelt aus. Oder einen Familienvater, der jetzt f\u00fcr einen Euro die Autoscheiben putzt. Seht her, das sind die Bilder, die wir produziert haben.<\/p>\n<p>ZEIT: Zieht wahrscheinlich nicht so richtig im Wahlkampf.<\/p>\n<p>Schlingensief: Klar, Abgrund, Katastrophe, das geht nicht. Obwohl es f\u00fcr die SPD ein Gutes h\u00e4tte: Man k\u00f6nnte in vier Jahren diese 30 Leute wieder zeigen, nach vier Jahren CDU-Regierung. Da sehen die wahrscheinlich noch finsterer aus.<\/p>\n<p>ZEIT: Welches Bild haben Sie heute von Schr\u00f6der?<\/p>\n<p>Schlingensief: Wie Gerhard Schr\u00f6der sich nach der Abstimmung zur Vertrauensfrage aus dem Plenarsaal davonmacht, er geht hinten rum an seinen eigenen Leuten vorbei. Da ist nichts mehr \u00fcbrig vom gro\u00dfen Medienkanzler. Da ist nur noch Abwicklung, nix wie raus und fliehen. Ich kenne das Gef\u00fchl von der B\u00fchne, nach einer Auff\u00fchrung, wenn man denkt: Oh Gott, was f\u00fcr ein Abend. Es l\u00e4uft gar nichts, also blo\u00df Kapuze dr\u00fcber und schnell in eine Imbissbude, wo die anderen auf keinen Fall essen gehen.<\/p>\n<p>ZEIT: Taugt wenigstens Angela Merkel zur Heldin?<\/p>\n<p>Schlingensief: Es gibt derzeit vielleicht eher die Suche nach einer Art \u00c4rztin als nach einer Heldin.<\/p>\n<p>ZEIT: Die Rolle trauen sie ihr zu?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, ich stelle mir vor, ich liege im Krankenhaus. Angela Merkel kommt rein und sagt: \u203aIch habe Ihre R\u00f6ntgenbilder gesehen, es sieht katastrophal aus, wir m\u00fcssen da einiges rausnehmen, Ihr Bein muss ganz weg, und Sie werden danach auch wahrscheinlich nicht mehr sprechen k\u00f6nnen.\u2039 Als \u00c4rztin kann ich sie mir vorstellen. Als Krankenschwester m\u00f6chte ich sie lieber nicht. Sie ist keine, bei der ich mich ausweinen m\u00f6chte.<\/p>\n<p>ZEIT: Sie kennen Angela Merkel\u2026<\/p>\n<p>Schlingensief: Das erste Mal traf ich sie Anfang der Neunziger in dieser Sendung Der hei\u00dfe Stuhl. Da ging es um Gewalt in den Medien und so. Ich hatte ja auch einen Kettens\u00e4gen-Film gemacht. Angela Merkel hat mich verteidigt und gesagt, mein Film geh\u00f6re nicht dazu, das sei ja Kunst. Das fand ich toll. Man sieht ja jetzt ganz viele Bilder von ihr, Jugendfotos. Ich muss sagen, ich finde sie wirklich supers\u00fc\u00df. Wie alt ist sie eigentlich?<\/p>\n<p>ZEIT: Einundf\u00fcnfzig. Mit wem w\u00fcrden Sie die Merkel in einem Film besetzen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Hannelore Hoger. Die hat auch so was Burschikoses.<\/p>\n<p>ZEIT: Letztes Jahr war Frau Merkel bei Ihrer Parsifal-Premiere in Bayreuth.<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, sie kam zu mir und sagte: \u203aIch finde Ihre Inszenierung interessant, aber muss das mit den ganzen Videos wirklich sein?\u2039 Wir wollten eigentlich sp\u00e4ter noch mal dar\u00fcber reden.<\/p>\n<p>ZEIT: Der Bundespr\u00e4sident taucht im aktuellen Neuwahldrama als Deus ex Machina auf. Wie fanden Sie Horst K\u00f6hler in der Rolle?