{"id":126,"date":"2006-08-06T12:27:09","date_gmt":"2006-08-06T10:27:09","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=126"},"modified":"2006-08-06T12:27:09","modified_gmt":"2006-08-06T10:27:09","slug":"buhs-gegen-bravos-stuttgarter-nachrichten","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=126","title":{"rendered":"BUHS GEGEN BRAVOS (STUTTGARTER NACHRICHTEN)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensiefs &#8222;Parsifal&#8220; in Bayreuth<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\nEin toter Hase, der im Zeitraffer auf einer Riesenvideoleinwand verwest, birgt offenbar auch im dritten Jahr von Christoph Schlingensiefs Bayreuther &#8222;Parsifal&#8220; noch gen\u00fcgend Stoff f\u00fcr Erregung. &#8222;Stirb und werde&#8220; ist ja durchaus ein wichtiges Thema in Wagners Alterswerk. Aber so genau will es zumindest ein Teil des Publikums dann doch nicht wissen. Nach der ersten Auff\u00fchrung dieser Saison konnte sich der Regisseur an einer heftigen Buhattacke aus dem Publikum erfreuen, die allerdings durch eine Bravofraktion inzwischen konterkariert wird. Schlingensief, den so etwas kaum aus der Fassung bringt &#8211; schon gar nicht, wenn ihm das Ensemble wie hier seine Solidarit\u00e4t bekundet &#8211; trat dennoch oder deshalb mehrmals vor den Vorhang, sodass sich das Buh-Bravo-Konzert \u00fcber eine Viertelstunde hinzog. Wer siegte, blieb unentschieden.<\/p>\n<p>Dabei goutiert das Publikum, wie der Beifall nach dem zweiten Akt zeigte, inzwischen durchaus diesen Irrgarten, der die Welt bedeutet, diese Mixtur aus m\u00e4rchenhaften und religi\u00f6sen Elementen, angereichert mit einer Bildfantasie, die sich bei Voodoopriestern und Schamanentum ebenso bedient wie beim Comic, beim Gruselfilm, ja, sogar bei Hundertwassers M\u00e4rchenpal\u00e4sten. Schlingensief liefert ein Spektakel, das, unbek\u00fcmmert um Wagners Vorstellung vom &#8222;B\u00fchnenweihfestspiel&#8220;, die \u00c4sthetik von Videoclips und Computerspielen benutzt. &#8222;Parsifal&#8220; ist dort angekommen, wo er eigentlich hingeh\u00f6rt: in der Welt der Fantasy mit Zwergen und Elfen, mit Zauberern und D\u00e4monen und geheimnisvollen M\u00e4nnerb\u00fcnden. Der &#8222;Sakrileg&#8220;-Autor Dan Browne h\u00e4tte seine helle Freude an dem Ideenreichtum.<\/p>\n<p>In Bayreuth ist es auch ein Generationenproblem, das sich da auftut: das Publikum mehrheitlich im gesetzten Alter, Schlingensief Kind einer Zeit, in der die Bilderflut allgegenw\u00e4rtig ist. Der ungarische Dirigent Adam Fischer , der den &#8222;Parsifal&#8220; in diesem Jahr von Pierre Boulez \u00fcbernommen hat, bringt das in einem Interview des Bayreuther Lokalblatts auf den Punkt: &#8222;Zu dieser Inszenierung kann ich deshalb nichts sagen, weil ich denke, dass meine Generation einfach nicht mit diesem Theaterstil mitkommt . . . Da findet so wahnsinnig viel statt auf der B\u00fchne mit Videospielen und Beamern, dass mir schwindlig wird. Andererseits: mein Sohn etwa nimmt diese Arbeit ganz anders auf. Vielleicht liegt es daran, dass die Jugendlichen von heute mit Videospielen und Bildern sozialisiert wurden. Vielleicht muss man deshalb sogar sagen, dass diese Art Inszenierung die Zukunft bedeutet.&#8220;<\/p>\n<p>Fischer \u00fcbrigens, der sich in Bayreuth Meriten erworben hat &#8211; er war es, der 2001 den &#8222;Ring&#8220; rettete, als Giuseppe Sinopoli pl\u00f6tzlich starb -, hat als &#8222;Parsifal&#8220;-Dirigent bewiesen, dass ihm die Schuhe seines Vorg\u00e4ngers nicht zu gro\u00df sind &#8211; wenn man nicht erwartet, dass er ein zweiter Boulez ist.<\/p>\n<p>Die Besetzung der Rollen ist im Wesentlichen gleich geblieben wie im Vorjahr: Alexander Marco-Buhrmester als Amfortas, Jyrki Korhonen als Titurel, Robert Holl ein Gurnemanz, der an den Wildh\u00fcter in &#8222;Harry Potter&#8220; erinnert. Dem Parsifal von Alfons Eberz fehlt es an jugendlicher Strahlkraft, John Wegner begeistert als Klingsor durch fast akrobatische Kunstst\u00fccke. Etwas herb die Kundry von Evelyn Herlitzius.<\/p>\n<p>&#8222;Die Bilder sind es, die bleiben&#8220;, dieser Satz taucht auf der B\u00fchne als Graffito auf. Christoph Schlingensief bastelt noch immer an den Details seines Bilderkarussells, obwohl es ja schon 2008 einen neuen &#8222;Parsifal&#8220; geben soll &#8211; schade eigentlich.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Artikel aus der Stuttgarter Zeitung vom 04.08.2006. Von Iris Schmid.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensiefs &#8222;Parsifal&#8220; in Bayreuth<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=126"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/126\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=126"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=126"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=126"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}