{"id":153,"date":"2006-09-18T19:15:59","date_gmt":"2006-09-18T17:15:59","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=153"},"modified":"2006-09-18T19:15:59","modified_gmt":"2006-09-18T17:15:59","slug":"wie-man-gewis-weis-was-man-sieht-der-standard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=153","title":{"rendered":"WIE MAN GEWI\u00df WEI\u00df, WAS MAN SIEHT (DER STANDARD)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensiefs &#8222;Lady Di&#8220;-Projekt an der Berliner Volksb\u00fchne entwickelt die verbl\u00fcffende Grammatik eines Medienhypes<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Bert Rebhandl<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nWie bekommt man zu fassen, was man doch nicht zu sehen kriegt? &#8222;Kaprow City&#8220; wei\u00df darauf (keine) Antwort.<br \/>\nIm zweiten Kreis der Medienh\u00f6lle sitzen in Christoph Schlingensiefs neuem St\u00fcck Kaprow City die Besucher mit den nicht ganz so teuren Karten: Sie sitzen auf der Hinterb\u00fchne, w\u00e4hrend sich die Drehb\u00fchne vor ihnen dreht, auf der das St\u00fcck sich zutr\u00e4gt, aber auch die Besucher mit den teuren Karten sitzen. Sie d\u00fcrfen im B\u00fchnenbild nicht nur Platz nehmen, sie m\u00fcssen sich auch alle paar Minuten, wenn ein Gong ert\u00f6nt, eine Bretterbude weiterbegeben. Denn so ist dieses St\u00fcck aufgebaut: Es besteht aus kleinen Verschl\u00e4gen, in die gerade einmal sechs Leute und ein Schauspieler (und ein paar Hasen und H\u00fchner) passen. Was da gespielt wird, ist nicht klar erkennbar, weder f\u00fcr die, die drau\u00dfen sitzen, und dem Karussell zusehen, noch f\u00fcr die, die drinnen sind. <\/p>\n<p>Es gibt in Kaprow City n\u00e4mlich noch einen inneren Kreis, das Innere der Drehb\u00fchne, das sich mit einer anderen Geschwindigkeit dreht. Manchmal ist durch einen Spalt auch eine Kleinigkeit vom Inneren zu ersp\u00e4hen: Ein St\u00fcck \u00fcber Prinzessin Diana wird da gegeben, ein Film \u00fcber Lady Di wird gedreht, ein Tabu wird gebrochen. Denn zum Tod von Diana, Princess of Wales, gibt es nur wenige Bilder, und wer mehr sehen m\u00f6chte (das sterbende Unfallopfer etwa), \u00fcberschreitet die Grenze des Zul\u00e4ssigen. Christoph Schlingensief kann diesseits dieser Grenze gar nicht mehr arbeiten, im Gegenteil, diese Grenze ist exakt seine Dom\u00e4ne &#8211; er definiert sie, verletzt sie, heilt sie, aber er \u00fcberschreitet sie nur in den Augen derjenigen, die sich seine St\u00fccke nicht ansehen. <\/p>\n<p>Kaprow City, das an der Volksb\u00fchne in Berlin Premiere hatte, ist seine bisher radikalste Medienanordnung. Das Theater wird in dieser Hommage an den Happening-K\u00fcnstler Allan Kaprow zu einem Randbereich, der das Reale hermetisch umschlie\u00dft, ohne es erreichen zu k\u00f6nnen. Schingensief macht die universale Augenzeugenschaft zum Thema: Man ist heute st\u00e4ndig bei allem dabei, ohne anwesend zu sein. Die Zerstreuung der Rezeption kehrt er in der Volksb\u00fchne um: Es gibt nur belanglose Sachen zu sehen, aber man verh\u00e4lt sich dazu wie die Gl\u00e4ubigen auf einem Kreuzweg, die auch von Station zu Station auf einem Parcours der Passion gehen.