{"id":105,"date":"2006-03-28T10:59:16","date_gmt":"2006-03-28T08:59:16","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=105"},"modified":"2006-03-28T10:59:16","modified_gmt":"2006-03-28T08:59:16","slug":"der-rasende-prediger-die-presse","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=105","title":{"rendered":"DER RASENDE PREDIGER (Die Presse)"},"content":{"rendered":"<p><strong>High-Performer: Christoph Schlingensief, Regisseur, B\u00fcrgerschreck, Multitalent. Ein Portr\u00e4t anl\u00e4\u00dflich des zweiten &#8222;Erscheinens&#8220; des Animatographen am Wiener Burgtheater<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Von Almuth Spiegler<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"25\" border=\"0\"\/><br \/>\nVom brotlosen Provokateur zum hoch subventionierten Staatsk\u00fcnstler &#8211; die typische steile K\u00fcnstlerkarriere, gegen die jeder Betroffene nat\u00fcrlich sch\u00e4rfstens protestiert. Und dennoch. Als halb schaudernd machender, halb angehimmelter B\u00fcrgerschreck weltweit die renommiertesten Museen, Theater und Festivals bespielen zu d\u00fcrfen, scheint in unserer Gesellschaft heute eines der wohl objektivsten Anzeichen k\u00fcnstlerischen Erfolgs zu sein.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensief, 1960 als Sohn eines Apothekers und einer Kinderkrankenschwester in &#8222;extrem kleinb\u00fcrgerliche&#8220; Verh\u00e4ltnisse in Oberhausen hineingeboren, ging als rasanter Paradekomet auf dieser t\u00fcckischen Laufbahn auf &#8211; und scheint dort gerade am Zenit zu halten: etwa mit seiner 2004 wie \u00fcblich heftig umstrittenen Inszenierung von Wagners Parsifal bei den Bayreuther Festspielen, ein Ziel dass er nach eigenen Angaben &#8222;mit Penetranz&#8220; verfolgt hat. Und mit seiner monstr\u00f6sen begehbaren Wander-Performance-Installation &#8222;Area 7&#8220;, die heuer im Fr\u00fchjahr im Burgtheater in Wien Station machte (n\u00e4chster Termin: 5. Mai).<\/p>\n<p>Wohin soll es da noch weitergehen? Die besten Projekte des scheinbar ewig knabenhaften Mitvierzigers wirkten allerdings schon immer wie un\u00fcbertreffliche Endpunkte eines stets unberechenbaren Werks. Sei es in Schlingensiefs Rolle als Filmemacher &#8211; Anfang der 80er machte er sich mit experimentellen Kurzfilmen einen ersten Namen -, als Talkshow-Moderator (&#8222;Talk 2000, 1997 bei RTL, &#8222;Freakstars&#8220;, 2002 bei VIVA Plus) oder als Theatermacher.<\/p>\n<p>1993 deb\u00fctierte der von der deutschen Zeitung &#8222;Die Welt&#8220; einmal zum &#8222;wichtigsten K\u00fcnstler der Neunzigerjahre&#8220; gek\u00fcrte Studienabbrecher mit &#8222;100 Jahre CDU &#8211; Spiel ohne Grenzen&#8220; an der Berliner Volksb\u00fchne. Seine oft tumultartigen Inszenierungen, bei denen schon einmal Porno-Videos projiziert und Blument\u00f6pfe von der B\u00fchne geworfen werden, erarbeitet Schlingensief meistens mit einer ihm seit Jahren treuen Truppe aus Laien, Schauspielern, Behinderten &#8211; oder auch, wie bei seiner Version von &#8222;Hamlet&#8220; 2001 im Z\u00fcrcher Schauspielhaus, mit angeblich aussteigewilligen Neonazis.<\/p>\n<p>In einer seltsam distanzierten gegenseitigen Verehrungshaltung, von Genie zu Genie, fanden sich Schlingensief und Elfriede Jelinek: 2003 brachte er im Burgtheater mit &#8222;Bambiland&#8220; das St\u00fcck der Nobelpreistr\u00e4gerin zum Irakkrieg zur Urauff\u00fchrung.<\/p>\n<p>Nimmerm\u00fcde und nach den Regeln der Postmoderne alles und sich selbst zitierend, ist Schlingensief aber auch aus der bildenden Kunst nicht wegzudenken: Vertreten wird er von einer der marktbestimmenden Galerien, den Schweizern &#8222;Hauser &#038; Wirth&#8220;, unterst\u00fctzt von M\u00e4zenin Francesca Habsburg. Seine Aktionen sind zwar als Skandale angelegt, aber immer mit einem ernsthaften polit- bzw. sozialkritischen Hintergrund. Bei der Kasseler Weltkunstschau &#8222;documenta X&#8220;, 1997, forderte er im Rahmen einer Aktion auf Plakaten &#8222;T\u00f6tet Helmut Kohl!&#8220;, was als &#8222;Notruf f\u00fcr Deutschland&#8220; aufzufassen war: In einer Nachfolgeaktion in Hamburg spielte und lebte Schlingensief dann eine Woche lang mit Obdachlosen und Drogens\u00fcchtigen. Bei der Biennale Venedig 2003 startete er mit einem &#8222;Pfahlsitz&#8220;-Wettbewerb &#8222;terrorismusgesch\u00e4digter Arbeitsloser&#8220; seine mittlerweile laut Homepage 20.000 Mitglieder z\u00e4hlende &#8222;Church of Fear&#8220; (www.church-of-fear.net).<\/p>\n<p>Wir in \u00d6sterreich &#8222;f\u00fcrchteten&#8220; uns auch: 1998 etwa, als der Deutsche mit einer Gruppe Arbeitsloser und Nichtw\u00e4hler in den Wolfgangsee stieg, um Kohls Feriendomizil zu \u00fcberschwemmen. Oder 2000, als er zw\u00f6lf Asylwerber in einen Container vor dem Burgtheater a la &#8222;Big Brother&#8220; &#8222;herausw\u00e4hlen&#8220; lie\u00df. Der Sieger bekam eine Staatsb\u00fcrgerschaft durch Heirat versprochen.<\/p>\n<p>Scharlatan und Selbstdarsteller, denken manche bei Schlingensief. Ein kalkulierender Berufsprovokatuer und K\u00fcnstlerkarrierist andere. Jedenfalls eines kann man dem polarisierenden Globetrotter mit Homebase Berlin nicht absprechen: den Erfolg. <\/p>\n<p>Die Presse, 25.3.06<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>High-Performer: Christoph Schlingensief, Regisseur, B\u00fcrgerschreck, Multitalent. 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