{"id":116,"date":"2006-07-02T10:24:27","date_gmt":"2006-07-02T08:24:27","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=116"},"modified":"2006-07-02T10:24:27","modified_gmt":"2006-07-02T08:24:27","slug":"ich-bin-fur-die-vielfalt-zustandig","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=116","title":{"rendered":"\u201eICH BIN F\u00dcR DIE VIELFALT ZUST\u00c4NDIG\u201c (Lesebuch Projekte)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief im Gespr\u00e4ch mit Michael Kerbler und Claus Philipp<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nMICHAEL KERBLER: Unser Gespr\u00e4ch m\u00f6chte ich mit einem Zitat beginnen, von dem ich zun\u00e4chst dachte, es stammt von Ihnen. Ich lese es mal vor: \u201eDie Menschen sind nicht frei, da ihr Dasein st\u00e4ndig von Gef\u00fchlen wie Beklemmung, Angst, Hass und Hilflosigkeit bestimmt wird. Wir brauchen ein Theater, das uns wachr\u00fcttelt und unsere Herzen und Nerven anspricht. Das ideale Schauspiel ist mit allen Sinnesorganen wahrnehmbar, das hei\u00dft allumfassend. Theater muss wieder feierlich werden, und auf die Zuschauer wie eine Seelentherapie wirken und unvergesslich bleiben. Ich fordere eine von Schauspielern und Zuschauern gemeinsam vollzogene reale Handlung im Theater, und damit eine \u00dcberwindung des Unterschieds zwischen Spiel und Wirklichkeit. Ein m\u00f6glicher Weg f\u00fchrt \u00fcber das Theater der Grausamkeit, wo der Zuschauer eine existentielle Grenzerfahrung durchlebt. Auf diese Weise wird die Kunst \u00fcberschritten, und das Theater kein Schauspiel mehr sein, sondern ein Moment des Lebens.\u201c Ist das etwas, was Sie unterschreiben w\u00fcrden?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Das kann doch jeder unterschreiben! Das k\u00f6nnte auch die Politik sagen, ein Gesch\u00e4ftsmann, eine Angestellte \u2013 jeder Mensch auf der Welt, wenn es sein Ziel ist, endlich in den eigenen Film einzutreten. Schon jedes Baby macht sich bei der Geburt schreiend bemerkbar, um wahrgenommen zu werden.<\/p>\n<p>MICHAEL KERBLER: Diese S\u00e4tze stammen von Antonin Artaud \u2026<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF:\u2026bei dessen Obsessionen man nie so genau wei\u00df, woran man ist. Er war gro\u00dfartig, ein wirklicher Praktiker. Ich denke wie er, dass Angst eine elementare Produktivkraft im Menschen ist. Sie schlummert in einem, man wird gezwungen, sie sich abzugew\u00f6hnen. Einer geht dann zum Psychologen, ein anderer l\u00e4sst es halt raus. Artaud hat zum Beispiel mit Glockent\u00f6nen gearbeitet, von denen die Zuschauer zum Vibrieren gebracht wurden. Manche waren nachher taub. An solchen Abenden muss man eben mit Versicherungssch\u00e4den oder Regressforderungen rechnen.<\/p>\n<p>MICHAEL KERBLER: Im Gegensatz zu Ihnen hat Artaud eine statische B\u00fchne entwickelt, um die sich die Sesselreihen im Kreis drehen konnten. Sie machen den Animatograph, diese Mehfachprojektions-Drehb\u00fchne, zum essentiellen St\u00fcck der Inszenierungen. Reichen ihnen die normal gebotenen technischen M\u00f6glichkeiten nicht?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Beim Zeitungslesen am Fr\u00fchst\u00fcckstisch habe ich irgendwann festgestellt, dass sich die Bedeutung von Artikeln \u00e4ndert, wenn ich mich dabei um meine Achse drehe. Genau erkl\u00e4ren kann ich das nicht, aber es ist so. Es hat ja auch eine Zeitlang gedauert, bis den Menschen klar wurde, dass die Erde keine Scheibe ist und man um sie herumfahren kann, sich das Ganze dreht und es keinen Rand gibt, wo man hinunterf\u00e4llt. F\u00fcr Joseph Beuys hat die Mondlandung nach dem Lift-Prinzip funktioniert: Man f\u00e4hrt hoch, ist gro\u00dfartig erregt, stapft im Dunkeln herum, und dann geht es mit dem Aufzug wieder runter. Wahrscheinlich hat das alles Stanley Kubrick gedreht; man wei\u00df es nicht genau. Alle diese Sachen sind nat\u00fcrlich Monopole der Betrachtung, Monopole der Zentralperspektive mit unten und oben.<br \/>\nWas aber passierte nun mit Ernst Messerschmidt, dem deutschen Astronauten, den ich kennen gelernt habe? Als er am Morgen im All die Augen aufmachte, hat er alles verkehrt herum gesehen. Er konnte kein Instrument mehr bedienen. Alle waren geschockt, bis pl\u00f6tzlich ein Wissenschaftler die Sache ins Positive drehte und die Anordnung durchgab: \u201eUnbedingt weiter machen. Vergessen Sie den ganzen Plan, den wir mit Ihnen vorhatten. Sie sind, so wie 5 Prozent der Bev\u00f6lkerung, die dieses Problem haben, ein Riesenfehler im System, aber das ist die gr\u00f6\u00dfte Produktivkraft, die wir uns vorstellen k\u00f6nnen. Machen Sie alles, was Sie k\u00f6nnen, h\u00f6ren Sie Musik, putzen Sie sich die Z\u00e4hne, laufen Sie an der Wand rum oder denken Sie was Verr\u00fccktes, oder befriedigen Sie sich selbst, und dann schildern Sie, was passiert.\u201c Solche 5 Prozent sind es, auf die ich letztendlich vertraue, damit Dinge in Bewegung kommen und Indifferenzen passieren. Es geht also um die Hoffnung, dass sich T\u00fcren \u00f6ffnen, die Dimensionen zeigen, die wir verlernt haben, die wir verlernen mussten, weil das System darauf besteht, dass ich mich permanent in einem begrenzten Vernunftraum bewege, mit fest gef\u00fcgten Vorstellungen von oben und unten.