{"id":137,"date":"2006-09-10T18:03:16","date_gmt":"2006-09-10T16:03:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=137"},"modified":"2006-09-10T18:03:16","modified_gmt":"2006-09-10T16:03:16","slug":"ich-glaube-an-die-peinlichkeit-welt-am-sonntag","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=137","title":{"rendered":"&#8222;ICH GLAUBE AN DIE PEINLICHKEIT&#8220; (WELT AM SONNTAG)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Gute Nacht, Englands Rose: Christoph Schlingensief nimmt sich in dem Film-und-Theater-Happening &#8222;Kaprow City&#8220; u.a. den Tod von Prinzessin Diana vor und \u00fcberrascht mit Jenny Elvers in der Hauptrolle. &#8222;Die Welt&#8220; sprach mit dem Regisseur \u00fcber \u00dcberwachungskameras, Skandale und die britische Boulevardpresse.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Max Dax<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nDie Berliner Volksb\u00fchne gleicht einer Baustelle. Es sind nur noch wenige Tage bis zur Premiere von &#8222;Kaprow City&#8220;, dem neuen Film und Theaterst\u00fcck von Christoph Schlingensief. Als Tandem stellen sie eine Hommage an den am 5. April dieses Jahres verstorbenen Happening-K\u00fcnstler Allan Kaprow dar, die Handlung beschw\u00f6rt die letzte Stunde im Leben der 1997 bei einem Autounfall get\u00f6teten Lady Di. Weder der Film noch das Theaterst\u00fcck scheinen &#8211; wie bei Schlingensief nicht un\u00fcblich &#8211; kurz vor der Premiere auch nur ansatzweise fertig zu sein, die B\u00fchne versinkt im Chaos, dazu rollt eine Welle der Emp\u00f6rung aus London auf den Regisseur zu. <\/p>\n<p>Im Gespr\u00e4ch wirkt Schlingensief dennoch nicht, als st\u00fcnde er unter Druck. Im Gegenteil: Weit mehr als eine Stunde nimmt er sich Zeit, der Regisseur ist in Jeans, Turnschuhe und Hemd gekleidet, um \u00fcber das Wesen des Skandals und die irritierende Rolle von Jenny Elvers als Lady Di zu philosophieren.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nWELT.de: Christoph Schlingensief, \u00fcberrascht Sie der Rummel um Ihren neuen Film \u00fcber Lady Diana und das Theaterst\u00fcck zum gleichen Thema?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ehrlich gesagt: ja. Jetzt rufen schon die englischen Boulevardbl\u00e4tter bei mir an \u2013 The Sun, Daily Mirror\u2026 Die wittern wohl einen Skandal. <\/p>\n<p>England ist vielleicht zu Recht emp\u00f6rt: Es kursieren Standbilder aus Ihrem Film, welche die Queen mit zum Deutschen Gru\u00df gestreckten Arm zeigen. <\/p>\n<p>Die m\u00fcssen die Bilder wohl von meiner Website geladen haben. Allerdings hebt unsere Queen den Arm, um das Licht eines Scheinwerfers abzuwehren. Was hat das mit dem Nazi-Gru\u00df zu tun?<\/p>\n<p>Sie haben zus\u00e4tzliches \u00d6l ins Feuer gegossen und die beiden S\u00f6hne Dianas, Harry und William, zur Premiere nach Berlin eingeladen.<\/p>\n<p>Das war eine Frage der H\u00f6flichkeit: Es gibt Bilder von Harry in seiner Naziuniform.<\/p>\n<p>Sie finden Ihr Vorgehen also nicht piet\u00e4tlos gegen\u00fcber den S\u00f6hnen der Toten?<\/p>\n<p>Im Gegenteil: Es w\u00e4re b\u00f6sartig, den Prinzen zu unterstellen, sie k\u00f6nnten nicht unterscheiden zwischen der medialen Figur der Lady Diana und ihrer wirklichen Mutter. Daher ist es auch OK, die beiden zur Filmpremiere einzuladen. Wir gehen verantwortungsvoller mit der toten Diana um als die versammelte Regenbogenpresse mit der lebenden.<\/p>\n<p>Noch hat niemand Ihren Film gesehen, richtig?<\/p>\n<p>Richtig. <\/p>\n<p>Kennen Sie selbst bereits den Endschnitt Ihres Films?<\/p>\n<p>Wir sind noch im Schnitt und werden vermutlich auch live w\u00e4hrend der Urauff\u00fchrung noch an ihm schneiden. Ich betrachte die Premiere wie eine Freejazz-Session, bei der alles passieren kann. <\/p>\n<p>M\u00f6gen Sie das Geheimnis Ihres Films \u00fcber die letzte Stunde im Leben der Lady Diana l\u00fcften?