{"id":15,"date":"2005-08-14T17:34:39","date_gmt":"2005-08-14T15:34:39","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=15"},"modified":"2005-08-14T17:34:39","modified_gmt":"2005-08-14T15:34:39","slug":"stoiber-konnte-von-schlingensief-lernen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=15","title":{"rendered":"Stoiber k\u00f6nnte von Schlingensief lernen"},"content":{"rendered":"<p><em>Aus der Berliner Morgenpost. Von Eckhard Fuhr<\/em><\/p>\n<p>Diese Woche habe ich Christoph Schlingensief besucht. Man mu\u00df im tiefsten Brandenburg tief in den Wald, um ihn zu finden. In einem verlassenen Bunker des fast verlassenen Flughafens Neuhardenberg, wo er an &#8222;Odins Parsipark&#8220; arbeitet, klappte er seinen Laptop auf und zeigte mir das Video von dem verwesenden Hasen, der im Finale seiner Bayreuther &#8222;Parsifal&#8220;-Inszenierung Erl\u00f6sung verhei\u00dft.<br \/>\nClick here to find out more!<\/p>\n<p>Der Hase ist voller Leben. Erst lassen Gase seinen Leib pulsieren, dann umschwirren ihn immer mehr Fliegen, aus deren Eiern bald Maden kriechen. Irgendwann \u00f6ffnet sich der Hasenleib, w\u00e4hrend Wagners Musik in Sch\u00f6nheit erstirbt. Schlingensiefs Truppe i\u00dft derweil Spinat und Spiegeleier. Auch wer an einer &#8222;ur-animatographischen Installation mit sechs Aktionen&#8220; arbeitet, hat das Anrecht auf eine warme Mahlzeit. Ein kleines Kind im Spiderman-Kost\u00fcm schwebt durchs Geh\u00f6lz. So geht es zu im proletarisierten Osten.<\/p>\n<p>Wir wollten \u00fcber Religion sprechen, weil der Papst demn\u00e4chst nach K\u00f6ln kommt. Schlingensief sprach viel von seiner Mama und seinem Papa. Er ist ein guter Sohn, der seinen Eltern Freude machen will. Sein theatralisches Handwerk hat er als Me\u00dfdiener gelernt. In der G\u00f6tterwelt kennt er sich ziemlich gut aus, vor allem in der nordischen. Es ist nicht verkehrt, wenn man in Brandenburg den Himmel offenh\u00e4lt. Hasen kommen dort wieder h\u00e4ufiger vor, nachdem sie fast ausgestorben waren. Sie sind ein Zeichen der Hoffnung. Der Hase ist eine Bereicherung der weiten m\u00e4rkischen Fluren, obwohl man ihn wegen seiner Promiskuit\u00e4t, seiner Naschhaftigkeit und seines Hangs, allen Herausforderungen hakenschlagend aus dem Wege zu gehen, keineswegs als b\u00fcrgerliches Tier betrachten kann. Aber wann war Brandenburg je b\u00fcrgerlich?<\/p>\n<p>Das B\u00fcrgerlichste an Brandenburg ist zur Zeit wahrscheinlich Christoph Schlingensief. Er geht keiner Herausforderung aus dem Weg und k\u00fcmmert sich um seine Familie, zu der eine Menge Freaks geh\u00f6ren, die bei ihm menschliche W\u00e4rme und Besch\u00e4ftigung finden. Au\u00dferdem sp\u00fcrt man in seinem Bunker die innere Einheit, obwohl man nicht \u00fcberrascht w\u00e4re, wenn aus dem Geb\u00fcsch des Flugplatzes versprengte NVA-Offiziere hervorspr\u00e4ngen, die von der Aufl\u00f6sung ihrer Truppe noch nichts geh\u00f6rt haben. Schlingensief kn\u00fcpft F\u00e4den zwischen Neuhardenberg, Bayreuth und K\u00f6ln, k\u00fcnstlerisch-spirituelle und mythologische jedenfalls.<\/p>\n<p>Edmund Stoiber hat rechtzeitig zum Jahrestag des Mauerbaus eine Debatte dar\u00fcber losgetreten, ob die frustrierten Ostdeutschen zuviel politischen Einflu\u00df haben. Stoiber scheint einfach die Nase voll zu haben vom Osten. In einem Sommerinterview, das er in Meersburg am Bodensee gab, zeigte er das durch das blaue Polohemd mit dem gr\u00fcnen Krokodil-Emblem, das er trug. Es ist so BRD-typisch, wie die Stonewashed-Jeans im Wendeherbst 1989 DDR-typisch waren. In diesem blauen Marken-Polohemd dr\u00fcckt sich die Sehnsucht des Wessis nach dem Status quo ante aus. Wahrscheinlich lag es seit den fr\u00fchen Achtzigern in Cellophan verpackt bei Stoibers in der hintersten Ecke des Kleiderschranks. Man wirft ja nichts weg. Vielleicht sollten Stoiber und Schlingensief einmal miteinander reden. Sie kennen sich ja aus Bayreuth.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Aus der Berliner Morgenpost. Von Eckhard Fuhr Diese Woche habe ich Christoph Schlingensief besucht. Man mu\u00df im tiefsten Brandenburg tief in den Wald, um ihn zu finden. 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