REIN INS LEBEN! (NZZ)

Die Neue Züricher Zeitung über die Schlingensief-Ausstellung in den Berliner KunstWerken

von Dirk Pilz

Diese Ausstellung hätte es bereits vor zwei Jahren geben sollen. Aber damals wollte man nicht dem deutschen Pavillon von Christoph Schlingensief bei der Kunstbiennale Venedig Konkurrenz machen. Nichts sollte an medialer Aufmerksamkeit verloren gehen. Also hat man gewartet – und jetzt die erste grosse Schau zu Schlingensiefs Schaffen in den Berliner Kunst-Werken eröffnet. Schon damals, im Juni 2011, als sein Pavillon den Goldenen Löwen gewann, wurde Schlingensief einhellig gefeiert. Daran hat sich nichts geändert.

Das war allerdings nicht immer so. Jahrzehntelang wurde Schlingensief als Provokationskasper oder Chaot verunglimpft. Denn seine Arbeiten verweigerten sich hartnäckig den üblichen Kategorien. Filme wie «Das deutsche Kettensägenmassaker» (1990) oder «Die 120 Tage von Bottrop» (1997) wirkten zu ungeschlacht, um auf Gefallen im Kunstbetrieb zu stossen; seine Theaterinszenierungen wie «Rocky Dutschke» an der Berliner Volksbühne (1996) oder der Zürcher «Hamlet» (2001) griffen zu unverblümt die allgemeinen Bewusstseinshaushalte an, um in den gängigen Vorstellungen von Theater aufgehen zu können. Schlingensief verunsicherte sein Publikum, weil er immer offenliess, ob es sich bei seinen Aktionen, Inszenierungen, Filmen und Happenings um Kunst oder Agitation, Narretei oder Nonsense handelte. Als Künstler ernst genommen wurde er erst in seinen letzten Lebensjahren, vor allem nachdem er seine Krebserkrankung mit so irritierend intensiven und privaten Aufführungen wie «Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir» bei der Ruhrtriennale 2008 und mit «Mea Culpa» am Burgtheater 2009 öffentlich gemacht hatte. Sein Arbeitsmotto dabei: «Rein ins Leben!»

Es ist das grosse Verdienst dieser noch von Schlingensief selbst initiierten Ausstellung, zumindest eine Ahnung solcher Irritationen ins Museum gerettet zu haben. In einem grossen Raum des mehrstöckigen Gebäudes in Berlin-Mitte trifft der Besucher hier auf echte Menschen, die auf Pfählen sitzen. Erinnert wird damit an Schlingensiefs Venediger «Church of Fear». Ein schöner Coup: im Museum sein und der Lebendigkeit der Kunst begegnen. Die Pfähle umstellen den «Animatographen», eine Installation auf einer Drehbühne, die man durchwandern kann. 2006, als dieses Werk in Berlin Station machte, wirkte es seltsam leer, jetzt dagegen kommt es einem wie die Gestalt gewordene Grundgeste der Schlingensief-Kunst vor – sie drückt vor allem eine Sehnsucht nach Eindeutigkeit und Erlösung aus, steht für die verzweifelte Suche nach Auswegen aus den Gefängnissen der Kunst und des eigenen Lebens.

In den anderen Räumen: viele Fernseher, die Ausschnitte aus Schlingensiefs TV-Shows wie «U 3000» (2001) oder «Talk 2000» zeigen. An einer Wand hängt ein Banner seiner einstigen Partei Chance 2000, in einer Vitrine liegt der berühmte Bayreuther Stoffhase, der in der «Parsifal»-Inszenierung (2004) mitspielte, ein eigener Raum stellt das Operndorf in Burkina Faso vor. Das sind kaum mehr als Schnipsel aus einem unüberschaubaren Werk. Eine Retrospektive ist die von Anna-Catharina Gebbers, Susanne Pfeffer und Klaus Biesenbach umsichtig kuratierte Schau nicht, den Anspruch eines repräsentativen Überblicks will sie nicht erfüllen müssen. Aber sie vermittelt einen Eindruck davon, warum diese Kunst auf so viel Ablehnung stiess und dennoch keine Ruhe liess. Und sie versucht damit, das Schlingensief-Schaffen vor der Musealisierung zu bewahren.

Aus: NZZ vom 16.12.2013

“DER FEHLERMANN DER NATION” (ZEIT)

Was bleibt von Christoph Schlingensief? Drei Jahre nach dem Tod des zärtlich-zornigen Künstlers feiert eine große Berliner Ausstellung sein schier unerschöpfliches Lebensgesamtkunstwerk.

von Georg Seeßlen

Keiner konnte so erfolgreich scheitern wie Christoph Schlingensief. Seine Kunst begann erst wirklich jenseits des Scheiterns. Seine Kunst begann sich von sich selbst zu befreien.

Klar, immer schon waren Künstler gescheitert, an der Gesellschaft, an der Welt oder an sich selbst. Aber die Kunst der Kunst ist es ja, dieses Scheitern zu verschleiern. In Rekordumsätzen auf Auktionen, in angestrengten Diskursen, in der Einrichtung des Museums. Immer dreht sich die Gesellschaft ihre Kunst so, dass sie am Ende etwas bedeutet und ihr nutzt. Christoph Schlingensief machte da nicht mit.

Deswegen hat man ihm das Etikett eines Enfant terrible angehängt, deswegen fiel man nur zu gern auf Oberflächenskandale herein, auf das “Tötet Helmut Kohl” oder die wiederkehrende Metapher des Kannibalismus. Um nicht zu sehen, dass Schlingensiefs Angriff auf die Kunstwelt und den Rest der Republik viel ernster war.

Jetzt, drei Jahre nach seinem Tod, erinnert eine große Retrospektive in Berlin an ihn und daran, dass seine radikale Kunst in einer Zeit entstand, als alle Revolten beendet schienen. Das war in den achtziger Jahren, die wir im Nachhinein wohl als das Jahrzehnt der großen Konventionalisierung betrachten. Es steckte etwas vom Spirit des Punk in Schlingensiefs Kunst. Wo Konformismus herrscht, hilft nur Selbstermächtigung.

Natürlich stellt sich die Frage, wie hat er das gemacht, der Christoph Schlingensief? Zunächst gibt es dafür schlichte technische Antworten: Es ging in seinen Filmen, in den Installationen, den Bühnenstücken, Aufführungen im öffentlichen Raum wie der Containeraktion und “Bitte liebt Österreich!”, in Operninszenierungen in Bayreuth oder Manaus erst einmal darum, die Grenzen zwischen der Kunst und dem Leben aufzulösen. Das sagt sich so leicht und ist Programm in der Kunst, seitdem jemand auf die Idee kam, nicht für die göttliche Ordnung und das Wesen der Dinge, sondern für ein Publikum zu arbeiten. Aber meistens bleibt es bei symbolischen Handlungen, Publikumsbeschimpfungen oder Happenings. Hingegen treffen sich bei Schlingensief alle Ideen zu ebendiesem Zweck: die Kunst, die immer willkürlich bleibt, und die Wirklichkeit, die immer politisch ist, aufeinander loszulassen.

Wer sind die Zuschauer und wer die Akteure? Wer ist “echt” und wer “Abbildung”? Wo ist das Theater im Leben und das Leben im Theater? Wer in ein Schlingensief-Werk gerät, freiwillig oder nicht, ist verloren. Seine Kunst erreicht die Tempel der Hochkultur und rumort in den Niederungen der Medienmaschinen, sie verlässt das Museum und zieht um die Häuser, sie zerrt das Private ins Politische und das Politische ins Private, sie reicht nach Brasilien und schließlich ins Schlingensiefsche Höllenparadies Afrika. Und umgekehrt zieht sie die Dinge in sich hinein wie in ein Labyrinth, private Gegenstände, Familienromane, Politiker, Paare, Passanten … Wir sehen mit den Augen der Kunst die Wirklichkeit, wie sie mit ihren Augen die Kunst sieht, die ihrerseits nun mit den Augen der Wirklichkeit zurücksieht.

“Die Kunst ist ausgebrochen”, das war eines seiner wunderbaren Schlagworte, die immer zugleich zu viel und zu wenig Diskurs enthalten, sich immer zugleich ganz und gar richtig anhören und sich bei näherem Hinsehen poetisch verflüchtigen. Wie eine Krankheit, wie eine Gefangene ist sie ausgebrochen, die Kunst. Aber warum muss die Kunst ausbrechen? Aus ihrem Gefängnis, aus ihrem ewigen Latenzzustand? Christoph Schlingensiefs Kunst bestand darin, Dinge aufeinander loszulassen, weil die Ordnung, in der sie zueinander stehen, durch und durch falsch ist.

Das begann mit den Filmen, die zugleich eine Linie des Erzählfilms aus dem Neuen Deutschen Film fortsetzen und die Techniken des Experimentalfilms nutzen wollten. Sie wirken wie die wundersame, freejazzige Komposition von cineastischen Fehlern. Das Fehlermachen war überhaupt der radikale Anspruch dieser Kunst. Der letzte rebellische Anspruch des menschlichen Faktors. In einem seiner Interviews (die, nebenbei gesagt, allesamt Dokumente großartigen bis albernen Scheiterns “ordentlicher” Kommunikation sind), behauptete Christoph Schlingensief, er wäre gern der “Fehlermann der Nation”.

Das setzte sich fort in den kreisenden Konfrontationen mit zwei innig gehassliebten Vorbildern, Rainer Werner Fassbinder und Joseph Beuys. Schlingensief setzte das Scheiternde in ihrer Kunst fort und zerstörte das Mythische darin. Denn ihn interessierte nicht das Fetischhafte, nicht der Tempel der Kunst, in dem sich alle Widersprüche fügen, sondern im Gegenteil, der Aufbruch, das Wagnis: Es ist in den Köpfen. Vielleicht.

Viel musste Schlingensief nicht erfinden, denn alles, was seine Kunst brauchte, das lag schon herum. “Alle Bilder sind schon da gewesen”, sagte er. “Wir müssen sie nur erwecken.” Das Aufeinander-Loslassen ist eine Erweckungsarbeit. Alle seine Filme sind, unter anderem, Übermalungen berühmter Vorbilder, von Veit Harlan über Pasolini bis zur blood poetry von The Texas Chainsaw Massacre . In vielen seiner Installationen stecken Reenactments früherer Kunstereignisse wie der von Günter Brus und Valie Export. Auf den gefährlichen Eingriff in den Kunstbetrieb durch Dinge des realen Lebens – die echten “Behinderten”, die echten Nazis, die echten Asylbewerber, die echte ALS-Krankheit auf der Bühne, und nicht zuletzt der echte Christoph Schlingensief – folgt der gefährliche Eingriff der Kunst in das Leben. Auch da wird etwas aufeinander losgelassen.

Schlingensiefs Kunst ist nicht realistisch. Sie bildet die Wirklichkeit nicht ab, sie “versteht” die Wirklichkeit nicht, noch will sie sie erklären. Sie akzeptiert sie vielmehr als Material. Man kann dieses Verfahren auch “naturalistisch” nennen, wenn man eine Wendemarke benötigt. Zum Naturalismus gehört auch körperliche Drastik. Der Blick auf das Hässliche, das Böse und das Groteske, was sich der bürgerliche Realismus nur in Andeutungen gefallen lässt.

Das also ist das erste Geheimnis der Kunst von Christoph Schlingensief. Es besteht darin, die Dinge aus zwei Welten aufeinander loszulassen. Auch das ganz Persönliche und das Universale. Die Idee und den Körper. Man kann, was dann geschieht, nicht wirklich mehr kontrollieren. Aber man kann zur Stelle sein. Und da haben wir das zweite Geheimnis seiner Kunst. Es liegt im Zur-Stelle-Sein. Vielleicht nicht so wie bei den beiden Vorgängern Fassbinder und Beuys. Sie machten sich zum Zentrum ihrer Kunst. Fassbinder war mehr oder weniger vollständig zu erklären mit dem Begriff eines “Fassbinderfilms”, und Joseph Beuys war mit Hut und Weste zur Stelle, wenn es galt, die “soziale Plastik” zu öffnen. Schlingensief aber kam eher von der Seite, eher nomadisch, ein Reisender, ein Forscher, manchmal gleich in mehrerlei Gestalt. Niemals hierarchisch, zentralistisch. Immer aufmerksam. So ließ er noch einmal die zwei fundamentalsten Impulse aufeinander los: seinen Zorn und seine Zärtlichkeit.

