{"id":168,"date":"2006-10-28T18:41:31","date_gmt":"2006-10-28T16:41:31","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=168"},"modified":"2006-10-28T18:41:31","modified_gmt":"2006-10-28T16:41:31","slug":"der-zeitmaschinist","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=168","title":{"rendered":"DER ZEITMASCHINIST"},"content":{"rendered":"<p><strong>Laudatio von Christoph Schlingensief auf Alexander Kluge, anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Filmpreises der Stadt Hof 2006<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDER ZEITMASCHINIST. ALEXANDER KLUGE<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>\u201eSelbstmord begeht, wer nicht in diese Welt pa\u00dft. Frau Gaby Teichert hat Krach mit der Obrigkeit. Ihre Auffassung von Geschichte, meint ihr Vorgesetzter, sei wie ein Gemisch aus Kraut und R\u00fcben. Doch Gaby Teichert versucht nur, die Dinge in ihrem Zusammenhang zu sehen.\u201c<\/em><br \/>\n[DEUTSCHLAND IM HERBST, Off-Kommentar zur Kluge-Episode VERLORENE GESCHICHTE]\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nAlexander Kluge wurde am 14. Februar 1932 in Halberstadt als Sohn eines Arztes geboren. Da\u00df er als solcher nicht die mehr oder weniger naheliegende Laufbahn als Arzt einschl\u00e4gt, mag bereits markieren, da\u00df Kluge niemand war und ist, der vorgezeichnete Wege betritt. Statt dessen hat er eine \u00e4u\u00dferst krude Mischung aus Rechtswissenschaft, Geschichte und Kirchenmusik (!) studiert. Zwischen Himmel und H\u00f6lle ist er gerade da unterwegs, wo sich in Denken und Handeln nur wenige von uns hinbewegen. Kluge durchst\u00f6bert die Randbezirke der Aufkl\u00e4rung, er kratzt an den Hirnrinden. Er forscht nicht nach dem selbstverst\u00e4ndlichen Gesamtbild, das klar und unzweideutig vor uns liegt, er forscht nach den unverst\u00e4ndlichen Puzzleteilen, aus denen sich eine Art von Verstand erst zusammensetzt. Er ist ein Arch\u00e4ologe der Jetztzeit.<br \/>\nIn gewisser Weise also hat Alexander Kluge doch den Weg des Arztes eingeschlagen: Er ist Chirurg der deutschen Geschichte, einer Geschichte, die zwar geschrieben steht, aber in all ihren Facetten noch in keinster Weise erz\u00e4hlt worden ist. IN GEFAHR UND GR\u00d6\u00dfTER NOT BRINGT DER MITTELWEG DEN TOD (1974) ist dementsprechend auch mehr als nur ein Filmtitel aus dem umfangreichen und klugen Kluge-Werk. Es zieht sich wie eine Parole durch all seine Arbeiten. Wie Frau Teichert, seine Hauptfigur in DEUTSCHLAND IM HERBST (1978), ist Alexander Kluge \u201e\u2026auf der Suche nach den Grundlagen der deutschen Geschichte, entweder nach einem Unterstand f\u00fcr den dritten Weltkrieg oder nach vorgeschichtlichen Funden\u201c.<\/p>\n<p>Alexander Kluge ist der Prototyp des Zeitreisenden, der seiner Zeit auch oder gerade deshalb voraus ist, weil er die Vergangenheit befragt. Weitere Filmtitel sind programmatisch anti-programmatisch: ABSCHIED VON GESTERN (1966), ANGRIFF DER GEGENWART AUF DIE \u00dcBRIGE ZEIT (1985) oder DEUTSCHLAND IM HERBST (1978), das vom neuen deutschen Film unter Federf\u00fchrung Kluges gezeichnete Un-Sittengem\u00e4lde jenes Zombiedeutschlands, das zwischen Nazi- und RAF-Terror erfolglos versucht, seine ungeliebte Geschichte in Staatsbegr\u00e4bnissen zu verscharren. Es sind immer frontale Angriffe auf die Gegenwart und auf die Menschen, die von sich behaupten, im Hier und Jetzt zu leben. Nicht die Zukunft, nicht das, was noch sein k\u00f6nnte, nennt Kluge utopisch. Er kennzeichnet die Geschichte als Utopie, also gerade das, was schon gewesen ist. <\/p>\n<p>Was die Medienmaschinen zwischen Hitler, Guido Knopps tausendj\u00e4hrigem Doku-Star, und den einfach so hingerotzten Memoiren des selbsternannten, selbstgef\u00e4lligen Friedenskanzlers Schr\u00f6der als Historie disponieren, stellt Kluge zur Disposition. Das ist seine Art, die ihn f\u00fcr alle deutschen Gegenwarten der vergangenen Jahrzehnte so unentbehrlich macht \u2013 und die er mit viel zu wenigen von uns teilt. Die sch\u00f6nsten Utopien waren, bleiben, und vor allem sind dabei aber seine Filme selbst, und so ist es auch nur konsequent, da\u00df in seiner Filmographie, die eigentlich ja nur so vor Science-Fiction-Filmen wimmelt, auch zwei ausgewiesene Science-Fiction-Filme zu finden sind \u2013 DER GRO\u00dfE VERHAU (1970) und WILLI TOBLER UND DER UNTERGANG DER 6. FLOTTE (1971).<\/p>\n<p>F\u00fcr Alexander Kluge, den Mann an der Zeitmaschine, versteht es sich beinahe von selbst, da\u00df er bei aller Verortung in der Gegenwart permanent in Parallelwelten unterwegs ist: Parallel zu einer Regieassistenz bei Fritz Lang (1958) schreibt er an ersten eigenen Drehb\u00fcchern; und w\u00e4hrend er 1960 bei den Internationalen Kurzfilmtagen in Oberhausen f\u00fcr seinen ersten Kurzfilm BRUTALIT\u00c4T IN STEIN (1959) noch einen Hauptpreis gewinnt, stellt er zwei Jahre sp\u00e4ter als Mitunterzeichner des Oberhausener Manifests das gleiche Filmfest und die Filmwelt, zumindest die deutsche, auf den Kopf.