<\/p>\n<p>Gerne. Mein Film ist nicht f\u00fcr jeden unterhaltsam. Der ist \u00fcberhaupt nicht schockierend, er ist geradezu langweilig. Der Film ist die Leerstelle, die Dunkelstelle. Ich unterteile immer zwischen dem Bild, das ich sehe und der Dunkelheit, in der es sich bewegt. Ohne Dunkelheit keine Bewegung. Der Film ist stark beeinflusst von Allan Kaprow und seiner Arbeit \u201e18 Happenings in 6 Parts\u201c.<\/p>\n<p>Erinnern Sie sich eigentlich, wo Sie sich zum Zeitpunkt von Lady Dianas Todes aufhielten?<\/p>\n<p>Da war ich in der Orangerie in Kassel, ich f\u00fchrte im Rahmen der Documenta 10 meine Aktion \u201e48 Stunden \u00fcberleben f\u00fcr Deutschland\u201c auf. Als das Ger\u00fccht vom Unfall Dianas die Runde machte, griff ich zum Mikrofon: \u201eLady Diana ist tot. Endlich hat sie ins Gras gebissen.\u201c Da wir die Einzelheiten ihres Todes nicht kannten, malten wir uns ihren Tod in freier, improvisierter Rede aus. Prompt wurde ich vor Ort festgenommen und in Handschellen abgef\u00fchrt. Anst\u00e4ndige, denunziatorische Museumsbesucher hatten sich bei der Polizei beschwert. Das war damals f\u00fcr viele ein Skandal.<\/p>\n<p>Was ist in Ihren Augen eigentlich noch ein Skandal, wenn die gesamte Gesellschaft l\u00e4ngst skandalerprobt ist?<\/p>\n<p>Ich kann Ihnen sagen, was 1975 ein Skandal war: Da kam Pasolinis \u201eSal\u00f2 oder die 120 Tage von Sodom\u201c ins Kino. Den habe ich mir nat\u00fcrlich angeschaut, aber dann kamen die harten Szenen, in denen die anfingen Schei\u00dfe und N\u00e4gel zu essen. Da bin ich dann aufgestanden und habe lautstark gerufen: \u201eSkandal\u00f6s! Das so etwas im Kino gezeigt werden darf!\u201c Ich gebe aber zu, dass ich das nur gerufen habe, weil ich mir unsicher war, ob nicht zwei Reihen hinter mir mein Griechischlehrer sa\u00df \u2013 und der wiederum meinen Eltern h\u00e4tte erz\u00e4hlen k\u00f6nnen, dass ich mir heimlich diesen Film angeguckt habe. Eine Woche sp\u00e4ter habe ich ihn dann ein zweites Mal, dieses Mal komplett angesehen.<\/p>\n<p>Was ist das Wesen des Skandals?<\/p>\n<p>Dass er der Gegenpol zur Reinwaschung ist. Die Menschen h\u00e4ufen unentwegt Dreck an. Sie t\u00fcrmen und schichten den Schmutz. Ein Skandal erlaubt es ihnen auf den M\u00fcllberg eines anderen zu zeigen. Das Interessante an der Reinwaschung ist, dass der Dreck nat\u00fcrlich nicht verschwindet. Genau das markiert f\u00fcr mich \u00fcbrigens auch meinen Bruch mit Joseph Beyus, der die Sozialplastik und den Menschen als K\u00fcnstler ausgerufen hatte. Meine Position ist heute die Aussage: \u201eJeder Mensch ist ein Schwein\u201c. Das ist viel fortschrittlicher. <\/p>\n<p>Hat Sie der Tod von Lady Diana ber\u00fchrt?<\/p>\n<p>Ehrlich gesagt: nein. Ich habe mit K\u00f6nigsh\u00e4usern nichts am Hut. <\/p>\n<p>Warum dann das St\u00fcck, die Besch\u00e4ftigung mit ihr?<\/p>\n<p>Mich interessieren eigentlich nur die abgebauten Kameras im Tunnel, \u00fcberhaupt die \u00dcberwachungskameras und was sie gefilmt haben. Es gab ein Video von dem Crash im Tunnel, aber es ist auf mysteri\u00f6se Weise verschwunden. <\/p>\n<p>W\u00fcnschen Sie sich mehr \u00dcberwachungskameras im \u00f6ffentlichen Raum?<\/p>\n<p>Ja. Ich mag die Vorstellung, dass ich auf dem Klo beim Pinkeln gefilmt werde. Ich finde eine Person wie Christian Str\u00f6bele merkw\u00fcrdig, der mit seinem Versuch der \u00dcberwachungsverhinderung Steinzeitpolitik betreibt. Wenn ich also \u00dcberwachungskameras in meinem St\u00fcck einsetze, dann handelt es sich keinesfalls um Gesellschaftskritik. Durch eine \u00dcberwachungskamera zu gucken bedeutet \u2013 wie bei Kaprow \u2013, das Triviale zum Besonderen zu erheben. Wir sehen Jenny Elvers auf einem \u00dcberwachungsmonitor, und wir wissen sofort: Es ist Lady Diana, die da unter einer Wolldecke in ihrer Garderobe liegt. <\/p>\n<p>Warum kamen Sie ausgerechnet auf Frau Elvers?<\/p>\n<p>Ich habe sie an den gleichen Orten gesehen wie Lady Diana: auf den Titelseiten der Bild-Zeitung. Dort fand sie statt, weil sie mit Heiner Lauterbach zusammengewesen ist, weil sie den RTL-Shop moderiert hat und neben Guido Westerwelle in der Big-Brother-Show aufgetreten ist. <\/p>\n<p>Hat es eine Rolle gespielt, dass Frau Elvers einst Heidek\u00f6nigin war?