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Die ungebremste Kreativität 6/6: Christoph Schlingensief
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Christoph Schlingensief über den Krebs, die Kunst und seine Liebe zum Ruhrgebiet. Ein Gespräch mit Rüdiger Schaper, 9.9.08.

Herr Schlingensief, der Titel Ihrer neuen Produktion „Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir“ klingt nach US-Wahlkampf. Was proben Sie da in Duisburg auf einem alten Industrieareal?

Kirche, Angst, das Fremde: Diese Themen haben für mich eine extreme Bedeutung bekommen – und nichts mit Propaganda zu tun. Ich erlebe die Beziehung zu meinem Gott als Kampfsituation. Wenn man einen solchen Schlag abkriegt, kann man das nicht einfach akzeptieren. Anfang des Jahres bekam ich die Krebsdiagnose, seither quält mich die Frage, wer mich da verlassen hat. „Mein Gott, warum hast du mich verlassen“ – den Satz kann ich nun auch mal rufen. Vielleicht habe auch ich Gott verlassen, vorher schon. Diese vergangenen sieben, acht Monate sind das Konkreteste und Härteste, was ich in dieser ganzen simulierten Weltansicht von Kunst, Theater und Oper je erlebt habe. Wir sind alle schön beschützte Wesen, weil wir simulieren können. Und der Schauspieler spielt seine Rolle als Leidensbeauftragter.

Sie haben sich jetzt entschlossen, über die Krankheit zu reden. Lange war um Sie ein großes Schweigen, man war aufgeschreckt von fragwürdigen Boulevardmeldungen.

Anfangs bestand die Hoffnung, dass ich mich in Manaus, im brasilianischen Urwald, mit einem Virus infiziert hatte. Aber als feststand, dass es Lungenkrebs ist, wurde ich sehr schnell operiert und hatte keine Zeit für öffentliche Erklärungen. Im Krankenhaus trieben sich Fotografen herum, und bei den Ärzten riefen zwanzig Minuten nach der Operation Journalisten an. Ich bin doch nicht der Bundeskanzler!

Und dann kam Ende April die Uraufführung der Walter-Braunfels-Oper „Szenen aus dem Leben der Heiligen Johanna“ an der Deutschen Oper Berlin. Ein Regieteam mit Carl Hegemann, Anna-Sophie Mahler und Sören Schuhmacher hat ihre Ideen umgesetzt, das Publikum war tief beeindruckt, ja erschüttert. Und es gab das Riesenmodell einer Lunge, das wie ein Lebensbaum aus dem Bühnenhimmel herabfährt.

Zu dem Zeitpunkt lag ich mit einer Lungenembolie im Krankenhaus, ich habe ja nur noch eine Lunge. Die linke Seite ist komplett weg. Später konnte ich dann eine Vorstellung in der Deutschen Oper besuchen.

Wie haben Sie die Aufführung empfunden – Ihre Aufführung, die andere gemacht haben?

Ach, Hauptsache, man ist da. Und als ich in der Premiere nicht da war, war der Konjunktiv des Wunders geboren: Gibt es ihn noch? Oder wie lange noch? Meine Freundin Aino Laberenz, sie ist auch meine Kostümbildnerin, hat mir jeden Tag das Leben gerettet.

Niemals zuvor im Theater habe ich die Präsenz eines Menschen so stark gespürt, der nicht im Saal ist. Oder eben doch unheimlich gegenwärtig ist.

Am Premierenabend haben mich meine Mitarbeiter von der Bühne aus angerufen. Ich lag in meinem Krankenzimmer und hörte so ein Getöse auf dem Handy. Und ich fragte: Was ist das für ein Krach da bei euch? Sie sagten: Christoph, die Leute klatschen, die finden es ganz toll. Das war ein wunderbarer Liebesbeweis. Trotzdem kommt man sich dann sehr einfach vor und fragt sich: Wer bist du noch, was kannst du noch, wer bist du eigentlich gewesen?

