{"id":151,"date":"2006-09-18T12:12:53","date_gmt":"2006-09-18T10:12:53","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=151"},"modified":"2006-09-18T12:12:53","modified_gmt":"2006-09-18T10:12:53","slug":"der-kunst-zum-huhn-nd","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=151","title":{"rendered":"DER KUNST ZUM HUHN (ND)"},"content":{"rendered":"<p><strong>\u00bbKaprow City\u00ab von Christoph Schlingensief an der Volksb\u00fchne<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Hans-Dieter Sch\u00fctt<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIch starre das Huhn im K\u00e4fig an, und ich sage mir, dazu m\u00fcsse mir jetzt nichts weiter einfallen, links neben mir sitzt ein Mann, der etwas unbeholfen schaut, so, als fiele ihm leider nicht ein, wie er verhindern k\u00f6nne, immer nur ein Huhn anstarren zu m\u00fcssen, rechts neben mir sitzt auch ein Mann \u2013 zu dem mir nur einf\u00e4llt, dass er so starrt wie das Huhn, irgendwie sitzen wir auch in einem K\u00e4fig, aber auf B\u00e4nken, nicht auf Stangen, der Mensch ist eben doch kein Huhn. Der Gedanke beruhigt, es ist mein erster an diesem Abend, dann kommt lange Zeit keiner, aber die Welt dreht sich, auf Rollen, auf R\u00e4dern, R\u00e4der m\u00fcssen schlingen f\u00fcr den Sief, die kleine englische K\u00f6nigin tr\u00e4gt wei\u00dfe Handschuhe und formt W\u00fcrstchen aus Knete, kackbr\u00e4unliche Knete, keine bunte, der Schauspieler Bernhard Sch\u00fctz kotzt, Andy Warhol \u00f6ffnet den Mund und schreit, ein Penis steht &#8211; aber nur in einer Ecke, die Planen, zwischen denen wir hocken, sind rot beschmiert, Richard Wagner tr\u00e4gt am Arm ein Hakenkreuz, eine Frau sitzt in einer Kapsel, von der man nicht wei\u00df, ob sie zum Tauchen oder Betonmischen besser geeignet sei, sie (die Frau!) quetscht Saft aus Zitronen, sp\u00e4ter riecht es nach Apfelsinen, aha, die haben anderen Saft als Zitronen, die Welt ist immer wieder eine \u00dcberraschung, auf einem KZ-Wachturm sitzt eine Babypuppe, einer sieht aus wie Johannes Heesters und lacht, als tr\u00fcge er die zw\u00f6lften Z\u00e4hne, in das Lachen hinein passen zwei Zahnb\u00fcrsten, die je von einem Assistenten hin- und herbewegt werden, es riecht nach Zahnpasta, von der Decke h\u00e4ngen Zeitungsfetzen, die Strombehandlungen h\u00e4tten sie fertig gemacht, schreit eine Frau. Schizophren, steht auf einem Plakat aus Schrift- und Zeichenwirrwarr, das Normale ist heute das Wichtige, ruft Christoph Schlingensief, der wirklich Christoph Schlingensief ist, w\u00e4hrend Lady Di Jenny Elvers ist, mach doch Schluss mit deinem Leben, kr\u00e4ht eine Frau, wer ist da gemeint, es kann nicht die Frau mit den Zitronen gemeint sein, die ist noch nicht fertig mit Zitronensaft machen, Zitronen ausquetschen hat Sinn, vielleicht mehr, als Menschen ausquetschen, aber das w\u00e4re jetzt ein Gedanke, und den wollen wir doch vermeiden, das Huhn macht sich schlie\u00dflich auch keine Gedanken, auch nicht den, warum wir es unbedingt anstarren m\u00fcssen, starren wir lieber Dodi an, den wir aus dem Tunnel kennen, in dem Lady Di starb, Dodi kaut Kartoffelchips, auf dem Monitor rasen Spielzeugautos eine Spielzeugautobahn entlang, Hitler br\u00fcllt \u00bbParteitag!\u00ab, Vorsicht beim vielen Starren, da steht eine Sch\u00fcssel mit Blut, es ist hei\u00df, es ist eng, es ist dunkel, es wird hell, aber es bleibt hei\u00df, es wird laut, aber es bleibt eng, und da ist pl\u00f6tzlich wieder der Mann, der neben mir sa\u00df, ach guck an, denke ich, das Huhn, und dann sehe ich den Kultursenator, schade, nicht beim Huhn, ich h\u00e4tte ihn gern starren sehen, er sieht nicht aus, als spiele er hier mit, eher so, als w\u00fcrde ihm mitgespielt, drei Kaninchen hocken am Boden und wissen nicht, dass man ganz leicht zum verfaulenden Hasen werden kann, der es tot bis nach Bayreuth schafft, eine Frau zitiert Goethe, vom Eise befreit, aber nur kurz, denn in Bayreuth war es auch sch\u00f6n, so ein Schwachsinn alles, so wunderbar irr alles, so langweilig, so peinlich, dass man mitmacht, so toll intellektuell, wie man hier mittut, als ob (Schei\u00dfhuhn!, ein Hohn!), wie nur kriegt man einen Kronleuchter in die Pappzimmerdecke, Bernhard Sch\u00fctz, der kurz mal mit Kotzen aufgeh\u00f6rt hat, zeigt es uns, Hans Brecht hat mich gequ\u00e4lt, ruft jetzt die Frau mit der Strombehandlung, Lady Di sitzt auf einem gepressten Autoblechw\u00fcrfel, die arg besch\u00e4digten K\u00f6pfe von Saddam Husseins toten S\u00f6hnen sehen nicht wirklich gut aus, Werner Brecht aber, schreit jetzt die Frau, war der liebste Mensch, den man sich vorstellen konnte. Ich bin drin, und ich will raus, aber ich bleib drin, immer mehr dr\u00e4ngen herein, die Zitronenfrau im Betonmischer hat es gut, die hat Platz, die wird nicht gequetscht wie wir, als seien wir Zitronen in diesem Saftladen. <\/p>\n<p>Nein, kein Saftladen, \u00bbKaprow City\u00ab an der Berliner Volksb\u00fchne, eine begehbare Installation von Christoph Schlingensief, benannt nach dem US-Vater des Happenings, der im April starb. Ein Teil Zuschauer sitzt im Saal, schaut die Szene als Film; ein weiterer Teil Publikum sitzt auf B\u00e4nken hinten an der Wand des B\u00fchnen-Rundhorizonts \u2013 und schaut in ein sich drehendes Karrussell aus zahlreichen kleinen Boxen, in denen ein weiterer Teil des Publikums sitzt. T\u00f6nt ein Gong, wechseln die Leute die Kabinen (das Huhn bleibt, wo es ist; und die Kabinen sind wie Schleusen, Gehirng\u00e4nge, also: viel M\u00fcll, Dreck). Musik, Schrei, Schrift, Utensilien, huschende Menschen, Tiere, Monitore, Durcheinander. Wirrwarr, so wirr wie wahr. <\/p>\n<p>Aus Kaprow City entkommen, angekommen daheim, in Berlin City, ist mir pl\u00f6tzlich, als habe meine Frau soeben gesagt: Starr nicht so wie ein Huhn! Also doch: Kunst ver\u00e4ndert den Menschen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nN\u00e4chste Auff\u00fchrung: 1. Oktober<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>\u00bbKaprow City\u00ab von Christoph Schlingensief an der Volksb\u00fchne<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=151"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/151\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=151"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=151"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=151"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}