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ziemlich unglaublich. Da kam einem der Bundespr\u00e4sident als Knetgummimasse entgegen. Was der alles geredet hat! Wir haben zu wenig Kinder und zu wenig Arbeit. War das ein Pl\u00e4doyer f\u00fcr Kinderarbeit? Sicher, er darf nicht sagen, was alle anderen Politiker auch nicht sagen d\u00fcrfen, dass es in Deutschland einen Arbeitsmarkt gibt, der nur durch das Verschwinden von Arbeitern am Leben gehalten werden kann. Aber das war zu mittelm\u00e4\u00dfig. \u00dcberhaupt keine Distanz, \u00fcberhaupt keine W\u00fcrde, nicht mal ein B\u00fccherregal im Hintergrund. Die Rede passte zu diesem Land, das nur noch aus Umfragen besteht.<\/p>\n<p>ZEIT: K\u00f6hler hat sich darauf berufen, dass die Mehrheit der Deutschen Neuwahlen will.<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja. Angeblich 70 Prozent. Und dreieinhalb Minuten braucht ein Durchschnittsmann zum Orgasmus. Das sind so ungef\u00e4hr die Ma\u00dfst\u00e4be, zwischen denen wir uns bewegen.<\/p>\n<p>ZEIT: Herr Schlingensief, wenn Sie sich Deutschland in diesem Sommer vor der Neuwahl anschauen, was ist das f\u00fcr ein Land?<\/p>\n<p>Schlingensief: Wissen Sie, ich befinde mich selbst in einem schizophrenen Zustand. Einerseits geht mir Deuschland zurzeit so was von gewaltig am Arsch vorbei, andererseits bin ich voller Wut.<\/p>\n<p>ZEIT: Wut?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, Wut. Ich bin w\u00fctend auf diese Grunddepression, diese Oberfaulheit, dieses verklemmte Dasein. Mir kommt es so vor, als w\u00fcrde ganz Deutschland auf dem Klo sitzen und st\u00f6hnen. Man wei\u00df genau, was passieren muss, damit es endlich mal weitergehen kann, aber der Deutsche sitzt da und schimpft, dass kein Klopapier da ist und er deshalb nicht kann. So ist Deutschland.<\/p>\n<p>ZEIT: Sie wirkten schon mal k\u00e4mpferischer. 1998 hatten Sie eine eigene Partei, Chance 2000, mit der Sie den Arbeitslosen eine Stimme geben wollten.<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich f\u00fcrchte, ich befinde mich politisch auf dem R\u00fcckzug. Ich kann mich nur noch motivieren, indem ich gegen etwas bin. Ich stelle mir zum Beispiel vor, wie Herr Westerwelle am Morgen nach der Wahl aufwacht, in den Spiegel schaut und denkt, Mist, ich bin wieder nicht Au\u00dfenminister geworden. Diese Vorstellung bereitet mir h\u00f6llische Freude, dass Westerwelle denkt: Die ganze Zeit muss ich diesen neoliberalen Mist machen, dauernd muss ich Wolfgang Gerhard aushalten, und jetzt wieder nichts. Ich w\u00e4hle nur, damit der sich am 19.September so richtig \u00e4rgert. Das ist aber nicht gut.<\/p>\n<p>ZEIT: Klingt ein wenig destruktiv.<\/p>\n<p>Schlingensief: Ja, ich m\u00fcsste w\u00e4hlen, weil ich f\u00fcr etwas bin. Aber mir f\u00e4llt nichts ein.<\/p>\n<p>ZEIT: Gar nichts? Immerhin gibt es jetzt weniger Atomkraft und mehr Windr\u00e4der\u2026<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich finde diese Windr\u00e4der ganz abstrus, die haben was Apokalyptisches. Ich stelle mir vor, dass die nachts miteinander kommunizieren. Nein, ich finde Erdw\u00e4rme besser. Mein Onkel heizt auf diese Weise sein ganzes Haus, der hat noch nie einen Pfennig f\u00fcr \u00d6l bezahlt. Die Bude ist immer br\u00fctend hei\u00df. Und das in Deutschland, das muss man sich mal vorstellen.