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Die ungebremste KreativitÀt 6/6: Christoph Schlingensief
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Lesen Sie hier die wirkliche, weil ungekĂŒrzte (!) Version des Tagesspiegel-GesprĂ€chs mit Christoph Schlingensief

Herr Schlingensief, Sie sind katholisch erzogen worden und sind dem Pfarrer als Meßdiener zur Hand gegangen. Sie haben in der Kirche beichten gelernt. Bekommen Sie die sieben TodsĂŒnden noch zusammen?

Schlingensief: Nein, beim besten Willen nicht. Da bin ich ganz ehrlich. Muß man die unter Ratzinger wieder wissen?

Du sollst nicht lĂŒgen ist eines der zehn Gebote.

Schlingensief: Auch die zehn Gebote könnte ich nicht mehr alle aufzĂ€hlen. Dabei hatte ich in Religion mal eine Eins, habe mich aber langsam vom Kirchenapparat abgenabelt. Ich glaube nicht an den einen Gott, der ist wie seine Artgenossen auch von Menschen gemacht. Die Götter der griechischen Mythologie sind aus dem Chaos entstanden, die Götter der nordischen Sagenwelt, mit denen ich in meinem Projekt „Der Animatograph“ kooperiere, kommen aus dem Nichts. Ich fahre in meiner Nußschale herum, lande hier mal im WĂŒstensand und kollidiere da mal mit einem Eisberg, aber ich fahre nicht automatisch ins Land wo Milch und Honig fließen. Im Schlaraffenland ist die Motivation, etwas zu verĂ€ndern, ziemlich gering, im ewigen Eis entsteht vielleicht was Neues, etwas


Herr Schlingensief!

Schlingensief: Im wirklich großartigen Museum fĂŒr bildende KĂŒnste in Leipzig habe ich neulich ein Bild von Max Klinger gesehen, auf dem Jesus und Zeus aufeinander treffen – ein tĂȘte Ă  tĂȘte der Götter. Hochinteressant! Auch wenn man sich in der katholischen Kirche damit keine Freunde macht – auch nicht bei meinen Eltern.

Die sieben TodsĂŒnden sind, als kleine Hilfe fĂŒr Sie: Habgier, Wollust, Wut, Neid, TrĂ€gheit, Völlerei, Stolz. Die sind Ihnen alle fremd?

Schlingensief: Überhaupt nicht. Wut kenne ich, Stolz und Neid auch. Habgier ist mir sehr fremd. TrĂ€ge bin ich nicht. TrĂ€gheit selbst wiederum macht mich wĂŒtend, wenn Herrschaften, die jahrelang bequem in ihren Sesseln hocken, Leuten wie mir vorhalten, sie wĂŒrden stören.

Was neiden Sie anderen?

Schlingensief: Keine materiellen Werte, dafĂŒr ist mir die Zeit zu schade. Zeit ist ein wertvoller Besitz. Neid ist das falsche Wort. Wut! WĂŒtend machen mich die Leute, die Millionen an Opern oder in Sendeanstalten verplempern. Gelder, die man lieber in kulturelle FilmbĂŒros stecken sollte.

Und worauf sind Sie stolz?

Schlingensief: Ich bin stolz, nicht aufgegeben zu haben. Am Anfang, da ist es knochenhart. Man wird gelobt, will den Erfolg wiederholen, verbiegt sich und stĂŒrzt in die Schlucht. Ich habe kiloweise Artikel gelesen, in denen meine Arbeiten fertig gemacht wurden, aber eigentlich haben sie mir nur geholfen. Im Nachhinein betrachtet hatte ich das große GlĂŒck, immer wieder an einen Punkt zu kommen, an dem es scheinbar nicht mehr weiterging, an dem ich kĂ€mpfen mußte. Ich habe bestimmt die eine oder andere Macke dabei abbekommen, aber es erdet auch ungemein. Pfeiffersches DrĂŒsenfieber, ein geplatzter Blinddarm, Darmverschluß, sechs Wochen Intensivstation – mit 18, 19 Jahren schon. Es ging und ging nicht aufwĂ€rts, ein Schlauch hier und ein Schlauch da, Abpumpen usw. Neben mir starben die Leute. Da habe ich mich zum ersten Mal entschlossen, die Dinge im Fluß zu sehen. Wer mir meine Grenzen zeigen will, der darf es gerne versuchen. Ich bin stolz, schwach sein zu können.

