{"id":16,"date":"2005-08-08T13:45:09","date_gmt":"2005-08-08T11:45:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=16"},"modified":"2005-08-08T13:45:09","modified_gmt":"2005-08-08T11:45:09","slug":"den-mythos-weitererzahlen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=16","title":{"rendered":"Den Mythos weitererz\u00e4hlen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Versch\u00e4rft, angereichert, beschleunigt: Christoph Schlingensiefs Bayreuther &#8222;Parsifal&#8220;-Projekt ist im zweiten Jahr auf dem Weg zur Kult-Inszenierung<br \/>\n<\/strong><\/p>\n<p><em>VON HANS-KLAUS JUNGHEINRICH. Frankfurter Rundschau.<\/em><\/p>\n<p>Die Bayreuther Festspieltradition r\u00fchmt sich, mit den jeweiligen Neuinszenierungen nichts Endg\u00fcltiges abzuliefern, sondern die Ergebnisse so weit offen zu halten, dass in den Folgejahren so etwas wie ein work in progress deutlich wird. Der sarkastische Prototyp dieser Verfahrensweise war vielleicht in den Zeiten der Studentenunruhen G\u00f6tz Friedrichs Tannh\u00e4user auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel mit der exzellenten Premieren-Provokation des exakt beim Kulminationspunkt zu dem chorischen Huldigungs- &#8222;Heil&#8220; f\u00fcr den Landgrafen (im 2. Akt) entbotenen kollektiven Hitlergru\u00dfes. Die emphatisch nach oben gerissenen vielen Arme wurden im zweiten Jahr schon etwas schwungloser gef\u00fchrt, in sp\u00e4teren Wiederaufnahmen dann noch unauff\u00e4lliger, bis keine Spur mehr von der anf\u00e4nglichen Schockwirkung merklich war. Wenn man wollte, konnte man in der Genese dieser Geste auch die Kurzbiographie des K\u00fcnstlers und Theatermannes G\u00f6tz Friedrich erkennen.<\/p>\n<p>Bei Christoph Schlingensiefs jetzt im zweiten Jahr auf die B\u00fchne gebrachten Bayreuther Parsifal zeigte sich eher umgekehrt eine Versch\u00e4rfung. Gegen\u00fcber dem ersten Anlauf wurde die Schraube deutlich angezogen. Damals gab es soviel Turbulenzen (wohl auch Gegenwind von der Festspielleitung), dass sich Schlingensief, ohnedies ziemlich hysterisiert und in Panik, nicht trauen mochte, das ganze F\u00fcllhorn seiner Einf\u00e4lle und seines pr\u00e4parierten Filmmaterials auszusch\u00fctten. Der Erfolg 2004 machte ihm jetzt offenbar Mut. Wer h\u00e4tte auch gedacht, dass der Profi-Szeniker Marthaler den Bayreuther Festspielen heuer nur einen matten Thaler spenden w\u00fcrde, w\u00e4hrend es Schlingensief wom\u00f6glich zu seiner eigenen \u00dcberraschung schon im zweiten Jahr gelang, so etwas wie eine Kultvorstellung herzurichten, vergleichbar dem Ch\u00e9reau-Ring oder dem Heiner-M\u00fcller-Tristan.<\/p>\n<p>Der Pool der Mythologie<\/p>\n<p>Dieser Parsifal ist relativ leicht auff\u00fcllbar und ver\u00e4nderbar, weil er keinen stringenten Plot, keine begradigenden Rationalisierungen enth\u00e4lt. Schlingensief legt seine B\u00fchnenerz\u00e4hlung eher unordentlich an als einen Pool oder eine Baugrube von Motiven, wobei man immer wieder etwas erg\u00e4nzen oder weglassen k\u00f6nnte. Der Mythos erz\u00e4hlt sich gro\u00dfz\u00fcgig weiter, und dabei verwendet er vielleicht auch das eine oder andere aktuell vom Erz\u00e4hlenden hinzukommende Material. Schlingensief liegt wenig oder nichts an einer Entmythologisierung des Stoffes, an einer durchdringenden Kritik seiner vielf\u00e4ltigen obskurantistischen Tendenzen, Begleit- und Folgeerscheinungen (un\u00fcbersehbar wuchern Parsifal- und Gralsmotivik ja in die trivial-geschw\u00e4tzigste Esoterik-Afterliteratur). Gleichwohl widersetzt sich seine Darstellung einer eindimensionalen Verfeierlichung, weil sie das Bunte und Krause jeglicher Spielart mit enth\u00e4lt. Wo alle erdenklichen H\u00e4resien integriert sind, kann Orthodoxie schwerlich aufkommen. Die inklusive Naivit\u00e4t