English Deutsch Argentina
Brasil Chinese Latvijas
Die ungebremste Kreativität 6/6: Christoph Schlingensief
Newslog durchsuchen nach  
Operndorf Afrika (Remdoogo)
Oper
Installation
Theater
Film
Aktion
Hörspiel
Fernsehen
Kolumnen
Atta-Kunst
Aktuelle Termine, Artikel, Kommentare...


Mit Laiendarstellern aus Burkina Faso stellt der umstrittene Theatermacher sein Projekt “Via Intolleranza II” nach einer Oper von Luigi Nono auf Kampnagel vor

Von Ilja Stephan

Die Idee klang so verrückt, dass man sie im ersten Moment für einen Scherz halten konnte: Ein Operndorf samt Festspielhaus mitten in einem der ärmsten Länder Afrikas wollte Theatermacher Christoph Schlingensief bauen. Am Ende seiner letzten Produktion “Mea culpa” stellte er ein entsprechendes Modell auf die Bühne des Wiener Burgtheaters und ließ sein Schauspieler-Alter-Ego verkünden: “Die in Bayreuth werden vor Neid erblassen!”

Der Wagner-Clan scheint es zwar noch gelassen zu nehmen, aber das Operndorf gibt es inzwischen tatsächlich. In der Nähe von Ouagadougou, der Hauptstadt des drittärmsten Landes der Welt, Burkina Faso. Doch mit einem Grünen Hügel mitten in der Trockensavanne ist es für einen wie Schlingensief nicht getan. Als “materialisierte afrikanische Operndorf-Utopie” holt er nun im Gegenzug ein Stück Afrika auf die europäische Theaterbühne. Am 23. Mai hat seine neueste Produktion “Via Intolleranza II” auf Kampnagel Premiere.

Die Gedanken in Schlingensiefs Kopf scheinen ebenso zahlreich zu sein und in ebenso viele Richtungen zu weisen, wie die Haare in des Meisters ungebändigter Mähne. Wie genau Schlingensiefs Krebserkrankung, sein Operndorf und Luigi Nonos Polit-Oper “Intolleranza 1960″ zusammenhängen und wie afrikanische Laienschauspieler und europäische Avantgarde zusammenkommen sollen, ist nur schrittweise nachzuvollziehen.

Sein selbsttherapeutisches Opern- dorf-Projekt ging Schlingensief 2009 an, kaum dass er sich von den schwersten Folgen seiner Krebsoperation erholt hatte. Der in Berlin lebende, aus Burkina Faso stammende Architekt Francis Keré baut nun seit Anfang Februar an dem Ensemble aus Schulen für Künstler, einer Krankenstation und einem Festspielhaus.

Einschulungstermin für die ersten Jahrgänge der Musik- und Filmklassen wird im Oktober sein, so Schlingensief. Dann sollen afrikanische Studenten frei von europäischen Vorgaben hier am eigenen Bild ihres Kontinents arbeiten. Denn: “95 Prozent der Filme und Fotos von Afrika werden von Weißen produziert”, ist der Regisseur überzeugt. “Das ist unsere Weltsicht auf diesen Kontinent. Nirgends ist das so krass wie in Afrika. Bei Afrika gestatten wir uns komischerweise zu glauben, wir könnten helfen und mitreden.”

Genau das möchte Schlingensief uns “Weißnasen” mit den Mitteln seiner Inszenierung austreiben. Wie immer bei Schlingensief, scheint dabei jede Utopie schon mit ihrer eigenen Parodie zur Welt zu kommen. “Es kann die Spur von meinen Erdentagen nicht in Äonen untergehn”, zitierte der schwerkranke Theatermann bei der Grundsteinlegung seines Operndorfes den zweiten Teil von Goethes “Faust” - und das war bitterste Ironie, denn Faust spricht hier in heilloser Verblendung von der Vollendung größenwahnsinniger Bauprojekte, während in Wirklichkeit sein eigenes Grab geschaufelt wird.

Geradezu lustvoll absurd ist auch das begleitende “Forschungsprojekt”, mit dem Schlingensiefs Afrika-Corps nun nach Deutschland kommt: Seine Oper “Intolleranza” schrieb Luigi Nono im Jahr 1960, als er noch der ungebrochenen Überzeugung war, man könne die Sache der Revolution mit den Mitteln der Avantgarde vorantreiben. “Intolleranza” handelt von der Geschichte eines Bergarbeiters, der vor den Lebensbedingungen in seinem Dorf in die Stadt flieht, dort inhaftiert, gefoltert und ins KZ gesteckt wird. Er beschließt darauf, sich dem Aufbau einer besseren Welt zu widmen. Doch der Arbeiter stirbt, bevor er seine Utopie umsetzen kann, in Sichtweite seines alten Dorfes.

