{"id":14,"date":"2005-08-14T15:12:40","date_gmt":"2005-08-14T13:12:40","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=14"},"modified":"2005-08-14T15:12:40","modified_gmt":"2005-08-14T13:12:40","slug":"ich-bin-nicht-die-provo-batterie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=14","title":{"rendered":"&#8222;Ich bin nicht die Provo-Batterie&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Regisseur Christoph Schlingensief \u00fcber seine neue Religiosit\u00e4t und die Bedeutung von Glaube, Liebe, Hoffnung f\u00fcr den Weltjugendtag<\/strong><\/p>\n<p><em>Die WELT vom 14.08.20205. Von Gabriela Walde; Eckhard Fuhr<\/em><\/p>\n<p>DIE WELT: Herr Schlingensief, Sie haben die &#8222;Church of Fear&#8220; (COF) ins Leben gerufen. Auf dem Dach des Museum Ludwig in K\u00f6ln steht derzeit die kleine wei\u00dfe Kirche, die Sie vor zwei Jahren bei der Biennale in Venedig in den Giardini errichtet hatten. Wie stehen Sie als Kirchenf\u00fchrer zu Papst Benedikt XVI., der am Weltjugendtag nach K\u00f6ln kommen wird? Sehen Sie ihn als Kollegen?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Die COF hat keinen Kirchenf\u00fcrsten. Keinen Schlingensief, keinen Groys oder wer da sonst noch gepredigt hat. Wir sind so etwas wie das schlechte Gewissen der gro\u00dfen Kirchen, da mu\u00df man wirklich im Plural sprechen. Und durch Kasper K\u00f6nig, den Leiter des Museum Ludwig, der die &#8222;Church of Fear&#8220; ausstellt, trifft dieses schlechte Gewissen jetzt auf Ratzinger.<\/p>\n<p>DIE WELT: Was k\u00f6nnte bei einem solchen Zusammentreffen herauskommen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich glaube nicht, da\u00df Ratzinger ein interessierter Gespr\u00e4chspartner w\u00e4re. Wir w\u00fcrden \u00fcbrigens auch schwer einen geeigneten Gespr\u00e4chspartner f\u00fcr ihn finden. Von den ,geeigneten Gespr\u00e4chspartnern&#8216; hat der Papst sowieso genug. Man bekommt eine Audienz, kommt aufs Foto und darf nachher sagen: ,Der Papst hat uns seinen Segen gegeben.&#8216; Also was soll das?<\/p>\n<p>DIE WELT: Was halten Sie vom Papst als Regisseur und Performance-K\u00fcnstler, wenn Sie sich noch einmal vergegenw\u00e4rtigen, was im Fr\u00fchjahr in Rom bei der Grablegung des alten und der Inthronisation des neuen Papstes vor sich ging?<\/p>\n<p>Schlingensief: Wojtyla kam mir vor wie der alte Schauspieler Bernhard Minetti, der kaum noch sprechen konnte. Allerdings stand neben ihm nicht der junge Martin Wuttke, der das f\u00fcr seine Rolle genutzt hat. Die eigentliche Beerdigung von Papst Johannes Paul fand hinter den Kulissen statt. Minetti hatte seine Eigenart, die man bewunderte und die man besch\u00fctzt sehen wollte. Der sterbende Papst hatte gewaltige Massenauftritte, von denen man hingerissen, aber auch abgesto\u00dfen war. Der Regisseur des Ganzen ist nun gleichzeitig der Nachfolger, das unterscheidet uns beide. Wenn ich Papst Johannes Paul im Film oder auf der B\u00fchne als eine fast spastische Figur gezeigt h\u00e4tte, dann h\u00e4tte es wieder gehei\u00dfen, ich sei ein Zyniker.<\/p>\n<p>DIE WELT: Gibt es eine neue Religiosit\u00e4t, eine Sehnsucht nach Erl\u00f6sung?<\/p>\n<p>Schlingensief: Wahrscheinlich schon. Fr\u00fcher habe ich mich gefragt, was Religion eigentlich soll. Der Ausweg war immer, zu sagen: ,Liebe G\u00f6tter, ihr k\u00f6nnt mich mal kreuzweise&#8216;, ich brauche euch hier unten sowieso nicht, ich mache das allein, das geht schneller und ist billiger. Seit anderthalb Jahren ist diese Einstellung weg. Ich war schon immer melancholisch, und manchmal auch sehr laut, um dar\u00fcber hinwegzut\u00e4uschen. Aber wenn die Eltern immer kr\u00e4nker werden, wenn die Kr\u00e4fte schwinden, suche ich andere Batterien f\u00fcr Gl\u00fcckseligkeit oder von Freude. Die Melancholie bleibt. Ich habe in der Unabwendbarkeit des Endes neue Energie gefunden. Das ber\u00fchrt mich auch gerade in einigen Opern von Wagner. Der verbindet Erweckungserlebnis und Todesbild, Tod und Erl\u00f6sung. Schon zehn Sekunden, nachdem ich erweckt bin, merke ich, da\u00df das alles ganz grauenhaft ist, aber in diesem sehns\u00fcchtigen Zwiespalt gewinne ich die Kraft, besser zu arbeiten und zu leben. Also kein Fatalismus. Das will ich auf keinen Fall.