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Um die Zersetzung von Zentralperspektive ist es auch beim Containerprojekt vor der Staatsoper in Wien gegangen. Man konnte herumgehen, sich Bilder ansehen, selbst Fotos machen, wurde in Gespr\u00e4che verwickelt.<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Ein sonst von vielen hingenommener Satz wie \u201eAusl\u00e4nder raus!\u201c war pl\u00f6tzlich so \u00f6ffentlich da oben, dass er sich gegen die Leute gedreht hat. Es war ihnen unangenehm, dass jeder japanische Tourist das fotografieren konnte. Das hat gewisse Gleichgewichtsst\u00f6rungen verursacht. In beil\u00e4ufig Akzeptiertes kam Bewegung hinein, pl\u00f6tzlich waren auch die Passanten unmittelbar beteiligt.<br \/>\nZur Idee der Animatographen m\u00f6chte ich noch sagen, dass sie zum ersten mal in Bayreuth konkret geworden ist, als ich mich mit der dortigen B\u00fchnensituation besch\u00e4ftigte. In diesem Raum entsteht nicht, wie sonst in einer Oper, nur so ein Hall, der jeden Ton \u201eschlp\u201c nach innen saugt, sondern da ist \u00fcberall noch so ein sch\u00f6ner angenehmer Schmier um die Musik herum und das erf\u00fcllt mich. Als ich mir \u00fcberlegte, einer k\u00f6nnte hinten und der andere m\u00f6glichst weit vorne stehen, weil dann der Hall besser ist und sofort, habe ich rasch bemerkt: Das ist der Tod des Unternehmens Musik und auch der Tod der Oper letztendlich. Denn Musik ist f\u00fcr mich als Maschine, als Element, als Elixier begreifbar. Sie sch\u00e4lt mir Bilder heraus, gibt mir verschollene Bilder zur\u00fcck. In einer betonierten Szenerie kann das nicht funktionieren. Also habe ich die Familie Wagner angerufen, die gerade in Tokio war, dass sie leider zur\u00fcckkommen m\u00fcsse, weil es ein Problem g\u00e4be. Dieses Bayreuth ist zu statisch.<\/p>\n<p>MICHAEL KERBLER: Und sie sind gekommen?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Ja, sie haben ihre Reise abgebrochen, ohne eine vorgesehene Verdienstmedaille anzunehmen. Ich bin mit meinem Auto voller kleiner Modellteile hingefahren und wir haben eine Drehb\u00fchne aufgebaut \u2013 dabei hat Bayreuth gar keine. Mit Taschenlampen und einemDiaprojektor wurde demonstriert, wie es funktionieren k\u00f6nnte. Wolfgang Wagner, ein toller, allerdings von seiner Umgebung terrorisierter Mann, war der ruhende Pol; ansonsten gab es \u00fcberall versteinerte Gesichter. Eine v\u00f6llig abweisende Situation. Irgendwann sagt Gudrun Wagner: \u201eDas ist interessant. Das habe ich hier noch nicht gesehen. Wie geht das?\u201c Es wurde dann beredet und berechnet und pl\u00f6tzlich kamen erste zustimmende Meldungen und die Stimmung ist gekippt. So kamen wir auf den Weg, die Statik aufzubrechen. Sehen Sie sich im Vergleich die ausgestellten Standfotos der Staatsoper in Wien an. Vielleicht waren diese Inszenierungen erfolgreich, man arbeitet aber mit der Verdummung des Betrachters. Oper kann viel mehr als blo\u00df verbl\u00f6dete Leute anzuziehen. Sie schafft Organismen zur Musik, die genauso autonom sind wie die Musik. Die Musik ist etwas Autonomes, der Organismus Bild kann etwas Autonomes sein. Schlaf meinetwegen ein oder schlie\u00df die Augen. Mach sie auf und sieh ein Bild. Was ist in der Zwischenzeit passiert? Das ist der Rausch, und damit bin ich wieder bei Artaud und wir haben einen wirklich produktiven Abend.<\/p>\n<p>MICHAEL KERBLER: Angela Merkel war ja in der Parsifal-Premiere und hat Ihre Inszenierung wunderbar gefunden; nur die Videos h\u00e4tten sie gest\u00f6rt\u2026<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: \u2026 darauf habe ich ihr gesagt, wenn sie n\u00e4chstes Jahr nochmals kommt, wird sich das geben. Apropos zuviel Video: Ich sehe gerade Merkel pausenlos auf allen Kan\u00e4len und kann das kaum noch ertragen, habe mich aber daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen. Inzwischen geh\u00f6rt Frau Merkel zu mir wie so eine Pflanze im Blumentopf. Irgendwie war sie s\u00fc\u00df. Sie hat mir auch noch Blicke zugeworfen, als der Edmund Stoiber mich umarmte und sich seine Frau bei mir so eingeh\u00e4ngt hat, als ob ich eine der T\u00f6chter heiraten sollte.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Sie treten wie ein verr\u00fcckter Bastler auf; trotzdem kommen Sie mit renommierten Institutionen zurecht.<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Ehrlich gesagt, weil ich ein tolles Elternhaus hatte. Sei kein F\u00e4hnchen im Wind, hat mir meine Mutter gesagt, und zugleich vorgegeben, was ich sagen soll. Das ist die Schizophrenie des Kleinb\u00fcrgertums. Versuche, so zu tun, als w\u00e4rst du anders als die anderen, aber gib dir M\u00fche, auf dem Weg zu bleiben. Daraus hat sich einerseits ein chaotischer, andererseits ein ganz gerader Lebensweg ergeben. Institutionen sind immer klasse. Das Burgtheater ist ein Hammer. Dem Klaus Bachler rechne ich hoch an, dass er einem tats\u00e4chlich manchmal nachreist, nicht als Fan, sondern als einer, der sich fragt: \u201eWas macht der Kerl da eigentlich?