Was gibt es da zu verstehen, in der Kunst von Christoph Schlingensief? Natürlich reicht die Beobachtung nicht aus, bei Schlingensief sei es stets darum gegangen, Dinge aufeinander loszulassen und dann als Künstler zur Stelle zu sein, um, nicht zuletzt, auch Verantwortung zu übernehmen für das, was eine ausgebrochene Kunst angerichtet hat. Zum Scheitern verurteilt, und damit natürlich vollkommen angemessen, scheinen die Versuche, Schlingensief zu “interpretieren”. Der Versuch, all die Quellen, die Objekte der Übermalungen, die Zitate, die Parodien, die Aneignungen zu sortieren, muss ins Leere gehen. Der Trick einer Kunst der Wiedererweckung und der unmöglichen Konstellation – eine Partei als Kunstprojekt, ein Spiel mit den bösartigen Impulsen des “Publikums” auf einem “Heldenplatz”, ein Opernhaus in Afrika, das sich, schneckenförmig, von einem Fitzcarraldoschen Wahnsinn in eine warmherzige Menscheneinrichtung wandelt – liegt in der Herstellung einer für die Kunst sehr schwierigen Zeit. Der Gegenwart. Das Ergebnis des Aufeinander-Loslassens und des Zur-Stelle-Seins ist eine radikale Gegenwärtigkeit der Kunst. Schlingensiefs Werke, auch die kleineren, versteinern nicht, werden kaum zu Objekten der Begierde reicher Sammler, lassen sich am Ende nicht diskursiv bändigen, und sie werden, so viel scheint sicher, im Museum nicht zur ewigen Ruhe kommen. Ein Platz, kein Denkmal für Schlingensief!

Doch Schlingensief-Kunst der Gegenwärtigkeit ohne die Gegenwart des Künstlers – geht das? Der Mainstream der Kunst schien sich nach dem Tod von Schlingensief einen Moment der Verklärung zu gönnen, um dann erleichtert weiterzumachen, als wäre nichts gewesen. Der Schlingensief-Angriff der Kunst auf die Wirklichkeit und der Wirklichkeit auf die Kunst scheint abgewehrt. Das perfideste Ideologem dabei lautet: Die Kunst von Christoph Schlingensief war gebunden an die Person Christoph Schlingensief. Die Dinge müssen weiterhin aufeinander losgelassen werden, die Kunst muss weiterhin ihre nomadischen und barbarischen Energien freisetzen, wenn sie mehr sein will als nur Dekoration der feinen Unterschiede in der jeweils neuesten Klassengesellschaft. Wenn sie das Unsichtbare sichtbar machen und das Scheitern als Chance verstehen will.

Was aber passiert nun in der großen Retrospektive in Berlin? Offensichtlich geht es den Kuratoren Klaus Biesenbach, Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer darum, Schlingensief, wie man so sagt, “in seiner Zeit” zu erklären. Sie bieten ein museales Stationendrama zur Entwicklung seiner Kunst und klären seine Leitmotive. Der Platz, der dabei Schlingensief zugewiesen wird, ist freilich eher einer in der Kultur- und Mediengeschichte als einer in der Kunst- und Filmgeschichte. Was da fehlt, ist nicht nur die Gegenwärtigkeit und das Scheitern. Es ist “die Methode Schlingensief”.

So werden die Schwerpunkte seiner, nun ja, Auseinandersetzungen präsentiert, die Medien, der Faschismus, die Familie, als hätten die Begriffe alle Fragwürdigkeiten verloren, die sie bei Schlingensief aufwiesen. Längsschnitt, Querschnitt, die Sache wird gut vermessen.

Der Gegenwartskünstler Schlingensief wird hier, deutlicher, als es nötig wäre, in die Vergangenheit gesetzt. Die Ambivalenzen werden weggeschnitten, es ist, als wäre da immer der richtige Künstler zur richtigen Zeit zur Stelle gewesen, um richtig zu reagieren. Der Mantel der Gewissheiten deckt sich über das wechselseitige Scheitern der Kunst und der Gesellschaft. Wir sehen hier Schlingensief beim Verschwinden zu.

Vielleicht ist dies also eine interessante Ausstellung zum Thema “Deutschland und die Welt im letzten Drittel des vergangenen und in den ersten Jahren des neuen Jahrtausends, gesehen durch die Augen des intermedial arbeitenden Künstlers Christoph Schlingensief”. Seiner Kunst kommt man so aber nicht besonders nahe. Wir tun uns wohl mit den Denkmälern leichter als mit den Plätzen.

Aus: Die ZEIT Ausgabe 49 vom 5.12.2013

“ES WAR EINE PERMANENTE VERUNSICHERUNG” (ART-MAGAZIN)

Er kannte das Enfant terrible Christoph Schlingensief mehr als 15 Jahre aus näherer Warte: Klaus Biesenbach führte früh mit Schlingensief Aktionen durch, hat seine polarisierende Kraft oft auch sehr direkt zu spüren bekommen. art sprach anlässlich der Ausstellung “Christoph Schlingensief” in den Kunst-Werken Berlin mit dem heutigen New Yorker Chefkurator am Museum of Modern Art und Direktor des PS1 über das künstlerische wie gesellschaftspolitische Potenzial des viel zu früh gestorbenen Künstlers und dessen “Unruh”.

Interview: BIRGIT SONNA

art: Welche Herausforderung stellte sich denn an eine Ausstellung von Christoph Schlingensief nach dessen erster Schau posthum 2011 auf der Biennale in Venedig?

Klaus Biesenbach: Eine retrospektive Ausstellung wäre im deutschen Pavillon nie möglich. In Venedig ging es mehr oder weniger um eine Installation von Schlingensief, die stark auf einem bestimmten Kontext, seiner “Kirche der Angst vor dem Fremden in mir” basierte.

Unsere Ausstellung möchte schon einen umfassenderen, breiteren Einblick geben. Wir haben nur die Bücher und die Hörspiele nicht ausgestellt, weil man zu deren Rezeption eine große Ruhe braucht. Ansonsten haben wir schon versucht, die verschiedenen Bereiche in Schlingensiefs Werk abzudecken.

Schlingensiefs Arbeiten lebten ja von der enormen körperlichen und charismatischen Präsenz. Man könnte sagen, dass Schlingensief eine Art Energieprinzip war. Was er auf das Publikum übertragen hat, war eine Art von Virus, lebte stark von seiner Person. Wie kann das eine Ausstellung überhaupt einfangen?

Ich finde, das gelingt vor allem additiv zwischen den einzelnen großen Arbeiten. Man hört im Treppenhaus wieder und wieder Schlingensiefs Regieanweisungen. Dann, im Hof ertönt der Jingle von “Freund! Freund! Freund!”. Christophs unglaubliche Dynamik wird aber auch spürbar in den Installationen, insbesondere im “Animatographen”. Wenn man den betritt, ist man selbst mitten im Bild, wirft einen Schatten und bewegt sich durch die Installation. Man ist hier in gewisser Weise gleichzeitig Täter und Opfer, Regisseur und Schauspieler, Akteur und Rezipient. Ich glaube, dass Schlingensiefs menschliche Präsenz, nicht so sehr die seines Gesichtes oder seiner Person ist, sondern eher die Virulenz seines Kunstbegriffs.

In der Tat herrscht eine gewisse Aufregung in der ganzen Ausstellung. Sie beschrieben einmal, dass Schlingensief die Gabe hatte, in allen erdenklichen Situationen den Adrenalinspiegel steigen zu lassen – auch Ihren.

Ich glaube, dass der Ausnahmezustand in gewisser Weise in jeder seiner Arbeiten eine Rolle spielt. Der Ausnahmezustand in der viel zu kleinen Kirche. Der Ausnahmezustand im Container. Der Ausnahmezustand auf der rotierenden Animatographenfläche. Der Ausnahmezustand seines Schauspielerensembles in der “Deutschlandtrilogie”, wo es immer um extremste Situationen wie den Koitus oder den Exitus geht. Insofern ist alles auch aufgeladen mit Schlingensiefs Energie.

Sie haben auf der Pressekonferenz erwähnt, dass Sie ein bisschen erschrocken waren über die Nachrufe, die nach Schlingensiefs Tod geschrieben worden sind. Warum?

Ich war sehr erschrocken über die Konsensmaschine, die auf einmal angeworfen wurde. Denn Schlingensief war immer ganz vorsichtig, ganz misstrauisch dem Konsens gegenüber. Ich hatte eigentlich das Gefühl, dass er sofort gegengesteuert hat, sobald er auf zu viel Einvernehmliches stieß.

Vielleicht stand man nach seinem Tod auch etwas unter Schock und hatte mehr die auch krankheitsbedingten Auftritte in seinen letzten Lebensjahren im Kopf als etwa die gesellschaftspolitisch brisante Aktion “Ausländer raus!” 2000 in Wien.

Der Tod hat natürlich etwas ungeheuer Versöhnliches auch Kritikern gegenüber. Man redet nicht schlecht über Tote. Mich hat dennoch sehr überrascht, wie auf einmal so ein Konsens hergestellt wurde, dass es sich bei Schlingensiefs Werk um wichtige Kunst handelt. Die ersten zehn, 15 Jahre, in denen ich ihn kannte, hat er eigentlich immer ungemein polarisierend gewirkt. Aber vielleicht brauchte es einfach diese Zeit, bis sich sein Kunstbegriff durchgesetzt hatte und letztendlich auch akzeptiert werden musste.

Kann man das Bildnerische bei einem Künstler, der so extrem zwischen den Medien und Gattungen oszillierte, überhaupt definieren?

Man kann das Bildnerische vielleicht eingrenzen in ästhetische Formen, bei denen man eigentlich nicht erkennt, ob sie ernst oder unernst, witzig oder grausig, Kunst oder Leben, Slapstick oder Tragik sind. Also, Schlingensief hat bildnerisch Situationen hervorgerufen, die in einer ungeheuren Ambivalenz stehen. Von einem formalem Aspekt aus betrachtet, konnte das nur erreicht werden durch Überlagerung, Collage, Doppelbelichtung, durch eine Überforderung von verschiedenen Medien und ein Überangebot von Information.

Diesen Abbildungszwang wendete er in seiner Neugierde auf den Menschen an. Man ist ein verantwortlicher Mensch, ein ungehorsamer Mensch, ein mutiger Mensch. Damit gingen seine Appelle einher: Was bedeutet es, ein Künstler zu sein? Was bedeutet es, ein Bürger zu sein? Was bedeutet es, ein Künstler und ein Bürger zu sein? Er hat dieses Menschenbild, dieses kompromisslose Herausfinden, Sezieren, Diagnostizieren und dann auch Behandelnmüssen und -wollen durchdekliniert durch alle möglichen Praktiken: Im Film, im Theater, im Hörspiel, in der Oper, Ausstellungspraxis, bildenden Kunst.

Ich hatte immer den Eindruck, dass er eine Weile in eine Welt eintaucht – ob nun ins Theater oder in die bildende Kunst – diese ausschöpft und dann wieder in ein anderes System geht und auch dieses an die Grenzen treibt.

Ich glaube, er hat eine Ausweitung jeglichen Bereiches betrieben. Und er brauchte all diese Bereiche gleichzeitig, weil er sonst zu früh an ein Ende gestoßen wäre, da das Medium gar nicht so schnell mit ihm mitwachsen konnte. Insofern war es wichtig, dass er immer noch einen anderen Sektor fand, der gerade noch flexibel war.

Sie hatten viele persönliche Begegnungen mit Schlingensief, auch krasse, extrem herausfordernde Begegnungen: Angefangen bei der Documenta X im Jahre 1997, als Schlingensief von der Polizei verhaftet wurde. Was ist das Prägendste für Sie gewesen?

