{"id":142,"date":"2006-09-14T16:20:24","date_gmt":"2006-09-14T14:20:24","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=142"},"modified":"2006-09-14T16:20:24","modified_gmt":"2006-09-14T14:20:24","slug":"lady-di-im-blicke-knast-spiegel-online","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=142","title":{"rendered":"LADY DI IM BLICKE-KNAST (SPIEGEL ONLINE)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensiefs neues St\u00fcck setzt auf Spekulation, nicht Provokation<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Katrin Bettina M\u00fcller<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nJenny Elvers spielt Lady Di &#8211; klar, dass es schon im Vorfeld Theater gab. Das englische K\u00f6nigshaus lie\u00df &#8222;Kaprow City&#8220; aber nicht verbieten. Warum auch: Christoph Schlingensiefs neues St\u00fcck setzt auf Spekulation, nicht Provokation.<\/p>\n<p>Man traut ihm inzwischen einiges zu &#8211; am Ende sogar die Zertr\u00fcmmerung des Theaters und dessen vollst\u00e4ndige Ersetzung durch den Skandal. Christoph Schlingensief hat sich diesen Ruf eingehandelt, weil seinen St\u00fccken und Installationen stets vollmundige Ank\u00fcndigungen vorausgehen. Auch &#8222;Kaprow City&#8220; war f\u00fcr aufregende Vorabmeldungen gut: zum Beispiel, dass die blonde Schauspielerin Jenny Elvers f\u00fcr die Rolle der Lady Di gecastet wurde; dass ein Film gedreht wird und dass, alarmierte &#8222;Bild&#8220; , Mitglieder des englischen K\u00f6nigshauses &#8222;Schlingensiefs Diana-St\u00fcck verbieten&#8220;. Perfekte Vorarbeit des Boulevard: Einen besseren Presseagenten k\u00f6nnte Schlingensief gar nicht haben.<\/p>\n<p>&#8222;Kaprow City&#8220;-B\u00fchnenraum (Ausschnitt): Deutungsangebote en masse<br \/>\nMan ahnt es schon: Auf dieser Klaviatur des Sensationellen spielt &#8222;Kaprow City&#8220;, seit gestern in der Volksb\u00fchne zu sehen, weiter. Allerdings geht es in dieser Installation, die wie ein Karussell aus vielen geheimen Kammern auf einer Drehb\u00fchne aufgebaut ist, zwar um das Spektakel und seine Inszenierung, aber skandal\u00f6s ist das alles nicht.<\/p>\n<p>Ein kritisches Res\u00fcmee k\u00f6nnte lauten: Es geht um das Making-of der \u00f6ffentlichen Aufregung, um die Reflektion der gelenkten Blicke, um das Spiel mit gesteuerten Sehns\u00fcchten. Aber bis man zu so einem Schluss kommen kann, braucht es Abstand und Zeit. Denn als Besucher von &#8222;Kaprow City&#8220; f\u00fchlt man sich erst einmal um alles betrogen: die Bilder, das Theater, Lady Di &#8211; wo ist das alles hin? Wie ein Zaungast, der stets an den Rand des gesellschaftlich Relevanten gedr\u00e4ngt wird, leidet man unter dem Gef\u00fchl, das Eigentliche zu verpassen.<\/p>\n<p><strong>Weg da!<\/strong><\/p>\n<p>&#8222;Die Gedanken verschwinden, wie die Wurst im Spinde&#8220;, ist einer der S\u00e4tze, die man aufschnappt. Das passt. Das Verschwinden funktioniert hier schneller als das Auftauchen. Zum Beispiel sind die \u00fcber 20 Darsteller, unter ihnen viele Schlingensief-Veteranen, die er dem Publikum am Anfang vorstellt, in den un\u00fcbersichtlichten Kammern des gro\u00dfen Karussells verschwunden. Auch ein Teil der Zuschauer wird von dieser geheimnisvollen Maschine verschluckt. Andere sitzen vor einem eisernen Vorhang und sehen die Bilder, die irgendwo im Inneren dieses kreiselnden Studios gedreht werden.<\/p>\n<p>Eine dritte Gruppe von Besuchern muss hinter der Installation Platz nehmen, am sogenannten &#8222;Horizont&#8220;. Da hat man Zeit, die H\u00fclle von &#8222;Kaprow City&#8220;, die Au\u00dfenseite der Installation zu studieren, die mit Bildern und Texten bemalt und beschrieben ist. Totensch\u00e4del, Wasserspeier, Mumien- und Unfallgesichter ziehen vorbei; aha, hier kommt der &#8222;Prinzessinen-Tunnel&#8220;. Innen steht ein Bett, mit Reifen und Mercedesstern zum Bild eines Autos umgebaut.