{"id":122,"date":"2006-08-06T12:37:41","date_gmt":"2006-08-06T10:37:41","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=122"},"modified":"2006-08-06T12:37:41","modified_gmt":"2006-08-06T10:37:41","slug":"wahnsinn-ist-das-wagner-nicht-zu-andern-ist-faz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=122","title":{"rendered":"WAHNSINN IST, DA\u00df WAGNER NICHT ZU \u00c4NDERN IST (FAZ)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die letzten Wiederaufnahmen in Bayreuth: Christoph Marthalers &#8222;Tristan&#8220; und Christoph Schlingensiefs &#8222;Parsifal&#8220;<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\nMauricio Kagel tr\u00e4umte davon, die Musik des &#8222;Parsifal&#8220;, Wagners &#8222;Sehnsucht nach dem Absoluten&#8220;, in Bayreuth einmal auf vollst\u00e4ndig verdunkelter B\u00fchne zu erfahren: &#8222;Man stelle sich vor, keine stehenden Ch\u00f6re mehr, kein qu\u00e4lendes Warten auf Ver\u00e4nderung: Der Triumph der reinen Vorstellungskraft.&#8220; In \u00e4hnlichem Sinn hat Patrice Chereau den &#8222;Tristan&#8220; einmal als ein &#8222;H\u00f6rst\u00fcck&#8220; bezeichnet. Tats\u00e4chlich grenzt die Aufgabe, den in beiden Werken auskomponierten Innenwelten eine szenische Entsprechung zu geben, ans Unl\u00f6sbare. So fluide und \u00fcberg\u00e4nglich ist das motivische Netz aus Ahnungen und Erinnerungen, das Wagner hier beziehungszauberisch webt, so abgr\u00fcndig, morbide und stets nah an der Aufl\u00f6sung bewegt sich diese Musik in ihrer Neigung zur harmonischen Verfl\u00fcssigung und zur Verr\u00e4umlichung der Zeit, da\u00df die Versuche, sie in einem B\u00fchnengeschehen bildlich zu fixieren, meist wie ern\u00fcchternde Begrenzungen wirken. <\/p>\n<p>Die beiden letzten Wiederaufnahmen der Bayreuther Festspiele zeigten nun zwei komplement\u00e4re, in ihrer Konsequenz gleicherma\u00dfen radikale Pole der szenischen Ann\u00e4herung an Wagners gro\u00dfe R\u00e4tselwerke &#8211; und machten das Dilemma um so plastischer. Christoph Marthalers nur minimal \u00fcberarbeitete &#8222;Tristan&#8220;-Inszenierung aus dem vergangenen Jahr markiert die Grenzen eines Regietheateransatzes, der zwar die Anstrengung einer deutenden Durchdringung auf sich nimmt, seine Inszenierungsthese dann jedoch ohne R\u00fccksicht auf musikalisch \u00fcberschie\u00dfenden Sinn verfolgt. Marthaler setzt seine prinzipiell einleuchtende Idee einer von Anfang an zum Scheitern verurteilten, von Grund auf vergeblichen Liebe zweifellos schl\u00fcssig um &#8211; so schl\u00fcssig allerdings, da\u00df von all dem s\u00fcchtelnden Sehnen und dauerekstatischen Sich-Verzehren, von der gigantischen Verschmelzungsutopie, der die Musik hier grenz\u00fcberflutend entgegenstr\u00f6mt, nichts mehr \u00fcbrig bleibt. Anna Viebrocks trostlos vor sich hin modernder B\u00fchnenraum, in dem man von Akt zu Akt eine Etage tiefer zu sacken scheint und dessen Poesie sich in einer Art Neonw\u00fcrmchenballett ersch\u00f6pft, t\u00f6tet von Beginn an jede Hoffnung auf Erf\u00fcllung. <\/p>\n<p>Tristan und Isolde erscheinen als Anti-Liebespaar, deren innere Panzer sich selbst von h\u00e4rtesten Liebestrankdrogen nicht erweichen lassen. Verklemmt sitzen sie auf zwei Hockern nebeneinander, w\u00e4hrend Wagner die Liebesnacht herniedersinken l\u00e4\u00dft &#8211; er als eine Art Schiffssteward in scheu\u00dflich blauer Uniform, sie im hellgelben Kost\u00fcm. Alle Gesten ihrer Liebe haben sie sich irgendwo geliehen. Sie ergehen sich in Z\u00e4rtlichkeiten wie aus der Kaffeereklame und in Verruchtheiten wie aus einem Loriot-Sketch. Er legt