KNISTERN DER ZEIT: SCHLINGENSIEFS TRAUM VOM OPERNDORF (DPA)

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Es war der letzte große Lebenstraum von Christoph Schlingensief: Mit einem Operndorf in Afrika wollte der begnadete Theatermacher eine kulturelle Begegnungsstätte schaffen, in der die Trennung von Leben und Kunst aufgehoben wäre. Mancher Zeitgenosse erklärte den Künstler für verrückt.

Knistern der Zeit (c) Filmgalerie 451

In dem Dokumentarfilm «Knistern der Zeit» erzählt die Regisseurin Sibylle Dahrendorf jetzt die Geschichte des Projekts – von der Suche nach dem richtigen Standort bis hin zur Eröffnung des ersten Bauabschnitts im vergangenen Oktober. Schlingensief hat das fröhliche Fest im bitterarmen Burkina Faso nicht mehr erlebt: Er starb 2010 mit 49 Jahren an Krebs, wenige Monate nach der Grundsteinlegung.

Der Tod habe sie in tiefste Zweifel gestürzt, so die Filmemacherin. «Für mich war nicht klar, ob ich das weitermachen möchte oder weitermachen kann. Ob ich der ganzen Geschichte gerecht werde, ob ich Christoph gerecht werde», sagt sie laut Presseheft.

Aber Sibylle Dahrendorf, Jahrgang 1964, hat einen Weg gefunden. In ihrem schnörkellosen, ruhigen Film begleitet sie die einst so abgefahrene Idee behutsam in die Wirklichkeit. «Knistern der Zeit», von ZDF, ORF und Goethe Institut koproduziert, läuft in ausgewählten Kinos größerer Städte – trotz schöner Bilder aber eher ein Fernsehfilm.

Großen Raum in der Doku nimmt vor allem die Zeit ein, in der die Regisseurin noch mit Schlingensief persönlich zusammensein konnte. Obwohl er schon schwer von der Krankheit gezeichnet ist, werden die ganze Begeisterung, der Mut und der Lebenswille dieses so ungewöhnlichen Menschen noch einmal wach.

«Wenn wir das hier machen, werde ich 80», jubiliert er, als der Bauplatz unweit der burkinischen Hauptstadt Ouagadougou gefunden ist. Und beim Eintreffen der ersten Container mit Theatermaterial steigen ihm Tränen die Augen. «Ich werde das schon noch sehen, in welcher Konsistenz auch immer.»

Für das Projekt selbst bedeutete der Tod des Künstlers ebenfalls eine Zäsur. Lange schien es gefährdet, bis Schlingensiefs Frau Aino Laberenz gemeinsam mit dem afrikanischen Architekten Francis Kéré und einem Unterstützerteam den Bau fortsetzen konnte. Am 8. Oktober 2011 wurde die Schule eröffnet. Jetzt soll eine Krankenstation folgen – und in einem dritten Bauabschnitt schließlich das Opernhaus selbst.

Die Bilder von der Schuleröffnung zeigen eine fröhliche Versammlung von Menschen aus den umliegenden Dörfern. Ihre Kinder füllen die Räume mit Leben. «Für mich», so Aino Laberenz, «ist der Film eine schöne Dokumentation von einer langen Reise, die man zusammen gemacht hat – und die jetzt weitergeht.»

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