<\/p>\n<p>ZEIT: Mit Ihrer Partei Chance 2000 wollten Sie zum Beispiel den Wolfgangssee, Helmut Kohls Urlaubsort, zum \u00dcberlaufen bringen, indem Millionen von Arbeitslose gleichzeitig im See baden. Wo ist Ihre Energie geblieben?<\/p>\n<p>Schlingensief: Es gab f\u00fcr mich im Wahlkampf damals ein f\u00fcrchterliches Schl\u00fcsselerlebnis. Wir fuhren gerade in unserem Chance-2000-Bus durch die Gegend, als meine damalige Freundin einen Anruf bekam: Ihr Vater war schwer gest\u00fcrzt, lag im Koma in der Klinik, die Mutter hatte einen Nervenzusammenbruch. Wir beide sind so schnell wie m\u00f6glich da hin. Ich hatte noch meinen eigenen Wahlkampfslogan im Ohr: W\u00e4hle dich selbst! Was ja bedeutet, w\u00e4hl dein eigenes Schicksal! Und jetzt, Klinik, Intensivstation, nur Menschen, festgeschnallt an Apparaten. Wir blieben die ganze Nacht, am n\u00e4chsten Tag wurden die Ger\u00e4te abgestellt. Und wir haben einfach mit dem Wahlkampf weitergemacht. Am Abend stand ich in M\u00fcnchen und sagte wieder: W\u00e4hle dich selbst, du kannst es schaffen, wenn du willst. Ich k\u00f6nnte jetzt noch heulen, wenn ich daran denke. Es war ekelhaft.<\/p>\n<p>ZEIT: Danach wollten Sie nicht mehr?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich konnte in jedes Mikro reden, ich konnte alles erkl\u00e4ren, alles klarstellen. Aber ohne Mikro war ich nur noch ein Gerippe. Ich hatte keine Angst mehr, keine Gef\u00fchle, ich konnte nicht mehr weinen. Ich bin dann acht Wochen lang nach Afrika gefahren. Acht Wochen hat es gedauert, bis ich meine Angst wieder hatte. Ich bin neugierig, wo Schr\u00f6der hinf\u00e4hrt, wenn alles vorbei ist.<\/p>\n<p>ZEIT: Um Angst geht es auch bei Ihrem Projekt Church of Fear, das Sie zum Irak-Krieg gestartet haben.<\/p>\n<p>Schlingensief: Dabei geht es nicht darum zu sagen, gib mir Frieden, sondern zu sagen: Gib mir Angst. Hab Angst, f\u00fcrchte dich, denn das ist die Wahrheit, suche die Furcht in dir. Das Schlimmste ist dieses dauernde Verleugnen von \u00c4ngsten. Vielleicht w\u00fcrde ich sogar Schr\u00f6der wieder m\u00f6gen, wenn er sich dem mal stellen w\u00fcrde, von Einsamkeit reden. Von Trauer, vom Versagen.<\/p>\n<p>ZEIT: Oskar Lafontaine und Gregor Gysi suchen die Angst der anderen, um damit Politik zu machen. Sind sie Antihelden?<\/p>\n<p>Schlingensief: Nein, letzten Endes sind sie eher Kollaborateure, deren Ziel es ist, die SPD klein zu machen. Lafontaine ist ein kleiner Alberich, so ein Teufelchen. Nur dass er keine Tarnkappe hat, sondern eine Hasskappe. Im Grunde sind sie S\u00fcchtige, die nicht aufh\u00f6ren k\u00f6nnen.<\/p>\n<p>ZEIT: 1999 haben Sie an der Volksb\u00fchne Ihr Theaterst\u00fcck Berliner Republik aufgef\u00fchrt, die Berliner Politik als Kunstobjekt.<\/p>\n<p>Schlingensief: Ein v\u00f6lliger Reinfall. Die ersten 50 Minuten waren gut. Dann bekam ich mittendrin den Steuerbescheid f\u00fcr meine Partei reingereicht. Ich hatte von dem ganzen Finanzkram keine Ahnung, und jetzt sollte ich auf einmal zweihundertnochwastausend Mark zahlen, es hing irgendwie mit Spenden zusammen. Als ich den Bescheid sah, bekam ich schwere Sehst\u00f6rungen, musste sofort in die Charit\u00e9. Dann sagte ein Arzt zu mir: \u203aSchlechte Nachrichten, Sie haben einen Hypophysentumor. Wir m\u00fcssen das rausnehmen. Es kann aber passieren, dass Sie danach Schwierigkeiten mit Ihren Gef\u00fchlen haben, weil die Hypophyse die regelt.