<\/p>\n<p>Vorne am Bettgestell, pardon, an der K\u00fchlerhaube, h\u00e4ngt ein Kranz. Das sei eine Troph\u00e4e aus einem Wettrennen, erz\u00e4hlt sp\u00e4ter, wenn man endlich die Installation selbst betreten hat, ein im Bett liegender Darsteller. Aber praktisch, so ein Kranz; den kann man auch gleich zur Beerdigung als Trauerkranz mitnehmen. Wettrennen im Tunnel, Verfolgung durch die Papparazzi, Unfall: So kommt man langsam dem Verfahren auf die Spur. <\/p>\n<p><strong>Sieh an, unsere Idole<\/strong><\/p>\n<p>Die vielen zuger\u00fcmpelten Kabinette auf der unabl\u00e4ssig kreisenden Drehb\u00fchne sind ebenso Schauplatz wie Requisitenkammer und mit oder ohne Darsteller bereits ein Bild voller Deutungsangebote. Eine archaische Venus, wie aus Brotteig gebacken, liegt hinter einem Vorhang: ein Hinweis ganz sicher auf das Verschlingende und Verzehrende der Liebe, gerade auch zu \u00f6ffentlichen Personen. Man schaut sie an und bekommt von irgendwo einen BBC-Ton zugespielt, die Nachricht vom Unfall und Tod der Prinzessin Di. <\/p>\n<p>Lief hier nicht eben noch die Figur einer Queen vorbei, dargestellt von einer zwergenhaft kleinen Schauspielerin, die man immer wieder irgendwo etwas hacken, r\u00fchren, kochen sieht? Da st\u00f6\u00dft man auf eine Szene wie im M\u00e4rchen: Eine Frau im gr\u00fcnen Kleid kniet in einer Spielzeuglandschaft und klagt, weil sie Angst hat, ihren Bruder zu verlieren. Man muss sich b\u00fccken, um die Szene zu beobachten, durch ein Loch, das jemand in die Wand getreten hat. Die Schl\u00fcssellochposition eines Voyeurs, gewiss. Aber der Hunger nach dem Leben der anderen wird hier nicht mit Verachtung gestraft. Nein, in dieser Riesenmischmaschine f\u00fcr Skandal, Boulevard, Naivit\u00e4t und Sehnsucht erh\u00e4lt das Teilnehmenwollen am Leben und Lieben von Stars etwas von Unschuld zur\u00fcck.<\/p>\n<p><strong>Der Mitmach-Kunst-Knast<\/strong><\/p>\n<p>Und Jenny Elvers? Ist das die, die da gerade in einer Ecke lesend sa\u00df im letzten Kabinett? Auf einem Monitor ist ein Filmausschnitt zu sehen, und da ist sie die schon gestorbene Prinzessin. Eine \u00e4ltere Frau beugt sich \u00fcber sie und klagt: &#8222;Deine Sch\u00f6nheit vergeht nicht, aber meine ist schon vergangen.&#8220; Und sie erz\u00e4hlt, wie sie ihren K\u00f6rper verkaufen musste und die M\u00e4nner sie ausgenutzt haben. Sie erz\u00e4hlt das ziemlich b\u00f6se, so als w\u00e4re die Mimin der Toten schuld an ihrem Ungl\u00fcck. Von wegen, K\u00f6nigin der Herzen. Neid spielt auch eine Rolle.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief vertraut seinen Zuschauern, die werden schon gutwillig sein und mitdenken. Diese famili\u00e4re Vermengung vom Innen und Au\u00dfen der Kunst macht einen gro\u00dfen Teil des Charmes von &#8222;Kaprow City&#8220; aus. In Zeiten, wo die Angst vor Arbeitslosigkeit hartn\u00e4ckig in den K\u00f6pfen sitzt, sei man doch froh, wenigstens in Kunstaktionen etwas zu tun zu bekommen, erkl\u00e4rt der Regisseur im Interview.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich ist &#8222;Kaprow City&#8220;, benannt nach Allan Kaprow, einem der ersten K\u00fcnstler, der aus Betrachtern Beteiligte machen wollte, auch eine gigantische Arbeitsimulationsmaschine. Oder einem \u00dcberwachungsapparat: In der kreisf\u00f6rmigen Anordnung seiner Zellen gleicht die Anlage einem Gef\u00e4ngnis. Die W\u00e4chter sind wir, Stellvertreter des \u00f6ffentlichen Blicks. Die Gefangenen, das sind die Schauspieler und ihre Rollen, Jenny Elvers und Lady Di.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n14.9.2006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensiefs neues St\u00fcck setzt auf Spekulation, nicht Provokation<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/142"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=142"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/142\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=142"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=142"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=142"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}