{"id":140,"date":"2006-09-14T13:43:35","date_gmt":"2006-09-14T11:43:35","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=140"},"modified":"2006-09-14T13:43:35","modified_gmt":"2006-09-14T11:43:35","slug":"zitronen-blut-und-kaninchen-focus","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=140","title":{"rendered":"ZITRONEN, BLUT UND KANINCHEN (FOCUS)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bei der Premiere seines St\u00fccks \u201eKaprow City\u201c in Berlin st\u00fcrzte Regisseur Christoph Schlingensief die Zuschauer erwartungsgem\u00e4\u00df in Verwirrung<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon N.N.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nHat die kleinw\u00fcchsige Queen in Christoph Schlingensiefs schrillem Spektakel \u00fcber die letzten Stunden im Leben von Lady Diana ihre Hand zum Hitlergru\u00df erhoben? Was vorab zum Skandal aufgebauscht wurde, entpuppt sich inmitten der schrillen Szenerie von \u201eKaprow City\u201c als belangloses Detail. Tats\u00e4chlich sind auf einem der unz\u00e4hligen Videobildschirme Diana-Look-a-likes in BDM-Pose, davor die grau ondulierte K\u00f6nigin mit Kr\u00f6nchen, alle mit erhobenen Armen zu sehen. <\/p>\n<p><strong>Skurril und trivial<\/strong><\/p>\n<p>Es ist nur eine von vielen skurrilen, oft unverst\u00e4ndlichen Szenen und trivialen Handlungen, die 90 Minuten lang inmitten einer kruden Kulisse von Plastikplanen, Pappm\u00f6beln, Blutspritzern, Kaninchenst\u00e4llen und Autowracks ablaufen. Alle paar Minuten fordern die Platzanweiser zum Wechseln und Weitergehen auf. <\/p>\n<p><strong>Karnickel treffen Dracula<\/strong><\/p>\n<p>Mal nimmt man im Wagner-Abteil Platz, mal darf ein keifendes Paar beobachtet werden, mal sitzt man vor drei rot\u00e4ugigen Kaninchen und ein wei\u00df geschminkter Dracula huscht vorbei, zum Schluss pr\u00e4sentiert ein Fahrer im Oberkellner-Gewand stolz das Rudiment eines Trabis. Ein leerer K\u00e4fig h\u00e4ngt an der Wand, der Vogel ist entflogen. Dazu laufen die BBC-Nachrichten \u00fcber Lady Di\u00b4s Tod. Die Zuschauer wohnen dem Event auf B\u00e4nken inmitten der Szenerie bei, die sich wie ein Karussell dreht.<\/p>\n<p><strong>Anspielungen auf Dianas Essst\u00f6rungen<\/strong><\/p>\n<p>\u201ePatty muss abspecken \u2013 mit Orangen und Zitronen\u201c, so f\u00e4ngt der Reigen an. Unfl\u00e4tig kreischt eine Stimme, dazu sind Laute von Erbrechen zu h\u00f6ren, beides wohl Anspielungen auf die Essst\u00f6rungen der 1997 bei einem Autounfall in Paris umgekommenen Prinzessin der Herzen. Ein Prinz Charles mit aufgeklebten Segelohren rast durch das chaotische Ambiente. Schauspielerin Jenny Elvers-Elbertzhagen, die zuletzt durch ihre Leistung in dem Kinofilm \u201eKnallhart\u201c beeindruckte, zeigt banale kleine Szenen aus dem Leben Dianas.<\/p>\n<p><strong>Kein Platz f\u00fcr Besinnlichkeit<\/strong><\/p>\n<p>Mal zerquetscht sie eine Zitrone in der Hand, mal liest sie ein Buch, mal tanzt sie lasziv mit einem drahtigen Mann. Kurze, blonde Haare, schwarzes Kleid, blasses Gesicht mit ernsthaftem Ausdruck, die einstige Skandalnudel verdirbt nichts, vermag aber auch der Aneinanderreihung von Assoziationen keinerlei neuen Aspekt hinzuzuf\u00fcgen. Schlingensief-Fans sitzen hinter den Plastikplanen und sp\u00e4hen hautnah auf die Szene \u2013 voyeurhaft wie die Paparazzi, die einst die sch\u00f6ne Prinzessin von Wales auf Schritt und Tritt verfolgten. Beklemmung stellt sich dennoch nicht ein, die visuelle Flut von Reizen, Fotos, Videos, Schauspielern und die Kakophonie des Gebr\u00fclls, Geh\u00e4mmers, der lauten Musik und schr\u00e4gen Lieder lassen Besinnlichkeit oder gar R\u00fchrung kaum zu.<\/p>\n<p><strong>Panoptikum seltsamer Figuren<\/strong><\/p>\n<p>Schlingensief-Fans wissen, dass sie kein normales Theaterst\u00fcck erwarten d\u00fcrfen. Sprache spielt so gut wie keine Rolle. Nur bildhafte Szenen pr\u00e4gen sich ein, etwa eine Diana (Elvers), die ihrem korpulenten Alter Ego aus einem Buch vorliest. Vielleicht w\u00e4re sie ohne ihre Bulimie eine gl\u00fcckliche, rundliche Frau gewesen? Derlei interessante oder auch infantile Fragen stellen sich bei fast jeder Szene. Nat\u00fcrlich erfreut der originellste Provokateur des deutschen Theaters sein Publikum mal wieder mit einem Panoptikum von seltsamen Figuren \u2013 gr\u00f6\u00dftenteils besetzt durch behinderte Menschen.<\/p>\n<p><strong>Was ist die Intention des K\u00fcnstlers?<\/strong><\/p>\n<p>Das Premierenpublikum an Berliner Volksb\u00fchne versuchte sich einen Reim auf all die angedeuteten Thesen zu machen. Was will das Enfant terrible des deutschen Theaters seiner Fangemeinde mit diesem Happening sagen, das demn\u00e4chst auch in London laufen wird und von ihm zudem verfilmt wird? Was hat Wagner mit den Royals zu tun? Setzt Schlingensief die von Diana verweigerte Einordnung in die K\u00f6nigsfamilie mit der Nazi-Ideologie gleich? Das St\u00fcck \u2013 oder besser das skurrile Tableau \u2013 verweigert die Antworten. Der K\u00fcnstler sagt von sich, er habe mit K\u00f6nigsfamilien \u201enichts am Hut\u201c. Warum er sich \u00fcberhaupt mit dem Schicksal der mit nur 36 Jahren aus dem Leben gerissenen Prinzessin besch\u00e4ftigte, bleibt leider unklar.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n14.9.2006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bei der Premiere seines St\u00fccks \u201eKaprow City\u201c in Berlin st\u00fcrzte Regisseur Christoph Schlingensief die Zuschauer erwartungsgem\u00e4\u00df in Verwirrung<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=140"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/140\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=140"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=140"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=140"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}