{"id":165,"date":"2006-10-19T11:43:03","date_gmt":"2006-10-19T09:43:03","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=165"},"modified":"2006-10-19T11:43:03","modified_gmt":"2006-10-19T09:43:03","slug":"adornos-kaktus-die-zeit","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=165","title":{"rendered":"ADORNOS KAKTUS (DIE ZEIT)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief \u00fcber Kunst als Auffangbecken, Adorno, Wagner, Beuys &#8211; und Fuzzie, der Banditenschreck<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDIE ZEIT, Okt. 2006<\/p>\n<p>Die ZEIT: Was fehlt Ihnen, Herr Schlingensief?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: In meiner Sammlung fehlt mir schon seit Jahren der Kaktus von Adorno, der ihn ja ganz im Sinne Allan Kaprows als das Klarste, Trivialste und somit auch Wichtigste in seinem Leben erw\u00e4hnt hat. Mir geht es eigentlich nicht um den Schinken oder das beste Filet, sondern um einen mystischen Abgrund im Sinne Richard Wagners, zu dem ich mich aber nicht traue. Vielleicht wirke ich deshalb auch manchmal so zwiesp\u00e4ltig, weil ich mich f\u00fcr keinen Politiker oder auch keinen Kritiker entscheiden kann. Wie ein Sammler, der auf das passende Bild wartet. Deshalb sehe ich aber noch lange keinen Weg ins Unpolitische. Ganz im Gegenteil! Im Kunstbetrieb fehlt mir das Ende der Privatmythologie, weil die Verfilmung der eigenen Fu\u00dfn\u00e4gel langweilt. Man will doch Dinge sammeln, die einem fehlen, weil sie nicht zusammenpassen. Das w\u00e4re konsequent, denn ehrlich gesagt, passt einem die eigene Nase nicht, und die Ohren nicht zum Hemd.<br \/>\nDie Dinge fehlen mir, wenn sie da sind, und sie sind da, wenn sie nicht mehr kommen.<\/p>\n<p>Die ZEIT: Was haben Sie als Kind gesammelt?<\/p>\n<p>Schlingensief: Das waren Normal- und Super-8-Filme. Godzilla, Jerry Lewis, Dick und Doof, Edgar Wallace, Vier F\u00e4uste f\u00fcr ein Halleluja, Pat und Patachon, Fuzzie, der Banditenschreck, dazu kamen dann Klebepressen, Super-8-Kamera und Projektor, Filmb\u00fccher: \u201eWie man Filme macht\u201c, Filmgestaltung leicht gemacht, Tricks der UFA \u2026 Vielleicht h\u00f6rt sich das im Zusammenhang mit der Frage etwas komisch an, aber ich durfte bereits 1968 im Alter von acht Jahren den ersten Doppel-8-Film drehen. Ich komme vom Film und habe immer alles, was damit zusammenhing, gesammelt. Es gab zwar noch eine Ritterburg aus Plastik, aber die ging im n\u00e4chsten Film in Flammen auf.<\/p>\n<p>Die ZEIT: Ihr Sofabild?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich besitze kein Sofabild, sondern mehr ein Regal mit verschiedenen Dingen: eine Flasche Porto von 1968, ein ausgestopfter Piranha aus Manaus, eine riesige Lupe, ein Wasserbeh\u00e4lter f\u00fcr Buschm\u00e4nner, ein Beuys-Hase, eine Lithophanie, eine Daguerreotypie und dar\u00fcber ein Foto mit Margit Carstensen und Fassbinder aus der Bochumer Zeit.<\/p>\n<p>Die ZEIT: Der \u00fcbersch\u00e4tzteste K\u00fcnstler?<\/p>\n<p>Schlingensief: Nach seinen \u00c4u\u00dferungen \u00fcber den 11. September m\u00fcsste es Stockhausen sein, nach seiner \u00c4u\u00dferung \u00fcber Trisomie 21 Joseph Beuys, nach dem 1000-j\u00e4hrigen Reich zu urteilen: Adolf Hitler. Also ich merke gerade, dass ich mich da innerlich verweigere.<\/p>\n<p>Die ZEIT: Der untersch\u00e4tzteste K\u00fcnstler?<\/p>\n<p>Schlingensief: Da w\u00fcrde ich gerne Mohammed nennen, und das wirklich aus vollem Herzen. Er wollte kein Abbild von sich. Das ist zukunftstr\u00e4chtig und das gr\u00f6\u00dfte Kunstwerk aller Zeiten. Aber umgekehrt sind es die Einwohner von Knossos. Was die alles sichtbar gemacht haben: das \u00e4lteste Mosaik, die \u00e4lteste Steinstra\u00dfe, das \u00e4lteste Theater, die \u00e4lteste Wasserleitung (9 km lang), die erste Toilette mit Wassersp\u00fclung und die erste Badewanne. Da k\u00f6nnen wir alle mit unseren permanenten Selbsterfindungen, die nichts anderes als die R\u00fcckf\u00fchrung zu Staub bedeuten, einpacken. Aber vielleicht ist das Bekenntnis zu dieser Aufl\u00f6sung ein erster Flug ins Bild.<\/p>\n<p>Die ZEIT: Ihr Traum-Museum?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ein Museum der Un\u00fcbersichtlichkeit und Nichtverdichtung! Kunst redet immer von Verdichtung und Schl\u00fcssigkeit. Das ist nervt\u00f6tend und verlangsamt ohne Grund. Nichts gegen Demut und Qual. Auch Selbstzerst\u00f6rung ist gut, aber bitte nicht, um nachher als Molek\u00fcl auf dem Museumstisch zu landen, vom Kurator betreut und beerdigt. Ich habe noch nicht so viele Erlebnisse im Kunstbereich, aber er besteht sehr oft aus Angst, unendlicher Langsamkeit und selbstkastriertem Dasein. Mir scheint die Kunst mittlerweile das Auffangbecken f\u00fcr all diejenigen zu sein, die noch nie einen Nagel in die Wand geschlagen haben. Und gerade deshalb w\u00e4re mein Ideal: ein Museum der kuratorischen Unm\u00f6glichkeit. Das Unp\u00e4dagogische, der Tod der Sache. Ein Museum der Falschpr\u00e4sentation. Nach so viel Dreck und Verm\u00fcllung, Fake und \u00dcberlagerung g\u00e4be es endlich wieder Kontakte zur Formelwelt der Mathematik. Und dann w\u00fcssten wir wenigstens, was das Museum gekostet hat. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief \u00fcber Kunst als Auffangbecken, Adorno, Wagner, Beuys &#8211; und Fuzzie, der Banditenschreck<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/165"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=165"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/165\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=165"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=165"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=165"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}