{"id":104,"date":"2006-03-22T15:44:32","date_gmt":"2006-03-22T13:44:32","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=104"},"modified":"2006-03-22T15:44:32","modified_gmt":"2006-03-22T13:44:32","slug":"kunstskandal-giftgas-in-die-synagoge","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=104","title":{"rendered":"GIFTGAS IN DIE SYNAGOGE? (Die Presse)"},"content":{"rendered":"<p><strong>Santiago Sierra brach seine hoch umstrittene Aktion nahe K\u00f6ln ab.<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>VON JOHANNA DI BLASI (Die Presse) 22.03.2006<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nVon einer Aussprache mit der j\u00fcdischen Gemeinde K\u00f6ln sollte eigentlich abh\u00e4ngen, ob der K\u00fcnstler Santiago Sierra seine umstrittene Aktion &#8222;245 Kubikmeter&#8216; in der Synagoge in Pulheim-Stommeln nahe K\u00f6ln weiterf\u00fchren darf oder nicht. Nun aber hat Sierra von sich aus erkl\u00e4rt, dass er abbrechen werde &#8211; er f\u00fchlt sich missverstanden. Dem &#8222;Spiegel&#8216; erkl\u00e4rte er: &#8222;Ich habe ein Kunstwerk zum Thema Gaskammer geschaffen, keine Gaskammer, das ist ein Unterschied. Ich bin kein V\u00f6lkerm\u00f6rder. Ich bin K\u00fcnstler.&#8216;<\/p>\n<p>Die Nachricht, ein K\u00fcnstler habe ein ehemaliges j\u00fcdisches Gebetshaus mit einer t\u00f6dlichen Konzentration an Autoabgasen gef\u00fcllt, hatte am vorvergangenen Wochenende wie eine Bombe eingeschlagen. Hier werde die W\u00fcrde der Opfer und \u00dcberlebenden des Holocaust verletzt und ein sakraler Ort entehrt, so die Reaktion j\u00fcdischer Vertreter. Daraufhin war die auf mehrere Wochen angelegte Aktion unterbrochen worden. Auch Personen aus dem Kunstbetrieb wie Christoph Schlingensief kritisierten die &#8222;Sierra-Verfehlung&#8220;. Au\u00dfer Zynismus wurde dem K\u00fcnstler Plattheit vorgehalten.<\/p>\n<p>Sierra selbst schrieb in einer Voraberkl\u00e4rung, dass er die &#8222;Banalisierung des Erinnerns an den Holocaust&#8220; thematisieren und zum Nachdenken \u00fcber &#8222;das chronische und instrumentalisierte Schuldgef\u00fchl&#8220; anregen m\u00f6chte. In Stommeln aber habe er sich, wie er selbst eingesteht, verkalkuliert. &#8222;Mein Ruf hat gelitten. Aber auch die Menschen von Stommeln, die mich beauftragt und unterst\u00fctzt haben, leiden unter den Vorw\u00fcrfen.&#8216;<\/p>\n<p>Anders als beim Walser-Buber-Streit vor acht Jahren geht es diesmal nicht um &#8222;Erinnern&#8220; versus &#8222;Vergessen&#8220;. Sierras Schock\u00e4sthetik f\u00f6rdert die Wachheit, nicht das Einschlafen. Aber selbst diese \u00c4sthetik erkl\u00e4rt nicht die heftigen Reaktionen &#8211; denn daran sind wir durch die Spielfilmindustrie l\u00e4ngst gew\u00f6hnt. Auch ihr kann man vorwerfen, sie &#8222;banalisiere&#8220; den Holocaust. Als besonders provokant wird empfunden, dass Sierra nicht nur die Todesangst einer j\u00fcdischen Provinzgemeinde w\u00e4hrend des aufkeimenden Nationalsozialismus andeutet, sondern auch die &#8222;Gewissheit des individuellen Todes&#8216; und des &#8222;industrialisierten und institutionalisierten Todes, von dem die europ\u00e4ischen V\u00f6lker auf der Welt lebten und immer noch leben&#8220;. Damit r\u00fcttelt er am Konsens der Unvergleichlichkeit des Holocaust.<\/p>\n<p>Nur kurz nach dem Streit \u00fcber die Mohammed-Karikaturen hat Sierra eine Situation herbeigef\u00fchrt, die jenen neuralgischen Punkt westlich-liberaler Zivilisation trifft, an dem wir uns eingestehen m\u00fcssen, dass auch wir Bilderverbote kennen und auch bei uns die Freiheit der Kunst ihre Grenzen hat. Nicht nur Sierra, auch Gregor Schneider ist zuletzt mit einem Werk auf Zensur gesto\u00dfen, dass an der Nahtstelle zwischen Kunst und Religion angesiedelt ist: Sein an die Kaaba in Mekka angelehnter schwarzer Kubus durfte am Markusplatz in Venedig wegen Terrorangst nicht realisiert werden. Jetzt hat die Hamburger Kunsthalle angek\u00fcndigt, das Projekt als &#8222;tempor\u00e4res Mahnmal der Toleranz&#8220; zu verwirklichen.<\/p>\n<p>Man wird sich daran gew\u00f6hnen m\u00fcssen, dass k\u00fcnstlerische Energien in Richtung religi\u00f6ser Schnittstellen flie\u00dfen werden, denn hier liegen heute die st\u00e4rksten Emotionen.<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Kunst und Kritik sind in der Church of Fear angekommen &#8211; endlich! Santiago Sierra brach seine hoch umstrittene Aktion nahe K\u00f6ln ab.<\/p>\n","protected":false},"author":1,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":[],"categories":[3],"tags":[],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104"}],"collection":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/1"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=104"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/104\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=104"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=104"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=104"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}