{"id":114,"date":"2006-06-04T20:33:18","date_gmt":"2006-06-04T18:33:18","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=114"},"modified":"2006-06-04T20:33:18","modified_gmt":"2006-06-04T18:33:18","slug":"fur-mich-ist-nichts-beendet-leipziger-volkszeitung","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=114","title":{"rendered":"&#8222;F\u00dcR MICH IST NICHTS BEENDET&#8220; (Leipziger Volkszeitung)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Christoph Schlingensief \u00fcber den Stammbaum seiner Arbeit, feindliche \u00dcbernahmen und Michael Ballack in National Befreiten Zonen<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von J\u00fcrgen Kleindienst<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nFrage: Sie bringen uns den Animatographen &#8211; Was ist das?<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief: Ich komme vom Film. 1993 kam das Theater dazu, vor drei Jahren Bayreuth, dazwischen Aktionen. All das zusammenzuf\u00fchren, die Idee, ein Kino zu bauen, in dem der Mensch als Projektionsfl\u00e4che dient und selbst projiziert, die habe ich hier zu verwirklichen versucht. Etwas Steinzeitliches ist das. Ein Mensch, der vor dem Lagerfeuer sa\u00df, hat einen Schatten an die Wand geworfen. Pl\u00f6tzlich merkt er, es gibt etwas Doppeltes von ihm, eine Art Abzug. Dieser Animatograph spielt damit. Hier wird der Raum zur Zeit, eine ganz langsam sich drehende Scheibe.<\/p>\n<p>Was sieht man?<\/p>\n<p>Man muss reingehen. Der Animatograph ist eine Komposition, unter anderem aus Filmen, die innerhalb von Aktionen entstanden sind und immer im direkten Bezug zum Ort, wo er gewachsen ist. In der in Leipzig gezeigten Fassung gibt es zum Beispiel einen Hitler-Stalin-Porno, der ganz eindeutig beweist, dass die beiden eine Aff\u00e4re miteinander hatten. Das ist \u00fcbrigens ein Original. Den haben wir in Neuhardenberg gefunden. Da, wo die letzte Schlacht vor Berlin stattgefunden hat.<\/p>\n<p>Sind Sie ein F\u00e4lscher?<\/p>\n<p>Man muss sich nur erkundigen, dann kriegt man auch raus, dass die Hitler-Tageb\u00fccher echt waren. Kujau ist hoch begehrt. Die F\u00e4lscher werden wertvoller als die Originale. Ich habe in meiner Arbeit immer mit \u00dcbermalungen gearbeitet. Wenn man sich den Wien-Container anschaut, war das ja eine \u00dcbermalung mit einem Thema, das wieder andere benutzt haben. Herr Haider hatte &#8222;Ausl\u00e4nder raus&#8220; gefordert, ich hatte das noch dicker \u00fcbermalt und wieder andere \u00fcbermalten das, indem sie sagten, ich w\u00e4re ein Triebt\u00e4ter oder ein Kranker.<\/p>\n<p>Was ist geblieben von all den Projekten die Sie verstreut \u00fcber Deutschland und die Welt gemacht haben?<\/p>\n<p>Jede Arbeit w\u00e4re ohne die vorige nicht m\u00f6glich gewesen. Gerade heute, wo jede Vergangenheit ausrangiert wird oder jeder Stammbaum gef\u00e4lscht wird, sammele ich alles und hoffe auf weitere Transformationen, feindliche \u00dcbernahmen. Mir war immer suspekt, wenn in der Kunst etwas f\u00fcr fertig erkl\u00e4rt wird, der Rahmen drum kommt und die Arbeit f\u00fcr beendet erkl\u00e4rt wird. F\u00fcr mich ist nichts beendet.<\/p>\n<p>Was ist aus Ihrem Nazi-Aussteiger-Projekt geworden?<\/p>\n<p>Im Gegensatz zum damaligen Innenminister Schily haben wir durchaus etwas vorzuweisen, immerhin sind einige dauerhaft ausgestiegen. Schilys Ding hat 30 Millionen oder noch mehr gekostet, und da ist nichts passiert, au\u00dfer dass der Verfassungsschutz f\u00fcr DVU oder NPD die Plakate gemalt hat. Die wirkliche Auseinandersetzung mit dem Thema findet nicht statt.<\/p>\n<p>Politik scheint Sie aber nicht mehr so zu interessieren &#8230;<\/p>\n<p>Ich bin der festen \u00dcberzeugung, dass meine Arbeit im Moment wesentlich politischer ist als der Quatsch, der uns als Politik vorgef\u00fchrt wird. Die Politik ist auf einem L\u00fcgengespinst aufgebaut, das man Demokratie nennt. Es ist nur noch eine Masche. Da sind Menschen am Werk, die so tun als w\u00e4ren sie superschnell und somit effektiv. Aber eigentlich sind sie langweilig und verbl\u00f6det, tun so, als k\u00f6nnten sie zu jedem Thema etwas sagen. Wahrhaftiger w\u00e4re es, ans Mikrofon zu treten und zu sagen: Ich wei\u00df auch nicht, wie es geht, meine Damen und Herren.