\u201c Pl\u00f6tzlich kam dann ein Anruf von ihm; dem hab\u2019 ich im Moment genauso wenig geglaubt, wie dem Anruf aus Bayreuth. An die Burg zu kommen bedeutet f\u00fcr mich eine Aufladung. Ich sitze, ohne dass ich daf\u00fcr gek\u00e4mpft h\u00e4tte, in der Garderobe, die auch Herr Voss und Herr Brandauer haben. Deren Badeschlappen kann ich mir angucken, bevor ich zu Bambiland rausmarschiere. Die Garderobe an der Volksb\u00fchne in Berlin macht mich \u00fcberhaupt nicht an. An Wien mag ich, dass sich die Leute noch pseudoerregen lassen, \u201ees ist ja irgendwie wunderbar\u201c denken und einem hinten das Messer rein hauen. In Berlin ist alles so \u201eU\u00e4\u00e4h\u201c und \u201eWir sind alle so depressiv in Deutschland \u2026\u201c und haben sowieso keine Lust mehr auf Kultur. Es gibt, glaube ich, 380 Kunstgalerien in der Stadt, die von 50.000 Euro Jahresumsatz leben. Eigentlich m\u00fcssten die sich l\u00e4ngst andere Sachen \u00fcberlegen.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Auf der einen Seite macht es einen stolz, Bastionen wie Bayreuth betreten zu d\u00fcrfen, auf der anderen Seite gibt es doch eine gewisse Wut dar\u00fcber, dass die dann Dinge wollen, die man gar nicht bringen kann?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Zum Thema Provokation berufe ich mich gern auf Beuys, der schlicht gemeint hat: \u201eWas soll das denn, auch Provokation ist nur ein Produktionsmittel.\u201c Zugleich sage ich ganz klar, dass jeder Revolutionsansatz von anderen Leuten, die aus Bereichen kommen, die nicht wahrgenommen werden, tausendmal wichtiger sein kann. Ein Kleinb\u00fcrger wird immer wahrgenommen. Der wei\u00df, welche Tageszeitung er im Bahnabteil oben liegen haben muss, damit man denkt, er w\u00e4re intelligent. Dieses Prinzip kenne ich. Und dann kommst du in solche Ahnengalerien rein und fragst dich: Was hast du hier zu suchen? Wie kommst du da hin? Was ist passiert? Solche Begegnungen habe ich aber auch, wenn ich bei Aldi einkaufe. Auch dort frage ich mich: Was hab ich hier zu suchen? Was find ich denn da unten im Regal? Das h\u00f6rt sich jetzt wie Bl\u00f6dsinn an, aber es ist ein Prinzip des Lebens, einen Raum zu betreten, und zu kapieren: Der Raum \u00fcberpr\u00fcft mich, und nicht ich den Raum.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Gut, und jetzt gehen Sie mit den Drehscheiben aus dem Parsifal in verkleinertem Ma\u00dfstab hinaus in die Welt, nach Island, nach Neuhardenberg, nach Namibia, ins Wiener Burgtheater. Und was passiert dann?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: In der Steinzeit, aus der wir herkommen, sitzt man am Lagerfeuer, unterh\u00e4lt sich und nagt an einem Knochen. Pl\u00f6tzlich bemerkst du Schatten an der Wand. Sie bewegen sich, kommen n\u00e4her. Man erschreckt, wenn einer pl\u00f6tzlich weg ist. Du hebst die Hand und siehst sie an der Wand. Du bewegst die Finger so, dass ein Hase erscheint. Zum ersten Mal hast du das Gef\u00fchl, man ist reproduzierbar. Ich bin nicht einmalig. Es k\u00f6nnte ein Abbild von mir geben. Das ist vom Grundgedanken her der Animatograph. Ein altes Milit\u00e4rlager in Neuhardenberg wird zur B\u00fchne. Die Schlacht um Berlin hat da stattgefunden, die V1 wurde entwickelt, Gerhard Schr\u00f6der hat das gro\u00dfartig kaputte Hartz IV unterschrieben. Das alles passiert dort. Als aktionistische Plattform, als Kirmeskarussell, sammelt der Animatograph auch in Namibia Bakterien, Elemente, Energiestr\u00f6me, Gegenst\u00e4nde ein. Er wird aus am Ort greifbaren Dingen gebaut. Es werden aktionistische Filme gedreht, von Szenen, die zur Musik passieren oder von ganz allein zustande kommen. Die Ereignisse sind nicht mehr kontrollierbar. Die Kamera ist blo\u00df der Versuch, auf Distanz zu bleiben. Das alles nimmt der Animatograph in sich auf und im Theater kann man ihn betreten. Hier trifft sich der Mensch, hier lebt er, hier hinterl\u00e4sst er seine Spur. In gewissem Sinn funktioniert das wie ein W\u00e4schest\u00e4nder, der ein Begriff von Demokratie f\u00fcr mich ist, weil Partikel des Menschen im Betttuch h\u00e4ngen bleiben und getrocknet vom Wind der Zeit nach unten fallen, wo sie Humus f\u00fcr neue Demokratie-L\u00fcgen bilden. Um solche Arbeitsfl\u00e4chen geht es bei den Animatographen.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Von einer V1 zum Humus? Das ergibt Ratlosigkeit, wenn nicht jeder, ob in einem Slum in L\u00fcderitz oder in hiesigen Theatern, einen individuellen Weg findet und sich aus dem Angebot einen eigenen Film bastelt. Man sieht jedes Mal einen anderen, immer wieder neu geschnittenen Film, und man sieht vor allem immer seinen eigenen?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: So ist es, als kleine Anfangsstufe. Gerade weil es derzeit nicht vorgesehen ist, in kleinen Schritten zu gehen, wird das wichtig, im Sinn von \u201eLasst mir Zeit, ich brauche Zeit\u201c.