den Kopf in ihren Scho\u00df, sie zieht sich ihren Handschuh aus und nimmt ihn zwischen die Z\u00e4hne. Sp\u00e4ter rennt Kurwenal mit dem Kopf gegen die Wand, haucht Tristan sein Leben in einer Intensivstation aus, stirbt Isolde ihren Liebestod unter seinem Bettlaken. Die Inszenierung malt das vollendete Bild einer Tristan-Depression, gegen die Nina Stemme als eine leidenschaftliche, gl\u00fchende Isolde mit dunklem, wunderbar voll und rund klingendem Sopran, scheinbar unersch\u00f6pflicher Kraft und gro\u00dfer Ausdrucksintensit\u00e4t ansingt. Robert Dean Smith ist ein respektabler Tristan. Was seinem hellen, leichten Tenor an Glanz abgeht, macht er durch ein wunderbares Legato und sch\u00f6ne Phrasierungen wieder wett. Petra Langs Brang\u00e4ne verf\u00fcgt \u00fcber leuchtendes, str\u00f6mendes Soprantimbre, wenngleich sie dazu neigt, die Konturen hin und wieder ein wenig zu verschleifen. Ralf Lukas ist ein markiger Melot, Kwangchul Youn ein etwas starrer K\u00f6nig Marke, Hartmut Welker ein darstellerisch charakteristischer, stimmlich leider unzul\u00e4nglicher Kurwenal. <\/p>\n<p>Nach dem Einbruch des Dirigenten Eiji Oue im vergangenen Jahr hat Peter Schneider das Festspielspielorchester nun fest im Griff. Es ist ein grundehrlicher, handfester &#8222;Tristan&#8220;. Symphonisch durchgeformt, zupackend, ja forsch in den Tempi, frei von nervenzerfasernden \u00dcberreiztheiten, Zimperlichkeiten und Entgrenzungsflausen jeglicher Art, exzessiv nur in der Lautst\u00e4rke, kompakt und pausb\u00e4ckig im Klang, kurz: unertr\u00e4glich gesund. <\/p>\n<p>Christoph Schlingensiefs hypertrophe &#8222;Parsifal&#8220;-Inszenierung m\u00f6chte die Begrenzungen des Regietheaters sprengen. Deutung ist Schlingensief verd\u00e4chtig. In der Auslegung eines \u00e4sthetischen Sinnes wittert er schon eine Instrumentalisierung des Kunstwerks, das mi\u00dfbraucht w\u00fcrde zur Illustration d\u00fcrrer Botschaften und papierner Thesen. Dieser Gefahr begegnet er mit dem halsbrecherischen Versuch, jenseits aller Hermeneutik ein B\u00fchnengeschehen zu erfinden, das es als eine eigenst\u00e4ndige, sinnliche Ebene mit der Vieldeutigkeit und der Komplexit\u00e4t der Musik aufnehmen kann, das also einen unmittelbaren k\u00fcnstlerischen Reflex auf sie gestaltet. Man kann das gr\u00f6\u00dfenwahnsinnig nennen oder mutig. Langweilig wird die von ihm beschworene, die Aufnahmegrenzen beinahe sprengende Bilderflut jedenfalls nicht. Auch da\u00df man nicht dauernd den erhobenen Zeigefinger des Regisseurs zu sp\u00fcren bekommt, der einem erkl\u00e4rt, was der Komponist gemeint hat, \u00f6ffnet einem die Sinne neu. Gelungen erscheint die oft schier undurchdringlich wirkende \u00dcberlagerung von szenischen Vorg\u00e4ngen und exzessiven Videoprojektionen in ihrer Suggestion neuer, irreal-utopischer r\u00e4umlicher Perspektiven &#8211; etwa in der sonst meist peinlichen Abendmahlsszene des ersten Aktes, die hier eine beinahe erhabene Aura erh\u00e4lt. Und nat\u00fcrlich pa\u00dft das Unterlaufen einer linearen Erz\u00e4hlhaltung irgendwie zum &#8222;Parsifal&#8220;. Doch in diesem &#8222;irgendwie&#8220; liegt das Problem dieser synkretistischen, Assoziation \u00fcber Assoziation blendenden Inszenierung. Denn sie mutet einem zu, sich mit Wagners \u00fcberw\u00e4ltigenden Kl\u00e4ngen im Ohr in die privatesten Winkel der Schlingensiefschen Einbildungskraft zu versenken, mit all den Obsessionen, Skurrilit\u00e4ten, Widerlichkeiten, die es dort zu entdecken gibt. Das ist zum einen nicht sehr angenehm und lenkt zum anderen von der Musik ab. <\/p>\n<p>Irgendwann