{"id":117,"date":"2006-07-15T00:43:54","date_gmt":"2006-07-14T22:43:54","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=117"},"modified":"2006-07-15T00:43:54","modified_gmt":"2006-07-14T22:43:54","slug":"911-war-nicht-einmal-ein-triller-top-of-salzburg-stadtmagazin","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=117","title":{"rendered":"9\/11 WAR NICHT EINMAL EIN THRILLER (Top of Salzburg Magazin)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Interview mit Christoph Schlingensief aus Anla\u00df der Vorbereitungen zur Installation \u201eHodenpark\u201c im Museum der Moderne Salzburg 2006<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Fast parallel zur Festspieler\u00f6ffnung zeigt Christoph Schlingensief im Museum am Berg sein Langzeitprojekt \u201eAnimatograph\u201c. Mit Top of Salzburg sprach er \u00fcber Mozart und Wagner, \u00fcber Besserwisser, Filmbelichtung und Verdauung.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSie gelten allseits als Provokateur, wollen das aber gar nicht.<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Das liegt nur daran, dass die Leute so heftig reagieren. Ich habe eine Neigung zu sehr direkten Bildern und bin auch mal ein bisschen tourettem\u00e4\u00dfig unterwegs. Wenn mich was w\u00fctend macht, werde ich w\u00fctend. Aber ich bin nicht drauf aus, dass die Leute sich provoziert f\u00fchlen. Die provozieren sich selber und meine Arbeiten werden dabei nur instrumentalisiert. Interessiert mich aber auch nicht mehr. Sollen sie sagen, was sie wollen. Wir arbeiten sowieso weiter.<\/p>\n<p>Sie sind ja seit Parsifal ein begehrter Opernregisseur, w\u00fcrden sie gerne Mozart inszenieren?<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Mozart kenne ich nicht. Ist das der mit den Mozartkugeln und dem Trachtengesch\u00e4ft in Salzburg? Der, der uns nichts mehr zu sagen hat au\u00dfer Gesch\u00e4ftemacherei? Es war ein Gl\u00fcck, in Bayreuth arbeiten zu k\u00f6nnen. Man hat mir daraufhin jetzt in Manaus den Fliegenden Holl\u00e4nder angeboten und das wiederum ist genau meine Geschichte.<\/p>\n<p>Was reizt sie an Opern?<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Wagners Vorstellung vom B\u00fchnengeschehen. Die Erschaffung eines gesamten Organismus von Bild und Musik. Orchester zum Verschwinden bringen und dann auch noch die S\u00e4nger. Heutzutage steht Oper f\u00fcr Beton. Sinnlose Aktualisierungen, kein Gesp\u00fcr f\u00fcr die \u201eGeburt der Trag\u00f6die aus dem Geiste der Musik\u201c. Die Oper unterstellt mir, ich w\u00fcrde sie ruinieren, dabei hat sie nur Angst, dass ich sie in ihrer Feigheit vor der Kraft der Musik zerst\u00f6re. Es stinkt doch zum Himmel, wenn sensationelle Dirigenten wie Thielemann begeistert sind, weil die B\u00fchne saft- und kraftlos erscheint. Sie m\u00fcssten sich freuen, wenn man die Musik endlich wieder als mystischen Abgrund begreift, der die Begehrlichkeiten in uns wachsen und die D\u00e4monen tanzen l\u00e4sst.<\/p>\n<p>Was macht Sie w\u00fctend?<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Das D\u00fcmmste und Billigste f\u00fcr einen Regisseur ist es, einfach den Gegenwartsbezug herzustellen: \u201eFigaro ist ein aktuelles St\u00fcck\u201c oder \u201eMozart ist wahnsinnig aktuell\u201c und so ein Bl\u00f6dsinn. Wenn man bei so einer Operninszenierung schon von drau\u00dfen den Beton riecht, dann ist das nicht aktueller, sondern strohdumm. Es w\u00e4re genauso bl\u00f6d, mit Blick auf Antisemitismus, Deutscht\u00fcmelei oder National Befreite Zonen von Wagner zu behaupten, er w\u00e4re aktueller denn je. Man k\u00f6nnte Christen, Muslime, Juden, Antisemiten und Au\u00dferirdische vereinen. Das aber geht nicht, wenn man Mozart zum Beispiel auf bl\u00f6dsinnige Beziehungskisten reduziert. Man verkauft ihn als kindischen Prinzen und dann mit hochmoralischem Tonfall.<\/p>\n<p>Das wird aber von Medien und Publikum nicht so wahrgenommen.<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Wenn man das Opernpublikum seit Jahrzehnten verdummt, dann ist das doch kein Wunder. Bl\u00f6dsinnige Musikkenner offerieren Opern wie Sachertorten. Sie sind Teil der Verkaufsmaschine. Sie stinken nach Zuckerguss und Schlaftabletten. Sie sind nicht mehr in der Lage die Dimensionen der musikalischen Pr\u00e4-Natur zu begreifen. Niemand an der Oper sollte glauben, er w\u00fcrde frei entscheiden. Bevor er denkt, er h\u00e4tte die Note ge\u00e4u\u00dfert, war sie schon da. Sein limbisches System hat entschieden, nicht der mathematische Kopf. Daran ist schon Adorno gescheitert.