<\/p>\n<p>DIE WELT: Lassen Sie uns \u00fcber Gerhard Schr\u00f6der sprechen, den sie vor sechs Jahren in ihrem St\u00fcck &#8222;Berliner Republik&#8220; mit dem Plan schwanger gehen lie\u00dfen, Wagners Ring in der W\u00fcste Namibias zu inszenieren. K\u00fcrzlich \u00e4u\u00dferten sie sich entt\u00e4uscht \u00fcber ihn. Hatten Sie von ihm Erl\u00f6sung erwartet?<\/p>\n<p>Schlingensief: Nein, keine Erl\u00f6sung. Warum auch? Wovon denn? F\u00fcr die Erl\u00f6sung ist jeder selbst zust\u00e4ndig. Als am Anfang von Schr\u00f6ders Amtszeit sein Vorg\u00e4nger noch im Bonner Kanzlerbungalow sa\u00df, da ging Schr\u00f6der zu ihm, um sich Rat zu holen. Kohl hat 16 Jahre lang vorbereitet, worauf Schr\u00f6der aufbauen konnte, im Guten wie im Schlechten. Da war nach 16 Jahren auf einmal ein neuer dran, das war gut, das hat Hoffnung gegeben. Aber auch wenn man von Hoffnung leben kann &#8211; Ratzinger kann ein Lied davon singen &#8211; dann ist das noch lange keine L\u00f6sung oder gar eine Erl\u00f6sung. Es kann z.B. keine Vollbesch\u00e4ftigung geben, ohne da\u00df Arbeitnehmer darauf verzichten, zu arbeiten. Den Kanzlerkandidaten, der mir erz\u00e4hlt, da\u00df er auch nicht mehr weiter wei\u00df, den w\u00e4hle ich.<\/p>\n<p>DIE WELT: Sind Politik und Religion v\u00f6llig getrennte Sph\u00e4ren? Auf die Politik richten sich doch immer wieder Heilserwartungen.<\/p>\n<p>Schlingensief: Aber auf Schr\u00f6der nicht, auf jeden Fall nicht, was mich betrifft. Und ich bin einer dieser Wechselw\u00e4hler, auf die er jetzt so abzielt. Schr\u00f6der ist vorbei, kein Saft mehr. Seine Pressekonferenzen mit M\u00fcntefering haben Begr\u00e4bnischarakter und sind traurig. Was die SPD jetzt vorf\u00fchrt, ist Sparprogramm, damit sich die Wahlkampfkostenr\u00fcckerstattung rechnet. Die Wahlplakate sehen aus, als seien sie aus den Resten der letzten Plakate zusammengeklebt worden: ,Wir sind sozial. Was sind die anderen?&#8216; Will man eine Partei deren letzter Ausweg nur aus einem ,Vergleich&#8216; besteht?<\/p>\n<p>DIE WELT: Also die direkte Demokratie?<\/p>\n<p>Schlingensief: Um Gottes willen. Davor habe ich eine ,Heiden&#8216;-Angst. Heutzutage ist Demokratie nur ein W\u00e4schest\u00e4nder, an dem die W\u00e4hler kleben bis sie trocken sind. Dann fallen sie runter und bilden Humus f\u00fcr die n\u00e4chsten Demokratieversprechen. Geschichte ist kein Sturm, in dem man sich trocknen l\u00e4\u00dft. Demokratie hei\u00dft Eigenhaftung zu \u00fcbernehmen.<\/p>\n<p>DIE WELT: Und damit wollen Sie sich in K\u00f6ln auf die Jugend st\u00fcrzen?<\/p>\n<p>Schlingensief: Ich st\u00fcrze mich nicht auf die Jugend. Der Papst st\u00fcrzt sich auf die Jugend.<\/p>\n<p>DIE WELT: Aber Sie wollen sie erreichen.<\/p>\n<p>Schlingensief: Kaspar K\u00f6nig hat schon 2003 auf der Biennale in Venedig gesagt, da\u00df er die &#8222;Church of Fear&#8220; gerne auf das Dach seines Museums stellen m\u00f6chte. Von einem Weltjugendtag war da noch gar keine Rede, und auch nicht von einem neuen Papst. Trotzdem ist der Medientenor jetzt: ,Schlingensiefs Church of Fear kommt zum Weltjugendtag nach K\u00f6ln und macht Rabatz&#8216;. V\u00f6lliger Bl\u00f6dsinn. Da wollen Leute Tumult. Da gibt es Leute, die mich fragen, wann ich denn endlich, Zitat! ,aufs Kreuz schei\u00dfe&#8216; usw. Das interessiert doch keinen Jugendlichen mehr. Das ist Medienmaschine.