der Schlingensief-Vision hat ihre Meriten. Auch sie verzichtet aber nicht auf Widerhaken. Am Schluss stirbt nicht nur Kundry, sondern auch Amfortas. Und der letzte Bildeindruck &#8211; ein einsam davonschreitender Parsifal hinter dem zur\u00fcckbleibenden Schatten Gurnemanz&#8216; &#8211; mutet ern\u00fcchternd fahl an. Ganz zu schweigen von der beklemmend zur chorischen Schlussapotheose gebrachten Filmsequenz des verrottenden, sich kompostierenden Hasenkadavers. Der Hase, auch zuvor in mehrerlei Gestalt ein r\u00e4tselhaftes \u00c4quivalent jener &#8222;reinen Torheit&#8220;, die, durchaus vieldeutig, zu den Essenzen des Stoffes geh\u00f6rt.<\/p>\n<p>Neu hinzugekommen ist in diesem Jahr, neben zus\u00e4tzlichen Filmeinblendungen, die Verdopplung einiger Hauptfiguren wie Kundry und Parsifal. Schon im ersten Amfortas-Auftritt ist ein Parsifal-Double teilnehmender Beobachter; im zweiten Akt scheint dieser Helden-Doppelg\u00e4nger zu assistieren bei Klingsors teuflischen Zaubereien. Und w\u00e4hrend der eine Parsifal die sexuelle Verlockung der singenden Kundry ausschl\u00e4gt, erliegt der andere denjenigen einer m\u00e4dchenhafteren, stummen Kundry. Mythen erz\u00e4hlen sich oft auch durch ihr Gegenteil. Bei Schlingensiefs Personen-Antizipationen k\u00f6nnte man auch an B. A. Zimmermanns &#8222;Kugelgestalt der Zeit&#8220; denken: In vielen Anf\u00e4ngen ist sichtlich bereits das Ende enthalten. In einigen F\u00e4llen wirkt die Methode indes auch etwas zwanghaft als Bebilderungs-Obsession um jeden Preis. Kaum f\u00e4llt im Text der Name, wird auch die zugeh\u00f6rige Figur sichtbar und entlastet den Zuschauer davon, sie aus seiner Vorstellung heraus zu imaginieren.<\/p>\n<p>Parsifals Licht<\/p>\n<p>Nach wie vor frappiert die professionelle Virtuosit\u00e4t, mit der Schlingensief einen perfekten syn\u00e4sthetischen Zusammenhang herstellt zwischen dem f\u00fcr sich genommen ger\u00fcmpelhaft-raffiniert dosierten kinetischen Elementen, die sich einerseits abstrahierend mit Licht-Strategien verbinden (das Licht ist hier ein viel schlagkr\u00e4ftigerer Mitakteur als bei Marthalers Tristan), andererserits die tropisch-afrikanische Atmosph\u00e4re miterzeugen, die der synkretistischen Ann\u00e4herung Schlingensiefs so wichtig ist.<\/p>\n<p>Die S\u00e4ngerf\u00fchrung geh\u00f6rt nicht zu den Glanzpunkten dieser Arbeit. Nach dem Desaster eines ins Konzept unintegrierbaren Parsifal-Tenors im Vorjahr sang diesmal Alfons Eberz die Titelrolle, bemerkenswert dunkel timbriert und etwas ungef\u00fcge, im zweiten Akt nach dem Kuss und zuletzt \u00fcberraschend kraftvoll und konzentriert. In ihren Registern nicht ganz ausgeglichen die Kundry von Michelle de Young. Markig, ja geradezu deftig der Gurnemanz von Robert Holl. Ohne \u00fcbertriebenes Pathos der Amfortas von Alexander Marco-Buhrmester. Schneidend klar die Klingsor-Diktion von John Wegner (wie ein Massai-Krieger anzuschauen). Nach den etwas beruhigten Tempi im Vorjahr kehrte Pierre Boulez nun wieder zu den beweglichen, fl\u00fcssig gehaltenen Zeitma\u00dfen seiner Jugend zur\u00fcck (Dauer des Kopfaktes: nicht mehr als 94 Minuten) und zu einem silbrig-impressionistisch schimmernden Parsifal-Klang. <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Versch\u00e4rft, angereichert, beschleunigt: Christoph Schlingensiefs Bayreuther &#8222;Parsifal&#8220;-Projekt ist im zweiten Jahr auf dem Weg zur Kult-Inszenierung VON HANS-KLAUS JUNGHEINRICH. Frankfurter Rundschau. Die Bayreuther Festspieltradition r\u00fchmt sich, mit den jeweiligen Neuinszenierungen nichts Endg\u00fcltiges abzuliefern, sondern die Ergebnisse so weit offen zu halten, dass in den Folgejahren so etwas wie ein work in progress deutlich wird. 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