<\/p>\n<p>Wir haben die aber gew\u00e4hlt &#8230;<\/p>\n<p>Wir sind Produkte unseres eigenen Selbstbetrugs. Wir haben die ganze Zeit gedacht, wir werden erl\u00f6st, dann kommt die Diagnose, und es hei\u00dft, wir sind todkrank. Doch immer noch hoffen wir, dass uns einer die Z\u00e4hne putzt. Diese Ohnmacht mache ich nicht mit. Ich habe extrem viel Lust, Leute anzugreifen. Weil ich wei\u00df, dass Politik L\u00fcge ist. <\/p>\n<p>Von Ihnen hei\u00dft es, Sie w\u00fcrden an keinem Mikrofon vorbeilaufen &#8230;<\/p>\n<p>Das sagen die, denen die Mikrofone abhanden gekommen sind. Die quatschen sich dann selber voll. Ich mache nur dann mit, wenn ich will, und nicht, wenn mich jemand benutzen m\u00f6chte. Ich habe auch nicht mehr Lust, mich pausenlos daf\u00fcr verteidigen zu m\u00fcssen, dass ich mich noch bewege.<\/p>\n<p>Sind scheinen aber ruhiger geworden zu sein &#8211; oder t\u00e4uscht das?<\/p>\n<p>Wir sind mittlerweile ein &#8222;Familien-Team&#8220; von 12 Personen. Ich bin viel zu aufgeregt, um alles alleine zu bew\u00e4ltigen. F\u00fcr all diese verh\u00e4ltnism\u00e4\u00dfig gro\u00dfen Projekte braucht man Menschen, die man liebt und die einen m\u00f6gen. Wir sind als Gruppe unterwegs, in Island, Afrika, jetzt in Leipzig, demn\u00e4chst in Berlin, Salzburg, Bayreuth und Brasilien. Mein Atem ist dadurch l\u00e4nger geworden, ich f\u00fchle mich sicherer und glaube, dass meine Arbeit deshalb auch stabiler wahrgenommen wird.<\/p>\n<p>Sie hatten etwas Gehetztes &#8230;<\/p>\n<p>Nach der Zeit mit der Partei &#8222;Chance 2000&#8220; war ich auf Entzug. Und wenn man sich das nicht eingestehen kann, f\u00e4ngt man an, sich Ersatzbefriedigungen zu suchen. Das habe ich gemacht. Ich m\u00f6chte nicht wissen, wie der Joschka Fischer jetzt seine Tage verbringt, in denen sich keiner mehr so richtig interessiert f\u00fcr seine Ansichten.<\/p>\n<p>Sie sollen k\u00fcrzlich gesagt haben, Angela Merkel sei s\u00fc\u00df &#8230;<\/p>\n<p>S\u00fc\u00df? &#8230;. Da kenn ich s\u00fc\u00dferes. Aber ich finde es gut, dass es jetzt mal eine Frau macht. Frauen haben Besch\u00fctzerinstinkt. M\u00e4nner trommeln. Allerdings steht man jetzt, nach Schr\u00f6der, in einem Vakuum still, seine Rechnungen flattern rein, und die Geschw\u00fcre breiten sich aus.<\/p>\n<p>Hat man Sie eigentlich gefragt, ob Sie bei der &#8222;Du bist Deutschland&#8220;-Kampagne mitmachen wollen?<\/p>\n<p>Nein, danke. Da w\u00e4re ich komplett der Falsche. Ich bin nicht Deutschland. Das ist totaler Bl\u00f6dsinn.<\/p>\n<p>Schlagen Sie was Besseres vor.<\/p>\n<p>Ballack muss in den Osten gehen, statt auf Plakaten &#8222;Du bist Deutschland&#8220; zu sagen. Er muss in den befreiten Zonen zwei Wochen mit den jungen Typen, die sich die K\u00f6pfe abrasiert haben, Fu\u00dfball spielen und denen beim Bier erkl\u00e4ren, wer wir sind, was wir wollen. Da w\u00fcrde ich mitmachen. Die Nazis sind auch Deutschland.<\/p>\n<p>Ist Deutschland eigentlich zusammengekommen?<\/p>\n<p>Nein, ich hoffe nicht. Ich lege auch keinen Wert darauf. Ich denke, es wird noch traumatische Z\u00fcge haben, wenn man irgendwann erkennt, was sich der Westen einverleibt, aber in keinster Weise verdaut hat. Und da drin sitzt jetzt die Bl\u00e4hung. Ich wei\u00df nicht, ob sie oben oder unten wieder raus soll. Deutschland Ost-West, das soll doch nur ein Veredelungsprodukt werden. Jetzt machen wir hier noch ein Loch zu f\u00fcr die Fu\u00dfball-WM. Danach machen wir das Loch wieder auf. Super.<\/p>\n<p>Wer soll Weltmeister werden?<\/p>\n<p>Das interessiert mich nicht. Ich habe mit Fu\u00dfball nichts am Hut. Ich wei\u00df nicht mal die Regeln.<\/p>\n<p>1.6.2006<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Christoph Schlingensief \u00fcber den Stammbaum seiner Arbeit, feindliche \u00dcbernahmen und Michael Ballack in National Befreiten Zonen<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/114"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=114"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/114\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=114"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=114"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=114"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}