Einen Vorschlag, Nonos “Intolleranza” zu inszenieren, hat Christoph Schlingensief abgelehnt. Zu verstaubt scheint heute deren welt-verbesserischer Furor. Aber er verwendet die Oper nun als freie Vorlage für sein eigenes Afrika-Stück. Die Musik dazu collagiert Schlingensiefs Hauskomponist Arno Waschk aus Versatzstücken quer durch die Musikgeschichte. “Die Ausgangsfrage ist, wie man die inhaltlichen Vorgänge von ,Intolleranza’ auf heute und die Situation der Afrikaner übertragen kann”, erklärt der junge Komponist. Landflucht vom Dorf in die Stadt ist schließlich in Afrika ein großes Thema.

Gemeinsam arbeiten also Schlingensiefs Theatertruppe und die Laiendarsteller, die er in Ouagadougou zusammengesucht hat, daran, das “Intolleranza”-Thema aus afrikanischer Perspektive neu zu beleuchten. Doch die Völkerverständigung erweist sich als ebenso schwierig wie der Kontakt zwischen Avantgarde und Proletariat. “Recht babylonisch” gehe es auf den Proben zu, sagt Waschk, ohne deshalb zu verzagen: “Wenn ein Afrikaner eine Opernarie zu singen hat, muss sich das aus seiner Art zu singen heraus entwickeln. Das klingt dann eben anders.”

Deutlich kritischer klingt derselbe Sachverhalt aus dem Mund von Schlingensief: “Die Zusammenarbeit zwischen uns ist ein völlig absurdes Unternehmen. Wir verstehen uns prächtig, haben Spaß miteinander, aber wenn wir ehrlich sind, haben wir auf kulturellem Gelände nichts miteinander zu tun. Wir können aber immer wieder voneinander lernen.”

Und genau darum geht es dem Theatermann: “Das ist Bestandteil dieser Produktion: Das gegenseitige Anschauen und Stutzen: ,Was ist hier eigentlich los?’” Europäer würden beim Thema Afrika noch allzu oft an “Kinder mit Hungerbäuchen und einer Fliege am Auge” denken. Doch Ouagadougou sei eine Stadt mit einer äußerst lebendigen Film- und Theaterszene, sagt Schlingensief. Die Menschen von dort repräsentierten bewusst keinen Folklorestandard: “Wir haben eine Büroangestellte dabei, einen Ethnologen und eine 26-jährige Muslima, die gerade einen 62-jährigen atheistischen Franzosen geheiratet hat.”

So fällt am Schluss Christoph Schlingensiefs Resümee zum Thema Weltverbesserung denkbar skeptisch aus. Das Ende seiner Oper “Via Intolleranza II” markiert ein kleiner Film. “Der zeigt mich auf der Flucht. Nichts wie weg hier. Keiner hilft keinem.” Ob das wirklich sein letztes Wort bleibt, sei ein-mal dahingestellt. Schlingensief-Stücke werden grundsätzlich erst am Abend ihrer Premiere fertig.

“Via Intolleranza II” von Christoph Schlingensief, 23. bis 26. Mai auf Kampnagel, Karten unter Tel. 27 09 49 49

Quelle: Die WELT vom 16. Mai 2010




Schlingensiefs Arbeiten

- Übersicht
- Biographie
- Pressestimmen
- Multimedia
- Merchandise


Newslog durchsuchen




Newslog Archiv

Mai 2013
Februar 2013
Januar 2013
Dezember 2012
November 2012
Oktober 2012
September 2012
August 2012
Juli 2012
Juni 2012
Mai 2012
April 2012
März 2012
Februar 2012
Januar 2012
Dezember 2011
Oktober 2011
September 2011
August 2011
Juli 2011
Juni 2011
Mai 2011
April 2011
März 2011
Februar 2011
Januar 2011
Dezember 2010
November 2010
August 2010
Juli 2010
Juni 2010
Mai 2010
April 2010
März 2010
Februar 2010
Januar 2010
Dezember 2009
November 2009
Oktober 2009
September 2009
August 2009
Juli 2009
Juni 2009
Mai 2009
April 2009
März 2009
Februar 2009
Januar 2009
Dezember 2008
November 2008
Oktober 2008
September 2008
August 2008
Juli 2008
Juni 2008
Mai 2008
April 2008
März 2008
Februar 2008
Januar 2008
Dezember 2007
November 2007
Oktober 2007
September 2007
August 2007
Juli 2007
Juni 2007
Mai 2007
April 2007
Februar 2007
Januar 2007
Dezember 2006
November 2006
Oktober 2006
September 2006
August 2006
Juli 2006
Juni 2006
Mai 2006
April 2006
März 2006
Februar 2006
Januar 2006
Dezember 2005
November 2005
Oktober 2005
September 2005
August 2005
Juli 2005
Juni 2005


Newslog Kategorien

Allgemein (25)
Artikel (608)
Audio (43)
English (5)
Fotos (23)
Interviews (75)
Pressemeldungen (51)
Termine (111)
Videos (28)