Sie sind mit dieser unglaublichen Geschichte in ein klassisches Opernklischee hineingeraten. „La Bohème“, „La Traviata“: Oper handelt von den letzten Dingen, vom Sterben. Spielten Krankheit und Tod nicht schon immer eine große Rolle in Ihren Arbeiten? Sie hatten ja Behinderte und ALS-Patienten auf der Bühne.

Ein Arzt sagte mir: Wenn Sie Kinder hätten, wäre Ihnen das nicht passiert. Und dann noch der andere Satz: Immer diese Künstler mit ihrer Todesverbundenheit! Ich habe mich von diesem Arzt getrennt, weil ich eine Verantwortung habe für meine Krankheit. Ich will den Schuldigen dafür finden, aber das ist schwer. Ich hatte auch schon meinen Vater im Verdacht, der genau ein Jahr vor meiner Diagnose gestorben ist. Aber das ist schon drei, vier Jahre in mir gewachsen, und damit rückt dann auch Bayreuth näher, die „Parsifal“Inszenierung und die Frage nach dem Tod. Diese Themen waren schon immer in meinen Stücken, auch wenn das einige Leute nur als Radau angesehen haben. Diese Aufnahmen, die letztes Jahr in Nepal entstanden sind: Wenn man das ansieht, ist man perplex. Habe ich es denn schon gespürt?

In der „Johanna“-Inszenierung zeigen Sie diese Bilder: ein brennender Leichnam …

Ja, da stelle ich mich zum Fotografieren vor den Röntgenapparat und kriege eine solche Zentralverdrehung aller Ansichten. Surreal! Ich dachte nicht an den Tod oder irgendetwas. Mir wurde nur heiß! Der Arzt zeigt mir das Röntgenbild und sagt: Das sieht scheiße aus! Und mir wurde unglaublich heiß. Wenn ich dann an die Bilder aus Nepal denke, erinnere ich mich an eine Episode im Kinderkrankenhaus von Bakhtapur, das wir besuchten. Wir gaben eine Spende, und ich schrieb diesen Satz ins Gästebuch: „Auf dass die kreisenden Gedanken endlich einen Grund finden.“

Der Prophet im eigenen Körper?

Jeder Mensch hat jeden Tag tausend Krebszellen, und die werden entsorgt oder eben nicht. Jetzt ist es erstmal raus, aber ich kann nicht sagen, ich habe den Krebs besiegt. Das wäre respektlos gegenüber anderen Patienten, die palliativ behandelt werden. Ich bin nicht verbittert, aber ich bin beleidigt. Die Krankheit hat mich beleidigt in meinem Glauben an die guten Dinge, die ich getan habe. Ich bin überzeugt davon, dass der Krebs ein Gesicht hat.

Und Sie suchen dieses Gesicht in Ihrer neuen Produktion?

Im Krankenhaus sprach ich abends im Dunkeln stundenlang in ein Diktiergerät hinein. Das sind jetzt 450 Seiten, das sind die Texte, mit denen wir arbeiten. Ein immer wiederkehrender Gedanke: Was ist jetzt mit Gott? Wie bekomme ich Kontakt? Wieso komme ich mir schlecht vor und fühle mich schuldig? Ich habe mir oft nicht genug Zeit gelassen, die fantastischen Sachen zu akzeptieren, die ich machen durfte, und das Glück, das ich hatte, und manch einem habe ich auch mal zu schnell vors Schienbein getreten.

Nehmen Sie Kunst, die mit dem Thema Tod spielt, jetzt nicht mehr so ernst?

Bei manchem Künstler ist so viel Masche dabei. Es hat einmal gefunkt, und dann wird das Ganze zur sechsspurigen Autobahn ausgebaut. So läuft es, wir nennen ja keine Namen: Aber dann ist keine Empfindung mehr da, es ist eine Abnutzung. Ich komme immer wieder auf Joseph Beuys zurück, der sagte: Erst als Jesus verlassen war, fing die Ich-Erkenntnis an. Und so etwas empfinde ich jetzt auch. Bevor ich gehe, möchte ich erfahren, was mit Gott los ist.