<br \/>\nIch bin ein gro\u00dfer Fan von Dieter Roth, der ja lang in Island gelebt hat, wo mit Hilfe von Francesca von Habsburg der erste Animatograph entstanden ist, was ich gerne sage, weil sie eben auch den Dingen nachreist und sich informiert. Was sie sonst noch an Jet-Set-Gedanken im Kopf hat, ist ihr Problem. Dieter Roth jedenfalls hat am Arsch der Welt gelebt und vor sich hin gewerkt und irgendwann seinen K\u00fcchenboden ausges\u00e4gt und an die Wand geh\u00e4ngt. Da waren ein Spiegelei drauf, ausgedr\u00fcckte Zigarettenkippen, Fettflecken. Das als Dokument von zehn Jahren, eine Zeiteinheit, die wir v\u00f6llig verloren haben. Ob im Theater oder im Kino: Es f\u00e4ngt links an, h\u00f6rt rechts auf; da ist Anfang, da ist Ende. Ein grunds\u00e4tzlicher Fehler. Von unserem Film aus Afrika kenne ich die Handlung nicht. Keiner der Schauspieler kann bis jetzt sagen, was er gespielt hat. Die Namen wurden permanent verwechselt: Freya, Fricka, Odin, Loki, Edda \u2026<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: In Namibia, wo ich ein Mitreisender gewesen bin, wurden bei den Wellblechsiedlungen oberhalb von L\u00fcderitz eine Drehscheibe und ein Container aufgestellt. Dieser Raum ist dann mit der Aufforderung eingeweiht worden: \u201eBringen Sie Dinge in diese Arche, wir werden hier ein Fest feiern.\u201c<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Der Plan war aber nicht ein Ethno-Projekt, zu dem es in Berlin sofort die einschl\u00e4gigen Reflexe g\u00e4be \u2013 Farben mitbringen, sich Locken abschneiden \u2013 sondern Vorstellungen vom Reisen. Die griechische Sagenwelt entsteht aus dem Chaos. Da ist etwas gewesen, es wurde zerst\u00f6rt und wieder aufgebaut. Sagen des Nordens, wo der erste Animatograph entstand, gehen von einer Welt aus, die aus dem Nichts entsteht. Das Nichts von Etwas, das Etwas von Nichts \u2013 Adorno? Jedenfalls: Die Suche nach den verlorenen Bildern \u2026<br \/>\nIch fahre also nach Afrika, habe ein Drehbuch, habe einen Produzenten, ein Herz von einem Menschen: Frieder Schlaich, der auch die alten Filme von mir sammelt, herausbringt und restaurieren l\u00e4sst. Er hat das mit der Filmf\u00f6rderung durchgebracht, kriegt aber f\u00fcr das Projekt keine Raten ausbezahlt, weil es nicht einmal eine Rohfassung gibt. Darauf sage ich, wir vergraben das Material, wie Bobby Beausoleil das Material von Kenneth Anger vergraben hat. Lasst den Film verschwinden, das Meer soll ihn wegschwemmen, und reden wir nur noch \u00fcber die Bilder, die wir produziert haben. Es gibt ein paar Fotos, auch einige Zeichnungen. Das w\u00e4re tausendmal besser als wieder Vorspann und Nachspann, wie es die Produzenten wollen, um zu sagen: Dazwischen kannst du machen, was du willst. Ich will aber keinen Vorspann und keinen Nachspann. Wie kriege ich das in Schritten langsam hin? Wo kriege ich die Leute, wie kriege ich das Verbundsystem dazu? Das ist ein Gedanke, der langsam w\u00e4chst. \u201eWie wird der Raum zur Zeit?\u201c \u2013 Das ist die Zentralfrage, die ich mir stelle. Um dem n\u00e4her zu kommen, kann ich mittlerweile viele Leute, pansexuell veranlagt, wie ich nun mal bin, umarmen, selbst die \u00fcbelsten Kritiker und alle Ignoranten dieser Welt. Wie also kann der Raum zu Zeit werden, wie kriege ich diese Zeiteinheit hin? Und nicht nur ich, sondern wir. Das ist das Neue \u2013 das immer schon da war.<\/p>\n<p>MICHAEL KERBLER: Drehb\u00fchnen g\u00e4be es ja da und dort; Sie transferieren aber diese Drehscheiben ins Theater?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Es ist halt kein B\u00fchnenbild mehr. Es sind die Begehungen einer Kamera. Den Animatograph akzeptiere ich nur, weil er sich verselbst\u00e4ndigt. Das Ding dreht sich, aus allen Ecken und Enden werden Filme projiziert. Wo anders als im Theater sollte das bei uns derzeit m\u00f6glich sein? Die Zuschauer stehen drauf, gehen herum, finden es langweilig oder finden es toll. Das Ding dreht sich immer in einem bestimmten Rhythmus. Zwei Naturwissenschaftler haben uns daf\u00fcr die Erdumdrehung errechnet. Weil eine Projektionsgeschwindigkeit von 25 Bildern pro Sekunde notwendig w\u00e4re, unsere Kamera aber nur 16 oder 19 Bilder pro Sekunde aufnimmt, gehen 9 bis 6 Bilder verloren. Die sind aber die interessanten, die der Animatograph durch immer wieder neue Kombinationen sichtbar machen kann. \u00dcbrigens sind die obersten Pl\u00e4tze, die Stehpl\u00e4tze, also die billigsten, bei uns die besten. Bei dem Gedanken geht es mir immer gleich besser. Die unten kommen sowieso und haben die Kohle. Das ist Stufe eins. Stufe zwei ist das Element des Theaters. Wir wollen auch f\u00fcr die Theaterzuschauer etwas bringen. Sie sollen den Text von Elfriede Jelinek noch mal nachschmecken k\u00f6nnen, die aus dem gleichen Grund schreibt, weshalb ich Bilder produziere. Diese Schleusen m\u00fcssen offen gehalten werden. Bei uns sehen sie, dass diese ganzen Trennungsmechanismen nur aufgeflanschte Formelverf\u00e4lschungen sind von Gesellschaften, die immer auf ihre Monopole pochen. W\u00e4hrend sie herumgehen in einem fast dunklen Raum, werden sie Teil der Handlung, werden aus der Zentralperspektive herausgerissen, merken dass sich alles dreht, sehen es aber nicht.