{"id":107,"date":"2006-04-16T13:42:58","date_gmt":"2006-04-16T11:42:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=107"},"modified":"2006-04-16T13:42:58","modified_gmt":"2006-04-16T11:42:58","slug":"trummermanner-und-barackenstadte-tdz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=107","title":{"rendered":"TR\u00dcMMERM\u00c4NNER UND BARACKENST\u00c4DTE (Theater der Zeit)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das Wiener Burgtheater zwischen Aktionismus und lauem Stadttheater oder<br \/>\nWas sich Christoph Schlingensief und Andrea Breth nicht zu sagen haben<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nTheater der Zeit, 27.3.06<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon Stephan Hilpold<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nHellh\u00f6rig f\u00fcr die Gesetze des Marktes werden am Wiener Burgtheater die unterschiedlichsten Interessen zufrieden gestellt. Urauff\u00fchrungen folgen auf Klassiker folgen auf Blockbuster folgen auf Aktionistisches, und in kaum einer der bisherigen Spielzeiten unter dem Intendanten Klaus Bachler war das so gut verfolgbar wie in dieser.<\/p>\n<p>Eine perfekte Gleichgewichtslage k\u00f6nnte man ob des braven Austarierens von \u00c4sthetiken konstatieren, doch wie das in solchen F\u00e4llen ist, werken im Hintergrund bereits die Strippenzieher. Bachlers Nachfolge steht nach seiner Bestellung zum Intendanten der Bayerischen Staatsoper zur Disposition, und es gilt als ausgemacht, dass die Stelle noch vor den Wahlen im Herbst (durch die Vertreter der regierenden konservativen Volkspartei) besetzt werden soll.<\/p>\n<p>Das Haus und seine Besucher jedenfalls sind vorbereitet &#8211; wer immer das Rennen macht. Das zeigen nicht erst die vergangenen Monate. In der Adventszeit etwa machte sich Andrea Breth an \u201eMinna von Barnhelm&#8220;, in der Nachweihnachtszeit war dann Christoph Schlingensief dran: Weiter kann das Pendel nicht ausschlagen. Es markiert auch einen Zustand der beiden Regisseure.<\/p>\n<p>Nach einem d\u00fcsteren, beinahe Ku \u02c7sejesken \u201eDon Carlos&#8220;, der zu den Highlights der Intendanz z\u00e4hlt, verhedderte sich Breth in Lessings Lustspiel. Wobei ihr Ansatz nicht uninteressant w\u00e4re. Die Wiederherstellung einer Nachkriegsordnung funktioniert nur auf den Tr\u00fcmmern seelischer Leichen.<\/p>\n<p>Das Gasthaus, in dem Minna ihren Tellheim wiedertrifft, ist in Wien denn ein zerschossenes, halb verfallenes Hotel, bev\u00f6lkert von ehemaligen Soldaten, die sich ins Leben zur\u00fcck hanteln &#8211; oder eben nicht. Den Blick gesenkt, mit Armbinde und im dicken Mantel ist der kahlgeschorene Tellheim des Sven-Eric Bechtolf ein Tr\u00fcmmermann. Einer, der auf seinem Schicksal wie auf einem Bei\u00dfknochen rumnagt. Die quirlige Minna der Sabine Haupt dringt zu diesem Mannesklotz nicht durch &#8211; ja, was soll diese aufgedrehte, weitaus mehr im Heute verankerte Frau diesem Mann auch zu sagen haben?<\/p>\n<p>Bei Andrea Breth, dieser Seelenausloterin, finden die Figuren nicht zueinander. Da gibt es Chargen wie Just (Markus Meyer), charmante Pointenrei\u00dfer wie den Wirt (Udo Samel), d\u00e4mliche Fr\u00e4uleins wie die Zofe Franziska (Pauline Knof), doch sie wandeln durch eine Inszenierung, die konzeptionell zu schwach und schauspielerisch zu unausgegoren ist. Ein Lichtlein ist in diesem Advent an der Burg keines aufgegangen.