im Laufe des langen Abends hat man einfach genug von all den Robben und Maden und Hasenkadavern, die da \u00fcber die todeslager\u00e4hnliche, mit Stacheldraht umz\u00e4umte Versammlung von Vertretern aller Weltreligionen flimmern, von den dicken Urmamas, den (dieses Jahr hinzuerfundenen) islamistischen Terroristen, den vulg\u00e4ren Fruchtbarkeitssymbolen und Teufelsfiguren, dem ewigen Blutgemansche. Nat\u00fcrlich funktioniert auch Schlingensiefs sprachlose Inszenierung letztlich nicht v\u00f6llig ohne eine Deutung. &#8222;Parsifal&#8220; soll hier eine Nahtoderfahrung spiegeln. So schreiten die Gestalten am Ende durch den ber\u00fchmten Tunnel einem glei\u00dfenden Licht entgegen, w\u00e4hrend man im Zeitraffer einem Hasen beim Verwesen zusehen darf. <\/p>\n<p>Schlingensief beschert dem &#8222;Parsifal&#8220; wieder jenes mystisch verschwiemelte, privatreligi\u00f6se Moment, das ihm die Regisseure in den vergangenen Jahrzehnten so m\u00fchsam auszutreiben versucht haben. In eine Bayreuther Unsitte immerhin hat Schlingensiefs Inszenierung Bewegung gebracht: Nach der Abendmahlsszene st\u00fcrmte der an dieser Stelle sonst verp\u00f6nte Beifall los, ohne da\u00df jemand protestiert h\u00e4tte. Es trat freilich auch niemand zur Verbeugung vor die Szene. <\/p>\n<p>Musikalisch blieb der Abend etwas bla\u00df. Adam Fischer leitete das Orchester anstelle von Pierre Boulez in den beiden vergangenen Jahren und sorgte daf\u00fcr, da\u00df Wagners B\u00fchnenweihfestspiel mit der Leichtigkeit einer Haydn-Symphonie daherkam. Bei aller Vorliebe f\u00fcr klangliche und agogische Differenziertheit, Durchh\u00f6rbarkeit und schlanke, z\u00fcgige Formentwicklungen vermi\u00dfte man hier doch einen gewissen expressiven Abgrund. Gesungen wurde pr\u00e4chtig: Alexander Marco-Buhrmester war ein Amfortas ohne Weinerlichkeiten, Evelyn Herlitzius eine \u00e4u\u00dferst intensive Kundry, auch wenn ihre Stimme schon die ersten Sch\u00e4rfen aufweist. John Wegner als Klingsor, Robert Holl als Gurnemanz und Alfons Eberz als Parsifal hielten ein mehr als solides Niveau. <\/p>\n<p>Da\u00df dieser &#8222;Parsifal&#8220; im \u00fcbern\u00e4chsten Jahr abgesetzt wird, habe nichts mit dem Unmut des Publikums zu tun, beteuert man im Presseb\u00fcro der Festspiele. Im Gegenteil, Schlingensief passe sogar sehr gut nach Bayreuth. Die Neuinszenierung im Jahr 2008 wird Daniele Gatti dirigieren. Wer ihn inszenieren wird, steht noch nicht fest, es kursiert der Name des jungen norwegischen Regisseurs Stefan Herheim. 2009 wird es keine Neuinszenierung geben, 2010 einen neuen &#8222;Lohengrin&#8220;. Doch zuvor bekommt Katharina Wagner im kommenden Jahr ihre gro\u00dfe Chance als Regisseurin der &#8222;Meistersinger&#8220;. Die Wiederaufnahme von Philippe Arlauds &#8222;Tannh\u00e4user&#8220; soll dann Fabio Luisi musikalisch \u00fcbernehmen. <em>JULIA SPINOLA<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"30\" border=\"0\"\/><br \/>\nText: F.A.Z., 04.08.2006, Nr. 179 \/ Seite 33<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die letzten Wiederaufnahmen in Bayreuth: Christoph Marthalers &#8222;Tristan&#8220; und Christoph Schlingensiefs &#8222;Parsifal&#8220;<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/122"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=122"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/122\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=122"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=122"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=122"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}