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Area 7 ist der f\u00fcr Ihre Auff\u00fchrung Namen gebende Slum, in dem der Animatograph aufgebaut wurde. Im Unterschied zum viel verkommeneren Sand-Hotel Slum ist er eine neue Anlage auf dem ehemaligen Golfplatz der Kolonialbewohner von L\u00fcderitz, mit riesigen Flutlichtmasten zwischen den H\u00fctten \u2026<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: \u2026 Er ist so angelegt, dass Touristen kurz vorbeischauen k\u00f6nnen, um eine etwas buntere Verwahrlosung zu sehen. Die Bewohner wurden dorthin evakuiert, weil sie angeblich eine Wasserleitung bek\u00e4men, was aber nicht wirklich der Plan ist. Wo sie den 11. September nachgespielt haben, mit den ihnen gegebenen Informationen, war unser Originalschauplatz, mit dem Animatograph, dem gro\u00dfen Schiff mit zwei Masten, an denen die Twin Towers h\u00e4ngen, und dem Container. Der indirekte Aspekt liegt f\u00fcr mich darin, dass die 3.000 bedauernswerten Toten in New York zu einer Paralysierung und zu einem Super-Flash geworden sind, der s\u00e4mtliche andere Bilder versch\u00fcttet. 30.000 Tote in Afrika jeden Tag \u2013 die existieren nicht.<br \/>\nEs wei\u00df auch niemand, was ich an der Grenze von Simbabwe zu S\u00fcdafrika festgestellt habe, dass in einer Ausgrabungsst\u00e4tte 2.300 Jahre altes chinesisches Porzellan gefunden wurde, es also damals schon Handel mit China gegeben hat. Was findet man aus dieser Zeit bei uns in Gr\u00e4bern? Selbst sich \u00fcber solche Relationen zu wundern ist abhanden gekommen. Und wenn ich mich jetzt auf Wagner einlasse, merke ich immer, was diese Monopolisten, die Wagnerianer, wie sie sich nennen, gr\u00f6\u00dftenteils f\u00fcr Vollidioten sind, die Wagner auf ein ganz enges Konzept reduzieren. So geht es einfach nicht. Die Kundri tr\u00e4gt einen Schlangenrock, der bis zum Boden geht, sagt die Beschreibung; sie kommt also aus Afrika. Europ\u00e4ische Schlangen reichen nur bis zum Knie. So muss man das mal lesen.<br \/>\nDeshalb unser Angebot von Wundertrommeln. Damit bin ich wieder beim Film, beim Praxinoskop, bei Werner Nekes, wo ich meine Sozialisation hatte und die Filmgeschichte auf eine ganz eigene Art und Weise kennen gelernt habe. Im Moment, in dem man dann nach au\u00dfen tritt, und seine Augen und Ohren noch halbwegs offen hat und das Gehirn noch angeschaltet ist, denkt man dann vielleicht: Das, was die da vorne als Theater pr\u00e4sentieren, ist ja dem und dem \u00e4hnlich. Da gibt es analoge Beziehungen, Reflektoren. Das ist der Moment \u2013 ich stehe vor der Kamera; ich bin in der Kamera. Ich stehe vor meiner Welt \u2013 ich bin in der Welt. Ich trete in meinen eigenen Film.<\/p>\n<p>MICHAEL KERBLER: Wann ist denn dieser Effekt eingetreten, als Sie feststellten, dass sich mit dem Medium Film mehr machen l\u00e4sst, als nur fiktive Ausschnitte von Realit\u00e4t abzubilden?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Ausl\u00f6ser war wieder einmal ein Fehler. Mein Vater hat alles gefilmt, die Geburtstagsfeiern, Kind in der Badewanne, Familie im Schnee und so weiter. Er hatte eine Doppel 8-Kamera; der Film musste unter der Bettdecke oder in einem dunklen Raum umgedreht und wieder eingelegt werden und wurde dann in die andere Richtung belichtet. Ich durfte auch filmen und habe einmal aus Versehen den Film zweimal in der Kamera umgedreht. Wegen der Doppelbelichtung ist dann pl\u00f6tzlich einer \u00fcber den Bauch von jemand anderem gelaufen. Das fand ich toll. Das habe ich auch den Leuten vom Energiekonzern E.ON gesagt, die mich eingeladen haben: Wenn Ihre Firma funktionieren soll, m\u00fcsste es m\u00f6glich sein, das \u00fcbereinander zu legen, und sich dennoch als Mensch wiederzuerkennen. Wenn Sie den Menschen noch entdecken, haben Sie Gl\u00fcck gehabt, dann ist das noch akzeptabel. Damit k\u00f6nnen Sie jeden Betrieb und jedes kapitalistische System \u00fcberpr\u00fcfen! Legen Sie alle Firmen \u00fcbereinander. An der Stelle muss man ansetzen.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Wenn ich mir das jetzt vorstelle: E.ON macht ein Management-Assessment-Center und Sie erz\u00e4hlen den Leuten dort aus Ihrer Erfahrungswelt. Wird da wirklich jeder bis zum Vorstandsvorsitzenden dasitzen, verst\u00e4ndnisvoll nicken und sagen: \u201eHochinteressant. Eine ganz tapfere, kreative Perspektive. Das setzen wir jetzt um.\u201c \u2013 Solche Beratungen werden aber doch wahrscheinlich nicht ernst genommen?