<\/p>\n<p>Das ist erst im neuen Jahr der Fall: Jetzt gibt es Baracken statt der \u00fcblichen Bestuhlung, an der Decke flimmern Projektionen, Lautsprecherdurchsagen und Sirenengeheul. Als w\u00e4re die B\u00fchne explodiert und der Zuschauerraum gleich mit. Christoph Schlingensief ist zu Gast.<\/p>\n<p>Diesmal tr\u00e4gt er Anzug, neben ihm steht die leibhaftige Patti Smith, die sich seit dem Bayreuther \u201eParsifal&#8220; zu Schlingensiefs J\u00fcngern gesellt hat, sie tr\u00e4gt ein Kaffeeh\u00e4ferl in der Hand. Von der Festloge aus, wo normalerweise die in \u00d6sterreich weltbekannten Honoratioren sitzen, blicken sie runter auf ihr Werk. Im Trippelschritt und G\u00e4nsemarsch bahnen sich hier die Zuschauer ihre Wege, blicken in Guckl\u00f6cher und Monitore, schmieren sich ihre H\u00e4nde mit Margarine ein. Und Schlingensief und Smith dachten, dass es gut sei.<\/p>\n<p>F\u00fcr jene, die sich das erste Mal in diese Bretterverschl\u00e4ge verirren, in die Buden mit ihren Schleichwegen samt \u00dcberraschungspr\u00e4senten, ist es dagegen wohl das blanke Chaos. Eine einzige Herausforderung f\u00fcr Stadtindianer. Zur Orientierungshilfe hatte man noch einen ungef\u00e4hren Plan in die H\u00e4nde gedr\u00fcckt bekommen und Schlingensief und Co. hatten auf der Feststiege auch noch einige Ratschl\u00e4ge parat. Doch wie das bei Orientierungsl\u00e4ufen eben so ist: Seinen Weg muss sich jeder alleine bahnen &#8211; durch eine f\u00fcr Schlingensief und seine Mitstreiter in der mittlerweile vierten Etappe geordnete Welt.<\/p>\n<p>\u201eAnimatograph&#8220; nannten sie ihr Miniuniversum, damals beim Aufbruch in Island vor mittlerweile neun Monaten. Eine Drehb\u00fchne inmitten eines Labyrinths war das, die Schlingensief im Keller eines Kulturzentrums zum Drehen gebracht hatte. Ein Rotieren mit Odin und Thor, mit Bambi und Parsifal, mit Beuys und Dieter Roth. Eine Untergrundaktion. Ein wildes, ein w\u00fcstes Mythensammelsurium im Eis und im Schnee.<\/p>\n<p>Die K\u00e4lte ist mittlerweile gewichen. Von Island ging es nach Neuhardenberg bei Berlin und dann weiter nach L\u00fcderitz in Namibia. \u201eArea 7&#8243; hie\u00df nun das Projekt, nach einem Wellblech-Township am Rande der Stadt. Schlingensief drehte hier seinen ersten Film seit acht Jahren (\u201eThe African Twin Towers&#8220;). Der urspr\u00fcngliche Animatograph wurde verkauft (an die Kunstm\u00e4zenin Francesca von Habsburg), neue Exemplare des Schlingensief&#8217;schen \u201eSeelenschreibers&#8220; kamen hinzu und nat\u00fcrlich noch vieles mehr. Schlie\u00dflich landete man in der Wiener Burg.<\/p>\n<p>Vor Wochen war hier bereits Hermann Nitsch zu Gast, der Aktionist, der seine Blut- und Ged\u00e4rme-Spiele nun endlich im Allerheiligsten seines ungeliebten Vaterlandes abhalten durfte. Und jetzt Schlingensief. Nach Weihrauch riecht es auch bei ihm &#8211; wie k\u00f6nnte es bei einem Abend, der sich im Untertitel \u201eMatth\u00e4usexpedition&#8220; nennt, auch anders sein.<br \/>\nDie Passion Christi wird zur Obsession des Schamanen aus Oberhausen. Der Leidensweg zum Jubelfest. Die Erl\u00f6sungsrufe aber bleiben. Ungew\u00f6hnlich and\u00e4chtig geht es auf dem Schlingensief&#8217;schen Kreuzweg diesmal zu, \u201eeinen weichen Abend&#8220; hatte er bereits zu Anfang verk\u00fcndet, \u201ekeinen Abend der Aggression&#8220;. Patti Smith sprach von Harmonie und sang dann ihre ber\u00fcckenden Lieder. Sind es die heiligen Hallen, die aus dem Ganzen ein Weihespiel machen? Oder n\u00e4hert sich Schlingensief immer weiter dem Kern seines Unternehmens?