Das herausragendste, prägendste Erlebnis war eher etwas Kontinuierliches und zwar, dass man sich ihm nicht wirklich annähern konnte. Man konnte sich ihm inhaltlich nur insofern annähern, wie man sich einem Tennisspieler während eines Tennisspiels annähert. Man schlägt einen Ball rüber und bekommt ihn wieder zurück, deshalb kann man gar nicht so nah rankommen. Schlingensief hat den Ball nie fallen lassen, aber auch das Spiel nie beendet. Es hat immer ein ungeheures Wachsamsein bei ihm gegeben! Egal, was man ihm hingeworfen hat, es kam immer etwas zurück. Und er verkörperte in gewisser Weise eine permanente, nicht ruhen wollende Herausforderung.

Diese Überforderung, die er im Grunde für jeden anderen ausmachte, hat er auch auf sich angewendet und ist eigentlich nie zur Ruhe gekommen. Es war ständig inhaltlich wie formal ein Voraustreiben und Provozieren und Weiterbohren. Und dann diese Rastlosigkeit! Ich habe das schon einmal mit dem Pendel in einer Uhr verglichen, mit der “Unruh”. Christoph Schlingensief war halt extrem diese “Unruh”. Man konnte sich nie zurücklehnen und sagen: Jetzt ist einmal Waffenstillstand – dann kam sofort die volle Breitseite.

Sie meinten einmal, dass man bei Schlingensief nie wusste, auf welcher Seite man in seinen Augen stand. Wie fühlte sich dieses Kippmoment an?

Es war so, dass Schlingensief einem das Gefühl geben könnte, als ob man Teil seiner Partei wäre und dann war man plötzlich doch Teil des Establishments. Man war einerseits Part seiner künstlerischen Bewegung und dann wiederum der Klassenfeind. Das heißt, man war gleichzeitig innen und außen. Dies hat er einem extrem zu spüren gegeben, es war eine permanente Verunsicherung.

Meinen Sie, es ging anderen auch so? Zum Beispiel jener Truppe von Schauspielern – Freakstars 3000, ein Projekt, das geistig und körperlich Behinderte bewusst in den kreativen Prozess des Filmemachens einbezog –, mit denen er kontinuierlich gearbeitet hat.

Ich hatte zu seinen Lebzeiten den Eindruck, dass die Behinderten vielleicht die einzigen waren, die er wirklich ernst genommen hat. Ich hatte bei ihnen nicht so das Gefühl, dass sie für Schlingensief außen standen. Aber vielleicht ist das auch nur meine begrenzte Projektion. Das müsste man mal die einzelnen Beteiligten fragen.

Sie hatten dieses doch einschneidende New-York-Erlebnis mit Schlingensief. Als Sie 1999 die nicht unberechtigte Angst hatten, dass sie als einladender Kurator am MoMA PS1 nach einer Schlingensief-Aktion am Hudson River des Landes verwiesen werden würden. Was ist seinerzeit genau passiert?

Es war so, dass Christoph Schlingensief als orthodoxer Jude verkleidet war, zugleich aber einen riesigen Fußballfan-Schal um den Hals gewickelt trug und einen Koffer mit 99 Objekten dabei hatte. Bei den Objekten handelte es sich um Parkknöllchen und die unterschiedlichsten kleinen, zusammengesuchten Objekte, die für ihn Deutschland repräsentierten. Er wollte diesen Koffer vor der Freiheitsstatue im Hudson River versenken – von der Fähre aus geworfen. Selbst zwei Jahre vor 9/11 sah das schon ziemlich wie ein Terrorakt aus. Als Deutscher vor der Freiheitsstatue niederzuknien, seine falschen “orthodoxen Locken” ebenso wie seinen Schal abzulegen und eben diesen Koffer in den Hudson River zu werfen – das war schon sehr verdächtig.

Es sah eher so aus, als ob ein deutscher Hooligan das Symbol des Ansehens der Amerikaner, die Freiheitsstatue, beschmutzen würde. Das schrie förmlich nach Skandal und Verhaftung und Ausweisung. Das konnte eigentlich nur gut gehen, weil seinerzeit einfach so viel Presse anwesend war, wir standen förmlich im Blitzlichtgewitter von Kamerateams. Und dann diese ungeheure Spannung, dass Christoph sich wieder einmal grenzwertig mit einem machtvollen System auseinandersetzt. Es stand im Grunde gar keine böse Absicht dahinter. Er wollte die Freiheitsstatue ja nicht bombardieren, er wollte nur ein Ritual vollziehen, eine Performance durchführen.

Wenn man in die Kunstszene nach New York blickt, gibt es derzeit starke, performative Tendenzen, wie sie sich etwa auf der Biennale “Performa” abbilden. Gleichzeitig vermisst man hier den politischen Background.

Man hat in den USA fast den Eindruck, dass man mit Kunst die Politik gar nicht erreichen kann. Dass ein Performancekünstler wie Christoph Schlingensief in die Tagespolitik eingreift, Parteifunktionäre an deren Wohnort provoziert, einen Regierungschef in Handlungsbedarf versetzt, ist von einer Künstlerperspektive aus den USA einfach nicht denkbar. Vielleicht hätte Schlingensief, wäre er dort geboren, es aber auch in den Vereinigten Staaten geschafft.

Man darf sein Engagement zwar nicht auf das Nationale reduzieren, dennoch war Schlingensief nun einmal ein deutscher Künstler, der in seinem Handlungsspielraum die Grenzen hier bis auf das Äußerste ausgedehnt hat. Es ist ja rein spekulativ, was er getan hätte, wenn er in einem anderen Land geboren worden wäre. Ich denke nur, dass für ihn die deutsche Geschichte, sowohl die Geschichte des Zweiten Weltkriegs als auch Kolonialgeschichte, aber immer auch die jüngere deutsche Geschichte der sechziger und siebziger Jahre und dann natürlich das aktuelle Tagesgeschehen immer ein Punkt war, an dem er sich reiben musste. Er konnte sich gar nicht nicht damit reiben.

Mit welcher Resonanz auf die Schlingensief-Ausstellung rechnen sie in New York?

Ich hoffe, dass zumindest klar wird, wie wünschenswert es in Amerika wäre, dass Kunst sich stärker politisch engagiert. Es werden jetzt in New York keine Scharen von Künstlern auftreten, die auf einmal ein starkes politisches Engagement haben. Dennoch hoffe ich, dass dieses Manko, dieses Defizit deutlich wird.

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Christoph Schlingensief
bis 19. Januar, Kunst-Werke – KW Institute for Contemporary Art, Gegen Vorlage ihrer artcard erhalten unsere Abonnenten ermäßigten Eintritt. Es wird ein Katalog erscheinen. Weitere Stationen: ab März 2014: MoMA PS1, New York
www.kw-berlin.de

Aus: Art Magazin vom 4.12.2013

SCHLINGENSIEF, DER ADRENALIN-VERSCHWENDER (FR)

Leben als Kunst, Kunst als Leben – drei Jahre nach Christoph Schlingensiefs Tod fragt eine Berliner Schau: Was bleibt?

Von Ingeborg Ruthe

Jetzt wird er vermessen nach allen Regeln der Kunst, eingespeist in jüngste Kunstgeschichte. Der zeitlebens in kein Schubfach der Welterklärungs- und Ausdrucks-Kunst passende Filmemacher, der beseelt-verrückte Theater-Aufmischer, der Opern-Verwurster, der Politik-Akteur und eulenspiegelhafte Weltbürger aus Oberhausen, Christoph Schlingensief (1960-2010), er ist nun musealisiert. Nun, warum sollte der Betrieb mit ihm anders umgehen, als mit seinen hassgeliebten Altvorderen: Joseph Beuys und Rainer Werner Fassbinder?

Die liebevolle Musealisierung passiert in den KunstWerken Auguststraße, da, wo es – in Berlin – mit Schlingensief anfing, wo er die erste Berlin Biennale 1998 mitmachte, ein Atelier hatte, als er an Frank Castorfs Volksbühne mit Obdachlosen inszenierte.

Die gestern eröffnete Retrospektive war mit ihm persönlich ausgemacht, noch bevor er ahnte, dass der Lungenkrebs ihn bezwingen würde. Die Schau wurde dann verschoben, weil zu viel dazwischenkam, etwa Schlingensiefs Witwe, die Bühnenbildnerin Aina Laberenz, die aus seinem utopischen Operndorf im afrikanischen Burkina Faso inzwischen sehr sichtbare Realität machte: mit Schule, Wohnhäusern, Krankenstation, Kulturhaus, Bühne.

Gleich drei Ausstellungsmacher waren zugange: KW-Gründer und heutiger MoMA-Mann in New York, Klaus Biesenbach, enger Weggefährte Schlingensiefs, dazu Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer. Sie fädeln auf, was Schlingensief hinterließ. Sie versuchen, in der Dramaturgie der Stationen und Phasen zu vermitteln, dieses kreative, nervige, wundersame Durcheinander von Leben und Kunst und Kunst und Leben. Dies bei einem, der die kleinen Leute liebte und die Kamera als Verlängerung seiner Augen begriff bei seiner Sicht auf die Welt. Manisch,panisch fast, denn Schlingensief hatte ständig Angst, zu erblinden, weil sein geliebter Vater am Grünen Star litt.

Starke Bild-Störungen

Starke Bilder (oder sind es eher Bild-Störungen?) hat er in die Welt gesetzt, kommend aus dem Film, transportiert in Aktionen, auf die Bühne. Immer sind da: Dunkelphase, Schnitt, Mehrfachbelichtung, Überblendung. Und wüste Action, gemischt mit Slapstick. Auf diese Bilder setzt die Schau. Nur sie können besagen, was sie eigentlich war: die „Methode Schlingensief“. Nämlich das lustvolle, konfrontative, bizarre, obszöne – und eben auch naive Scheitern.

Das sieht man schon im Hof des Ausstellungsortes. Eine weiße, begehbare Holzkapelle, ein multireligiöses Angstkirchlein (auf der Biennale Venedig machte Schlingensief mit so einer Furore), in das Menschen sich flüchten. Vom spitzen Türmchen ruft melodisch eine Muezzinstimme. Die Aktion „Church of Fear“ wird erinnert, der 20. März 2003, Tag der ersten Luftangriffe der USA unter Präsident George W. Bush in Allianz mit den Briten auf Bagdad. Die „Verteidigung der Angst als Privateigentum – gegen Vereinnahmung für politische oder religiöse Zwecke (Schlingensief) – war damals, und ist nun wieder verbunden mit einem Pfahlsitzwettbewerb.

Drinnen, in der düsteren, nur von spießbürgerlichen Troddel-Lampen erhellten KW-Ausstellungshalle, sitzen auf echten meterhohen und wild (afrikanisch) bemalten Baumstämmen mit aufmontierten Sitzen, junge Leute. Sie lesen. An Stricken baumeln Wasserflaschen, Eimer, Überlebensmittel. Scheint so, diese stoischen Pfahlsitzer bewachen den „Animatograph“, jene Installation von 2005, die Schlingensiefs Aktionen, Filme, Bühnenarbeiten zeichenhaft zusammenbringt. Schon auf die Außenwand des schwarzen Kubus’ steht geschrieben, was ganz auf Krawall aus ist: etwa Adornos Schriften versus Wagners „Parsifal“, diesem von Schlingensief in Bayreuth idiosynkratisch inszenierten Spektakel 2007.

Tief im melancholischen Kubus, da dreht sich ganz langsam, eine – mit Militär-Tarnnetzen verzierte – Bühnenscheibe: Da ist alles raufgepackt, was die traditionelle Trennung zwischen Kunstwerk und Betrachter aufhebt: Diese „Bühne“ ist zum einen Kriegsschauplatz Kosovo, Irak, Afghanistan, zum anderen wohlige Spießerwohnung. Mal wähnt man sich auf einer ruppigen Straße in Bottrop, dann wieder auf dem saturierten Grünen Hügel Bayreuth. Gleichsam als menschliches Auge soll(te) die Installation wirken, Spuren auf der Netzhaut hinterlassen, Dreh- und Angelpunkt sein für das, was Schlingensief mit „Die Kunst ist ausgebrochen“ meinte. Und was der kompromisslose Menschenfreund unter „anständiger“ Politik und zivilem Ungehorsam verstand.