<\/p>\n<p>DIE WELT: Die jungen Leute interessieren Sie nicht mehr?<\/p>\n<p>Schlingensief: Junge Leute kenn&#8216; ich nicht. In meinem Altenheim reden wir von Unsterblichkeit. Die j\u00fcngsten Leute, die ich kenne, sind schon Anfang siebzig. Ich stehe nicht in der Haftung, stellvertretend f\u00fcr die Jugend zu provozieren.<\/p>\n<p>DIE WELT: Sie unterlaufen eher alle Provokationserwartungen. Wie in Bayreuth mit dem ,Parsifal&#8216;.<\/p>\n<p>Schlingensief: Das ist der Lauf der Dinge. Ich bin Mitte vierzig und f\u00fchle mich inzwischen auch f\u00fcr die \u00e4lteren Toren verantwortlich.<\/p>\n<p>DIE WELT: Sie haben sich sehr verbissen in die nordische Mythologie.<\/p>\n<p>Schlingensief: Wieso verbissen? Versteh ich nicht. Das isl\u00e4ndische Wort f\u00fcr ,\u00fcbersetzen&#8216; hei\u00dft ,auftauen&#8216;. Auf Island ist die Edda, also die nordische Geschichte von Anfang und Ende der Zeit, schockgefrostet worden. Da liegt das Material, aus dem Wagner seine G\u00f6tterwelten gebastelt hat, in Reinform. Die griechische und die christliche Mythologie hatte ich schon vorher halbwegs drauf, jetzt kommt noch die nordische dazu. Mich interessiert der Verwandtschaftsgrad all dieser G\u00f6tter. Die leben ja nicht in getrennten Welten. Als Figuren interessieren mich Toren wie Jesus und Mohammed, und meinetwegen auch Buddha.<\/p>\n<p>DIE WELT: Warum gerade die?<\/p>\n<p>Schlingensief: Weil sie vom Himmel gesandt werden, wenn einer dieser G\u00f6tter Probleme hat. Und Gott hat meist ein Riesenproblem am Hals: Er kann nicht sterben. Also beauftragt er jemanden, der ,ans Kreuz mu\u00df&#8216;. Selbst der da oben bastelt also an einer M\u00f6glichkeit, zu sterben. Das ist hochgradig anziehend und absto\u00dfend zugleich.<\/p>\n<p>DIE WELT: Was bedeutet Religion f\u00fcr Sie pers\u00f6nlich?<\/p>\n<p>Schlingensief: Beten bis der Papst kommt. Ich bete im Flugzeug, vor dem Start, weil ich mich da pers\u00f6nlich ausliefern mu\u00df.<\/p>\n<p>DIE WELT: Sie klingen irgendwie altersmilde.<\/p>\n<p>Schlingensief: Keine Komplimente bitte! Es ist viel einfacher. Ich habe mehr Zeit, weil ich an den ,gro\u00dfen deutschen Wettrennen&#8216; um den n\u00e4chsten Reiz nicht mehr teilnehmen kann. Das h\u00e4lt mich fit. Nach Bayreuth komme ich mir vor, als w\u00e4re ich in einem Hardcore-Ausbildungscamp gewesen. Also kurz: Ich bin nicht mehr die Provo-Batterie. Die Explosionen in London sind Provokation genug. Und ich kann nicht immer die Repeat-Taste dr\u00fccken.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Regisseur Christoph Schlingensief \u00fcber seine neue Religiosit\u00e4t und die Bedeutung von Glaube, Liebe, Hoffnung f\u00fcr den Weltjugendtag Die WELT vom 14.08.20205. Von Gabriela Walde; Eckhard Fuhr DIE WELT: Herr Schlingensief, Sie haben die &#8222;Church of Fear&#8220; (COF) ins Leben gerufen. Auf dem Dach des Museum Ludwig in K\u00f6ln steht derzeit die kleine wei\u00dfe Kirche, die &hellip; <a href=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=14\" class=\"read-more\">Weiterlesen <span class=\"screen-reader-text sr-only\">&#8222;Ich bin nicht die Provo-Batterie&#8220;<\/span><\/a><\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=14"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/14\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=14"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=14"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=14"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}