Sie dachten nie: Das war’s dann.

Schlingensief: Im Krankenhaus nicht, nein. Als mich wenig spĂ€ter meine Freundin verlassen hat, habe ich einen Selbstmordversuch unternommen, ziemlich schlampig und sehr erfolglos. Als man mich fand und ich wieder aufwachte, hatte ich das ZeitgefĂŒhl verloren: Ich dachte es sei Mittwoch, und wenn es mit dem Jenseits schon nicht klappte, dann wollte ich wenigstens die Apotheke meines Vaters ĂŒberfallen, um mit dem Geld abzuhauen. Es war aber Samstag, und er hatte schon geschlossen.

Der Stolz ist als TodsĂŒnde nahe bei der Eitelkeit. Der Bayreuth-SĂ€nger Endrik Wottrich sagt ĂŒber Sie: „Ich wundere mich, weshalb er solch ein ungeheures BedĂŒrfnis hat, in die Kamera zu gucken.“

Schlingensief: Langweilig. Mir ist zu frĂŒheren Zeiten auch schon aufgefallen, worĂŒber sich der weltengrĂ¶ĂŸte Wagnerexperte so alles wundert. Nicht mal ignorieren, sagt Valentin. Ich streite aber gar nicht ab, daß ich mich darum schere, wie ich wirke. Wenn ich zum Abendessen eingeladen werde, wĂ€hle ich zwischen zwei Hosen und 4 Paar Socken. Der Rest ist beim afrikanischen Zoll hĂ€ngen geblieben. Aber wieso fallen Stolz und Eitelkeit ĂŒberhaupt in eine Kategorie? Stolz im Sinne von WĂŒrde ist doch absolut ehrenhaft. Ein HartzIV-EmpfĂ€nger, der sich nicht abstempeln lĂ€ĂŸt, hat allen Grund, stolz zu sein. Er hat um ein Vielfaches mehr Grund, stolz zu sein, als Herr HartzIV, der trotz Millionengehalts noch auf Firmenkosten ĂŒber die Prostituierten rutscht. So hat jeder seinen Stolz, nichts dagegen.

Wie halten SieÂŽs mit den anderen TodsĂŒnden?

Schlingensief: Du liebe GĂŒte sind Sie depressiv unterwegs! Ist es inzwischen so schlimm in Berlin? Ich war ja schon lĂ€nger nicht mehr da. Völlerei und Maßlosigkeit sind nicht mein Problem. Ich mache Trennkost.

Bitte? Sie sind bekannt als Moralapostel, nicht als Gesundheitsapostel.

Schlingensief: Jetzt verwechseln Sie mich aber mit dem letzten BundestagsprĂ€sidenten. Wie hieß der noch
? Wie schnell man die Namen vergißt
 Der mit dem Bart, der die Steine vor den Reichstag gestellt hat, damit er drinnen die DDR besser vertreten konnte. Auch egal
 Der Gesundheitsapostel weiß wovon er spricht, der Moralapostel nicht. Also alles im Gleichgewicht. Mir schmeckt die österreichische KĂŒche genauso gut wie das Essen in Afrika, auf beides stĂŒrze ich mich in Maßen. Von Wollust kann hier keine Rede sein. Bedeutet Wollust eigentlich sexueller Überdrang?

Nur wenn er, so ist es religiös definiert, andere erniedrigt oder Beziehungen zerstört.

Schlingensief: Dann bin ich nicht wollĂŒstig. Ich bin sexuell eher normal und habe zum GlĂŒck eine Freundin, die Spaß daran hat.

Welche TodsĂŒnde können Sie anderen leicht verzeihen?

Schlingensief: Bei Wut und Neid bin ich gnĂ€dig. Habgier und TrĂ€gheit werden nicht verziehen, da kann ich keine Absolution erteilen. DarĂŒber hinaus arbeitet die Zeit fĂŒr uns. Also ich lasse mir Zeit, auch fĂŒr Ihre TodsĂŒnden. Wenn ich das mal schnell als Weihnachtsbotschaft ans Volk loswerden darf: Wir haben Zeit! Laßt Euch nicht pausenlos unter Druck setzen! Du bist vielleicht nicht Deutschland, auch wenn diese völlig abstruse Kampagne das behauptet, aber Du bist ganz bestimmt Deine eigene Zeiteinheit! Ich merke, daß es KrĂ€fte und Kraftfelder gibt, die ich aufspĂŒre und die mich optimistisch stimmen; Schauspieler etwa, mit denen ich nach Jahren wieder zusammenkomme, oder meine Arbeit in Island, Frankreich oder Namibia. Dabei entsteht Kraft, auch aus dem Bewußtsein heraus, daß ich hier und jetzt nur einmal da bin, um vom nĂ€chsten Endpunkt aus neu zu starten.