Und auch nichts von den anderen Arbeiten im Haus – weder die Aktion „Deutsches Kettensägenmassaker“ 1990, das die Wiedervereinigung „feiert“, noch das Baden seiner „Chance 2000-Partei“ im Wolfgangsee (Helmut Kohls Urlaubsort), auch nicht „Freak-stars“, 2002, wo er mit Behinderten eine Casting-Show persifliert – ist Gesamtkunstwerk. Nichts ist etwas Geschlossenes. Er wollte aufbrechen. Film, Bühne, dazu die ihm ständig folgende Pressemeute! – waren nutzbare Medien, alles ließ sich ersprießlich verbinden. Aber nie war klar, was ist Realität und was Fiktion.

Nicht Gattungen, nur Inhalte

Raum für Raum, Etage für Etage, wird klar, das Schlingensief nicht in Gattungen dachte, sondern dass es ihm um Inhalte ging, so, wie er Genres und Medien ausprobierte, deren soziale und politische Bedeutung und Brauchbarkeit testete. All das passierte bildlich, sprachlich, theatralisch, musikalisch, rhythmisch.

Und schließlich: Burkina Faso: Schlingensiefs Vorstellung von Afrika, von kolonialer Mitschuld und Wiedergutmachung, seine Projektion auf den Schwarzen Kontinent von wilder Sinnlichkeit, zugleich Angst vor Aids, ist die einer provozierenden Satire. Warum also Afrika? Es gehe ihm, sagte er, um die Überwindung der eingeschränkten Sicht, die wir auf uns selbst und andere hätten. Also wollte er das seltsame Projekt Operndorf, diesen „kulturellen Überbogen“, nachdem er vorher in Nepal und Brasilien filmisch und auf Bühnen tätig war.

Das Verwischen von Grenzen war bei ihm auch eine Form von Repräsentationskritik. Deshalb hat er die „Partei Chance 2000“ gegründet, die „Church of Fear“. Wegen des Gegensatz zwischen denen, die das Sagen haben und denen, die machtlos sind. Er zeigte auf, riss an, Lösungen hatte er keine. Seine Bühne war gebaut fürs öffentliche Scheitern. Dafür war ihm alles recht. Er sog auf wie ein Schwamm, was er sah, erlebte, hörte. Und dann verwandelte er es in Adrenalin. Soviel, dass er es an alle anderen um ihn herum verschwendete. Genau der Treibstoff aber fehlt nun, da sein Werk so vor uns ausgebreitet ist. Das ist paradox, aber es ist der Lauf der Welt.

Aus: Frankfurter Rundschau vom 2.12.2013

DAS JENSEITS IST AFRIKA (DIE WELT)

Eine große Schau in Berlin feiert den sehr lebendigen Künstler Christoph Schlingensief, der vor drei Jahren starb

Von Matthias Heine

Wer dem Gerücht geglaubt hat, drei Jahre nach seinem Tod falle der Aktionskünstler Christoph Schlingensief allmählich dem Vergessen anheim, weil seine Werke ohne die Realpräsenz des Künstlers wirkungslos seien, der wird derzeit in Berlin eines Besseren belehrt. An einem grauen Dezember-Wochentag hat sich schon kurz vor der Öffnung um zwölf eine kleine Schlange vor den Türen der Schau in den Kunstwerken gebildet. Auch wenn sich die überwiegend im Schwarz reiferer Bildungsbürger gekleideten Besucher drinnen auf drei Etagen verteilen, bleibt der Eindruck, dies sei eine der bestbesuchten Ausstellungen des Instituts für Gegenwartskunst im Bezirk Mitte.

Auf eine paradoxe Weise wird dann doch der Eindruck, es gebe keine Schlingensief-Kunst ohne den Meister, bestätigt: Von zahlreichen Bildschirmen lacht einen der 2010 an Lungenkrebs gestorbene Meister an. Er war sehr häufig der Hauptdarsteller seiner Inszenierungen. Von seinen Theaterstücken muss man sagen: Diejenigen, in denen er sich zurückhielt, waren die langweiligsten. Die überwältigendsten waren die, in deren Dienst er sein eigenes Charisma stellte.

Nicht nur wegen des Halbdunkels, das die Videos zu besserer Geltung bringen soll, fühlt man sich wie beim Gang durch eine unterirdische Nekropole. Aus vielen Bildern schauen einen Tote an. Neben Schlingensief selbst sind das etwa der behinderte Werner Brecht, Darsteller in zahlreichen Theaterproduktionen, der Schauspieler Alfred Edel, Protagonist vieler früher Filme, und – am unerwartetsten – der bei einem Fallschirmabsprung gestorbene Jürgen Möllemann. Dem Politiker hatte Schlingensief, weil er im rechten Wählerreservoir fischte, eine Aktion gewidmet. Mit der erinnerte er daran, dass die von der FPD fetischisierte Zahl 18 für die Anfangsbuchstaben des Namens Adolf Hitler steht.

Möllemann war der Vorsitzende der Liberalen in Nordrhein-Westfalen, und nicht nur an seinem Beispiel zeigt sich, wie heimatverbunden die Kunst Schlingensiefs bis zum Schluss war: Der gebürtige Oberhausener berief sich lebenslang auf das in dieser Stadt erlassene Kino-Manifest, er ging beim Experimentalfilmer Werner Nekes im benachbarten Mülheim in die Lehre, er drehte erste Fernsehbeiträge für den WDR und er hetzte die Figuren seiner frühen Filme durch die verlassenen Industrielandschaften des Ruhrgebiets – am eindrucksvollsten in “Das deutsche Kettensägenmassaker” . Ein Objekt, in das sich jetzt Besucher setzen können, um an der Wand der Kunstwerke hochzufahren, ist vom Einbau einer Fahrtreppe ins Haus seiner alten Eltern inspiriert, und seine Theater-Kirche der Angst war der Herz-Jesu-Kirche in Oberhausen nachgebaut, in der er Messdiener war und in der am Ende auch seine Trauerfeier stattfand.

Das Ruhrgebiet, die 68er, Katholizismus, Fluxus, Beuys, Fassbinder, Richard Wagner, CDU, FDP – es ist schon ein sehr bundesrepublikanischer Boden, auf dem Schlingensiefs Kunst gedieh. Vielleicht kommt man ihm am nächsten, wenn man ihn den letzten großen Westkünstler nennt. Obwohl seine Karriere an einer Ost-Institution den entscheidenden Schub bekam: Vor 20 Jahren, am Silvesterabend 1993, hatte Schlingensiefs erste Inszenierung “100 Jahr CDU” in der Berliner Volksbühne Premiere. Seine Filme in Ehren, doch der Weg nach Bayreuth, Brasilien und in den Weltruhm führte übers Theater. In der exotisch östlichen Volksbühne arbeitet er sich allerdings weiter an westlichen Themen ab: Von Helmut Kohl, den er 1996 in einer Performance symbolisch zum Tode verurteilen ließ, bis zu Lady Diana, die er von Jenny Elvers spielen ließ.

Den Göttern des Ostens hat er nur zweimal gehuldigt: mit einer großartigen Performance über “Die letzten Tage der Rosa Luxemburg” (Hauptrolle: Sophie Rois) und mit einem Stück, das die Frage stellte: “Was sind schon 100 Jahre Brecht gegen 5000 Jahre Japan?” Letzteres gehörte zu seinen schönsten Theaterarbeiten und ist leider so vergessen, dass es nicht mal auf der offiziellen Schlingensief-Homepage in der Liste seiner Theaterarbeiten genannt wird.

Die Kunstwerke haben eine lange Beziehung mit Schlingensief. Ihr Gründer Klaus Biesenbach, der heute die zum MoMa gehörende Kunsthalle PS1 in New York leitet, ermöglichte Schlingensief 1999 genau dort im Rahmen der Ausstellung “Children of Berlin” seine erste Aktion in Amerika: Als orthodoxer Jude verkleidet, warf er für “Deutschland versenken” 99 deutsche Souvenirs in den Hudson-Fluss: Unter anderem eine tote Maus, einen Bierkrug, eine benutzte Damenbinde, eine Eintrittskarte für den Besuch der Reichstagskuppel und das Bitte-nicht-stören-Türschild aus einem Hotel in Chemnitz.

Herzstück der Ausstellung ist nun der Animatograph, über den Christoph Schlingensief selbst schrieb – das muss man einfach länger zitieren: “Der Animatograph ist eine Drehbühne, eine ,aktionistische Fotoplatte, ein sich permanent fortbewegender Transformationskörper. Der Animatograph projiziert die kulturellen und zivilisatorischen Kämpfe in Fragen der Religion, Politik, Geschichte und Familie. Die Auseinandersetzung des Menschen mit höheren Kräften, wie Geistern, Göttern und sagenhaften Helden sind Ausdruck dieses Kampfes, ebenso wie Reinheitsrituale und symbolische Verformungen. Der Animatograph verbindet nordische/europäische und afrikanische Traditionen und verknüpft filmische Visionen des Wagnerianischen Grals mit den schamanistischen Sitten und Bräuchen Afrikas sowie der isländischen Sagenwelt.”

Wenn man heute um den Animatographen herumgeht, der fast den gesamten Erdgeschoss-Ausstellungsraum füllt, fallen einem vor allem die Stehlampen auf, die ihn einrahmend beleuchten. Sie sehen so heimelig nach Oberhausener Barock aus, dass sie im Wohnzimmer von Schlingensiefs Eltern hätten stehen könnten, aber auch – das ist die Dialektik der deutschen Kleinbürgerlichkeit – im Führerbunker 1945.

Vielleicht war das die Wurzel seiner späten Liebe zu Afrika: Hierhin hat er zwar Wagner und Hitler mitgebracht wie transportable Hausdämonen, aber die Sonne, die schon die ersten Menschen beschien, warf noch einmal ein ganz anderes Licht auf die Mythen aus dem Norden. Während der unzufriedene Allerweltsintellektuelle Erleuchtung in Asien sucht, faszinierte ihn der Synkretismus des ältesten Kontinents. “Hier wechselt fast jeder mindestens einmal im Leben die Religion”, schwärmte er über Burkina Faso, wo sein lebendigstes Vermächtnis steht: das Operndorf. Für Schlingensiefianer, das wird in Berlin deutlich, besteht allerdings kein Anlass zum Religionswechsel.

Aus: Die Welt vom 6.12.2013

GROSSE BÜHNE FÜR EINEN BILDERMACHER (DER STANDARD)

Christoph Schlingensief war u. a. Theaterregisseur, Filmemacher, Provokateur und Aktionskünstler. Die Kunst-Werke Berlin geben nun einen Einblick in sein umfassendes Werk

Animatograph Edition Parsipark. Foto: Uwe Walter

Fuchsbau und Labyrinth: die Multimediainstallation “Animathograph Edition Parsipark (Ragnarök)” von 2005. Foto: Uwe Walter

Bevor man in die Ausstellung zum Gedächtnis an Christoph Schlingensief hineindarf, muss man erst einmal in den Beichtstuhl. Im Innenhof der Berliner Kunst-Werke steht ein Häuschen, das als Schleuse in eine Kirche der Angst dient. Das war eines der späteren Großprojekte des wichtigsten Gesamtkünstlers in Deutschland nach Joseph Beuys. Es begann 2003 bei der Biennale in Venedig und durchlief dann verschiedene Stadien, bei der Ruhrtriennale 2008 stand es (als “Fluxus-Oratorium”) bereits im Zeichen der Krebserkrankung, der er im August 2010 wenige Wochen vor seinem 50. Geburtstag erlag.

In dem Beichtstuhl trifft man keinen geistlichen Herrn an, es spricht auch niemand eine Lossprechung, stattdessen kann man durch einen kleinen Spalt, hinter dem sich normalerweise der sogenannte Beichtvater undeutlich zu erkennen gibt, auf ein Videobild schauen, das auf einen anderen Ort verweist, auf eine Szene, die einmal “live” war und nun Kunstgeschichte ist.