Ein „Fluxus-Oratorium“ nennen Sie Ihr neues Stück. Damit sind Sie wieder in Ihrer Heimat angekommen.

Fluxus heißt fließen, ich fließe ja auch noch, auch wenn ich mir jetzt extrem abgebremst vorkomme. Ich bin im Land meiner Kindheit. Meine Mutter lebt zehn Minuten entfernt von hier, und auf dem Gelände haben wir 1990 den „Kettensägen“-Film gedreht. Ich weiß noch, wo Volker Spengler mit den Gedärmen herumraste. Es ist eine Rückkehr ins Ruhrgebiet, und es tut mir gut: Pommes-Buden, Trinkhallen, nette Leute. In Berlin, wo uns Armin Petras glücklicherweise das Maxim Gorki Theater für die Proben zur Verfügung stellte, war es für mich wegen der Chemo noch sehr schwer. Ich habe mir auf der Straße eine Kapuze übergezogen, weil ich mich nicht ertragen konnte. Aber diese Vorarbeit war wichtiger denn je. Was ist, wenn du dich nicht mehr ertragen kannst. Wenn du die Last bist.

Wir reden neuerdings alle viel von Oper und von Religion. Früher war das in der Generation der bald 50-Jährigen tabu oder einfach uninteressant. Ist Oper die Kunstform, die uns im Moment besser versteht?

Es ist die Kunstform, die in den Momenten der Stille, wenn nicht gesprochen wird, immer noch da ist. Vielleicht spüren wir dann den Grundkammerton der Erde. Die Oper singt auch noch, wenn alle schweigen.

Da fängt Oper an. Das hat sie dem Schauspiel voraus.

Ja, aber oft machen es die Opernregisseure nur mit einem einzigen Regieeinfall. Also, heute spielt das Ding im Supermarkt oder an der Börse. So etwas interessiert mich überhaupt nicht. Ich komme vom Film und ich will Oper als Ganzes haben, keine Ausreden oder Erklärungen. Bei der „Heiligen Johanna“ gab es eine Gleichzeitigkeit von Menschen und Dingen, die sich bewegt und nicht bewegt haben. Eine Art Mehrfachbelichtung, wie im Kino: Etwas ist weg, und doch noch da. Wie ein Nachbild auf der Netzhaut. So wird das Gehirn befruchtet.

Die katholische Kirche ist historisch gesehen sicher der größte Kunst-Provokateur.

Wir haben hier in Duisburg auf der Bühne einen Gottesdienst, das ist ja der größte Fluxus überhaupt. Und was ich im Xantener Dom an Misshandlungsdarstellungen gesehen habe, da würde ja jede Freiwillige Selbstkontrolle sofort das Verbot ausrufen.

Was sind Ihre Projekte nach der Duisburger Premiere?

Es gibt ein Projekt, wieder in Richtung Oper, wo ich auch wieder reisen werde. Dafür habe ich jetzt einen Testflug von zweieinhalb Stunden gemacht, es ist mit der Atmung noch etwas schwierig.

Sie wirken voller Energie.

Seit einigen Wochen, ja. Nach der letzten Bestrahlung ging es mir unglaublich schlecht. Dann kam ich nach Duisburg, und ich bin jetzt glücklich, dass ich wieder arbeiten und denken kann. Man wird so ängstlich. Man muss Krebskranken und anderen kranken Menschen Mut machen, das Zimmer zu verlassen, sich nicht in diese klinische Welt einzusperren. Man braucht Selbstbewusstsein, man will wieder gern gesehen werden, auch wenn man ein Bein oder die Haare oder den Glauben verloren hat.




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