Ach ja
?

Schlingensief: Ach ja! Da sind Sie baff? Ich dachte, der Tagesspiegel besĂ€ĂŸe einen Reise- und Glaubensteil! …Keine Angst, ich bin kein Esoteriker. Ich pendele nicht und zĂŒnde keine RĂ€ucherstĂ€bchen an. Aber es gibt einen metaphysischen Kontext, in dem ich mich bewege, KrĂ€fte, die mich öffnen und beschleunigen. Darauf bin ich stolz, auch wenn es eine TodsĂŒnde wĂ€re.

Sie haben mal gesagt, „Ich bin ein Soldat Gottes“ und


Schlingensief: Wirklich, „Soldat Gottes“? Verwechseln Sie mich da nicht mit George Bush? Deshalb reden Sie auch die ganze Zeit ĂŒber TodsĂŒnden. Jetzt verstehe ich: Sie wollten gar kein Interview mit mir! Und ich hab mich schon gewundert


Das waren Ihre Worte. Wenn Sie sich als solcher das Jahr 2005 anschauen, wer hÀtte denn Belohnung oder eine gerechte Strafe verdient?

Schlingensief: Das ist eine heikle Frage. Es gibt Leute die meinen, ich hĂ€tte einmal JĂŒrgen Möllemann verhext



indem Sie dem FDP-Politiker zuriefen: „Möllemann, ich verfluche dich!“

Schlingensief: Ich stand ihm dabei nicht gegenĂŒber, sondern im Eingang seiner dubiosen Firma in DĂŒsseldorf. Trotzdem war er kurz darauf tot. Wir waren mit der „Church of Fear“ auf der Biennale in Venedig. Meine Mutter rief mich an und sagte Ă€ngstlich: „Christoph, der Möllemann ist eben vom Himmel gefallen. SagÂŽ nichts, wenn die Polizei dich danach fragt!“ Sie hatte kurzfristig tatsĂ€chlich die Angst, ich könnte das bewirkt haben. Die Wahrheit war natĂŒrlich viel banaler, wie bei Möllemann oder der FDP nicht anders zu erwarten. Aber Voodoo ist schon eine interessante und manchmal vielleicht ideale Religion. Ich habe zu Hause auch so eine Puppe.

Zumindest in einem ist dieses Jahr gut fĂŒr Sie verlaufen. Im Sommer sagten Sie ĂŒber Angela Merkel, sie sei „supersĂŒĂŸâ€œ – und prompt ist sie Kanzlerin geworden.

Schlingensief: Merkel ist wirklich supersĂŒĂŸ. Sie hat mir in Bayreuth mal zugelĂ€chelt, mit kecker Schnute und Augenblinzeln. Ich bin sicher, sie wird ihren Weg gehen und die Chancen stehen vielleicht gar nicht so schlecht, daß sie uns ein StĂŒck mitnimmt. Ihr großer Vorteil ist, daß jeder glaubt, er könne sie packen und in die eigene Westentasche stecken – die Parteisoldaten grabschen nach ihr, die Lobbyisten fingern an ihr rum, Christiansen und Kerner pinschern sie an
 Aber sie greifen ins Leere, Merkel ist schon wieder ein StĂŒck weitergegangen. Das ist Quantentheorie. Sie hat neulich einmal gesagt, sie lasse bei sich zu Hause die Radieschen nicht fotografieren, die seien zu mager. Sie sagt damit, beurteilt mich nach meiner Arbeit, aber laßt mir mein Privatleben. Ich schließe aus den Radieschen, daß sie ein mageres Privatleben hat. Das macht sie mir sympathisch. Sie vermarktet Ihre PrivatsphĂ€re noch (!) nicht, so wie Schröder das getan hat, inklusive Hundesalon und Kinderadoption.

Da spricht ein Fan. Merkel ist Pfarrerstochter und Protestantin, welche TodsĂŒnde wĂŒrden Sie Ihr zutrauen?