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Dort darf man nat\u00fcrlich nicht hingehen, wenn man ein guter Linker ist. Ich mache aber solche kleinen Schritte, um Zeit zur\u00fcck zu gewinnen. Ich habe den Leuten gesagt, dass ich mit ihrer Vermarktung von Atomkraft nicht umgehen kann und die Trennung zwischen Naturenergie und Atomkraft wirklich als faires Spiel sehen will. Was in meine Wohnung flie\u00dft, k\u00f6nnen sie ja nicht separieren. Weil ich deren Namen so oft genannt habe, bestellt wohl keiner mehr Strom bei ihnen. Trotzdem ist das f\u00fcr mich interessant gewesen, denn ich habe kapiert, wie so ein Unternehmen funktioniert. Es geht darum: Wir haben keine Zeit. Du musst deinen Job verteidigen bis aufs Messer. Der fortschrittlichste Gedanke w\u00e4re, wenn einer, dem die K\u00fcndigung droht, selbst k\u00fcndigt, als Chance zu sagen: \u201eIch treffe die Entscheidungen. Ich warte nicht \u2026\u201c Klar, dann ist der Versicherungsschutz weg \u2026 Aus meiner Sicht sto\u00dfen wir damit auf die alte Frage: Kunst im Gehege oder Kunst drau\u00dfen. Jeder Mensch ist ein K\u00fcnstler \u2026 jeder K\u00fcnstler ist ein Mensch \u2026 W\u00fcrde ich da nicht hinfahren, nicht Dirk Baeckers Postheroisches Management lesen, nicht mit Carl Hegemann zu tun haben und solchen Leuten, w\u00e4re ich nie auf S\u00e4tze gesto\u00dfen, wie jenen von Tom Peters: \u201eWenn Sie alles unter Kontrolle haben, fahren Sie noch nicht schnell genug!\u201c<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Genauso wie es den Satz von Peters gibt: \u201eMacht mehr Fehler, und macht sie schnell!\u201c<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Genau: \u201eMacht den Chef zum Pf\u00f6rtner, und den Pf\u00f6rtner zum Chef! Es passieren 100 Fehler, aber zwei davon sind so produktiv, dass das Unternehmen davon profitieren wird.\u201c<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: So wie bei Ernst Messerschmidt, der phasenweise alles auf dem Kopf stehend sieht.<\/p>\n<p>MICHAEL KERBLER: Wie gro\u00df war denn bei E.ON die Versuchung, die Leute zu verarschen, was Sie ja nie tun?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Wenn ich das k\u00f6nnte, w\u00e4re ich nicht gl\u00fccklicher, als wenn ich es nicht mache. Es sitzen eben Leute seit zwanzig Jahren auf dem Sofa, und vorne am Bildschirm l\u00e4uft einer rum. Dar\u00fcber entr\u00fcsten sie sich ma\u00dflos und sitzen weiter auf dem Sofa. Das ist das Prinzip dieser Gesellschaft. Da kann ich nicht mitmachen. Tut mir leid. Das brauchen wir nicht. Im schlimmsten Fall funktioniert das sp\u00e4ter so. Man legt niemanden herein. Man denkt dar\u00fcber nach, warum sich Sachen nicht \u00fcber Kreuz denken lassen, warum es Dinge gibt, die man denken darf, die ansonsten aber nicht mehr erlaubt sind. Das ist so wie mit Theaterkritikern, die nur kommen, um mir zu sagen: \u201eNa ja, Theater war schon mal weiter.\u201c Meine Antwort: Theater ist verdammt noch mal noch nie von der Stelle gekommen, es ist eine stillstehende Anlage \u2013 die zur hochgradig interessanten Versuchsanlage werden kann.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Sie erleben doch den permanenten Switch. Einerseits ist da der Beurteilungsraum f\u00fcr Filme. Theaterkritiker erfinden aber Bewertungskriterien, wie man Schlingensief als B\u00fchnenregisseur zu sehen hat.<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Wer macht das schon? Nur die wenigsten tun das. Die meisten Theaterkritiker gehen auch nicht ins Museum, gehen nicht in die Oper, gehen nicht einmal auf die Stra\u00dfe. Sie schreiben blo\u00df Aufs\u00e4tze dar\u00fcber, dass es geregnet hat, und sie armes Schwein sich schon wieder so etwas anschauen mussten. So kommen sie auch noch in Theaterjurys.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Und wie ist das mit Kritikern bildender Kunst?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Die sind genauso; sie fliegen nach Miami, trinken Champagner und finden sich toll. Wenn ich in der Schilderung nicht die Begeisterungsf\u00e4higkeit der Person sp\u00fcre, kann es nichts bringen. Es sind diese Flie\u00dfbandtechniker, die den Blick der Zuschauer verbauen. Kritiker ist ein auslaufendes Modell. Ein Forum im Internet dagegen ist das Leben \u2026<\/p>\n<p>MICHAEL KERBLER: Inwieweit bedenken Sie mit, welchen Eindruck Zuschauer von Ihrer Arbeit mitnehmen k\u00f6nnten? \u00dcber Ihre Absichten<br \/>\nwird ja immer wieder ger\u00e4tselt.<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Nehmen wir dazu folgende Situation als Vergleich: Sie wollen mit jemandem Sex haben und nun diskutieren Sie erstmal, wer am Anfang oben liegt. Wollen wir zuerst mit den Fingern dieses und jenes &#8230;? Was stellst du dir vor? Da kommt es zu gar nichts mehr! Das wird ein unm\u00f6glicher Abend. Es gibt eben Dinge, die ertastet man einfach, die schmeckt man, riecht man, f\u00fchlt man. Pl\u00f6tzlich passiert etwas, und das reicht auch erstmal.<br \/>\nWarum m\u00fcsste ich also sagen: Passen Sie auf, es wird Folgendes geschehen\u2026 Und am Ende sind Sie ein geheilter Mensch, der fliegen kann, Sie haben Eselsohren, und hinten kommt Gold raus. Das ist f\u00fcr mich nicht der ideale Betrachter. Dann doch lieber Artaud und einer der taub geworden ist, oder jemand, der einfach sagt: \u201eN\u00f6, ist f\u00fcr mich nichts. Ich geh lieber in die Oper in Wien zum Holender. Das ist meine Welt.