<\/p>\n<p>Ausgezogen war der Gralsritter Schlingensief um seine \u201eaktionistische Fotoplatte&#8220;, wie er den Animatographen damals nannte, zu belichten: mit seinen eigenen Erfahrungen, mit jenen seiner Besucher, mit den Eindr\u00fccken von den Orten, an denen man Station macht. In Island waren denn noch die Bilder des Bayreuther \u201eParsifal&#8220; zentral und des Jelinek&#8217;schen \u201eBambiland&#8220;, jetzt n\u00e4hert er sich immer weiter seinen eigenen G\u00f6ttern: Die neben dem Animatographen (im Zuschauerraum) zweite Drehb\u00fchne in der Burg, jener auf der B\u00fchne selbst, wird von einem Schiff \u00fcberthront. Die Segel des Fliegenden Holl\u00e4nders, darum \u00fcberbordende Roth&#8217;sche Zimmer, heilige Beuys&#8217;sche Stationen, Brus&#8217;sche Kammern, Jelinek&#8217;sche Vorlesungen und Schlingensief&#8217;sche Lebensstationen. Der Filz und das Fett, die Eichen und die Hasen. Der Mutterleib und das Vateruniversum, die Aktionsfilme und der Wagnersohn.<\/p>\n<p>\u201eSchlingensief ist ein Gro\u00dfmeister des Schei\u00dfens&#8220;, sagt irgendwann w\u00e4hrend der langen aktionistischen Installation, die schon am sp\u00e4ten Nachmittag er\u00f6ffnet wird und erst kurz vor Mitternacht zu Ende geht (sie ist die vierte der Reihe), der Kulturtheoretiker Bazon Brock in seinem Vortrag mitten in der Barackenstadt, \u201eein Gro\u00dfmeister in der Kunst des Haufenbildens&#8220;. Ein gro\u00dfartiger Verdauungsk\u00fcnstler, dessen Ausscheidungen die beredtesten Spuren sind: F\u00e4hrtenleser haben es trotzdem schwer. Und gehen dem K\u00fcnstler auch auf den Leim.<\/p>\n<p>Denn genauso wenig wie man in Schlingensief einen Allesverwerter sehen darf, lassen sich seine Paralleluniversen bis in ihre Details entziffern. Der Gralssucher ist immer auch der kleine Junge, der anderen eine lange Nase dreht, ein heiterer Aktionist, der Konsorten wie Nitsch oder Brus schon allein mit seiner Selbstdistanzierungsf\u00e4higkeit aussticht. Und immer auch zu einem Spa\u00df aufgelegt ist: Da tritt Michael Jackson auf und wagt einen Mondtanz, da werden die vergangenen zwanzig Jahre der Schauspielikone und Schlingensief-Mitstreiterin Irm Hermann analysiert, Robert Stadlober erkl\u00e4rt die Worte seiner chinesischen Schauspielkollegin, die die Besucher durch die Hinterb\u00fchne f\u00fchrt.<\/p>\n<p>Doch \u00fcber allem thront der Zeremonienmeister, am Ende eines gro\u00dfen und ungemein dichten Abends gibt er das Zeichen zur \u201eMatth\u00e4uspassion&#8220;, das Segel des Fliegenden Holl\u00e4nders wird eingezogen, die Fahrt ist vorerst vorbei. Im Unterschied zur Burg wei\u00df man bei Schlingensief aber, wie die Reise weitergeht: nach Nepal und nach Brasilien.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Wiener Burgtheater zwischen Aktionismus und lauem Stadttheater oder<br \/>\nWas sich Christoph Schlingensief und Andrea Breth nicht zu sagen haben<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=107"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/107\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=107"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=107"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=107"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}