{"id":124,"date":"2006-08-06T12:38:27","date_gmt":"2006-08-06T10:38:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=124"},"modified":"2006-08-06T12:38:27","modified_gmt":"2006-08-06T10:38:27","slug":"geliebter-tod-tagesspiegel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=124","title":{"rendered":"GELIEBTER TOD (TAGESSPIEGEL)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Bayreuther Festspiele, die letzte: \u201eTristan\u201c und Schlingensiefs \u201eParsifal\u201c bew\u00e4hren sich<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\nNach Gl\u00fcck und Scheitern des Nibelungen-\u201eRings\u201c bieten auf dem Gr\u00fcnen H\u00fcgel zum Abschluss des ersten Zyklus nun zwei Werke den denkbar erdenklichsten Kontrast. Die Regisseure Christoph Marthaler und Christoph Schlingensief widmen sich dem \u201eTristan\u201c und dem \u201eParsifal\u201c, Ersterer im zweiten, Letzterer bereits im dritten Jahr. Die Herangehensweise k\u00f6nnte unterschiedlicher nicht sein: Klinisch pr\u00e4zis der eine, \u00fcberbordend in seiner Bilderflut der andere. Wagner schrieb \u00fcber \u201eParsifal\u201c an Mathilde Wesendonck, dass der verwundete Amfortas sein \u201eTristan des dritten Aktes mit einer undenklichen Steigerung\u201c sei. Zwei Helden, die sich danach sehnen, sterben zu k\u00f6nnen. Zwei Welten, die sich auch darin gleichen, dass es in ihnen keinen Alltag gibt. Kein Spinnen, Schmieden und H\u00e4mmern. Nur der Tod ist das Ziel.<\/p>\n<p>Traurigkeit einer Morgend\u00e4mmerung. So \u00f6de geht selten ein Tag auf wie in diesem Traumbild, das einen Salon aus fernen Tagen zu einer Seelenlandschaft macht. Man befindet sich im Bauch des Schiffs, auf dem Isolde nach Kornwall, zur Ehe mit K\u00f6nig Marke bef\u00f6rdert wird. L\u00e4ngst ist Tristan und Isolde das Verh\u00e4ngnis ihrer Liebe bewusst, bevor der Liebestrank sie offenbart. Eine Verwechslung, ein geglaubter Todestrank rei\u00dft die Verschwiegenheit auf. Isolde \u00fcber Tristan und diesen falschen Trank: \u201eDem einzig am Tode lag, den gab er wieder dem Tag.\u201c<\/p>\n<p>Wenn in Marthalers Inszenierung w\u00e4hrend des Orchestervorspiels der Tag erwacht, so will es scheinen, als sei dies der letzte. Die Stimmung der ganzen \u201eHandlung\u201c lastet auf dem Raum, einer der sch\u00f6nen Hallenbauten Anna Viebrocks. Marthaler \u00fcberrascht in der Wiederaufnahme seines \u201eTristan\u201c von 2005 mit feinerer Personenregie. In irische Wolle gekleidet sind Isolde und Brang\u00e4ne, die beiden Frauen, noch ganz bei sich selbst. Ihr Dialog wird zum Gedankenaustausch buchst\u00e4blich zwischen den St\u00fchlen, darin man sich betten, lehnen, lauschen, sich abwenden kann. Heimatlose. Allein mit ihrem Gewissen sind auch Magd und Diener, Brang\u00e4ne und Kurwenal: Zuwendung ist ihr Leben, \u00fcber alles Verst\u00e4ndnis hinaus, irritiert, erschrocken.<\/p>\n<p>Das hat im ersten Akt latente Spannung. Bis Tristan, korrekt vom Scheitel bis zur Sohle, nach dem unkorrekten Liebesgest\u00e4ndnis verzweifelt alt aussieht, und Brang\u00e4ne versucht, mit dem Ankleiden ihrer Herrin die Ordnung zu retten. Was Tristan einzig sucht, hei\u00dft bei Wagner \u201eErl\u00f6sung \u2013 Tod, Nichtmehrerwachen\u201c, bei Heiner M\u00fcller dagegen: \u201eseinen Extratod\u201c. Da aber die Liebe Tristans und Isoldes nur aus \u201einneren Motiven\u201c, nicht etwa durch die Umwelt gest\u00f6rt wird, stellt Marthaler deren Vertreter einfach an die Wand: Feind, Freund, Hirt und K\u00f6nig.