{"id":155,"date":"2006-09-27T21:55:17","date_gmt":"2006-09-27T19:55:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=155"},"modified":"2006-09-27T21:55:17","modified_gmt":"2006-09-27T19:55:17","slug":"mozart-und-die-burka-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=155","title":{"rendered":"MOZART UND DIE BURKA (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Ankunft der Oper in der Gegenwart \/ Von Christoph Schlingensief<\/strong><br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIn Mozarts \u201eIdomeneo\u201c geht es um das gleichberechtigte Nebeneinander der Religionen. Jesus, Poseidon, Buddha und Mohammed landen in Neuenfels\u2019 Inszenierung alle im Sack. Da opfert ein Vater seinen Sohn, aber die anderen Religionsstifter und Poseidon als mythischer Gott sind mit dabei. Ein Gott wird geopfert, ein Sohn wird geschlachtet, aber die anderen auch. Alle werden wieder aus dem Sack herausgenommen: Das ist ein Akt der Gleichberechtigung, des Respekts vor den anderen Religionen. Und es ist ein echter Einstieg in die Diskussion.<\/p>\n<p>Eigentlich hinkt die Institution der Oper ja der Gegenwart hinterher. Wenn ein Figaro auf dem Motorrad \u00fcber die B\u00fchne f\u00e4hrt oder Kundry auf dem Eisblock liegt, freuen sich alle oder regen sich auf und reden von Aktualisierung der Klassiker und vom Klimaschutz. Mit \u201eIdomeneo\u201c ist die Oper endlich in der Gegenwart angekommen, ohne jeden Aktualisierungswahn. Es ist schade, dass wir die Ankunft von Mozart in der Realit\u00e4t ausgerechnet im Mozart-Jahr nun nicht sehen k\u00f6nnen, das w\u00e4re sehr spannend gewesen.<\/p>\n<p>Statt die Chance zum offenen Diskurs zu nutzen, macht sich die Oper lieber zum Inselstaat und verweigert jede M\u00f6glichkeit, mit dem Boot wenigstens am Strand anzulegen und dem 21. Jahrhundert zu begegnen. In Bayreuth gibt es Sondervorstellungen f\u00fcr die Gewerkschaft, weil man sich immer mehr nach ihr richten muss. Hier hei\u00dft die Gewerkschaft nicht Verdi, sondern Islam. Warum l\u00e4dt die Deutsche Oper die heutige Islamkonferenz nicht zur Sondervorstellung ein?<\/p>\n<p>Es ist nicht leicht mit der Freiheit der Kunst. Beim Karikaturenstreit konnte ich nachvollziehen, dass Muslime sich in ihren religi\u00f6sen Gef\u00fchlen verletzt f\u00fchlen. Wenn das Gebot sagt, dass man sich von Gott kein Bildnis machen soll, und dem Propheten wird eine lange Nase verpasst, f\u00fchlen viele sich angegriffen. Wir k\u00f6nnen von einer Kultur, die 500 Jahre j\u00fcnger ist als das Christentum, nicht verlangen: Burka aus, Minirock an, bitte schnell. Ich kenne das aus Afrika: Es gibt Bev\u00f6lkerungsgruppen, die nicht die M\u00f6glichkeit haben, sich bei allen Diskussionen einzumischen, sich dabei autonom abzugrenzen und den eigenen Standpunkt dabei auch wieder zu relativieren.<\/p>\n<p>Jeder Prophet mag es, wenn er Hunderttausenden predigen kann. Wenn nur vier Leute zuh\u00f6ren, ist er bestenfalls ein S\u00e4ulenheiliger. Der Papst will m\u00f6glichst viele erreichen, die Imame auch. Und sie predigen Leuten, von denen viele nicht gleich \u00fcberpr\u00fcfen k\u00f6nnen, was der Papst denn nun wirklich in Regensburg gesagt hat. Ich als Christ muss nicht mehr beichten gehen. Es gen\u00fcgen ein paar Weihwasserspritzer, ich kann relativieren, so viel ich will, das ist selbstverst\u00e4ndlich f\u00fcr uns. Man muss akzeptieren, dass das f\u00fcr Muslime in vielen L\u00e4ndern anders ist. Es geht nicht um Bevormundung oder \u00dcberheblichkeit oder darum, dass wir jetzt auch kein Schweinefleisch mehr essen. Religionen kann man nicht zusammenlegen, wir wissen nicht, wie es unter der Burka aussieht.