Diese Spannung wird in einer Schlingensief-Ausstellung so deutlich wie kaum einmal, denn er reagierte immer sehr stark auf dem Moment, seine ungeheure Produktivität beruhte auf einer Improvisation, die in den verschiedenen Talk-Show-Formaten ihre beste Form fand.

2011 ließ Susanne Gaensheimer den Deutschen Pavillon der Biennale von Venedig in eine “Kirche der Angst” umbauen, es war der erste größere Versuch, das Werk von Schlingensief durch Rekonstruktion zu aktualisieren. Denn im Detail stellen sich bei diesen zum Teil aufwendigen Installationen zahlreiche restauratorische Fragen: Wie lassen sich Arbeiten, die zugleich konkrete und imaginäre Räume darstellen, die den Geist elaborierter Baumhäuser oder Gedankenhöhlen verströmen, durch die Zeit bringen?

Eine Moderlandschaft

In den Kunst-Werken wird dies nun bei der aktuellen Ausstellung besonders im Hauptraum als Problem, aber auch als Gewinn deutlich. Hier bekommt Schlingensief noch einmal eine ähnlich große Bühne wie im Deutschen Pavillon: An den Pfählen der Säulenheiligen, die er 2003 anlässlich eines ersten Pfahlsitzwettbewerbs im Rahmen der Church of Fear in Venedig aufstellen hatte lassen, vorbei kommt man zu dem Animatograph Edition Parsipark (Ragnarök), einer Drehbühne, die zugleich Fuchsbau, Labyrinth und Sagenlandschaft ist.

Man kann sich an das Bühnenbild zu Kaprow City erinnert fühlen, einer der umstritteneren Schlingensief-Inszenierungen an der Volksbühne 2006, wo er das Prinzip ständig veränderter Perspektiven und Sichtfenster radikalisierte. Beim Animatograph, der ja auch eine Moderlandschaft ist, bekommt man tatsächlich sehr stark das Gefühl, in eine ur- oder vorzeitliche Konstellation einzutreten, gewissermaßen sich mythisch verschaukeln zu lassen. Und zugleich ist die Sache in hohem Maß als Artefakt erkennbar und stellt praktische Fragen vor allem hinsichtlich der Transportabilität: Was macht das Museum aus den häufig ja für bestimmte Orte und Zusammenhänge entworfenen Arbeiten von Schlingensief?

Die Kunst-Werke sind kein Museum, doch stellt die neue Schlingensief-Schau ganz eindeutig einen Testlauf dar für eine künftige große Schau in einem der ersten Häuser des Betriebs. Von der künstlerischen Substanz hat sein Werk eindeutig genug zu bieten, doch bleibt nach dem Durchgang durch die vier Etagen der von Klaus Biesenbach, Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer gemeinsam mit Aino Laberenz, der Nachlassverwalterin, gestalteten Schau die Frage, ob denn hinreichend Objekthaftes vorhanden ist, um zwischen den vielen Bildschirmen nicht gänzlich verloren zu gehen.

Schlingensiefs beste Arbeiten fanden in Theater- oder Medienzusammenhängen statt (Rosebud, Talk 2000), sie waren Aktionen, die auf ganze Gesellschaften zielten (Chance 2000, Ausländer raus), und schließlich gibt es noch ein filmisches Werk, das in den Kunst-Werken den dramaturgischen Endpunkt bildet, mit vier Sichtungszellen im obersten Stockwerk. Zwischen allen diesen Komplexen stellt die Ausstellung kluge Achsen her, zum Beispiel kann man eine Pressekonferenz von Jürgen Möllemann sehen, zu dessen “Tötung” Schlingensief aufgerufen hatte, einer der Provokationen, die von den Attackierten natürlich nicht leicht in ihrem performativen Charakter akzeptiert werden konnte.

Insgesamt stellt sich bei dieser Schau, bei der sich bereits am ersten Öffnungstag am Sonntag ein veritabler Publikumserfolg andeutete, ein Gefühl von Wehmut ein. Es rührt von der Lücke her, die gerade durch den so deutlich konservierenden Charakter des hier Gezeigten deutlich wird:

Schlingensief zeigte in all seinen Manövern eine unverwechselbare Integrität, er war in einer intellektuellen und künstlerischen Öffentlichkeit, in der strategische Selbstpositionierung fast schon das wichtigste Kriterium geworden ist, derjenige, der das alles aus- und aufhob, der als reger und empfindsamer Geist immer schon einen Schritt weiter war als die Verwertungslogiken, die sich erst allmählich auf ihn einstellen konnten. Dass dieses besondere Element von Avantgarde in den Kunst-Werken deutlich wird, ist nicht zuletzt daran zu ersehen, dass seine Arbeiten sich der Musealisierung widersetzen, was die Schlingensief-Schau in den Kunst-Werken als eigentliche Spannung durchzieht.

Aus: DER STANDARD vom 3.12.2013. Autor: Bert Rebhandl

MEISTER DER ÜBERFORDERUNG (WDR5)

“Je tiefer wir uns in die Archive gruben, desto mehr kam zum Vorschein. Das Aufarbeiten des kompletten Archivmaterials nimmt mehr Zeit in Anspruch als zu Beginn eingeplant. Aus Respekt vor dem Werk nehmen wir uns die Zeit”.

So entschuldigte sich die Kuratorin Susanne Pfeffer zu Beginn des Jahres dafür, dass die für Februar 2013 geplante Schlingensief-Ausstellung in den Berliner Kunstwerken damals auf unbestimmte Zeit verschoben wurde. Seither lauerte die interessierte Kunst- und Kulturwelt ungeduldig auf die große Schau. Jetzt ist es soweit – die erste umfassende Retrospektive des 2010 gestorbenen Künstlers wird in den Berliner Kunstwerken und danach im New Yorker MoMa gezeigt. Christoph Schlingensief war Filmemacher, Theaterregisseur, Aktionskünstler, Hörspielautor, Installationskünstler, Musiker, Opernregisseur.

In allen Genres produzierte er vor allem eines: starke Bilder. Er hat sich über nahezu alle künstlerischen, medialen und institutionellen Grenzen hinweggesetzt. Durch seine sehr eigene, oft opulente Bildersprache, seine obsessive Verausgabung und stets produktive Überforderung aller Beteiligten nahm und nimmt Schlingensief eine Sonderstellung in der Gegenwartskunst ein. Die Ausstellung präsentiert die künstlerischen Stationen Schlingensiefs. Noch einmal werden seine allererste Theaterarbeit an der Berliner Volksbühne “100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen”, die Gründung der eigenen Partei “Chance 2000″ oder seine legendäre Parsifal- Inszenierung 2007 in Bayreuth aufblitzen. Scala hat die Ausstellung vorab besucht und berichtet darüber.

Von Ina Beyer. Redaktion: Sefa Suvak

Aus: WDR 5 Scala vom 2.12.2013

“ALARMZUSTAND” ZWISCHEN WIRKLICHKEIT UND SPIEL (EPD)

Erste Gesamtschau zu Christoph Schlingensiefs künstlerischem Schaffen in Berlin

Berlin (epd). Das uferlose Schaffen des 2010 verstorbenen Kunstrebellen Christoph Schlingensief lässt sich mit nur einem Wort zusammenfassen: Ausnahmezustand. In seinem bekanntesten Film “Das deutsche Kettensägenmassaker” (1990) meuchelte eine westdeutsche Metzgerfamilie nach der Wiedervereinigung im Blutrausch DDR-Bürger. Bei der documenta X in Kassel wurde er 1997 für die Aktion “Tötet Helmut Kohl” kurzzeitig inhaftiert. 1998 gründete er die Partei Chance 2000 und rief am Urlaubsort des damaligen Bundeskanzlers Helmut Kohl (CDU) zum “Bad im Wolfgangsee” auf. Die KW Institute for Contemporary Art in Berlin widmen Schlingensief nun eine erste große Gesamtschau, die ab Sonntag bis 19. Januar zu sehen ist und im März weiter ins MoMA PS1 nach New York zieht.

Neben Schlingensief gebe es kaum einen Künstler, der so radikal Kunst und Politik miteinander verwoben habe, sagte Kuratorin Susanne Pfeffer am Freitag. Schlingensief habe sein Publikum in einen “Alarmzustand” zwischen Wirklichkeit und Spiel befördert, betonte Kuratorin Anna-Catharina Gebbers. Immer wieder rieb sich Schlingensief fast obsessiv an gesellschaftlichen und politischen Missständen.

Die Ausstellung “Christoph Schlingensief” lädt ein, ein paar Stunden im Kopf des radikalen Provokateurs zu verbringen, sich an Aktionen zu erinnern, mit denen dieser die Kunstwelt auf den Kopf stellte. Und so sitzen sie auch in den Berliner Ausstellungsräumen, die Teilnehmer seiner “Pfahlsitzwettbewerbe” und seine “Church Of Fear” steht nun auf dem Hof der KW Institute for Contemporary Art. Auch der “Animatograph”, eine große und begehbare Drehbühnenkonstruktion aus Holz- und Leinwänden, Film- und Theaterrequisiten, erwartet die Besucher – ein Spektakel von Exponat.

Seine Witwe Aino Laberenz, Beraterin der Kuratoren, sagte, sie habe sich sowohl eine Abbildung des breiten Spektrums des Künstlers als auch ein Eintauchen in dessen Welt gewünscht. Die Berliner Schau stellt folglich die komplexen Bildwelten Schlingensiefs in den Vordergrund.

Viele seiner Themen haben dabei heute nicht an Aktualität und Brisanz verloren- so etwa der Container der Projektwoche “Bitte liebt Österreich” (2000). In Wiens Haupteinkaufsstraße ließ Schlingensief damals ein Containerdorf errichten, in dem frei nach dem TV-Format “Big Brother” und in Anspielung auf die Politik der rechtspopulistischen FPÖ von Jörg Haider zwölf Asylbewerber via Webcams beobachtet und zur Abschiebung ausgewählt werden konnten.

Erkennbar wird anhand der vielen Monitore mit Film- und Interviewsequenzen, anhand von Beichtstuhl und roten Grabkerzen auch, was Kurator Klaus Biesenbach Schlingensiefs “zwei Köfferchen” aus Oberhausen nannte. Aus seiner Heimat und seinem Elternhaus habe Schlingensief zwei Sachen mitgebracht und nie wieder aus der Hand gelegt: seine Messdiener-Erfahrung sowie eine Kamera.

Es war auch Schlingensiefs Schicksal, dass er sämtliche Bühnen bespielte: Film, Theater, Oper, Performances und Installationen. Die meisten Jahre seines Lebens musste der Kompromisslose gegen den etablierten Kunstbetrieb kämpfen, der ihn von einem Terrain zum nächsten jagte. “Er suchte sich immer neue Plattformen”, sagte Laberenz. “Es ging nicht an ihm vorbei, er tauchte immer wieder auf.” In einem Ausstellungsraum hängt ein Banner an der Wand: “Scheitern als Chance”. Kurator Biesenbach erinnerte daran, dass Schlingensief erst in den letzten fünf Jahren seines Lebens “konsensfähig” geworden sei.

Diese letzten Jahre waren auch geprägt durch Schlingensiefs Krebserkrankung. 2004 debütierte er mit seiner Inszenierung des “Parsifal” bei den Bayreuther Festspielen. Schon damals prophezeite er in einem Interview den Krebs, um den sich seine Arbeit nach der Diagnose kreisen sollte. 2008 zeigte er bei der Ruhrtriennale “Eine Kirche der Angst vor dem Fremden in mir”, 2009 feierte im Wiener Burgtheater “Mea Culpa – eine ReadyMadeOper” Premiere. Mit immer neuen Projekten schien Schlingensief seiner schweren Krankheit Paroli bieten zu wollen. Bei der Kunstbiennale in Venedig wurde er ein Jahr nach seinem Tod posthum mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Sein letztes großes Projekt war das “Operndorf Afrika” in Burkina Faso, das nun von Laberenz weiter vorangetrieben wird.

Von Nadine Emmerich (epd) / Aus: epd ost nad phi, 2.12.2013

CHRISTOPH SCHLINGENSIEF-RETROSPEKTIVE (RBB)

Filme, Theaterstücke, Opern, Performances und Installationen – Christoph Schlingensief war einer der vielseitigsten Künstler der Nachkriegszeit. Und einer der provakativsten. Was bleibt von ihm? Die erste Gesamtschau über Schlingensief versucht darauf eine Antwort zu geben.

