{"id":162,"date":"2006-10-14T09:05:26","date_gmt":"2006-10-14T07:05:26","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=162"},"modified":"2006-10-14T09:05:26","modified_gmt":"2006-10-14T07:05:26","slug":"und-da-sind-alle-buff-der-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=162","title":{"rendered":"\u00bbUND DA SIND ALLE BUFF\u00ab (DER TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schlingensief pr\u00e4sentiert seinen Diana-Altar auf der Frieze.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDer Kunst geht es gut \u2013 sie verkauft sich prima. Ein Rundgang \u00fcber die Messe.<\/p>\n<p>Eigentlich m\u00fcsste Christoph Schlingensief schlechte Laune haben. Doch Frustrationen sind ihm offenbar fremd, und so steht er am Stand von Hauser &#038; Wirth und h\u00e4lt fr\u00f6hlich ein Schw\u00e4tzchen mit seinem Galeristen Iwan Wirth. Sein neuestes Projekt, die Skulptur \u201e60 % des Schrottwagens\u201c, bleibt derweil in der Garage \u2013 wom\u00f6glich, weil es sich bei dem Blechhaufen, den er w\u00e4hrend der Frieze Art Fair im Regents Park ausstellen wollte, um die \u00dcberreste jenes Unfallwagens handelt, in dem einst Prinzessin Diana starb. Bei dem Thema reagieren die Briten immer noch zuverl\u00e4ssig reserviert. Und Schlingensief spart sich wieder mal die Pressearbeit, denn die erledigt sich bei so einer Geschichte von ganz allein.<\/p>\n<p>Und dann zeigt er auch noch seine Fotos und h\u00e4lt einen Vortrag.<br \/>\nVerboten ? Unm\u00f6glich. Skandal? Nein.<br \/>\nVorf\u00fchrung des Boulevard-Medienprinzips: JA!<\/p>\n<p>Den Frieze-Organisatoren kann das nur recht sein. Im vierten Jahr sind sie mit ihrer Kunstmesse dort, wo sie schon immer hinwollten: in der Sph\u00e4re des talk of the town, in der t\u00e4glich \u00fcber Skandale und Skand\u00e4lchen berichtet wird. Da sollen Frieze-Sponsor Deutsche Bank und der K\u00fcnstler Paul Fryer f\u00fcr ihre Parties denselben Ort gemietet haben, und das auch noch bei einem \u201eLord\u201c mit, wie sich zu sp\u00e4t erwies, zweifelhaftem Ruf \u2013 die angesehene Kunstzeitung The Art Newspaper widmet der Story reichlich Platz. Alle wollen dazugeh\u00f6ren, und selbstverst\u00e4ndlich bitten auch die gro\u00dfen Auktionsh\u00e4user w\u00e4hrend der Frieze-Week zu ihren publikumswirksamen Versteigerungen mit aktueller Kunst. Die Tate Modern er\u00f6ffnet nicht nur Carsten H\u00f6llers Installation in der Turbinenhalle, sondern verlegt auch noch schnell ihre Fischli-und- Weiss-Schau um eine Woche vor.<\/p>\n<p>Auf der Messe selbst tummeln sich am Er\u00f6ffnungstag prominente Besucher wie Kate Moss, Elle McPherson und der seltsam sediert wirkende Modezar Valentino. Sie tun das, was sie immer machen: n\u00e4mlich Aufmerksamkeit erregen. Und die Kunst? Der geht es gut, au\u00dferdem verkauft sie sich prima. Schlingensief-Galerist Wirth zum Beispiel pr\u00e4sentiert in einer Extra-Koje Arbeiten von Roni Horn, darunter eine schwarze mittelgro\u00dfe Kugel mit dem Titel \u201eBlack Asphere\u201c aus solidem Kupfer. Das Gewicht des Werks wird aus guten Gr\u00fcnden mit angegeben: Es betr\u00e4gt ann\u00e4hernd drei Zentner. Eine Skulptur von Paul McCarthy \u2013 \u201eJack\u201c, der rote Pirat \u2013 hatte die Galerie ebenfalls im Angebot. Die Vergangenheitsform ist angebracht, wechselte das 480 000 Dollar teure St\u00fcck doch schon in den ersten Messestunden den Besitzer.