\u2039 Das waren die beiden Botschaften eines Tages. Sp\u00e4ter stellte sich Gott sei Dank raus, der Arzt hatte sich geirrt. Ich habe nur einen Knoten im Sehnerv.<\/p>\n<p>ZEIT: Herr Schlingensief, wir f\u00fchren dieses Gespr\u00e4ch in Bayreuth. Sie f\u00fchren zum zweiten Mal Ihren Parsifal auf. F\u00fchlen Sie sich inzwischen auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel heimisch?<\/p>\n<p>Schlingensief: Die Arbeitssituation letztes Jahr war absolut bescheuert. Katharina Wagner hat so getan, als ob sie zwischen uns und der Familie Wagner vermitteln w\u00fcrde, hat aber in Wirklichkeit nur eine Art Familien-Bodybuilding zwischen ihrem Vater Wolfgang und ihrer Mutter Gudrun gemacht. Diesmal haben mich die Wagners machen lassen, das ist auch von au\u00dfen positiv bemerkt worden. Ich habe mich mit allen gl\u00e4nzend verstanden. Wir waren oft zusammen essen und haben viel miteinander geredet. Kein Vergleich zum letzten Jahr. Da war ich nur einmal beim Asiaten essen gewesen. Dieses Jahr stand \u00fcbrigens ein Asiate als Musiker im Orchestergraben. Die \u00f6rtlichen Zeitungen waren ganz aus dem H\u00e4uschen deshalb. \u00bbErstmals Asiate im Orchestergraben\u00ab, das war so wie \u00bbPekinese singt Tristan\u00ab.<\/p>\n<p>ZEIT: Wie war die Premiere?<\/p>\n<p>Schlingensief: Gro\u00dfartig. Die Wagnerianer sind ja mittlerweile alle so um die 150 Jahre alt, darunter etliche pseudolinke Politologen wie Udo Bermbach\u2026<\/p>\n<p>ZEIT:\u2026 ein Opernexperte, der unter anderem Flimm bei der Inszenierung des Rings beraten hat\u2026<\/p>\n<p>Schlingensief:\u2026die von Primitiven, Naturv\u00f6lkern und Resakralisierung faseln. Menschen, deren Welt aus Selbstmitleid besteht. Da freut es mich, wenn ich vor den Vorhang trete und diese Zombies toben sehe. Eine diamantenbestickte Dame hat mich beschimpft, ich h\u00e4tte ihre Erl\u00f6sung zerst\u00f6rt! Und einer vom Schweizer Wagner-Verband beschwerte sich, wo der Gral denn geblieben sei, das sei doch immer so sch\u00f6n gewesen, wenn der dann aufgl\u00fche, so sch\u00f6n rot, sein Fehlen sei eine Unversch\u00e4mtheit. Ich hab ihn in den Arm genommen und ihm erkl\u00e4rt, dass der verwesende Hase der Gral sei. Da ist ihm sein Taschenmesser aus der Hose gefallen. Der sch\u00f6nste Moment war f\u00fcr mich aber, als Pierre Boulez, der Dirigent, mich in den Arm genommen hat, das reine Gl\u00fcck. \u00bbDas ist wie damals. Jetzt hat es gez\u00fcndet\u00ab, hat er gesagt. Dass es nur f\u00fcnf Vorstellungen vom Parsifal gibt, ist nat\u00fcrlich ein Witz. Man m\u00fcsste Bayreuth \u00f6ffnen, mindestens drei Monate lang. Die Kartennot ist ein reiner Marketingtrick aus Bayreuth. Mangel erzeugt Reichtum, das ist das Motto.