<\/p>\n<p>Musikalisch hat die Auff\u00fchrung gewonnen, weil mit Peter Schneider ein kundiger Dirigent am Pult steht. Im Ensemble mit Robert Dean Smith (Tristan) und Petra Lang (Brang\u00e4ne) siegt Nina Stemme, deren Isolde in diesem Jahr ihre \u201eh\u00f6chste Lust\u201c mit vollendeter Lyrik erreicht. Kwangchul Youn allerdings, der gefeierte K\u00f6nig Marke, l\u00e4uft deutlich Gefahr, seine kostbare Bassstimme im Musikbetrieb zu verschleudern (im \u201eRing\u201c ist er Fasolt und Hunding).<\/p>\n<p>Schlingensiefs \u201eParsifal\u201c: Ein Lob des Festspielorchesters unter dem sehnig musizierenden Adam Fischer und des Festspielchors muss obenan stehen. Denn ohne sie w\u00e4re die Vitalit\u00e4t der Szene nicht m\u00f6glich. Im dritten Jahr ist aus dem holprigen Wagner-Start des Regisseurs ein gro\u00dfer Theaterabend geworden. Sternenzelt und Stacheldraht, Geb\u00e4ren und Verwesen, alle Menschen werden Br\u00fcder, herrlich ist der Orient, Goldene Stadt, Kasperle und Kalligrafie, G\u00f6tterbilder, gefilmte Robben auf der Karfreitagswiese: Das ist die Magie der Bilder.<\/p>\n<p>\u00dcbertroffen aber wird sie durch allerlei \u201egeheimnisvolle Beziehungen\u201c: Analogien zwischen Gralsbereich und Zauberschloss, die Aufhebung der Chronologie, eine innige Schicksalsgemeinschaft zwischen Parsifal und Amfortas. Um das Sterben der beiden Gralsk\u00f6nige zu verstehen, muss man Schlingensiefs (fragw\u00fcrdige?) Lesart kennen: \u201eDurch Mitleid wissend werden, hei\u00dft, zu erfahren, dass es nur eine wirkliche Erl\u00f6sung gibt, und die liegt im Tod.\u201c Vor diesem Hintergrund begegnen sich M\u00e4rchen und heiliger Ernst, klammert sich Amfortas mit seiner Klage an Parsifal, bevor dessen Berufung ahnbar wird. Ebenso verbindet das Erlebnis von Kundrys Kuss den S\u00fcnder Amfortas mit dem Beinahe-S\u00fcnder Parsifal, der ihn im Arm h\u00e4lt. Geheimnisvolle Korrespondenzen \u00fcberall.<\/p>\n<p>An das Ereignis Domingo in Bayreuth 1993 darf man bei Alfons Eberz in der Titelrolle freilich nicht denken. Aber das S\u00e4ngerensemble hat Niveau: Robert Holls f\u00fchrender Gurnemanz, John Wegner als wandlungsf\u00e4higer Klingsor, Alexander Marco-Buhrmester als Amfortas, Evelyn Herlitzius als Kundry, deren intensivem Sopran in der Mittellage leider ein wenig die Kraft fehlt.<\/p>\n<p>In der heftigen Saalschlacht nach der Auff\u00fchrung wollen die letzten Buh-Rufer den Schlingensief-Fans das Feld partout nicht \u00fcberlassen. Anzunehmen, dass dieser \u201eParsifal\u201c \u2013 wie zuletzt der Heiner M\u00fcllersche \u201eTristan\u201c \u2013 auf dem Weg zum Kult ist, unter einem Motto, das vom Mittelalter \u00fcberkommen ist: \u201eMitten im Leben sind wir vom Tod umfangen.\u201c<\/p>\n<p>N\u00e4chsten Sommer wird die Auff\u00fchrung zum letzten Mal gespielt. 2008 soll es dann bereits die n\u00e4chste Neuinszenierung des \u201eB\u00fchnenweihfestspiels\u201c geben. Als Regisseur ist der junge Norweger Stefan Herheim im Gespr\u00e4ch. Es scheint, als wolle man die Scharte Schlingensief unbedingt wieder auswetzen. Wenn sich die Festspielleitung da mal nicht vergaloppiert hat.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Quelle: Der Tagesspiegel vom 3.8.2006. Von Sybill Mahlke<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bayreuther Festspiele, die letzte: \u201eTristan\u201c und \u201eParsifal\u201c bew\u00e4hren sich<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/124"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=124"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/124\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=124"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=124"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=124"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}