Erste Retrospektive zur Arbeit des Künstlers – Schlingensief – Werkschau eines Profi-Provokateurs

Er war Theater-, Film- und Opernregisseur, Performer, Aktivist und Parteigründer – Christoph Schlingensief gilt als einer der vielseitigsten zeitgenössischen Künstler. Und einer der provokativsten. Drei Jahre nach seinem Krebstod eröffnet in den Berliner “Kunst-Werken“ nun die erste Schlingensief-Gesamtschau. Von Andrea Marshall.

Christoph Schlingensief gilt als einer der bemerkenswertesten, aber auch umstrittensten Vertreter des deutschsprachigen Kultur- und Medienbetriebs. Er wurde als “heiliger Narr und genialer Wüterich verehrt und als zynischer Provokateur verachtet”, wie der “Spiegel” schrieb. Man lobte seine Fähigkeit zur öffentlichen Irritation – oder lehnte ihn als begnadeten Selbstdarsteller ab.

Auftrag: Gesellschaftliche Einmischung

Ausschnitte aus Schlingensiefs Werk und seinen künstlerischen Stationen werden ab Samstagabend nun erstmals als Gesamtschau im Institute for Contemporary Art der Berliner “Kunst Werke” in der Auguststraße gezeigt. Ab März 2014 soll die Schau im New Yorker Museum of Modern Art (MoMa) zu sehen sein.

MoMa-Chefkurator und Gründer der Berliner “Kunst-Werke” Klaus Biesenbach hat die Werkschau zusammen mit Anna-Catharina Gebbers, Susanne Pfeffer und Schlingensiefs Witwe Aino Laberenz zusammengestellt. Man wolle zeigen, dass der Künstler einen “Auftrag hatte, ein Menschenbild”, sagte Biesenbach dem rbb. “Alle seine Arbeiten haben eine ungeheure inhaltliche Klarheit: Was ist es, was ich als Bürger heute tun muss, um mich in der Gesellschaft produktiv zu zeigen.”

Für Aino Laberenz soll die Gesamtschau vor allem die Spannbreite des künstlerischen Schaffens zeigen – und dazu Schlingensiefs Werdegang. “Wir versuchen eine Grätsche – man kann in die Arbeit eintreten, aber auch etwas über den Künstler erfahren”, sagte sie dem rbb am Freitag. “Man sieht, dass Christoph die ganze Zeit in Bewegung war”.

Die Bühnenbildnerin Laberenz verwaltet nicht nur den Nachlass ihres verstorbenen Mannes. Sie hat auch Bücher über ihn herausgegeben, eine noch von ihm selbst geplante Ausstellung im Biennale-Pavillon in Venedig vollendet – und sie betreut das Operndorf in Afrika.

Enfant Terrible zwischen Flucht und Applaus

Der 1960 in Oberhausen geborene Schlingensief hatte zunächst Ende der 1980er, Anfang der 1990er Jahre teils heftige Kontroversen mit seinen Trash-Filmen ausgelöst. In “Das deutsche Kettensägenmassaker” etwa verarbeitete er sein Leiden an der deutschen Wiedervereinigung.

Seine später unter anderem an der Berliner Volksbühne inszenierten Theaterstücke animierten das Publikum teils zu begeistertem Applaus, teils zur Flucht. 1997 kam es zur Verhaftung Schlingensiefs, nachdem dieser bei der Kasseler documenta bei einer Kunstaktion ein Plakat mit der Aufschrift “Tötet Helmut Kohl!” verwendete.

Bundestag und Wagner-Opern

Schlingensief mischte sich auch direkt politisch ein. Für eine Aktion in Wien gegen die ausländerfeindliche Politik des Jörg Haider ließ der Künstler Baucontainer aufstellen, aus denen das Publikum nach dem “Big Brother”-Prinzip Asylbewerber “herausgewählte”. Bei der Bundestagswahl 1998 trat er mit seiner neu gegründeten “Partei der Arbeitslosen und von der Gesellschaft Ausgegrenzten” an, erzielte aber nicht genug Stimmen für einen Einzug ins Parlament.

Dafür schafft er es bis in den Olymp der deutschen Hochkultur: 2004 inszenierte er Wagners “Parzifal” in Bayreuth. Auch in Berlin, Bonn, Manaus (Brasilien) und anderen Städten zeigte er (Wagner-)Opern; in Burkina Faso im westlichen Afrika initiierte er das “Opern-Dorf” mit Festspielhaus.

Zuletzt erregte Schlingensiefs öffentliche Auseinandersetzung mit seiner eigenen Krebserkrankung Aufsehen. Im August 2010 erlag der Künstler dem Lungenkrebs – mit 49 Jahren.

Schlingensief-Retrospektive
01.12.2013-19.01.2014

KW Institute for Contemporary Art
Kunst-Werke Berlin e.V.
Auguststraße 69
10117 Berlin-Mitte

Öffnungszeiten:
Mi-Mo 12-19 Uhr
Do 12-21 Uhr

Eintritt:
6 Euro / ermäßigt 4 Euro

Aus: rbb Stilbruch vom 28.11.13 22:15

SCHLINGENSIEF EXHIBITION IN BERLIN (DW)

An exhibition has begun in Berlin honoring the German director and artist Christoph Schlingensief who was known for pushing boundaries and juxtaposing art and politics. The innovator died from cancer three years ago

An exhibition tracing the development of the multi-talented and controversial Christoph Schlingensief, who died of lung cancer in 2010 aged 49, opens to the public in Berlin on Sunday.

Works on show will include films, performances and installations with which Schlingensief often grabbed public attention during his career.

Schlingensief was born in Oberhausen, a Ruhr District city.

In 2004, the theater, film and opera director, actor and performance artist gained international recognition for his production of the opera “Parsifal” by Richard Wagner at the Bayreuth Festival.

He was also well known for setting up a political party called “Opportunity 2000″ in 1998, and asking members to vote for themselves.

‘Opera village’

Before his death, Schlingensief had been working on setting up a so-called opera village in the west African country of Burkina Faso.

The Schlingensief exhibition is being staged at the Institute for Contemporary Art in Berlin from December 1, 2013 until January 19, 2014.

It will later move on to New York’s Museum of Modern Art (MoMA).

Aus: dw.de, arts, 30.11.2013, se/ipj (dpa, epd)

CHRISTOPH SCHLINGENSIEFS WERKE IN BERLIN (DW)

Vor drei Jahren starb Christoph Schlingensief. Er war längst nicht jedermanns Liebling. Aber dass er ein bedeutender Künstler war, belegt nun eine umfassende Werkschau in Berlin.

Vor drei Jahren starb Christoph Schlingensief. Er war längst nicht jedermanns Liebling. Aber dass er ein bedeutender Künstler war, belegt nun eine umfassende Werkschau in Berlin.

Die Ausstellung gibt einen Einblick in das radikale und vielschichtige Werk des Künstlers Schlingensief. Das KW Institute for Contemporary Art zeigt bis zum 19. Januar Installationen, Filme, Inszenierungen und Aktionen des Regisseurs, die zu seinen Lebzeiten immer wieder für Aufsehen gesorgt haben. Seine Witwe Aino Laberenz sagte bei der Vorbesichtigung: “Ich freue mich extrem, dass Christophs Arbeiten wieder geöffnet werden.” Von März an soll die Ausstellung im MoMA PS1 in New York zu sehen sein.

“Radikal Kunst und Politik verwoben”

Schlingensief war 2010 im Alter von 49 Jahren an Lungenkrebs gestorben. Filme, Theaterstücke, Opern, Aktionen, Performances und Installationen: Der Künstler bespielte sämtliche Bühnen. Neben Schlingensief gebe es kaum einen Menschen, der so radikal Kunst und Politik miteinander verwoben habe, sagte Kuratorin Susanne Pfeffer in Berlin. Christoph Schlingensief habe sein Publikum immer in einen “Alarmzustand” zwischen Wirklichkeit und Spiel befördert, sagte ihre Co-Kuratorin Anna-Catharina Gebbers.

Die Schau “Christoph Schlingensief” zeichnet auch biographisch den Weg des radikalen und provozierenden Regisseurs und Aktionskünstlers aus Oberhausen nach. In den 80er Jahren produzierte Schlingensief seine ersten Kurz- und Langfilme. Er drehte mit der Handkamera, ganze Spielfilme entstanden an einem Tag. Im Theater entwickelte er aktionistische Formen, in die er sein Publikum mit einbezog. Immer wieder rieb er sich fast obsessiv an gesellschaftlichen und politischen Missständen, gründete zur Bundestagswahl 1998 die Partei “Chance 2000″.

2004 debütierte das Multitalent mit seiner Inszenierung des “Parsifal” bei den Bayreuther Festspielen. Bei der Kunstbiennale in Venedig wurde er ein Jahr nach seinem Tod posthum mit dem Goldenen Löwen ausgezeichnet. Sein letztes großes Projekt war das “Operndorf Afrika” in Burkina Faso, das von seiner Witwe Aino Laberenz weiter vorangetrieben wird.

Aus: DW Kultur vom 30.11.2013, ml/xxl (dpa, epd)

AM RANDE DER HYSTERIE (TAZ)

Ab Sonntag zeigen die Kunst-Werke eine große Christoph-Schlingensief-Retrospektive. Unser Autor erinnert sich ganz persönlich an den Ausnahmekünstler

von Detlef Kuhlbrodt

Zum ersten Mal hatte ich Christoph Schlingensief 1986 auf der Berlinale gesehen, im Delphi bei einem Gespräch mit Dietrich Kuhlbrodt und Ulrich Gregor über seinen Film “Menu Total”. Ich hatte ihn doof gefunden, wie man oft Leute aus der eigenen Generation doof findet, und irgendwie war mir peinlich gewesen, dass jemand mit meinem Namen auf Schlingensiefs Seite war. Die Bürgerschrecksnummer hatte mich genervt. Später änderte sich das, als ich mitbekam, dass er bei den frühen Helge-Schneider-Filmen die Kamera gemacht hatte. Helge Schneider fand ich ganz toll. Als er dann plötzlich an der Volksbühne war, ab 1993, wo er “100 Jahre CDU – Spiel ohne Grenzen” inszenierte, wurde ich auch so allmählich zum Fan.

Mit Schlingensief war die Volksbühne zu einem extrem kommunikativen Kraftzentrum geworden. Während seine Filme den Neuen Deutschen Film dekonstruierten, exorzierten seine Inszenierungen (nicht nur “Rocky Dutschke”) das, was man so unter 68 verstand, die heiligen Allgemeinplätze der in die Jahre gekommenen neuen westdeutschen Linken. Keine Aufführung war wie die andere, vieles stand am Rande der Hysterie. Mit den Mitteln der Kunst sollte das Getto der Kunst verlassen werden. Einmal wurde ein Stück auch rückwärts gespielt.

Für Berichterstatter war das aufregend, aber auch nicht so einfach: Das Stück, über das man sich Gedanken gemacht hatte, über das man geschrieben hatte, war ja längst passé, verworfen und umgekrempelt worden. Und Schlingensief war ein bisschen enttäuscht, dass sich die Theaterkritiker nicht jede Aufführung anschauten. Die, die kamen, wurden oft in die Theaterstücke, Filme, Aktionen integriert, teils wurden sie auf der Bühne auch karikiert. Da ich mich selber als performativer Journalist sah und den Dissens ganz gut aus der taz kannte, gab es eine gewisse gefühlte inhaltliche Nähe.

Manche Stücke schaute ich mir tatsächlich mehrmals an. Einmal nahm mich Dietrich Kuhlbrodt mit in die Garderobe, um Christoph zu trösten, bei irgendeiner grandios-chaotischen Aufführung der “Berliner Republik”. Wie wir ihm dann ständig versicherten, wie toll dieser Abend doch gewesen war und ich gar nicht verstand, wieso ihm das nicht klar war. Der Funke war doch so offensichtlich übergesprungen.