<\/p>\n<p>Jetzt stellen sich CDU und CSU hin und sagen, die Oper darf nicht abgesetzt werden, es muss alles gezeigt werden, jetzt machen wir richtig Volldampf. Das ist so, wie wenn der Nachbar sagt, mach bitte die Musik leiser, und ich drehe sie erst recht auf, stelle auch noch den Fernseher an und den Radiowecker. Wir wollen doch mal sehen, wem hier die Wohnung geh\u00f6rt. Das ist die falsche Reaktion, die Argumentationskette muss anders laufen: Diskussionsstoff ja, Vermittlung ja, Einf\u00fchlsamkeit ja, aber Mitleid gibt es nicht. Nicht f\u00fcr uns selbst, nicht f\u00fcr andere.<\/p>\n<p>Dass die Oper von St\u00f6rungen unterbrochen wird, danach kann sie sich nur sehnen. Es ist oft gut, wenn sie mal mittendrin Schluss macht, nicht weil gerade Champagner ausgeschenkt wird, sondern weil es um etwas Metaphysisches geht. In meinem Bayreuther \u201eParsifal\u201c haben wir dieses Jahr H\u00f6lderlin ins Arabische \u00fcbersetzt und Klingsor in ein islamisches Reich geschickt, auch bei den Blumenm\u00e4dchen sind im dritten \u201eParsifal\u201c-Jahr Musliminnen dabei. Im Vorfeld waren wir nicht sicher, was Wolfgang Wagner davon h\u00e4lt, aber diese \u00c4nderungen in der Inszenierung wurden im Haus ohne Diskussion akzeptiert. Und der Pf\u00f6rtner des Festspielhauses, ein Moslem, half uns bei den \u00dcbersetzungen.<\/p>\n<p>Bei Wagner geht es um den Ewigen Juden. Jetzt geht es um den Ewigen Moslem. Im zweiten Akt fragt Kundry Parsifal: Hast du \u00fcberhaupt eine Ahnung, was in mir vorgeht, was ich ertragen muss? Du k\u00fcmmerst dich nur um deine Sachen. So stelle ich mir ein Streitgespr\u00e4ch zwischen Jesus und Gott vor oder zwischen Liebenden. Kundry tr\u00e4gt eine schwarze Burka, im dritten Akt nimmt sie Parsifal seine Gew\u00e4nder ab, und er streift ihre Burka ab. Das ist vielleicht Kitsch, aber darum geht es: dass Menschen ihres Auftrags entkleidet werden und einander als Menschen begegnen.<\/p>\n<p>Religion wird immer wichtiger, weil wir Relikte brauchen, Relikte vom Metaphysischen: einen Splitter vom Kreuz oder auch nur den Bierdeckel, auf dem Kardinal Ratzinger mal seinen Humpen abgestellt hat. Die Welt schreit nach Au\u00dferirdischen, nach dem Mehr an Bedeutung, das nicht greifbar ist. Das verteidigen wir, darum streiten wir jetzt.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nChristoph Schlingensief, 45, lebt als Theater- und Opernregisseur in Berlin. 2004 gab er sein Bayreuth-Deb\u00fct mit der Inszenierung von Wagners B\u00fchnenweihfestspiel\u201eParsifal\u201c.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Tagesspiegel vom 27.9.2006 zur Opernabsetzung in Berlin<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Ankunft der Oper in der Gegenwart \/ Christoph Schlingensief zur Opernabsetzung in Berlin<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/155"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=155"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/155\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=155"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=155"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=155"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}