<\/p>\n<p>Worauf es ankommt <\/p>\n<p>Heute gibt es kein Ereignis mehr, auf das es ankommt, aber es gibt Ereignisse, die viele Leute seltsam ankommen. Zum Beispiel der Unfalltod einer zugeheirateten Repr\u00e4sentantin der englischen Monarchie. Schlingensief hat in der Schauspielerin Jenny Elvers f\u00fcr die Rolle der Diana eine unerwartete Besetzung gefunden &#8211; sie spielt so, als h\u00e4tte die Prinzessin \u00fcberlebt, w\u00e4re ein wenig gealtert und h\u00e4tte bei der Wahl ihrer M\u00e4nner nach Prince Charles und Dodi Al-Fayed auch weiterhin wenig Gl\u00fcck gehabt. Die Stationen ihres Lebens sind auf der Drehb\u00fchne nachgebaut: der Tunnel in Paris, die Hochzeit in London. Sie gehen aber unter im Medienl\u00e4rm und in R\u00fcckkopplungen auf Bayreuth, in denen Schlingensief sich selbst als Gesamtk\u00fcnstler gegen das eigene Projekt h\u00e4lt.<\/p>\n<p>Kaprow City ist nicht nur ein Theaterst\u00fcck, das den eigenen Ausschluss von sich selbst inszeniert. Es er\u00f6ffnet zugleich einen Wiedereintritt in die Szene: Man muss nur die B\u00fchne verlassen und sich vom B\u00fchnenpersonal in den Zuschauerraum f\u00fchren lassen. Dort l\u00e4uft der Film, der im Inneren gerade gedreht wird &#8211; wenn man Gl\u00fcck hat, dann f\u00fcgen sich die Einstellungen ja zu einem Bio-Pic.<\/p>\n<p>Aber wenn man das sehen will, kann man nicht sehen, was es drinnen zu sehen gibt &#8211; die Blickverhinderung auf das Live-Ereignis. Der Film ist \u00fcbrigens ein Work in Progress. Er wird immer wieder neu geschnitten, und entscheidende Szenen m\u00fcssen erst noch gedreht werden &#8211; on location, in Paris. Weil der Film noch aussteht, gibt es auch kein St\u00fcck, \u00fcber das die Kritiker schreiben k\u00f6nnen. Einen Versuch \u00fcber das Theater aber, der den gro\u00dfen Medienexperimenten der Volksb\u00fchne ebenb\u00fcrtig ist, gab es dann doch zu sehen. <\/p>\n<p>Die Leerstelle Diana \u2013 Schlingensief demn\u00e4chst in Lodon<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief hat sich wieder einmal viel vorgenommen. Kurz nachdem sein bisheriges filmisches Werk in einer elfteiligen DVD-Edition erschienen ist (filmgalerie451.de), will er nun das Leben von Prinzessin Diana verfilmen.<\/p>\n<p>Er hat inzwischen zu viel \u00fcber die Geschichte der bildenden Kunst in den letzten vierzig Jahren nachgelesen, um sich einfach auf Trash-Imagination zu verlassen. Deswegen entwickelt er den Film aus dem Theater heraus, wobei die Premiere schon einmal verschoben worden war.<\/p>\n<p>Der Plan ist, die &#8222;Leerstelle Diana&#8220; mit Inhalten zu f\u00fcllen, mit den Inhalten der Menschen n\u00e4mlich, die sich eine Vorstellung von ihrem Idol machen. Geplant sind aber auch Dreharbeiten an Originalschaupl\u00e4tzen (die im Pariser Ritz schon stattgefunden haben; demn\u00e4chst folgt London).<\/p>\n<p>Die Diana-Darstellerin Jenny Elvers-Elbertzhagen, die eine Zeit lang mit dem Schauspieler Heiner Lauterbach verheiratet gewesen war, war unl\u00e4ngst in Detlev Bucks Sozialdrama Knallhart zu sehen. Das Diana-Projekt von Christoph Schlingensief steht im Zusammenhang einer Trilogie zu &#8222;Transformation, Bilder, Vergessen, \u00dcbermalen und Wiederholen&#8220;.<\/p>\n<p>18.9.2006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensiefs &#8222;Lady Di&#8220;-Projekt an der Berliner Volksb\u00fchne entwickelt die verbl\u00fcffende Grammatik eines Medienhypes<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=153"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/153\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=153"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=153"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=153"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}