\u201c Das ist alles akzeptabel. Ich bin f\u00fcr die Vielfalt zust\u00e4ndig. Was ich von Beuys und Roth gelernt und \u00fcbernommen habe, ist, zu sagen: Ich baue etwas und \u00fcbergebe es irgendwann. Man kann zusteigen, man kann sich auch einbringen, ohne deswegen beklopft zu sein.<br \/>\nEine alte Frau in Kassel freut sich heute vielleicht \u00fcber Beuys, weil sie von den 7.000 Eichen etwas hat. Das sind alles kleine Sachen, aber wichtig in dieser Zeit. Darum geht es. Und nicht darum: Um 22.00 Uhr ist Schluss, und dann will ich schnell eine Kritik, will wissen, ob Daumen rauf oder Daumen runter. In vielen meiner Vorstellungen hat am Ende keiner mehr applaudiert, nicht mal ein m\u00fcdes Buh gab es. Wir sind einfach rausmarschiert, haben kurz die Hand gegen das Licht gehoben, um zu sehen, ob \u00fcberhaupt wer da war. Es gab auch solche, wo am Ende alle getobt haben. In Bayreuth sind mir teilweise die Haare nach hinten geweht vor lauter Buhrufen. Das sind alles bewahrte Erlebnisse, Belohnungen, sch\u00f6ne Momente, schreckliche Momente, peinliche Momente. Aber was der Einzelne f\u00fcr sich mitnimmt, ist sein Geheimnis. Es w\u00e4re schon genug, wenn das ein Lufthauch ist, der Gehirnstr\u00f6me ber\u00fchrt. Das h\u00f6rt sich banal an, aber warten Sie mal ab.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: In Namibia wurde ein um 4.000 Rand gekauftes Schiff von 20 Arbeitern und von Wotan, Jesus und Patti Smith den Berg hinaufgezogen, so wie es Fitzgeraldo nicht geschafft hat. Das alles ohne Zuschauer, so als ob Sie das nur f\u00fcr sich selbst machen w\u00fcrden, des Ereignisses wegen. Nitsch h\u00e4tte 500 Euro Eintritt verlangt, wenn es ihm gel\u00e4nge, Derartiges in Prinzendorf durchzuziehen.<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Hermann Nitsch ist interessant. Das ist jemand, den ich mag. Das h\u00f6rt er vielleicht nicht so gerne, weil ich im<br \/>\nGegensatz zu ihm ja angeblich so unglaublich politisch bin. Was er macht, ist ein Erlebnis von Polis, von Gemeinschaft. Man irrt vielleicht f\u00fcnf Stunden herum und fragt sich am Ende: \u201eWas ist denn da passiert?\u201c Es ist toll, dass das auch im Burgtheater stattgefunden hat, da kann ich dem Bachler wieder einmal nur gratulieren. Die Volksb\u00fchne in Berlin h\u00e4tte das nur durchgewinkt und gesagt: \u201eWas soll denn der Nitsch jetzt hier? Das brauchen wir derzeit nicht.\u201c<\/p>\n<p>MICHAEL KERBLER: Wie ein Vereinsmeier gr\u00fcnden Sie ununterbrochen Vereine, die Bahnhofsmission, die Arbeitsloseninitiative, die sie ja auch baden geschickt haben, oder die Church of Fear. Kann man, so wie es Claus Philipp in einem Artikel zusammengefasst hat, sagen, das alles ist die Church of Christoph Schlingensief ?<\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Die Sandler-Station war nicht Christoph Schlingensief als Sozialunternehmen, sondern einfach der Versuch, damals in Hamburg, eine Polizeistation beim Bahnhof umzufunktionieren. Dort waren zwei Leute umgekommen und ziemliche schlimme Sachen zwischen Heroinabh\u00e4ngigen, Obdachlosen und der Polizei passiert. Die Station wurde aufgegeben und so konnten wir in ihr eine Bahnhofsmission er\u00f6ffnen. Kommunikation und Kontakt kann durch Suppe, Tee und ein Mikrophon entstehen. Man braucht nur diese drei Sachen. Jeder darf da sagen, was er will. Unser Benefizabend dauerte sechs Stunden. Irm Hermann und unser Tagesthemenmoderator schliefen irgendwann auf der B\u00fchne ein, das Publikum sa\u00df rum. Gleich zu Anfang hie\u00df es, das sei v\u00f6llig uneffektiv, bringe doch kein Geld f\u00fcr die armen Leute. Ich habe auch kein Geld gefordert, ich habe Autonomie f\u00fcr die Leute gefordert. Alles wurde schlie\u00dflich \u00fcbergeben und existiert als autonome Einrichtung immer noch.<br \/>\nUnd Chance 2000 war eine Partei zu einem Zeitpunkt, zu dem wir zehn Jahre diesen dicken Mann da hatten, der am Ende immer unertr\u00e4glicher wurde. Es war der Punkt erreicht, wo man gedacht hat: \u201eBitte jetzt nicht mehr. Der muss weg. Wir haben sechs Millionen Arbeitslose, die aber nicht vorhanden sind. Sie tauchen nicht mehr auf in der Gesellschaft.\u201c Also gingen wir daran, im Theater, also innerhalb eines Schutzbereichs, eine Plattform zu bauen \u2013 eine Partei f\u00fcr die Minderheit, die aber die Mehrheit hat. Sie wurde als \u201eSpa\u00dfpartei\u201c angegriffen, was angesichts von Spa\u00dfv\u00f6geln wie Westerwelle oder dem Showstar Schr\u00f6der grotesk ist. Gerhard Schr\u00f6der: Die gr\u00f6\u00dfte Entt\u00e4uschung der 68er. Unsere Zentralforderung war, dass ein Sozialhilfeempf\u00e4nger das Recht bekommt, im Bundestag zu sprechen \u2013 also wiederum bewusst ein kleiner Schritt.<br \/>\nAuch unsereiner h\u00e4tte genug zu sagen. Wann aber sind Boris Groys, Peter Sloterdijk, Bazon Brock, Carl Hegemann oder ich schon gemeinsam im Fernsehen zugelassen? Wir k\u00f6nnten Abende f\u00fcllen, wild herumdiskutieren. Daraus erg\u00e4be sich etwas. Es m\u00fcssen Bilder erzeugt werden. Das war immer die Idee meiner ganzen Arbeit. Ich habe immer aus Bildern gelebt, und nicht aus dem Gedanken heraus, dass ich irgendwann mal den Eltern eine Briefmarke mit meinem Portr\u00e4t zu Weihnachten schenken kann.