<\/p>\n<p>Zufriedene Gesichter auch bei den deutschen Galeristen, die nach den Briten und Nordamerikanern zahlenm\u00e4\u00dfig die gr\u00f6\u00dfte Gruppe der \u00fcber 150 Teilnehmer bilden. Contemporary Fine Arts aus Berlin war unter anderem mit einem gro\u00dfen Gem\u00e4lde von Jonathan Meese erfolgreich, Giti Nourbakhsch re\u00fcssierte mit Skulpturen von Berta Fischer und einem dunklen, verf\u00fchrerisch schimmernden Streifenbild von Anselm Reyle. Barbara Weiss erntete Anerkennung mit Thomas Bayerles fr\u00fchem Op-Art-Druck \u201eCarl Lazlo\u201c von 1967 sowie mehreren in sich verschlungenen Autobahn-Reliefs. Martin Klosterfelde zeigte Weitblick mit der Entscheidung, jeden Tag einen anderen K\u00fcnstler der Galerie zu pr\u00e4sentieren: Schon zur Preview sorgte Nader Ahriman mit 36 en bloc verkauften Zeichnungen (21 000 Euro) f\u00fcr gute Stimmung.<\/p>\n<p>Mit einem der sch\u00f6nsten St\u00e4nde dieser Frieze punktete Christian Nagel aus K\u00f6ln und Berlin. Kein Wunder, er holte sich professionelle Unterst\u00fctzung: Den atemberaubend eleganten schwarzen Eingang mit seinen Initialen gestaltete Andreas Hoyer, der in K\u00f6ln den Modeladen \u201eHeimat\u201c f\u00fchrt. Nagel ist einer der wenigen Kunsth\u00e4ndler, der sich von der allgemeinen Euphorie in London nicht mitrei\u00dfen l\u00e4sst. Zwar hatte auch er schon zur Preview mit Gang Zhaos fast typischem China-Pop erfolgreiche Verk\u00e4ufe get\u00e4tigt, verhehlte aber nicht, dass er trotz der Londoner Celebrities in Basel und Miami mehr Spa\u00df hat \u2013 respektive Umsatz erzielt. Ein anderer Verweigerer ist Gerd Harry Lybke: Kein Neo Rauch und kein Matthias Weischer findet sich am Eigen + Art-Stand, stattdessen die sperrige, weil zum Verschwinden minimalistische Inszenierung \u201eInver\u201c von Carsten Nicolai. Das ist kein Kalk\u00fcl mehr, das ist echte Freundschaft zum K\u00fcnstler.<\/p>\n<p>Apropos Skandale: Die ereignen sich auch auf der Messe selbst, nicht nur in ihrem Umfeld. The Wrong Gallery von Maurizio Cattelan, Massimiliano Gioni und Ali Subotnick wiederholt eine Installation des Italieners Gino de Dominicis. Die Arbeit wurde schon bei ihrer ersten Pr\u00e4sentation 1972 auf der Biennale von Venedig angefeindet. Damals lauteten die Vorw\u00fcrfe Voyeurismus und Ausbeutung von Hilfsbed\u00fcrftigen. Gut drei\u00dfig Jahre sp\u00e4ter hat sich die Situation versch\u00e4rft, da der Reprise der revolution\u00e4re Impetus fehlt. In der Koje sitzt ein am Down-Syndrom Erkrankter und stiert auf die Bestandteile von \u201eSecond solution of immortality: the universe is immobile\u201c: ein Stein, ein auf den Boden gemaltes Viereck. Der Messebesucher zweifelt schnell daran, dass er sich seiner Rolle als Schauspieler bewusst sei, wie Frieze-Gr\u00fcnderin Amanda Sharp glaubt. Diese Behauptung h\u00e4lt dem Augenschein nicht stand.<\/p>\n<p>Insgesamt jedoch beweist die vierte Frieze, dass die Ank\u00fcndigungen von der R\u00fcckkehr der politischen Kunst verfr\u00fcht gewesen sind. Das Gef\u00e4llige, Augenschmeichlerische, Formalistische \u00fcberwiegt bei Weitem. Eine Ausnahme bleibt Thomas Hirschhorn. Der Schweizer ist auf dem besten Weg, ein zorniger Mann mittleren Alters zu werden. Seine \u201eCamo-Family\u201c bei Gladstone ist eine in ihrer ungesch\u00fctzten Naivit\u00e4t eindrucksvolle Anti-Kriegs-Installation, in der es viel Hirschhorn-Vokabular zu sehen gibt: Parolen, Figuren, Fotos aus Zeitschriften. Kurzum: Unwahrheiten und Verst\u00fcmmelungen jedweder Gestalt. Ein roter Punkt war nicht zu entdecken.<\/p>\n<p>Frieze Art Fair, Regent\u2019s Park, bis zum 15. Oktober.<\/p>\n<p><em>Der Tagesspiegel vom 14.10.2006<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief pr\u00e4sentiert seinen Diana-Altar auf der Frieze.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/162"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=162"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/162\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=162"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=162"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=162"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}