<\/p>\n<p>Weil sich Geschichte als vergangene und abgehakte Dimension in Kluges Arbeiten in permanent wirkende Gegenwart aufl\u00f6st, wirkt es an dieser Stelle nicht veraltet, wenn man ihn als kollektiven Arbeiter, als Arbeiter f\u00fcr das Kollektiv bezeichnet. Er ist das seltene Exemplar des zur\u00fcckhaltenden Intellektuellen, der seine Meinung nicht zum Kanon erkl\u00e4rt, sondern seine Sichtweise als eine m\u00f6gliche Haltung unter vielen zur Diskussion stellt. Vor das eigene Wissen stellt Kluge seine um ein Vielfaches gr\u00f6\u00dfere Neugier, Wissen zu wollen, Fragen zu wollen, anstatt vorgestanzte und selbstverliebte Antworten zu pl\u00e4rren. <\/p>\n<p>Er ist ein Film-, und sp\u00e4testens mit der Realisierung seiner Idee eines \u201eHerausgeber-Fernsehens\u201c in Form der Produktionsfirma dctp, auch ein Fernsehanalytiker. Im Fernsehzeitalter der rasanten Schnitte und versendeten Bilder hat Kluge das stehende Bild zum Stilleben erkl\u00e4rt. Genauso markant ist seine neugierige, \u201eunsichtbare\u201c Stimme, die aus dem Off heraus seine ins Bild gesetzten Experten zu den wirklich zeitlosen Themen befragt, die da z.B. lauten:<br \/>\nIm Himmel, da ist kein Bier. Cowboys tanzen Polka \u2013 Nachfahren b\u00f6hmischer Emigranten in Texas,<br \/>\nWenn Roboter gesellig sind, werden sie intelligent, sagt ein Forscher<br \/>\noder<br \/>\nPostoperative Texte. Heiner M\u00fcller liest Gedichte, die er w\u00e4hrend einer Operation schrieb.<\/p>\n<p>Was Alexander Kluge f\u00fcr mich interessant gemacht hat, schon lange, bevor ich ihn kennen lernte und mich von ihm \u201eKamerad\u201c nennen lassen durfte, ist sein schlichtweg sympathischer Zug, nicht in der Position des Vordenkers, die er schon so oft eingenommen hat, zu erstarren, sondern mit dem selben Engagement auch vormachen zu wollen, getreu seiner These, \u201eda\u00df jeder von uns seine eigene Revolution ist\u201c. Bilder der Gegenwart, Schrift, Dokumente, Spielfilmminiaturen, Versatzst\u00fccke aus Stummfilmen, Opernzitate, erfundene oder zum Teil erfundene Lebensl\u00e4ufe mit dem unnachahmlichen Peter Berling, die deutsche M\u00e4rchentradition, Fragmente aus Kinderb\u00fcchern, bildliche Darstellungen von Aberglauben \u2013 das alles st\u00f6\u00dft in seinen Bildern aufeinander und steht zur Verarbeitung, zur Selbstmontage, zur Selbstrevolution bereit.<\/p>\n<p>Ehrenvoller als jede Laudatio, die man auf Alexander Kluge halten kann, sind die Meinungen derer, die von seinen Zeitreisen und Expeditionen ins Menschenreich wenig hielten. Die Geschlossenen Fernsehanstalten RTL, Sat.1 oder VOX versuchen seit Jahren, Kluges Formate zu beschneiden, weil sie sich jeder Quotengeilheit und jedem Voyeurismus widersetzen. Der ehemalige RTL-Programmchef Helmut Thoma hat Alexander Kluge einmal \u201eeinen Quotenkiller\u201c genannt, seine Kulturmagazine seien so deplaziert wie \u201eZw\u00f6lftonmusik im Zirkus\u201c. Von einem blasierten Wirklichkeitsproduzenten, der mittlerweile als Leiche im Senderkeller vor sich hinmodert, sind gr\u00f6\u00dfere Komplimente ja gar nicht zu bekommen. <\/p>\n<p>Kluge lebt und arbeitet, forscht und reist derweil weiter durch die Zeit. Er selbst hat sein \u00e4sthetisches Programm mit der Unaufger\u00e4umtheit und Vorl\u00e4ufigkeit von Baustellen, von Werkzeugk\u00e4sten verglichen. In solchen Formulierungen schimmert eine Vorstellung vom Film durch, das den kleinsten Mosaikstein \u2013 zumindest f\u00fcr einen Film- oder Fernsehaugenblick \u2013 zur gr\u00f6\u00dften Ideologie erkl\u00e4rt.<\/p>\n<p>Im Anblick aller historischer und zeitgem\u00e4\u00dfer Ideologen, die uns mit Vorliebe so erb\u00e4rmlich im Stich lassen, bleibt Alexander Kluge der Inbegriff des leidenschaftlichen Ideologen im permanenten Paralleluniversum, auf den wir uns, dank der Macht seiner Bilder, der Macht seiner Gef\u00fchle, \u201eblind\u201c verlassen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Hofer Filmfest, 26.10.06<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Laudatio von Christoph Schlingensief auf Alexander Kluge, anl\u00e4\u00dflich der Verleihung des Filmpreises der Stadt Hof 2006<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/168"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=168"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/168\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=168"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=168"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=168"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}