<\/p>\n<p>ZEIT: Was hat Ihr Parsifal Deutschland zu sagen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Deutschland kann etwas von Parsifal lernen. Er soll ja \u00fcber einen Erkenntnisprozess Mitleid lernen, das soll Deutschland auch. Wir sollen Mitleid haben mit den Hartz-IV-Empf\u00e4ngern, mit unserem Konto, mit Schr\u00f6der, mit dem Osten. Das ist aber nicht wirklich Mitleid, sondern nur Selbstmitleid.Wer denkt an Afrika? Symbole wie Bob Geldofs Live 8 bringen uns nicht weiter. Mitleid gibt es erst, wenn man selbst nichts mehr zu fressen hat. Alles andere ist Heuchelei. Es gibt auch ein Bed\u00fcrfnis nach echten Gef\u00fchlen, nach Religion, nach Erl\u00f6sung. Mit der SPD hat es nicht richtig funktioniert, sie hat uns nur st\u00e4ndig unsere Wunde gezeigt, aber keine Erl\u00f6sung angeboten. Jetzt versuchen wir es mit der Religionsgemeinschaft CDU oder der Sekte Linkspartei.<\/p>\n<p>ZEIT: Die Politiker pilgern in Scharen nach Bayreuth. K\u00f6nnen sie dort was lernen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Klar. Die Politik muss ja immer Ergebnisse vorweisen k\u00f6nnen, es ist wie in einer ewigen Klassenarbeit oder beim gro\u00dfen S\u00e4ngerkrieg. Jeder muss st\u00e4ndig seine Stimme schonen, weil ja morgen was Wichtiges zu verk\u00fcnden ist. Und wenn er das tut, wei\u00df er schon, dass die anderen in f\u00fcnf Minuten genau das Gegenteil sagen. Man wei\u00df immer schon, was kommt. Man wei\u00df zum Beispiel jetzt schon, dass Friedrich Merz der Lafontaine der CDU werden k\u00f6nnte. Man lernt auch, dass man die Stimmlage variieren muss. Deshalb hat Westerwelle keine Zukunft. Er kann nur einen Ton, immer den gleichen Sound. Merkel, Lafontaine, Schr\u00f6der, Fischer, die k\u00f6nnen das besser.<\/p>\n<p>ZEIT: Sie arbeiten viel im Ausland: Afrika, Island, vielleicht bald in Brasilien. Kehren Sie Deutschland den R\u00fccken?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich genie\u00dfe diese L\u00e4nder sehr, weil ich mich da viel freier f\u00fchle als in dem engen Grenzsystem Deutschland. Aber ich wohne schon noch in Berlin.<\/p>\n<p>ZEIT: Wissen Sie schon, was Sie am 18.September w\u00e4hlen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ist es wirklich dieser Termin? Wenn Sie w\u00fcssten, was ich alles schon gew\u00e4hlt habe. Eher komische Splitterparteien im linken Spektrum. Einmal habe ich Eier in Oberhausen f\u00fcr die KPD\/ML verkauft, kosteten nur einen Pfennig. Das sollte zeigen, wie billig man Eier produzieren k\u00f6nnte. Nachher habe ich erfahren, dass die H\u00fchner gar nichts davon hatten, denen ging es unheimlich beschissen. Also, ich bin Wechselw\u00e4hler.<\/p>\n<p>Das Interview samt Fotos lesen Sie unter http:\/\/www.zeit.de\/2005\/32\/Titel_2fSchlingensief!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ein Gespr\u00e4ch mit \u00bbParsifal\u00ab-Regisseur Christoph Schlingensief \u00fcber Heldendarsteller in der Politik, Zombies in Bayreuth und Deutschland vor der Wahl DIE ZEIT 32\/2005 DIE ZEIT: Herr Schlingensief, die Zeit von Kanzler Gerhard Schr\u00f6der scheint allm\u00e4hlich abzulaufen. Dramaturgisch betrachtet: War er eine Fehlbesetzung? Christoph Schlingensief: Nein, er war die richtige Besetzung. 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