Westberliner Republik

Was bei Schlingensief zitiert, verwendet und durchgearbeitet wurde, war zunächst eine Westgeschichte – 68, die Situationisten, die Surrealisten, “100 Jahre CDU”, selbst die “Berliner Republik” scheint rückblickend eine Westberliner Republik gewesen zu sein.

Persönlich kennengelernt hatte ich ihn dann, glaube ich, über Klaus Beyer. Zusammen mit Jörg Buttgereit waren wir an einem Buch über den fünften Beatle (“Das System Klaus Beyer”) beteiligt. Klaus war irgendwann Teil der Schlingensief-Familie, bei der ich dann auch manchmal zu Gast war. Im Mai 98 im Hotel Prora zum Beispiel.

Das Hotel Prora war eine Übernachtungsaktion im Rahmen des Chance-2000-Wahlkampfs. Man schlief in Zelten, die im Prater aufgebaut waren, drum herum gab es Irrsinn, Reden, Aktionen. Begeistert sang man “Wir wollen trauern!” oder die Parteihymne mit den schönen Brecht-Zeilen “… der Blick in das Gesicht eines Menschen, dem geholfen ist, ist der Blick in eine schöne Gegend – Freund, Freund, Freund!”.

Um die “Scheitern-als-Chance-Partei” rückblickend zu verstehen, muss man sich diese Zeit ein bisschen vergegenwärtigen. Die Nachwendeeuphorie war längst vorüber. 98 war das Jahr, in dem Helmut Kohl abgelöst wurde. Rainald Goetz machte seinen Abfall-für-alle-Blog, und im Sommer hatten sich undogmatische 68er auf dem u. a. von Rainer Langhans veranstalteten “Ready-to-Ruck”-Kongress noch einmal zu Wort zu gemeldet. Das war eine großartig scheiternde Veranstaltung im Tempodrom, bei der die Subkulturen unterschiedlicher Jahrzehnte eine dissidentische Kontinuität demonstrieren sollten und sich auf der Bühne alle total stritten. Schlingensief war wohl auch dabei, aber ich erinnere mich vor allem an Axel Silber und ein sympathisch hilfloses Chaos.

Dann gab es noch irgendeine Zusammenarbeit resp. Tolerierung zwischen Karl Nagels sagenumwobener APPD und Chance 2000. Und den Parteitag der APPD im Pfefferberg, bei dem auf der Bühne für den Frieden gefickt wurde und ein Funktionär irgendwann, dem Publikum zugewandt, auf die Bühne pisste und “Blue Velvet” sang, und die APPD-Plakate mit dem Zusatzschild “Zweitstimme FDP!!!!”.

Nachts im Hotel Prora also lernte ich auch Dietrich Kuhlbrodt, den Staatsanwalt a. D. und Chefideologen von Chance 2000 kennen. Wir fühlten uns verwandt miteinander, ohne je herauszukriegen, über welche Ecken. Eine komische Zeit – einerseits war ich Techno- und Drogenfreund und in der Hippieforschung tätig, andererseits (mit Rainald Goetz, Elfriede Jelinek, Dirk Baecker und einigen FeuilletonkollegInnen) im kurzlebigen Thinktank von Chance 2000. Wobei die schlingensiefsche Matrix-Metaphorik dieser Zeit eigentlich ganz gut zu den Technodrogen passte.

Ziemlich irrsinnig

Mit Dietrich hatte ich 2001 einen Stand beim Liebeskummerkongress “Lovepangs – Join the lovesick society” in der Volksbühne, einer Gemeinschaftsproduktion mit Carmen Brusic: eine ziemlich irrsinnige Veranstaltung, bei der so etwa alle, die in Berlin mit Kultur zu tun hatten, Beratungsgespräche anboten, und auf der, in Zusammenarbeit mit Alexander Kluge, mit dem sich Schlingensief kurz vor der Premiere zerstritt, ein imaginärer Opernführer vorgestellt wurde.

“Lovepangs” wurde dann noch einmal in Frankfurt aufgeführt. Das Hotel, in dem wir übernachteten, hatte ein Schwimmbad. Und am Ende hat Christoph Schlingensief mit Dietrichs in diesem Jahr verstorbener Frau, der manisch-depressiven Schauspielerin Brigitte Kausch, “What Shall We Do with the Drunken Sailor” gesungen.

Die Retrospektive

Ab Sonntag zeigen die Kunst-Werke (KW) in Mitte (Auguststraße 69) eine große Christoph-Schlingensief-Retrospektive. Bis zum 19. Januar wird die Schau Einblicke in das Werk des vor zwei Jahren gestorbenen Film- und Theaterregisseurs, Aktions- und Installationskünstlers, Musikers und Opernregisseurs bieten. “Schlingensiefs Werk”, heißt es in der Ankündigung der Kunst-Werke, “ist ausufernd, vielgestaltig und erzielt seine Wirkung durch stetige Fragmentierung, Gleichzeitigkeit, Entgrenzung, Inter- und Transmedialität.”

www.kw-berlin.de

Aus: taz vom 30.11.2013

METHODE SCHLINGENSIEF IM MUSEUM (BERLINER ZEITUNG)

Drei Jahre nach dem Tod von Christoph Schlingensief, Theatermacher, Aktionskünstler, Filmemacher, widmet sich eine Schau seinem Werk. Stellt es aus – versammelt, bietet es dar – aneinandergereiht. Das umfassende Schaffen von einem, der es so gut verstand, Unordnung zu produzieren.

Von Ingeborg Ruthe

Jetzt wird er vermessen nach allen Regeln der Kunst, eingespeist in jüngste Kunstgeschichte. Der zeitlebens in kein Schubfach der Welterklärungs- und Ausdrucks-Kunst passende Filmemacher, der beseelt-verrückte Theater-Aufmischer, der Opern-Verwurster, der Politik-Akteur und eulenspiegelhafte Weltbürger aus Oberhausen, Christoph Schlingensief (1960-2010), er ist nun musealisiert. Nun, warum sollte der Kulturbetrieb mit ihm anders umgehen, als mit seinen hassgeliebten Altvorderen: Joseph Beuys und Rainer Werner Fassbinder?

Die liebevolle Musealisierung passiert in den KunstWerken Auguststraße, da, wo es – in Berlin – mit Schlingensief anfing, wo er die erste Berlin Biennale 1998 mitmachte, ein Atelier hatte, als er an Frank Castorfs Volksbühne mit Obdachlosen inszenierte.

Die nun beginnende Retrospektive war mit ihm persönlich ausgemacht, noch bevor er ahnte, dass der Krebs in der Lunge ihn bezwingen würde. Die Schau wurde dann verschoben, weil zu viel dazwischenkam, etwa Schlingensiefs Witwe, die Bühnenbildnerin Aina Laberenz, die aus seinem utopischen Operndorf im afrikanischen Burkina Faso inzwischen sehr sichtbare Realität machte: mit Schule, Wohnhäusern, Krankenstation, Kulturhaus, Bühne.

Das verlängerte Auge

Gleich drei Ausstellungsmacher waren zugange: KW-Gründer und heutiger MoMA-Mann in New York, Klaus Biesenbach, enger Weggefährte Schlingensiefs, dazu Anna-Catharina Gebbers und Susanne Pfeffer. Sie fädeln auf, was Schlingensief hinterließ. Sie versuchen, in der Dramaturgie der Stationen und Phasen zu vermitteln, dieses kreative, nervige, wundersame Durcheinander von Leben und Kunst und Kunst und Leben. Dies bei einem, der die kleinen Leute liebte und die Kamera als Verlängerung seiner Augen begriff bei seiner Sicht auf die Welt. Manisch, panisch fast, denn Schlingensief hatte ständig Angst zu erblinden, weil sein geliebter Vater an Grünem Star litt.

Starke Bilder (oder sind es eher Bild-Störungen?) hat er in die Welt gesetzt, kommend aus dem Film, transportiert in Aktionen, auf die Bühne. Immer sind da: Dunkelphase, Schnitt, Mehrfachbelichtung, Überblendung. Und wüste Action, gemischt mit Slapstick. Auf diese Bilder setzt die Schau. Nur sie können besagen, was sie eigentlich war: die „Methode Schlingensief“. Nämlich das lustvolle, konfrontative, bizarre, obszöne – und eben auch naive Scheitern.

Das sieht man schon im Hof des Ausstellungsortes. Eine weiße, begehbare Holzkapelle, ein multireligiöses Angstkirchlein (auf der Biennale Venedig machte Schlingensief mit so einer Furore), in das Menschen sich flüchten. Vom spitzen Türmchen ruft melodisch eine Muezzinstimme. An die Aktion „Church of Fear“ wird erinnert, der 20. März 2003, Tag der ersten Luftangriffe der USA unter Präsident George W. Bush in Allianz mit den Briten auf Bagdad. Die „Verteidigung der Angst als Privateigentum – gegen Vereinnahmung für politische oder religiöse Zwecke (Schlingensief) – war damals , und ist nun wieder verbunden mit einem Pfahlsitzwettbewerb.

Drinnen, in der düsteren, nur von spießbürgerlichen Troddel-Lampen erhellten KW-Ausstellungshalle, sitzen auf echten meterhohen und wild (afrikanisch) bemalten Baumstämmen mit aufmontierten Sitzen, junge Leute. Sie lesen. An Stricken baumeln Wasserflaschen, Eimer, Überlebensmittel. Scheint so, diese stoischen Pfahlsitzer bewachen den „Animatograph“, jene Installation von 2005, die Schlingensiefs Aktionen, Filme, Bühnenarbeiten zeichenhaft zusammenbringt. Schon auf die Außenwand des schwarzen Kubus steht geschrieben, was ganz auf Krawall aus ist: etwa Adornos Schriften versus Wagners „Parsifal“, diesem von Schlingensief in Bayreuth idiosynkratrisch inszenierten Spektakel 2007.

Tief im melancholischen Kubus, da dreht sich ganz langsam, eine – mit Militär-Tarnnetzen verzierte – Bühnenscheibe: Da ist alles raufgepackt, was die traditionelle Trennung zwischen Kunstwerk und Betrachter aufhebt: Diese „Bühne“ ist zum einen Kriegsschauplatz Kosovo, Irak, Afghanistan, zum anderen wohlige Spießerwohnung. Mal wähnt man sich auf einer ruppigen Straße in Bottrop, dann wieder auf dem saturierten Grünen Hügel Bayreuth. Gleichsam als menschliches Auge soll(te) die Installation wirken, Spuren auf der Netzhaut hinterlassen, Dreh- und Angelpunkt sein für das, was Schlingensief mit „Die Kunst ist ausgebrochen“ meinte. Und was der kompromisslose Menschenfreund unter „anständiger“ Politik und zivilem Ungehorsam verstand. Und auch nichts von den anderen Arbeiten im Haus – weder die Aktion „Deutsches Kettensägenmassaker“ 1990, das die Wiedervereinigung „feiert“, noch das Baden seiner „Chance 2000-Partei“ im Wolfgangsee (Helmut Kohls Urlaubsort), auch nicht „Freak-Stars“, 2002, wo er mit Behinderten eine Casting-Show persifliert – ist Gesamtkunstwerk.

Nichts ist etwas Geschlossenes. Er wollte aufbrechen. Film, Bühne, dazu die ihm ständig folgende Pressemeute! – waren nutzbare Medien, alles ließ sich ersprießlich verbinden. Aber nie war klar, was ist Realität und was Fiktion.
Der Schwarze Kontinent

Raum für Raum, Etage für Etage, wird klar, das Schlingensief nicht in Gattungen dachte, sondern dass es ihm um Inhalte ging, so, wie er Genres und Medien ausprobierte, deren soziale und politische Bedeutung und Brauchbarkeit testete. All das passierte bildlich, sprachlich, theatralisch, musikalisch, rhythmisch.

Und schließlich: Burkina Faso: Schlingensiefs Vorstellung von Afrika, von kolonialer Mitschuld und Wiedergutmachung, seine Projektion auf den Schwarzen Kontinent von wilder Sinnlichkeit, zugleich Angst vor Aids, ist die einer provozierenden Satire. Warum also Afrika? Es gehe ihm, sagte er, um die Überwindung der eingeschränkten Sicht, die wir auf uns selbst und auf andere hätten. Also wollte er das seltsame Projekt Operndorf, diesen „kulturellen Überbogen“, nachdem er vorher schon in Nepal und Brasilien filmisch und auf Bühnen tätig war.

