{"id":102,"date":"2006-03-10T22:58:58","date_gmt":"2006-03-10T20:58:58","guid":{"rendered":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=102"},"modified":"2006-03-10T22:58:58","modified_gmt":"2006-03-10T20:58:58","slug":"bei-schlingensief-ubte-helge-schneider-das-hitler-spiel","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/?p=102","title":{"rendered":"Bei Schlingensief \u00fcbte Helge Schneider das Hitler-Spiel"},"content":{"rendered":"<p><strong>In dem Gaga-Film des Skandal-Regisseurs &#8222;Menu total&#8220; spielte Helge schon 1986 den Diktator<\/strong><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>Berliner Zeitung, Kultur, 10. M\u00e4rz 2006<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nSteht ein Junge mit schwarzem B\u00e4rtchen am Fenster. Hebt die rechte Hand. Gestikuliert. Schreit Unverst\u00e4ndliches. Helge Schneider hat das Hitler-Spiel schon vor 20 Jahren ge\u00fcbt. In Christoph Schlingensiefs Gaga-Film &#8222;Menu total&#8220; spielt Schneider einen Jungen, der, vom Vater vergewaltigt, ins Kellerloch der Phantasie hinabsteigt. Dort wird er Hitler &#8211; und murkst seine Familie ab.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/6_big_01.jpg\" width=\"450\" height=\"374\" alt=\"Helge Schneider in Menu Total (1986)\" class=\"centered\" \/><\/p>\n<p>1986, bei der Berlinale-Urauff\u00fchrung, rief Schlingensiefs Film gro\u00dfen Zorn hervor. Wim Wenders verlie\u00df unter Protest den Saal, &#8222;die gr\u00f6\u00dfte Sauerei aller Zeiten&#8220; schrieb der Tagesspiegel.<\/p>\n<p>Schlingensief selbst h\u00e4lt das Werk &#8222;f\u00fcr meinen besten Film&#8220;. Und erz\u00e4hlt im Interview, da\u00df er Jazz-Musiker Helge, &#8222;der damals noch nicht auf der Komik-Schiene&#8220; fuhr, zun\u00e4chst nur f\u00fcr die Musik haben wollte. &#8222;Doch eins kam zum anderen&#8220;, schon war Helge Hauptdarsteller.<\/p>\n<p><strong>Eigentlich sollte Helge &#8222;nur&#8220; die Musik machen&#8230;<\/strong><\/p>\n<p>Und wie sich die Bilder gleichen. Helge war damals zwar noch ein d\u00fcnnes J\u00fcngelchen. Doch das Irre im Blick hatte er schon gut drauf. Heute, mit 50, spielt er den &#8222;wahren Hitler&#8220; unter der Regie von Dani Levy. Und steht daf\u00fcr morgens um 4 Uhr auf, um sich in drei Stunden Arbeit mit Tr\u00e4nensack, H\u00e4ngebacke und B\u00e4rtchen in das Monster zu verwandeln.<\/p>\n<p>Schlingensief sah die Helge-Rolle in seinem Film \u00fcbrigens als sein eigenes Alter Ego. Und gab zu Protokoll: &#8222;Alle Welt glaubte damals, ich w\u00e4re als Kind von meinem Vater vergewaltigt worden. Das w\u00fc\u00dfte ich jetzt nicht so. Aber jeder von uns hat so ein tiefes Dreckloch, in dem er Familien-Besch\u00e4digungen abarbeiten mu\u00df. Ich habe mich gerettet, indem ich die Abgr\u00fcnde aufgeschrieben habe.&#8220;<\/p>\n<p><strong>Und Helge? Der sagt nix. Der spielt den Kram nur. Aber das richtig gut offenbar.<\/strong> <em>kam<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nMenu Total sowie andere Filme von Christoph Schlingensief k\u00f6nnen Sie \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/merchandise.php?show=2\">Filmgalerie 451<\/a>  beziehen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"6\" border=\"0\"\/><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.filmgalerie451.de\/sets\/s_set.htm\" title=\"Kaufen bei der Filmgalerie451\" target=\"_top\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/buy_from_451.gif\" width=\"90\" height=\"28\" alt=\"Kaufen bei der Filmgalerie451\"\/><\/a><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"35\" border=\"0\"\/><\/p>\n<div class=\"headline_1\">Christoph Schlingensief-Edition #2: Menu Total<\/div>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\n<em>von Harald M\u00fchlbeyer (Screenshot Online)<\/em><br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nAls eine Gesamtedition des filmischen Werkes von Christoph Schlingensief werden derzeit seine Kinofilme vom kleinen Label Filmgalerie 451 herausgegeben. Screenshot begleitet die Edition mit Besprechungen der einzelnen DVDs.