{"id":113,"date":"2006-05-19T15:42:17","date_gmt":"2006-05-19T13:42:17","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=113"},"modified":"2006-05-19T15:42:17","modified_gmt":"2006-05-19T13:42:17","slug":"christoph-schlingensief-area7-burgtheater-wien-artforum","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=113","title":{"rendered":"CHRISTOPH SCHLINGENSIEF, AREA7, BURGTHEATER WIEN (Artforum)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die AREA7-Rezension aus dem US-Kunstmagazin Artforum in deutschsprachiger Version<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Sabine B. Vogel<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nSp\u00e4testens seit seiner Inszenierung von Richard Wagners Oper \u201eParzifal\u201c gilt Christoph Schlingensief den einen als Provokateur und enfant terrible der Theaterwelt, den anderen als zeitgen\u00f6ssischer Nachfolger Joseph Beuys\u00b4. Denn was Beuys der erweiterte Kunstbegriff war, f\u00fchrt Schlingensief als erweiterten Theaterbegriff weiter \u2013 und das ist ihm jetzt im Wiener Burgtheater in \u201eAreal 7 \u2013 Matth\u00e4usexpedition\u201c noch weitaus radikaler gelungen als im Bayreuther \u201eParzifal\u201c. Basierend auf Johann Sebastian Bachs Oper \u201eMatth\u00e4uspassion\u201c greift Schlingensief aus der Vertonung der Kreuzigungsgeschichte nur einen einzigen Aspekt heraus: die Frage der Erl\u00f6sung \u2013 und inszeniert einen Parcour der \u201eUnerl\u00f6sbarkeit\u201c. <\/p>\n<p>Wie in all seinen Werken, seien es die TV-Talkshows, Theaterst\u00fccke oder Filme, ist auch seine \u201eMatth\u00e4usexpedition\u201c von einer tiefen Abneigung gegen eine geschlossene Handlung getragen. Daf\u00fcr bricht er auch hier mit allen Konventionen und zerst\u00f6rt zun\u00e4chst einmal den regul\u00e4ren Ablauf des Theaters. Statt \u00b4Einlass, Hinsetzen, Zuschauen, Pause etc.\u00b4 m\u00fcssen sich die Besucher ihre Zeit selbst gestalten. Festgelegt ist lediglich der Termin ihrer \u201eF\u00fchrung\u201c: B\u00fchne und ein Teil des Zuschauerraums im Parkett sind umgewandelt in eine riesige, begehbare Installation, die nur in kleinen Gruppen erkundet werden darf. Betont nachl\u00e4ssig zusammengebastelt aus Latten, Brettern und Leint\u00fcchern, vollgestopft mit Unmengen von Monitoren und Requisiten, mit Erde und Teppichen auf dem Boden, stolpert man von einem Raum in den anderen, zw\u00e4ngt sich an einer riesigen Maske, an Betten, Kinderwagen und Regalen voller Hasen vorbei, duckt sich durch niedrige T\u00fcrl\u00f6cher und k\u00e4mpft gegen die eigene, wachsende Hilflosigkeit ob dieser semantischen Kakophonie. Die Maske sei Beuys\u00b4 Totenmaske. Im offenen Mund l\u00e4uft das Video des verwesenden Hasen, das bereits im \u201eParzifal\u201c eindrucksvoll zum Einsatz kam. Hier ist \u201edas Geburtszimmer, wo die Mythenlegende beginnt\u201c (CS). Es folgt ein Raum namens \u201eSteigenberger\u201c, \u201ewo die Mythen besprochen werden\u201c. Hier finden kurze Auftritt statt, von Michael Jackson, einen Abend auch von Bazon Brock, vor allem aber von der Rock-Ikone Patti Smith \u2013 im freien Wechsel zwischen Schauspielerei und Wirklichkeit.<\/p>\n<p>Kaum zu sehen vom Zuschauersaal ist im hinteren Teil der B\u00fchne der \u201eAnimatograf\u201c, eine sich manchmal drehende Installation mit \u201eUr-Clo\u201c, \u201eKreuzweg\u201c, einem \u201eMyonenregen\u201c und einem Schiff mittendrin. Dieses Schiff stammt aus Namibia, wo Schlingensief mit seinem Team zuletzt stationierte und eigentlich einen Film drehen wollte. Der Film gilt als gescheitert, aber mehr als 100 Stunden Rohmaterial und auch das Original-Schiff bereichern die Wiener Installation. Und auch der Titel verweist auf Namibia: Areal 7 ist ein Township nahe der ehemaligen Kolonialstadt L\u00fcderitz in Namibia. <\/p>\n<p>Es ist unm\u00f6glich, Schlingensiefs Erkl\u00e4rungen zu den einzelnen Stationen zu referieren, zu viele Bilder und  Worte vermischen sich in einem h\u00f6chst freim\u00fctigen Umgang mit Sinn und Logik. Es entsteht ein Paralleluniversum mit Versatzst\u00fccken, die uns durchaus bekannt sind, Mythen und Modelle bis hin zu Schr\u00f6dingers Katze, hier umgewandelt in einen Hasen. Dazu mischt Schlingensief Referenzfiguren aus der bildenden Kunst, allen voran Beuys und Dieter Roth, aber auch Andy Warhol, in \u201eAreal 7\u201c gespielt von Fassbinder-Ikone Irm Hermann, dazu noch Verk\u00f6rperungen von Leni Riefenstahl, Jonathan Meese und Hermann Nitsch. Einen losen Zusammenhang schafft einzig die Behauptung dieses \u201eAnimatografen\u201c. Urspr\u00fcnglich von dem britischen Filmproduzenten Robert W. Paul am Ende des 19. Jahrhunderts entwickelt, ist damit ein Apparat bezeichnet, der bewegliche Fotografien auf die B\u00fchne projiziert. Schlingensief geht allerdings noch einige Schritte weiter: In seinem \u201eAnimatographen\u201c ist alles in Bewegung, nicht nur die Bilder, auch die Installation, die durch neue Durchbr\u00fcche, ver\u00e4nderte Wegf\u00fchrungen und ausgetauschte Requisiten Abend f\u00fcr Abend ver\u00e4ndert wird. Abgeschlossen ist hier also weder die Handlung noch der B\u00fchnenbau, nicht einmal die Auff\u00fchrung an einem Ort. Mit dem \u201eAnimatographen\u201c tourte Schlingensief beginnend mit \u201eParzifal\u201c bereits nach Island, Neuhardenberg, dann kam Namibia und jetzt Wien, weitere geplante Stationen sind Brasilien und der Himalaya. \u00b4B\u00fchne\u00b4 ist also in Schlingensiefs \u201eerweitertem Theaterbegriff\u201c kein definierter Ort mehr, sondern die ganze Welt. Oder aber ganz abstrakt gesehen ein \u201eEnergiefeld\u201c, wie er es formuliert \u2013 und das verlangt eben nach pausenlosen Ver\u00e4nderungen und Transformation! <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die AREA7-Rezension aus dem US-Kunstmagazin Artforum in deutschsprachiger Version<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=113"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/113\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=113"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=113"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=113"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}