{"id":125,"date":"2006-08-06T12:40:42","date_gmt":"2006-08-06T10:40:42","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=125"},"modified":"2006-08-06T12:40:42","modified_gmt":"2006-08-06T10:40:42","slug":"parsifal-wird-sichtbare-musik-der-standard","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=125","title":{"rendered":"\u00bbPARSIFAL\u00ab WIRD SICHTBARE MUSIK (DER STANDARD)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auch im dritten Jahr stie\u00df Schlingensiefs kaleidoskopische Inszenierung am Gr\u00fcnen H\u00fcgel auf heftige Proteste, aber auch auf wachsende Zustimmung<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\nBayreuth &#8211; In den letzten Jahren ist es bei den Bayreuther Festspielen Brauch geworden, den eintreffenden Journalisten neben Pressekarten und Programmbrosch\u00fcren zus\u00e4tzlich noch einige fliegende Bl\u00e4tter in die Hand zu dr\u00fccken. Auf diesen finden sich Texte, in denen versucht wird, die einzelnen Inszenierungen zu erkl\u00e4ren. <\/p>\n<p>Auch f\u00fcr Christoph Schlingensiefs heuer zum dritten und vielleicht letzten Mal gezeigte Gestaltung des &#8222;Parsifal&#8220; erh\u00e4lt man so ein GPS, mit dessen Hilfe man sich im Dickicht der szenischen Assoziationen zurechtfinden soll. Abgesehen davon, dass Kunst, also auch Theater und erst recht Musiktheater, in erster Linie zwingend erlebt und nicht wie ein Sudoku nach vorgegebenen Richtlinien ert\u00fcftelt werden will und soll, ist gerade im Fall dieses Bayreuther &#8222;Parsifal&#8220; angesichts des unabl\u00e4ssig brausenden Bildersturms jeder Versuch, sich an diesen schriftlichen Wegweiser zu halten, ohnedies v\u00f6llig aussichtslos.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/_WS6Q5030_JQ_k7e4r.jpg\" width=\"450\" height=\"303\" alt=\"Parsifal Bayreuth 2006\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>Schlingensiefs Ann\u00e4herung an Wagner erfolgt n\u00e4mlich, im diametralen Gegensatz zu den sonstigen Usancen fortschrittlicher Opernregie, in erster Linie \u00fcber die Musik. Schon ein Blick in sein Regiebuch verr\u00e4t, dass es in erster Linie die musikalischen Impulse sind, auf die er mit st\u00e4ndig wechselnden optischen Oszillogrammen reagiert.<\/p>\n<p><strong>Augenmusik<\/strong><\/p>\n<p>Das Ergebnis dieses v\u00f6llig un\u00fcblichen Umgangs mit Wagner ist eine Art von Augenmusik. Die T\u00f6ne konkretisieren sich zwar ins Gegenst\u00e4ndliche. Doch diese Bilderwelt entzieht sich, wie die Musik, aus der sie entsteht, strikt der rationalen Deutung.<br \/>\nDazu ist die rasende Eile, mit der Schlingensief, unterst\u00fctzt von seinem Lichtdesigner Voxi B\u00e4renklau, die Bilder \u00fcber die von Daniel Angermayr und Thomas Goerge geschickt gestaltete Vielzweckb\u00fchne jagt, viel zu gro\u00df. Viel zu gro\u00df ist auch das Staunen \u00fcber die an David Copperfields Kunstst\u00fccke erinnernde Fertigkeit, die B\u00fchne in Bruchteilen von Sekunden durch akrobatische Lichteins\u00e4tze zu verwandeln, palast\u00e4hnliche Strukturen zu H\u00fctten ver\u00f6den zu lassen, durch reichlichen Einsatz der Drehb\u00fchne die Schaupl\u00e4tze in best\u00e4ndigem Wechsel zu halten und durch Projektionen noch zus\u00e4tzlich zu verr\u00e4tseln.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich sp\u00fcrt man, woher der Bildersturm weht. Aus Zonen, in denen Schlingensief Magie und Mythos noch f\u00fcr vital und wirksam h\u00e4lt, wie etwa in Nepal oder Namibia. So liegt eine dunkle Urmutter \u00fcber dem Gral, auch Klingsor (John Wegner) erscheint als dunkle Urgestalt, die sich wie einst Johnny Weissm\u00fcller als Tarzan \u00fcber die Szene schwingt. Auch die zahlreichen, wie gestochen aus dem Dunkel des Hintergrundes hervorfahrenden Ornamente verweisen in den Osten, ebenso wie das arabische Schriftbild eines Ausschnitts aus Friedrich H\u00f6lderlins &#8222;Hyperion&#8220;.<\/p>\n<p>Daneben wirken jene Elemente, die leicht deutbare Zeitn\u00e4he markieren, wie etwa die Projektionen zerst\u00f6rter Landschaften im Nahen Osten oder gar der zu Beginn des zweiten Aktes etwas unbeholfen ulkig angedeutete Security-Check, dem sich einige Blumenm\u00e4dchen vor dem Eintritt in Klingsors Zaubergarten zu unterziehen haben, eher deplatziert. Sie verst\u00f6ren durch ihre vordergr\u00fcndige Intepretierbarkeit die ansonsten so reizvolle Aura der ahnungsvollen Verr\u00e4tselung.<\/p>\n<p>Und an jenen Stellen, in denen die Handlung nichts anderes ist als konventionelle Oper, schrammt dieser luzide, flirrende Kosmos gegen die harte Wirklichkeit des Opernhandwerks.<\/p>\n<p>Nichts als dieses oblag Adam Fischer, der diesmal anstelle von Pierre Boulez am Dirigentenpult stand und f\u00fcr Schlingensiefs szenische Metamusik die gediegene Ursubstanz erzeugte.<\/p>\n<p>Sie wurde auch heuer wieder von den Protagonisten trotz des ungewohnten Ambientes, in dem sie sich bewegten, auch auf der B\u00fchne ausnahmslos qualit\u00e4tvoll h\u00f6rbar.<\/p>\n<p>Vor allem Robert Holls Gurnemanz und die sich immer wieder zu beklemmenden Ekstasen steigernde Kundry von Evelyn Herlitzius schienen in jenen zeit- und ortlosen Bereich, in dem dieser &#8222;Parsifal&#8220; siedelt, vorzudringen. Besondere stimmliche Intensit\u00e4t entwickelte auch Alfons Eberz in der Titelpartie, John Wegners Klingsor und auch Alexander Marco-Buhrmesters Amfortas. Wie an allen anderen Abenden erwiesen sich die von Eberhard Friedrich studierten Ch\u00f6re als ma\u00dfgeblicher Qualit\u00e4tsfaktor.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>(Peter Vujica aus Bayreuth\/DER STANDARD, Printausgabe, 5.\/6.8.2006)<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auch im dritten Jahr stie\u00df Schlingensiefs kaleidoskopische Inszenierung am Gr\u00fcnen H\u00fcgel auf heftige Proteste, aber auch auf wachsende Zustimmung<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=125"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/125\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=125"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=125"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=125"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}