<br \/>\nDass ich jetzt die Chance habe, in andere L\u00e4nder zu reisen, wo mich keiner kennt, wo niemand wei\u00df, was ich gemacht habe, halte ich f\u00fcr ein gro\u00dfes Gl\u00fcck. Da entsteht etwas mit den Leuten, und ich gerate an Punkte, wo ich Insekten, Schmetterlinge, Dreck sammle, tiefste Entt\u00e4uschung einsammle, die ich dann mitbringen kann in ein Land, das letztendlich nur aus Fatalismus besteht: \u201eWird sowieso nichts, ist nichts, war nichts\u201c \u2013 das ist einfach nur negativ. Das Negative irgendwie wieder ins Positive zu wandeln, kann nur bedeuten, zu zeigen, was verpasst wird, wenn man auf diesem Punkt von Negativismus stehen bleibt. Das ist wieder Artaud. Das ist eine Triebfeder, obsessiv. Die kann man nicht abbrechen.<\/p>\n<p>CLAUS PHILIPP: Wie lange kann es Ihrer Meinung nach noch damit weiter gehen, im Dienste von Produzenten, im Dienste der gro\u00dfen Institutionen zu arbeiten? M\u00fcsste man \u2013 wie Richard Wagner \u2013 nicht sein eigenes Bayreuth gr\u00fcnden, und wie w\u00fcrde das aussehen? W\u00e4re das heute ein Reiseb\u00fcro, mit dem man alle m\u00f6glichen Destinationen dieser Welt ansteuern kann oder eine Art Projektagentur? <\/p>\n<p>CHRISTOPH SCHLINGENSIEF: Das ist schwer zu beantworten, weil ich an dem Punkt noch lange nicht bin. Vorerst geht es darum, sich in diesem Dahinflie\u00dfen zu bewegen und etwas zu sammeln. Ich habe in Island bei Holmur, in der N\u00e4he, wo Dieter Roth gelebt hat, einen einsamen Ort, der nennt sich \u201eDas Horrorhaus\u201c, \u201eHorrorhaus der Obsessionen\u201c. Dort m\u00f6chte ich irgendwann die Animatographen aufstellen, an der Erdspalte, wo sich Europa jedes Jahr acht Zentimeter von Amerika wegbewegt. Das f\u00e4nd\u2019 ich sehr sch\u00f6n, wenn sie diese L\u00fccke ausf\u00fcllen w\u00fcrden. Da ich inzwischen Leute gefunden habe, die mir erm\u00f6glichen, solche Sachen zu machen und wir mit Tobi, Aino, Henning und J\u00f6rg, Maika und Kathrin einfach als gutes Team unterwegs sind, k\u00f6nnen wir sammeln und bauen und pr\u00e4sentieren, wo immer wir daf\u00fcr eine Offenheit finden. Das ist gro\u00dfartig, ein Weg der kleinen Schritte. Und dann kehre ich vielleicht irgendwann zur\u00fcck und sage: Lasst uns das nochmals alles zusammenholen, bevor ich abtrete. Fahr\u2019 mich mit dem Rollstuhl durch. Dann schaue ich mir das noch einmal an. Oder aber ich bin bereits blind, wie mein Vater und dessen Vater. Dann drehe ich die Scheiben, h\u00f6re die T\u00f6ne aus verschiedenen Himmelsrichtungen,<br \/>\nkann mir vielleicht ungef\u00e4hr vorstellen, wo die Monitore stehen. M\u00f6glicherweise hat dann aber eine Fremder schon heimlich was umgebaut<br \/>\nhinter meinem R\u00fccken, und ich glaube immer noch, ich sehe mein eigenes Bild, aber es ist eigentlich schon das Bild von anderen. Und dann ist<br \/>\nein Traum erf\u00fcllt.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"35\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Komprimierte, von Christian Reder redigierte Fassung eines am 11. Dezember 2005 im RadioKulturhaus Wien aufgenommenen und am 15. Dezember 2005 in \u00d61 gesendeten Beitrags zur Reihe Zeitgenossen im Gespr\u00e4ch. Transkription: Sarah Wulbrandt<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"40\" border=\"0\"\/><br \/>\n<strong>Aus: Lesebuch Projekte<br \/>\nVorgriffe, Ausbr\u00fcche in die Ferne<\/strong><\/p>\n<p>Hg.: Christian Reder<br \/>\nEdition Transfer bei Springer Wien New York 2006<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/reder_100px.jpg\" width=\"100\" height=\"153\" alt=\"Lesebuch Projekte\" align=\"right\"\/> Beitr\u00e4ge von Alexander Kluge, Peter Sellars, Zaha Hadid, Anselm Kiefer, Wolf. D. Prix \/ (Coop Himmelb[l]au), Brigitte Kowanz, Fons Hickmann, Christoph Schlingensief, Manfred Fa\u00dfler, Bernhard Kleber, Elfie Semotan, Dirk Baecker, Reinhard D\u00f6rflinger (\u00c4rzte ohne Grenzen), Barbara Rhode, Gerald Bast, Gabriele Werner, Burghart Schmidt, Martin Bergmann \/ Gernot Bohmann \/ Harald Gr\u00fcndl (EOOS), Ulrich Beckefeld, Walter Holzer, Gottfried Spitzer \/ Angelika Schindler (Deloitte Auditor), Eva Blimlinger, Robert Misik, Erich Klein, Ernst Strouhal, Claus Philipp, Brigitte Felderer, Boris Manner und Christian Reder<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/www.amazon.de\/exec\/obidos\/ASIN\/3211285873\/qid=1152009536\/sr=1-1\/ref=sr_1_0_1\/028-7689954-9132563\">Dieses Buch kaufen bei Amazon.de<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief im Gespr\u00e4ch mit Michael Kerbler und Claus Philipp<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3,7],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=116"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/116\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=116"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=116"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=116"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}