<\/p>\n<p>Wenn man im Leben Heidek\u00f6nigin gewesen ist, dann kann man auch die Rolle der K\u00f6nigin der Herzen ausf\u00fcllen.<\/p>\n<p>War Jenny Elvers Ihre erste Wahl f\u00fcr die Rolle der Lady Diana?<\/p>\n<p>Nein. Ich hatte urspr\u00fcnglich Udo Kier f\u00fcr die Rolle vorgesehen, mit dem ich bereits meinen Film \u201e100 Jahre Adolf Hitler\u201c gedreht hatte. Udo war begeistert! Er zieht sich gerne Frauenkleider an. Wie ich \u00fcbrigens auch. <\/p>\n<p>Und warum haben Sie Udo Kier nicht genommen?<\/p>\n<p>Weil ich schlussendlich eine Lady Diana wollte, die sich auch im echten Leben in der Transformation zu etwas Neuem befindet. Beim Studium von Fotos von Lady Diana fiel mir auf, dass es das wiederkehrende Motiv gab, in welchem sie mit der einen Hand die Kameraobjektive der Papparazzi zuhielt, w\u00e4hrend sie mit der anderen Hand in eine andere Kamera winkte. Sie lie\u00df sich also bereitwillig in Posen fotografieren, die aussagten, dass sie sich angeblich nicht fotografieren l\u00e4sst. So eine Lady Diana brauchte ich, und ich fand sie in Jenny Elvers.<\/p>\n<p>Sie sind also zum jetzigen Zeitpunkt der Karrieremakler von Frau Elvers?<\/p>\n<p>Ich nehme keine Provision. Die Makler von Frau Elvers sind die bunten Bl\u00e4tter. Ich entdecke niemanden, ich f\u00f6rdere niemanden. Ich baue nur R\u00e4ume und stelle Leute hinein. <\/p>\n<p>Wie proben Sie eigentlich Ihr St\u00fcck? Konnte sich Frau Elvers \u00fcberhaupt auf das St\u00fcck vorbereiten, wenn so viel im Vagen liegt?<\/p>\n<p>Da gibt es nicht viel zu proben. Wir zeigen triviale Handlungen \u2013 wie bei Kaprow. St\u00fchle umsortieren. Rumstehen im Raum. Ich glaube nicht an die Theatralik auf der B\u00fchne. Wenn ein Schauspieler glaubt, er sei Hamlet, dann ist das sein Problem, nicht meins. Ich kann mir so etwas nicht ansehen. Gleichwohl bin ich fasziniert und abgesto\u00dfen zugleich, wenn ich auf der B\u00fchne bei Schauspielern Professionalit\u00e4t erlebe. Wenn das Theater zur Filmleinwand wird, auf der ein perfekt choreographiertes St\u00fcck reproduziert wird. Das ist ein Grad von Perfektion, den ich nicht herstellen kann und will. Ich glaube an Selbstzerst\u00f6rung und Peinlichkeit. <\/p>\n<p>Es muss dem Zuschauer wehtun?!<\/p>\n<p>Nein, es muss mir wehtun. Mein pers\u00f6nlicher H\u00f6hepunkt in diesem Sinne war das St\u00fcck \u201eBerliner Republik\u201c: Das war perfekt, weil es genau dem entsprach, was die Bundesregierung dann sp\u00e4ter vollzogen hat. Gut begonnen, alle waren gut drauf, und nach einer dreiviertel Stunde implodierte das St\u00fcck. Es passierte nichts mehr. Wir standen auf der B\u00fchne und wussten nicht mehr, was wir da verloren hatten. Es gab von meiner Seite keine Regieanweisungen mehr. Bei mir bestand der Verdacht auf einen Hypophysentumor und die Partei Chance 2000 hatte 250.000 Mark Verbindlichkeiten beim Finanzamt. Das hat mich besch\u00e4ftigt, nicht das St\u00fcck, als ich da verloren auf der B\u00fchne stand. <\/p>\n<p>F\u00fcr \u201eBerliner Republik\u201c haben Sie bis heute die schlimmsten Verrisse kassiert.<\/p>\n<p>Das stimmt. Die Kritik konnte es nicht ertragen, dass auf 45 Minuten Handlung endlose weitere 45 Minuten ohne Handlung folgten. Nach der Premiere aber kamen Rainald Goetz und Bazon Brock und sagten zu mir: Das war gro\u00dfartig! Das ist ein Spiegel unserer Republik!<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gute Nacht, Englands Rose: Christoph Schlingensief nimmt sich in dem Film-und-Theater-Happening &#8222;Kaprow City&#8220; u.a. den Tod von Prinzessin Diana vor&#8230;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=137"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/137\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=137"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=137"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=137"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}