{"id":143,"date":"2006-09-14T22:07:23","date_gmt":"2006-09-14T20:07:23","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=143"},"modified":"2006-09-14T22:07:23","modified_gmt":"2006-09-14T20:07:23","slug":"in-der-wundertrommel-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=143","title":{"rendered":"IN DER WUNDERTROMMEL (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Karussellfahrt: Schlingensiefs \u201eKaprow City\u201c in der Berliner Volksb\u00fchne<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Jan Oberl\u00e4nder<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSchon schlau, der Schlingensief. Dr\u00fcckt die deutschen Boulevardkn\u00f6pfe (\u201eJenny Elvers spielt sterbende Prinzessin Di!\u201c), kitzelt britische Sensibilit\u00e4ten (\u201eGerman play shows Queen as a Nazi!\u201c) und bekommt so maximale Aufmerksamkeit f\u00fcr sein neues Volksb\u00fchnen-Happening. Und er kann zur Premiere von \u201eKaprow City\u201c ein paar sch\u00f6ne gro\u00dfe Skandalartikel auf ein Leinwandkarree mitten im Zuschauerraum projizieren. Willkommen im Meta!<\/p>\n<p>Die Ebenen verwischen schon beim Betreten des B\u00fchnenraums, was den Zuschauer nicht sonderlich \u00fcberrascht. Auch nicht, dass ein Teil des Publikums hinter die B\u00fchne zu Schlingensiefs \u201eAnimatograph\u201c gef\u00fchrt wird: eine begehbare Drehb\u00fchne, deren wechselnde Aufbauten und Filmprojektionen schon in Island und Namibia, in Neuhardenberg, Wien und Leipzig zu sehen waren. Das intermediale Gesamtkunstwerk steht unter dem Motto: \u201eDer Raum \u00fcberpr\u00fcft uns.\u201c Was verstiegen klingt, bedeutet vor allem eine Herausforderung an die Zuschauer. Nachdem das Backstage-Publikum entweder auf St\u00fchlen entlang der halbrunden R\u00fcckwand oder direkt auf der Drehb\u00fchne Platz genommen hat, beginnt die Fahrt in einem so trashigen wie tiefgr\u00fcndigen Assoziationskettenkarussell.<\/p>\n<p>An R\u00fcckwandpl\u00e4tzen zieht langsam die Au\u00dfenseite des Karussells vorbei. Man sieht Gekritzel, Palmen und Plastikblumen, Wagner mit Hakenkreuz-Armbinde, mannsgro\u00dfe Schwanzgrafittis. Da ist Haus Wahnfried, das Hotel Ritz in Paris und der \u201ePrincess Tunnel\u201c, Lady Dis Todesort. Das Autowrack raucht noch, ein b\u00e4rtiger Dodi sitzt auf dem Fahrersitz und mampft Kartoffelchips. \u00dcberall flimmern Monitore, Techniker fummeln an ihren Ger\u00e4ten. Viel mehr ist von au\u00dfen nicht zu erkennen, aber der Regisseur hatte eingangs erkl\u00e4rt: \u201eKein Zuschauer sieht alles.\u201c<\/p>\n<p>Diese programmatische Aussage bezieht sich vor allem auf die Dreiteilung des Publikums. Denn im Saal auf den roten Samtsitzen sieht man nur eine Leinwand, darauf eine in Echtzeit zusammengeschnittene Live-\u00dcbertragung aus dem Inneren des Animatographen. Von diesem \u201eSkandal-Film\u201c (\u201eBild\u201c) sieht man hinter dem eisernen B\u00fchnenvorhang nichts, viel eher ist man ja Teil davon.<\/p>\n<p>Irgendwann verl\u00e4sst man seinen Randplatz und springt auf. Das machen viele so, bald wird es eng in den G\u00e4ngen des Karussells. \u201eHorch, was kommt von drau\u00dfen rein\u201c \u2013 mit Wandergitarrenbegleitung. Immer wieder von Gongschl\u00e4gen zum Raumwechsel aufgefordert, erforscht man Schlingensiefs Rumpelkammer. \u00dcberall Bedeutung. \u00dcberall Erde, Farbe, M\u00fcll und Licht. Und L\u00e4rm: Gebrabbel, Kotzger\u00e4usche, Verzweiflungsschreie, Reifenquietschen. (Will da jemand aussteigen?). So wird Verstehensarbeit zur nervenaufreibenden Grenzerfahrung: Man dreht sich mit, fragt sich nach zwei Stunden Reiz\u00fcberflutung, was das jetzt eigentlich war. Aber darum geht es dem Meister schlie\u00dflich: Man soll das Chaos annehmen.<\/p>\n<p>Also los: Die kleinw\u00fcchsige Queen knetet Hakenkreuz-Pl\u00e4tzchen, Charles tr\u00e4gt riesige Plastikohren. Zerkn\u00fcllte Zeitungen h\u00e4ngen von der Decke, aha, das Mediensystem. Ein Darsteller im gelben Pl\u00fcschsternkost\u00fcm umarmt die Mitfahrenden: der Star zum Anfassen. Durch einen farbverschmierten Plastikvorhang sieht man Diana beim Todtraurigsein zu. Jenny Elvers-Elbertzhagen ist eine passende Diana: genauso Medienfigur, genauso verzerrt wahrgenommen. Die Rolle adelt sie. Ein anderer Raum ist tapeziert mit Farbfotokopien von zerfetzen K\u00f6rpern, man erkennt die aufgeplatzten K\u00f6pfe von Udai und Kusai Hussein. Wie wird man eigentlich ber\u00fchmt? Adolf Hitler br\u00fcllt \u201eParteitag!\u201c, Andy Warhol ruft \u201ePop!\u201c, und eine Mickymaus schwenkt die Ohren.<\/p>\n<p>Schlingensief \u00fcbernimmt nicht erst mit seinem Diana-Projekt die Happening-Idee des New Yorker K\u00fcnstlers Allan Kaprow, dessen \u201e18 Happenings in 6 Parts\u201c immer wieder zitiert werden. Wie Kaprow will Schlingensief seinem Publikum ein Erfahrungsangebot machen, indem er den Alltag neu zusammensetzt. Nur dass er eins drauflegt, indem er es mit einer wild zusammengeschnittenen Hyperrealit\u00e4t konfrontiert. Schlingensief macht seine neue Arbeit aber auch zum \u201eCenter of royal Biography\u201c. Hier recycelt er seine eigene Kunstbiografie: ein Becken mit Drachenblut, ein toter Beuys-Hase, Dutzende von Filmplakaten. Manchmal bleibt die \u201eWundertrommel\u201c stehen, igendwann wechselt sie die Drehrichtung. Am Ende hei\u00dft es: \u201eSchlagt die W\u00e4nde ein!\u201c. Zwischen den R\u00e4umen splittern die Sperrholzplatten.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n14.9.2006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Karussellfahrt: Schlingensiefs \u201eKaprow City\u201c in der Berliner Volksb\u00fchne<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=143"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/143\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=143"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=143"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=143"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}