{"id":149,"date":"2006-09-17T11:54:35","date_gmt":"2006-09-17T09:54:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=149"},"modified":"2006-09-17T11:54:35","modified_gmt":"2006-09-17T09:54:35","slug":"im-kampf-um-wirrnis-taz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=149","title":{"rendered":"IM KAMPF UM WIRRNIS (TAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wie sich Un\u00fcbersichtlichkeit als Gl\u00fcck begreifen l\u00e4sst: Christoph Schlingensief k\u00fcndigt 18 Happenings pro Sekunde an und l\u00e4sst in Berlin acht Theaterverrichtungsboxen um Lady Di kreisen &#8211; &#8222;Kaprow City&#8220;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Dirk Knipphals<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nChristoph Schlingensief ist ein Recyclingfachmann unter den deutschen Theaterschaffenden.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nIn seiner Installation &#8222;Kaprow City&#8220;, die gerade an der Berliner Volksb\u00fchne er\u00f6ffnet wurde, sieht man inmitten all des Plunders und M\u00fclls, der herumliegt, inmitten all der Bilder und Zeichen, die auf jede Wand gemalt sind, auch Richard Wagner (Hinweis auf Schlingensiefs Bayreuth-Inszenierung) sowie Fotos von einem milit\u00e4rischen Flugplatz (\u00fcbriggeblieben von einer Performance bei Neuhardenberg). Eine \u00c4sthetik des Ansammelns und Ansaugens: alles mitnehmen, was man schon mal gemacht hat, nichts verlorengeben, und immer auf der Suche, was man neu noch dazutun k\u00f6nnte. Die Spannung bei jeder neuen Performance liegt auch darin, zu gucken, wann dieses Paralleluniversum denn nun mal platzt. Irgendwann wird der Mann doch wieder loslassen m\u00fcssen!<\/p>\n<p>Aber es ist bislang immer noch so, dass Schlingensief Wege findet, mehr und mehr in seine Theaterarbeiten hineinzupacken. Im Grunde soll es diesmal um Lady Di gehen. Sie ist das Neue, das Schlingensief in sein Werk hinzutut &#8211; zu den Kaninchen und den K\u00f6rperbildern, zu seinem Referenzsystem an Gr\u00f6\u00dfen wie Beuys und Kubrick, Alexander Kluge und Allan Kaprow (der dieses Jahr verstorbene Erfinder des Begriffs Happening, dem der Abend gewidmet ist).<\/p>\n<p>Ausufernd assoziiert sich die Inszenierung also rund um den Popmythos der britischen Prinzessin herum. In einer Endlosschleife l\u00e4uft ein Video vom Autotunnel, in dem sie starb, ein Schauspieler tritt mit k\u00fcnstlichen Segelohren als Prince Charles auf, Mutter-T\u00f6chter-Verh\u00e4ltnisse werden in vielen Varianten beredet; solche Sachen. Mindestens ebenso sehr geht es aber auch um das Experiment einer \u00dcberforderung: &#8222;18 Happenings in einer Sekunde&#8220; hat Schlingensief angek\u00fcndigt. Und dabei erw\u00e4hnte er noch nicht mal, dass das Geschehen gleichzeitig auch noch gefilmt und zu einem Video verarbeitet wird. Es ist schon ein ziemliches Gewusel.<\/p>\n<p>Ein Gewusel mit Programm. &#8222;Kein Zuschauer sieht alles&#8220;, ruft Schlingensief, bevor es losgeht. Das stimmt. Ein Teil des Publikums sitzt in acht im Ring angeordneten kleinen R\u00e4umen, die st\u00e4ndig auf der Drehb\u00fchne um ein helles Zentrum kreisen: eine Mischung aus Installationen und Theaterverrichtungsboxen, in denen die Performances stattfinden. Ein zweiter Teil sitzt auf B\u00e4nken und schaut sich die kreisenden Boxen von au\u00dfen an. Und ein dritter Teil sitzt im Theatersaal, wohin die live aufgenommenen Videobilder \u00fcbertragen werden. Man kann gar nicht \u00fcberall gleichzeitig sein.<\/p>\n<p>Nur Christoph Schlingensief selbst sah man w\u00e4hrend der Premiere immer und \u00fcberall. Als man zuf\u00e4llig neben Thomas Flierl, dem Berliner Kultursenator, zu sitzen kam, sprang Schlingensief auf die Drehb\u00fchne, um der Prominenz stolz zu erz\u00e4hlen, dass die Londoner Times wutentbrannt \u00fcber ihn berichten w\u00fcrde; irgendetwas mit einer Queen, die den Hitlergru\u00df machen soll, haben die britischen Korrespondenten wohl missverstanden. Gleich danach sah man ihn, wie er einer kleinw\u00fcchsigen Schauspielerin, die als britische Queen auftrat, das Gr\u00fc\u00dfen des Volkes vormachte. Zehntelsekunden sp\u00e4ter debattierte Schlingensief mit den Tontechnikern. Ein Mann, wieder einmal mitten drin im Kampf der Wirrnis und der Ordnung, jemand, der Un\u00fcbersichtlichkeit als Gl\u00fcck begreift.<\/p>\n<p>Man kann sagen: In den Boxen sitzend, hatte man den Eindruck, immer nah dran am Geschehen zu sein, daf\u00fcr fehlte der \u00dcberblick; im Saal dagegen war man zu weit weg, konnte daf\u00fcr einen Eindruck vom Ganzen erhaschen. So wurde an diesem Abend das Gef\u00fchl zentral, gerade andernorts etwas Wichtiges verpasst zu haben. Am Schluss sah man dann einen Mitwirkenden mit einem roten Wollkn\u00e4uel in der Hand, der behauptete, das sei jetzt der rote Faden des St\u00fccks. Das stimmte aber wahrscheinlich gar nicht. W\u00e4re nat\u00fcrlich auch zu einfach gewesen.<\/p>\n<p>Etwas hat man bei alledem zu viel verpasst: Von Jenny Elvers-Elbertzhagen als Lady Di h\u00e4tte man gern mehr gesehen. Immer war sie woanders als man selbst. Aber Chancen, sie zu treffen, bestehen ja noch, in einer der n\u00e4chsten Schlingensief-Performances. Bestimmt recycelt er dabei auch etwas aus dieser Arbeit.<br \/>\n <img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n16.9.2006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wie sich Un\u00fcbersichtlichkeit als Gl\u00fcck begreifen l\u00e4sst: Christoph Schlingensief k\u00fcndigt 18 Happenings pro Sekunde an und l\u00e4sst in Berlin acht Theaterverrichtungsboxen um Lady Di kreisen &#8211; &#8222;Kaprow City&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=149"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/149\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=149"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=149"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=149"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}