Das Verwischen von Grenzen war bei ihm auch eine Form von Repräsentationskritik. Deshalb hat er die „Partei Chance 2000“ gegründet, die „Church of Fear“. Wegen des Gegensatzes zwischen denen, die das Sagen haben und denen, die machtlos sind. Er zeigte auf, riss an, Lösungen hatte er keine. Seine Bühne war gebaut fürs öffentliche Scheitern. Dafür war ihm alles recht. Er sog auf wie ein Schwamm, was er sah, erlebte, hörte. Und dann verwandelte er es in Adrenalin. So viel, dass er es an alle anderen um ihn herum verschwendete. Genau der Treibstoff aber fehlt nun, da sein Werk so vor uns ausgebreitet ist. Das ist paradox, aber es ist der Lauf der Welt.

KW, Auguststr. 69, ab Sonntag, bis 19. Januar 2014. Mi–Mo 12–19/Do bis 21 Uhr. Die Schau wird gefördert von der Kulturstiftung des Bundes, VW und Rudolf -Augstein-Stiftung. Das Schlingensief-Filmprogramm: www.kw-berlin.de

Aus: Berliner Zeitung vom 30.11.2013

BERLIN SCHAUT AUF CHRISTOPH SCHLINGENSIEF (DLF)

In Berlin ist eine Gesamtschau auf das Werk von Christoph Schlingensief eröffnet worden: Filme, Theaterstücke, Opern und provokative Aktionen. Was hätte der 2010 verstorbene Künstler wohl noch alles gemacht, wenn ihm mehr Zeit geblieben wäre?

Die Neuigkeit über Schlingensief ist: diese Ausstellung. Sie ist zwar nicht die erste Überblicksschau über sein Werk, aber was auf seinen Tod im August 2010 folgte, war – einschließlich seiner Bespielung des Deutschen Pavillons auf der Biennale in Venedig 2011 – doch eher eine Reihe von Gedenkveranstaltungen. Diese Ausstellung von MoMA PS1 in New York und den Kunstwerken Berlin ist die erste, in der die Vielfalt von Werken und Tätigkeitsfeldern Schlingensiefs stärker ausgebreitet wird, filmische Projekte von seiner Frühzeit an, installative Arbeiten und Aktionen im öffentlichen Raum der späteren Jahre, auch seine Theaterprojekte werden zumindest gestreift. Ein Aspekt rückt dabei als Gegensatz zu den bisherigen Gedenkschauen in den Mittelpunkt: Während Schlingensief unmittelbar nach seinem Tod mit viel Timbre als Künstler verteidigt wurde, bezieht sich diese Ausstellung explizit auf Schlingensief in seinem ewigen “Zwischen-allen-Stühlen“-Status; auf seine Erfolglosigkeit, in einem klassischen Kunstgenre unterzukommen, “Scheitern als Chance“, auf seine Weigerung, schlussendlich selbst weder Künstler im engeren Sinn sein zu wollen. Klaus Biesenbach, der frühere Leiter der Kunstwerke Berlin, erinnert sich an Schlingensiefs berechtigte Skepsis gegenüber dem Kunstbetrieb und seine Gegenwehr gegenüber jeder Vereinnahmung. Das dürfte ein Grund dafür sein, weshalb seine Arbeit manchen heute als die “wahre“ Kunst erscheinen möchte. Schlingensief, so scheint es, lässt alle Schwellenangst vor dem Kunstbetrieb produktiv erscheinen. “Angst ist Macht“, heißt es doch in seinem Werbevideo zur “Kirche der Angst“.

“The Church of Fear says: Fear is Power! Have fear! Here is what Church of Fear members say: The Church of Fear has completely changed my life – because I suddenly realized that I had to use my fear. I own my fear. I want to give it to anybody else. I want that my fear be included by other people. It’s my fear. I want my fear. I have fear. I say ‚Yes‘ to my fear.”

Schlingensiefs Arbeiten sind nie so streng, um den formalen Kriterien eines Genres ohne Weiteres zu genügen, aber zugleich zeugen sie eben vom Willen zu einer ganz bewussten Formlosigkeit. “Scheitern als Chance“: Wenn man bemängelt, dass Schlingensief sich zu sehr mit Tagesaktualitäten, Kunst-Pointen und Mediengeschichten abgegeben hat, läuft dieser Vorwurf ins Leere, denn Schlingensief wollte ja dezidiert nie anderes machen und anderes sein, als er machte und war – wie andere sein Werk daraufhin einordnen, ist nachrangig. Niemand muss ihn auch deshalb mit akademischem Pathos als neuen Joseph Beuys verteidigen. Zuviel der Ehre für einen, der es auf solche Ehren nie abgesehen hatte.

Insofern ist diese Ausstellung für den heutigen Stand der Dinge gelungen – man begegnet noch einmal allen bekannten und Schlüsselarbeiten auf einen Schlag, vom “Kettensägenmassaker“ über den “Animatographen“ bis zum “Operndorf“ und dazu etlichen, die man in ihrer zittrigen filmischen Flüchtigkeit vielleicht noch nie gesehen hat. Der apologetische Furor der letzten Jahre ist einer eher nüchternen, interessierten Betrachtung gewichen. Einstweilen ist Schlingensief mit seinen Themen erst einmal noch immer “tagesaktuell“ – Ausländerhass, Politikverdruss, Kapitalismuskritik, Religionskampf.

Trotzdem gibt es ein methodisches Problem: Sowohl die Kunstwerke Berlin als auch das PS1 sind schließlich ausgewiesene Institutionen für Gegenwartskunst. Schlingensief hat zwar schon zu Lebzeiten in großen Museen ausgestellt, aber doch das Kunstsystem an diesen Orten stets kritisch mitgedacht. Wenn Kunstwerke und PS1 ihn posthum ausstellen und ihn nolens volens doch wieder für den Kunstbereich vereinnahmen, durchkreuzen sie damit unweigerlich ihren eigenen kuratorischen Ansatz, ihn gerade als den ewigen Außenseiter zu zeigen. Es gibt wohl kaum ein Werk der jüngsten Zeit, bei dem allein der Ausstellungsort so sehr die Deutung dieses Werkes bestimmt, wie im Fall von Christoph Schlingensief.

Von Carsten Probst, Deutschlandfunk Kultur heute / Beitrag vom 30.11.2013

KÜNSTLER CHRISTOPH SCHLINGENSIEF IST NOCH IMMER ÜBERALL (BERLINER MORGENPOST)

Was ist von ihm geblieben? Drei Jahre nach seinem Tod gibt es in Berlin in den Kunstwerken an der Auguststraße eine Schau über den Ausnahmekünstler Christoph Schlingensief. Von Gabriela Walde

MoPo

Jetzt, drei Jahre nach seinem Krebstod, endlich, möchte man sagen, will eine Retrospektive in den Kunstwerken an Christoph Schlingensief erinnern. Aufzeigen, welche Maßstäbe sein Werk gesetzt hat, das so radikal und oft brutal wie kaum ein anderes Kunst und Politik verzahnte. Die erste Frage, die uns umtreibt, als wir uns den Kunstwerken nähern ist also: Kann man Christoph Schlingensief musealisieren?

Entkommt das Werk posthum einer Verklärung? Läuft es Gefahr sich vereinnahmen zu lassen von einer Institution? Oder wird es gar eine Totenmesse? Und hat nicht all seine Kunst vor allem gelebt durch ihn, dem charismatischen Schamanen mit dem so bubenhaften Gesicht?

Straftat oder Aktion?

Schon bei Eintritt in den gepflasterten Hof der Kunstwerke ist dann alles anders – und wir sind mitten drin in Schlingensiefs schlingerndem, raumgreifendem Universum. Ein Muezzin ruft laut zum Gebet in der weißen “Church of Fear”, die mitten im Weg steht. “Wir glauben nichts mehr!” steht da und “Wir haben Angst”. Gleich am Entree stehen zwei gestapelte Container, oben auf einem riesigen Schild der Schriftzug: “Ausländer raus”. Ein Big-Brother-Relikt einer Polit-Aktion aus Österreich.

Die Tür ist offen, drin wird diskutiert über Rechte, Flüchtlinge, FPÖ und alles rund ums Thema. Aino Laberenz, Schlingensiefs Witwe, rennt umher, quer über den Hof, Treppe runter, Treppe wieder rauf. So als würde sie ihren Christoph suchen. Und komisch, irgendwie ist er präsent, auch wenn ihn jeder an vielleicht anderer Stelle findet. Im Flur des Ausstellungshauses schreit er genervt aus der dritten Etage: “Super ist es hier oben, warum kommt ihr denn nicht rauf?!”

Wie war nun seine Kunst? Schlingensief wollte, das Kunst lebt, atmet, jeden Tag, jede Minute, jede verdammte Sekunde. Die Grenzen zwischen den Gattungen, die gab es für ihn nicht. Folgerichtig, bei ihm war ja nichts zu trennen, nicht die Kunst vom Leben und umgekehrt, das war ihm nicht möglich. Klaus Biesenbach, der mitkuratiert hat und Schlingensief aus den 90er Jahren kannte als der in den Kunstwerken temporär eine Wohnung hatte, erinnert sich, wie schwer es war mit dessen Werken.

War es Kunst? Leben? Eine Straftat oder eine Bühnenaktion? Das wusste manchmal weder er, die Polizei noch der Richter. “Diese Fragen zogen sich durch unsere Zusammenarbeit”, erzählt Biesenbach.

So war es: Schlingensief wurde gehasst (“Tötet Kohl! Tötet Möllemann!”), er wurde gefeiert, später, als er krank wurde, hatten ihn irgendwie alle lieb. Er fing mit dem Film an, dem “Kettensägenmassaker”, wo eine Metzgerfamilie in der Vereinigungseuphorie Ossis zersägt, kam von der Container-Aktion zum Theater, zog auch irre Kreise in den in den Weiten des Internets, stieg auf der Biennale in Venedig auf hölzerne Pfähle und wurde in Bayreuth mit dem Parsifal im Tempel der Hochkultur empfangen.

Störfall im Kulturbetrieb

Schließlich war er ein öffentlich legitimierter “Störfall” im Kulturbetrieb. Am Ende gab es für ihn ein Paradies, und das hieß Afrika. Drei Kuratoren und Aino Laberenz haben die Schau betreut. Das hat ihr gut getan, wohl auch der zeitliche Abstand zu seinem Tod. Der Blick auf das Werk ist klar, präzise strukturiert schälen sich hier Motive, Leitideen und Entwicklungen im riesigen Oeuvre heraus.

Wäre die Ausstellung ein Film, würde man sagen, die Bilder sind schnell und hart geschnitten. Politische Aktionen, Filme und im magischen Zentrum der großen Halle der gigantische Animatograph. Eine Drehbühne, in die jeder hineingehen kann. Alles einzeln oder alles zusammen – hier fließen die Dinge zusammen. Deutlich wird auch, wie bildnerisch Schlingensief gearbeitet hat, dass die Verbindung zur bildenden Kunst enger ist, als man dachte. Dass sein Werk immer noch aktuell ist und für sich alleine funktioniert. Allerdings kommt das Theater zu kurz, allein Plakate an der Wand erzählen von den Volksbühnen-Inszenierungen.

“Ich habe nicht mehr viel zu sagen”, meint am Ende der Pressekonferenz Aino Laberenz. Muss sie auch nicht. Schlingensiefs Kunst lebt, und immer weiter. Wer hätte das gedacht, in seinem Operndorf in Burkina Faso gehen mittlerweile 150 Kinder zur Schule.

Kunstwerke, Auguststr. 69, Mitte
Eröffnung: an diesem Sonnabend (30. November 2013), 17 – 22 Uhr. Mi – Mo 12 – 19 Uhr. Do 12 – 21 Uhr. Bis 19. Januar 2014.

Quelle: Berliner Morgenpost vom 30.11.13

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