<br \/>\nDie Presseschau zum Film, auf der DVD enthalten, ist ein Spiegel der Ratlosigkeit, die der Film beim Publikum hinterl\u00e4sst. Die Inhaltsangaben verschiedener Zeitungen differieren erheblich voneinander, au\u00dfer wenn der eine vom anderen abgeschrieben hat.<\/p>\n<p>Christoph Schlingensiefs zweiter Langfilm ist kein Film, der einer narrative Struktur folgt \u2013 vielmehr scheinen Versatzst\u00fccke verschiedener Erz\u00e4hlungen ineinander vermischt, der Zuschauer, so er sich auf den Film einlassen will, wird erleben, wie sich nach und nach eine Geschichte in seinem Kopf zusammensetzt, die sich vermutlich von den Geschichten in den K\u00f6pfen anderer Zuschauer immer unterscheiden wird.<\/p>\n<p>Mehrere Realit\u00e4tsebenen scheint es zu geben, da ist Joe (Helge Schneider) und seine Eltern, er wird sp\u00e4ter in eine Art Anstalt \u00fcberwiesen, wo ein Arzt kotzt und ein anderer in Nazi-Uniform herumrennt; da ist eine Wiese, auf der ein improvisiertes Picknick stattfindet, eine Wiese, auf der Joe und ein als Frau gekleideter b\u00e4rtiger Mann namens Evi (Volker Bertzky, der aktuell unter dem Namen Sergej Gleithmann als Groteskt\u00e4nzer auf Schneiders Tournee auftritt) von wei\u00dfgekleideten Zombies verfolgt werden; ab und zu in einer Art Theaterloge Schneider als Hitler verkleidet, immer wieder ein bunkerartiger Kellergang, immer wieder Kriegsger\u00e4usche; Kannibalismus, unartikulierte Stimmen, eine Tasche, die im Wald vergraben wird, nach der gesucht wird, Essen auf m\u00f6glichst ekelhafte Art; die k\u00f6rnigen, kontrastreichen Schwarzwei\u00dfbilder sind unterlegt von Schneiders coolem Jazz.<\/p>\n<p>Eine merkw\u00fcrdige Erfahrung beim Zuschauen: Die Befremdung, die der Film beim Zuschauer erzeugt, l\u00f6st sich irgendwann auf zu einem Versuch des Verstandes, die Bilder, die Motive zu ordnen und verst\u00e4ndlich werden zu lassen; was nat\u00fcrlich nicht restlos gelingt, was jedoch den Vorgang der Organisation einer Geschichte im Kopf des Zuschauers bewusst macht. Vielleicht ist der Film eingeteilt in ein Reich der Lebenden und ein Reich der Toten mit durchl\u00e4ssiger Zwischenwand; vielleicht ist der Film eine Art Traum von jemandem, dessen Traum-Ich von Helge Schneider gespielt wird; vielleicht ist er die Bebilderung einer Psychose des kollektiven Unterbewusstseins, um die Bew\u00e4ltigung der Schuld der Eltern, um \u00d6dipus on the rocks, um orale L\u00fcste. Immer wieder spielt Schlingensief mit den Bildern des Genrefilms: Horror, Film Noir, Melodram werden ins Eklige gezerrt; vielleicht also ist alles als eine Art Travestie-Phantasmagorie der filmischen Form zu sehen. Vielleicht will \u201eMenu Total\u201c mit seiner Vielzahl von Metaphern, die ins Leere f\u00fchren, die Gattung des vielschichtigen, symbol\u00fcberfrachteten Kunstfilms ad absurdum f\u00fchren.<\/p>\n<p>Vielleicht aber, und darauf besteht Schlingensief, ist alles einfach nur eine absurde Kom\u00f6die, \u00fcber die man sich totlachen sollte, wenn man sich als Zuschauer erst mal die richtige Einstellung zum Film angeeignet hat. Nicht jeder hat das verstanden: Bei der legend\u00e4ren Auff\u00fchrung im Forum der Berlinale 1986 verlie\u00dfen in den ersten zehn Minuten zahlreiche Besucher den Kinosaal, allen voran Wim Wenders. Sp\u00e4ter freilich kam Udo Kier, der sich k\u00f6stlich am\u00fcsiert hatte, auf Schlingensief zu: Der Grundstein f\u00fcr eine fruchtbare Zusammenarbeit.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"20\" border=\"0\"\/><br \/>\nMenu Total sowie andere Filme von Christoph Schlingensief k\u00f6nnen Sie \u00fcber die <a href=\"http:\/\/www.schlingensief.com\/merchandise.php?show=2\">Filmgalerie 451<\/a>  beziehen.<br \/>\n<img loading=\"lazy\" src=\"..\/images\/dummie.gif\" width=\"1\" height=\"6\" border=\"0\"\/><br \/>\n<a href=\"http:\/\/www.filmgalerie451.de\/sets\/s_set.htm\" title=\"Kaufen bei der Filmgalerie451\" target=\"_top\"><img loading=\"lazy\" src=\"https:\/\/www.schlingensief.com\/weblog\/wp-content\/photos\/buy_from_451.gif\" width=\"90\" height=\"28\" alt=\"Kaufen bei der Filmgalerie451\"\/><\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>In dem Gaga-Film des Skandal-Regisseurs &#8222;Menu total&#8220; spielte Helge schon 1986 den Diktator (Berliner Zeitung, 10. 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