<\/p>\n<p>Das Publikum nimmt diese Argumentation aber an.<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Aber da geht es doch nicht um Argumente. Das Stammpublikum, das die Deutungshoheit beansprucht, hat vor der Auff\u00fchrung ein Gl\u00e4schen getrunken und f\u00fcr den sp\u00e4teren Abend schon den Restauranttisch reserviert. Da geht es doch nicht um Auseinandersetzung. Da geht es um Konsum von Kunst, die zum Wein passen muss.<\/p>\n<p>Was halten sie entgegen?<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Es ist ein Gl\u00fcck, dass ich mit Filmen begonnen habe und jetzt auch wieder welche mache. Da geht es um Belichtung,  einfache, doppelte, mehrfache \u00dcberbelichtung. Ich schaue und frage: Was ist so \u00fcberbelichtet und so unterbelichtet in der Gesellschaft, dass man es gar nicht mehr sieht. 9\/11 zum Beispiel ist so ein heller Blitz, der uns einfach alle immer noch blendet. Dabei war er nicht einmal ein musikalischer Triller.<\/p>\n<p>Wie stehen sie zu institutionalisierter Provokation, die sich gerne als Kontra zum Establishment inszeniert und dann tats\u00e4chlich enorm heftige Reaktionen bekommt?<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Gibt es \u00fcberhaupt noch etwas Etablierteres als Provokation? Der Schutzraum der Kunst. Das sind M\u00e4tzchen. Strohdumme<br \/>\nReaktionen, die Emp\u00f6rung von \u00d6ffentlichkeiten, die dem K\u00fcnstler abschlie\u00dfend auch noch den Eindruck vermitteln, er w\u00e4re kontrovers und h\u00e4tte aufgew\u00fchlt. Kunst verfilmt zu oft die eigenen Fu\u00dfn\u00e4gel.<\/p>\n<p>Wie positionieren sie sich dann?<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Die Opernindustrie wei\u00df wie sie ohne Ecken und Kanten ihre Kohle vermehren kann. Es gibt ein Trachtengesch\u00e4ft in Salzburg, dass man Bin Laden empfehlen sollte, zumindest seiner Familie, und all das passt zusammen,wenn man nicht nur an der Verfilmung der eigenen Fu\u00dfn\u00e4gel interessiert ist. Und auch diese \u00c4u\u00dferung bleibt Kunst! Mein Schutzraum w\u00e4re in diesem Falle: Kohle vermehren, Trachten tragen, Kontraspielen und in Wirklichkeit geschluckt werden\u2026<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Sie zeigen im Museum am Berg den Animatographen. Geht es dabei um die Festspiele und um Mozart? Er ist ja zur Festspielzeit zu sehen. Man sollte diesem angeblich kerngesunden Typen seine kranke Seite zur\u00fcckgeben. Und dazu bringen wir den Animatographen mit. Der frisst Mozart und schei\u00dft ihn. Vor der Schei\u00dfe h\u00e4ngen Eier und das sind die Kugeln. Und dann frisst uns Salzburg<br \/>\nund dann verdaut es uns, und dann werden wir D\u00fcnger f\u00fcr neue Transformationen. Der Animatograph handelt selbst. Er transformiert die Zeit zu Raum, hier wird zum Raum die Zeit.<\/p>\n<p>Sind sie ein Pessimist?<\/p>\n<p>SCHLINGENSIEF: Ich bin guter Dinge ! Und die sind kohlrabenschwarz. Meine Festhalle ist voller Geister. Und genau deshalb habe ich gro\u00dfe Lust zu leben. Weil es nicht so kapriolenhaft ist wie bei Mozart. Probleme beschleunigen mich mehr als ein gutes Abendessen. Das hei\u00dft nicht, dass ich nicht gerne gut esse. Sagen wir es so:Wenn mir was gef\u00e4llt, dann sehe ich es genau an und finde bald etwas, was daran nicht so sch\u00f6n  ist. Aber das hat nichts mit Pessimismus zu tun, sondern mit fr\u00f6hlicher Melancholie.<\/p>\n<p>Danke f\u00fcr das Gespr\u00e4ch<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/>Aus: Top of Salzburg (Stadtmagazin) vom 15.07.2006<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"35\" border=\"0\"\/><br \/>\n<a href=\"..\/arbeiten\/t055\/schlingensief_TOS.pdf\"><img loading=\"lazy\" src=\"..\/arbeiten\/t055\/tos_440.jpg\" width=\"440\" height=\"306\" border=\"0\"\/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Interview mit Christoph Schlingensief aus Anla\u00df der Vorbereitungen zur Installation \u201eHodenpark\u201c im Museum der Moderne Salzburg 2006<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=117"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/117\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}