Schlingensief: Ich glaube, eine Protestantin kann mit diesem Konzept von SĂŒnde, Beichte und Buße nicht viel anfangen. Ich wĂŒrde mir wĂŒnschen, daß sie gerade in ihrer Rolle als Kanzlerin TodsĂŒnden einfach mal außen vor lĂ€ĂŸt, auf dem Gebiet waren ihre VorgĂ€nger schon aktiv genug. Kohl stand fĂŒr Maßlosigkeit und falschen Stolz, Schröder fĂŒr Eitelkeit und Gier, sein Vize-Kanzler fĂŒr Völlerei. Was bliebe da noch fĂŒr Merkel? Wollust? Nein. WĂŒtend darf sie sein, auf diejenigen, die weiter nur Lobbypolitik fĂŒr die Fernsehkameras betreiben. Aber eine TodsĂŒnde kann ich ihr nicht zuordnen. Bei Frau Merkel fĂ€llt mir der Begriff Gewieftheit ein, darĂŒber hinaus aber kann ich nicht einmal erklĂ€ren, was diese Frau antreibt. FĂŒr ihre Gegner ist das sicher ein Problem. Wie kriegt man diese Frau rum? Sicher nicht mit Champagner oder tollem Sex? Vielleicht mit einer Packung trockener Kekse, irgend etwas Handfestem. Deutschland hatte immer die Kanzler, die in die Zeit paßten: Schmidt war der Staat als Großkotz, Willy Brandt der Seelenklempner – Kniefall in Warschau, Sex im Zug, Schweiß und TrĂ€nen. So gesehen brechen jetzt magere Jahre an. Große Emotionen sind von Merkel nicht zu erwarten, vielleicht ist das aber auch gut so. Sie regiert das Deutschland der trockenen Kekse.

Gerhard Schröder hat den Weg frei gemacht fĂŒr Neuwahlen, damit ein Ruck durch Deutschland gehen kann. Das sollte sogar Ihnen ein Lob wert sein.

Schlingensief: Sie glauben doch nicht allen Ernstes, daß es Schröder bei seiner Neuwahlposse um Deutschland gegangen ist! Das war kein Akt der Demut, sondern in erster Linie ein Ausdruck von Vermessenheit und Machtgier, wie er sie den Deutschen in der Elefantenrunde am Wahlabend dann vollends vor die FĂŒĂŸe gekotzt hat. Dann das wochenlange Hickhack um seinen Abtritt, auch die Arroganz, mit der der weise Herr Fischer seinen RĂŒckzug proklamiert hat; das hat doch deutlich gemacht, in welchem VerhĂ€ltnis zu Deutschland sich diese Pfauen sehen. Auch das GeschwĂ€tz vom Friedenskanzler, einfach unertrĂ€glich. Da beginnt um fĂŒnf nach Zwölf schon wieder die Geschichtsverbiegung. Ich sage Ihnen jetzt mal die einzige historische Wahrheit ĂŒber den Kanzler: Ja, Gerhard Schröder hat sich die Haare repigmentieren lassen! Egal wie, er hat es getan.

Das Jahr hatte auch ein wollĂŒstiges Thema: Manager und Betriebsratsbosse mit ĂŒppigen Spesenkonten und MĂ€tressen in aller Welt.

Schlingensief: Ja, ein wirklich schöner Skandal, von den Boulevardmedien aber viel zu mies ausgeschlachtet. Da wurde wieder in die Guten und in die Bösen unterteilt, anstatt einfach mal zu sagen, daß wir alle unsere Leichen im Keller haben. Diese WollustaffĂ€re hat die deutsche Urseele zwar geweckt, das populistische Gutmenschentum der Berichterstatter hat sie dann aber auch wieder eingeschlĂ€fert. Am Ende ist dann alles nur noch lustig. Herr HartzIV mit seinen tschechischen Nutten und geilen Brasilianerinnen, davon kann Harald Schmidt Wochen leben. So wie wir solche Schweinerein angehen, bringt das nichts. Was wir brauchen ist Transparenz, die Offenlegung von GehĂ€ltern und Abfindungen, die offene Aussprache ĂŒber den deutlichen Zusammenhang von Puff und Profit. P&P!

Sie haben vor zwei Jahren das „Recht auf Terror“ (ACHTUNG: „Recht auf persönlichen Terror“!!! habe ich gesagt!!! Also kein Staatsterror oder Glaubensterror!!! – Bitte das unbedingt richtig!!! zitieren: „Recht auf persönlichen Terror“!!!) verkĂŒndet. