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Die ungebremste Kreativität 6/6: Christoph Schlingensief
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Schlingensief ist zur Inszenierung seines Lebens aufgebrochen – und, so muss man es wohl leider sagen, auch zur Inszenierung um sein Leben. Ausgerechnet im Ruhrgebiet, dem Ort seiner Kindheit, hat er die erste Arbeit nach seiner Lungenkrebserkrankung angenommen. Privater und persönlicher, nackter und trauriger ist Schlingensief noch nie gewesen.

Er, dessen Familiengeschichte, Lieblingskünstler, Schwächen und Krankheiten man doch bereits zu kennen glaubte, eröffnet in “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” eine neue Dimension des Authentischen auf der Bühne – und verhandelt den eigenen Tod. So radikal, dass sich eine Kritik des Abends eigentlich von selbst verbietet.

30-Cent-Kerzen und Super-8-Filme

Die Gebläsehalle Duisburg-Nord ist zu einem düsteren Kirchenraum geworden: Holzbänke, rot leuchtende Schreine, darin Monstranzen mit Schlingensiefs Röntgenbild. Dort, wo sonst der Stationenweg Christi ist, finden sich Bilder von seiner “Family”. In einer Ecke der Kirche eine Fett-Ecke mit totem Hasen, frei nach Beuys. Für 30 Cent kann man eine Kerze spenden.

Angela Winkler, Margit Carstensen und Mira Partecke lesen aus seinen Tagebuchaufzeichnungen. Wie es war, als die Diagnose kam. Adenokarzinom. Was genau der Arzt gesagt hat. Dass es nicht viel Hoffnung gibt. Dass er es seinem Umfeld mitteilen muss, das ihn aber nicht mit Mitleid zuschütten soll. Dass er keine Reisen mehr unternehmen sollte. Dass er nicht mehr der Mensch ist, der er gewesen ist und das auch nie wieder sein wird.

Dann hört man Schlingensief auf Tonbändern, er weint. Als Nichtraucher mit der Diagnose Lungenkrebs konfrontiert zu sein, ist eine grausame Ironie. Unbegreiflich, was das Schicksal macht, hat der Onkologe gleichen Alters gesagt, und danach selbst geweint. Auch die Kritikerin muss weinen. Auf der Leinwand laufen Super-8-Filme: der kleine Junge Schlingensief tollt durch die Dünen, geht baden, lehnt an einer Steinwand, ballert mit Spielzeuggewehren. Wann hat man genug gelebt? Was ist ein gutes Leben? Kann man die Sache nicht auch beenden, mit Schmerzmitteln in Afrika, und seine eigene Freiheit bewahren? Was kann man noch leisten mit einer halben Stimme? Wozu die Raserei? Wo ist Gott hingegangen?

Die Auferstehung des zukünftig Verstorbenen

“Wer seine Wunde zeigt, wird geheilt”, der Satz von Joseph Beuys steht auf dem Programmheft und über allem. Schlingensief zeigt reichlich Wunden: Bilder seines Tumors, seine Mutter auf dem Anrufbeantworter, die nicht ins Krankenhaus kam, Selbstkasteiungen, Schuldzuweisungen. Die einzelnen Etappen der Verarbeitung sind als Kapitelüberschriften auf die Leinwand projiziert. Die Sängerinnen Friederike Harmsen und Ulrike Eidinger singen dazu wunderschöne Lieder, ein Kinderchor durchkreuzt sie mit “Alle meine Entchen”.

Die Bilder flimmern schneller, die Lichter gehen aus und an, der Vorhang auf und zu, Menschen strömen auf die Bühne und verschwinden wieder – die Eindrücke verdichten sich zur rauschhaften Überforderung. Ein schwarzer Gospelchor rauscht durch das Kirchenschiff und trägt kleine Särge hinein, auf denen “Flux” steht – wir wohnen einem Happening bei, es überfällt uns vielstimmig, auf Tonbändern und Leinwänden.

Aber es ist vor allem eine Geisteraustreibung und eine Gebetsmesse. Wir sind diejenigen, die für Schlingensief Fürbitte halten, er bringt uns sich selbst als Opfer dar. Doch dann dreht er die Schraube noch weiter, macht den Abend zu seiner eigenen Begräbnisfeier, zu seinem Vermächtnis – und zu seiner Auferstehung. Und so wird selbst die brutale persönliche Krankengeschichte des “zukünftig Verstorbenen” zu jenem verwirrenden, komplexen und dialektischen Doppelumschlag, den man von ihm kennt. Denn auf der Suche nach Gott kommt Schlingensief natürlich nicht an der Kunst und an sich selbst vorbei.

Zwei große Autonome: Jesus und Schlingensief

“Mein Gott, warum hast du mich verlassen” – der letzte Satz von Christus am Kreuz zeigt, dass selbst Jesus einmal kurz aus seinem Glauben aussteigen konnte. Doch Schlingensief glaubt ihm die trostlosen Worte nicht, “das ist Quatsch, Jesus war autonom”. So autonom wie er selbst. Und so erklärt er sich zum eigenen Gott und seine Kunst zum Gottesritual, er sitzt mit seiner “Family” schließlich als Christusfigur selbst beim Abendmahl und reicht seinen Leib und sein Blut. Gut sieht er übrigens aus, etwas schmal geworden.

Und so vereint der Abend auf eigenartige Weise alle Gegensätze: er ist eine blasphemische Gottessuche, ein ketzerisches und ebenso tiefgläubiges Ritual. Schlingensiefs radikale Zwiesprache mit dem Gott der Kunst, der dabei zugleich den realen um Gnade bittet. Das alles ist absolut großartig und zutiefst verstörend. Und um mehr als das kann es nicht gehen: Schlingensief hat sich selbst im wahrsten Sinne des Wortes aufs Spiel gesetzt und macht der Welt damit tatsächlich eine Art Geschenk. Man wird das nicht vergessen können.

Zum Schluss aber tickt das Metronom: wie viel Zeit wird noch bleiben?

von Dorothea Marcus, Nachtkritik.de vom 21. September 2008

Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir
Fluxus-Oratorium von Christoph Schlingensief

Konzept, Regie, Ausstattung: Christoph Schlingensief, Bühne: Thomas Goerge, Thekla von Mülheim, Kostüme: Aino Laberenz, Licht: Voxi Bärenklau.
Mit: Margit Carstensen, Angela Winkler (Anne Tismer am 23. 9.), Mira Partecke, Komi Mizraijm Togbonou, Stefan Kolosko, Karin Witt, Horst Gelonnek, Kerstin Grassmann, Norbert Müler, Achim von Paczensky, Klaus Beyer. Sängerinnen: Friederike Harmsen, Ulrike Eidinger. Korrepetitor/Orgelspieler: Dominik Blum. Gospelchor Angels Voices, Kinderchor des Aalto-Theaters.

www.ruhrtriennale.de
www.kirche-der-angst.de




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