{"id":127,"date":"2006-08-06T12:29:18","date_gmt":"2006-08-06T10:29:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=127"},"modified":"2006-08-06T12:29:18","modified_gmt":"2006-08-06T10:29:18","slug":"schlingensief-versohnt-kolner-stadtanzeiger","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=127","title":{"rendered":"SCHLINGENSIEF VERS\u00d6HNT (K\u00d6LNER STADTANZEIGER)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der K\u00f6lner Stadtanzeiger zu den diesj\u00e4hrigen Bayreuther Festspielen<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\nBayreuth ist Provinz. Aber Bayreuth ist auch Kultur, die \u00fcbers Wagner-Spektakel hinausreicht. Vielleicht w\u00fcrde K\u00f6ln sich gl\u00fccklich sch\u00e4tzen, so viele Gedenktage auf sich zu versammeln wie Bayreuth im Sommer 2006. Vor 200 Jahren wurde hier Max Stirner, der Prediger des Egoismus, geboren. Vor 130 Jahren inszenierte Richard Wagner die Gesamt-Urauff\u00fchrung seines \u201eRing des Nibelungen\u201c. Zehn Jahre sp\u00e4ter starb Wagners stets hilfreicher Schwiegervater Franz Liszt in Bayreuth, vor 80 Jahren tat der Arbeiterdichter Max von der Gr\u00fcn seinen ersten Schrei in der Wiege einer Bayreuther Dienstmagd. Und vergessen wir nicht den \u201eJahrhundert-Ring\u201c des franz\u00f6sischen Produktionsteams um Patrice Ch\u00e9reau und Pierre Boulez, der zum ersten Mal politischen Z\u00fcndstoff auf der Bayreuther B\u00fchne explodieren lie\u00df.<\/p>\n<p>F\u00fcr Boulez (82) ist das Kapitel Bayreuth nun abgeschlossen. Zu Wagner falle ihm nichts Neues ein, hat er verlauten lassen; so \u00fcbernahm Adam Fischer in diesem Jahr die musikalische Leitung des \u201eParsifal\u201c. Er sucht das musikalische Heil nicht mehr im fl\u00fcssigen, klangfunkelnden, sprachnahen Duktus, sondern in der \u201eB\u00fchnenweihe\u201c, wie sie der Untertitel dieses seltsamen Solit\u00e4rs der Opernb\u00fchne verk\u00fcndet. Schon im Vorspiel schwenkt Fischer die Weihrauchkessel, dirigiert zeremonielle Tempi, setzt \u00fcberall edle Farben mit dem Pastellstift, stellt die S\u00e4nger mit bedeutungsschwangeren Pausen und langen B\u00f6gen auf manche Probe. Anders als Robert Holl, der den Gurnemanz mit sonor-nasaler W\u00fcrde singt, kann Alfons Eberz die Breite nach einem sch\u00f6nen zweiten Akt nicht durchstehen. Alexander Marco-Buhrmester gibt dem Amfortas zumindest stimmlich die schmerzliche Dichte, die Fischer im Orchestergraben durch Weichzeichnung besch\u00f6nigt. Evelyn Herlitzius hat sich von der Br\u00fcnnhilden-Partie auf die Kundry versetzen lassen &#8211; eine sinnige Entscheidung, die ihrer gestalterischen Pr\u00e4senz und dem Umfang ihrer beweglichen, metallisch geh\u00e4rteten Stimme entgegenkommt. <\/p>\n<p>Vor allem ihre Rolle ist vom Regisseur Christoph Schlingensief neu profiliert und \u201eislamisiert\u201c worden. Neben den bisherigen Videos von Schlingensief-Aktionen flimmern jetzt auch arabische Schriftzeichen \u00fcber die Szene: die \u00dcbersetzung einer Passage aus Friedrich H\u00f6lderlins Briefroman \u201eHyperion\u201c, wo die Rede ist vom \u201eTrieb, unendlich fortzuschreiten, uns zu l\u00e4utern, uns zu veredeln, zu befreien\u201c. Mit diesem Programm zeigt auch Schlingensief in verwirrender Bilder- und Symbolflut den \u201eParsifal\u201c als Weg zur Vers\u00f6hnung der Kulturen &#8211; und zum Licht, in das die Hauptfiguren am Ende schreiten. <\/p>\n<p>Die Publikumsreaktionen auf den Heilslehrer aus Oberhausen waren, wie in den vergangenen Jahren, w\u00fctende Proteste. Die Festspielleitung hat schon die Konsequenzen gezogen und wird Schlingensiefs ungeliebte Produktion nach 2007 absetzen, ein Jahr fr\u00fcher als \u00fcblich.<br \/>\nDasselbe Schicksal d\u00fcrfte die \u00e4u\u00dferst spartanische, aber weniger provokante Inszenierung von \u201eTristan und Isolde\u201c kaum erleiden. Viel hat Christoph Marthaler in diesem Jahr nicht ge\u00e4ndert &#8211; doch die Gestik scheint intensiver. Peter Schneider f\u00fchrt den Taktstock: gekonnt, aber nicht raffiniert, klanglich schwelgerisch, aber oft zu robust und ohne den unwiderstehlichen, gl\u00fchenden Sog, den die Partitur fordert.<br \/>\nUnd man muss den Tristan von Robert Dean Smith bewundern, wie er seine eher schlanke, feine und intelligent gef\u00fchrte Stimme souver\u00e4n \u00fcber den Schwall aus dem Graben f\u00fchrt. Schon Kwangchuoal Yuon (Marke) und Petra Lang (Brang\u00e4ne) heben das ansonsten durchwachsene S\u00e4ngerniveau auf dem H\u00fcgel. Doch nur Nina Stemme versteht es mit ihrem frei str\u00f6menden Sopran, der W\u00e4rme im Mezzoregister, den leuchtenden, nie forcierten H\u00f6hen wirklich glaubhaft zu machen, was Isolde am Ende verliert. Dem Publikum zum h\u00f6chsten Gewinn.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Quelle: K\u00f6lner Stadtanzeiger vom 4.8.2006. VON M. STRUCK-SCHLOEN.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der K\u00f6lner Stadtanzeiger zu den diesj\u00e4hrigen Bayreuther Festspielen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/127"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=127"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/127\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=127"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=127"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=127"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}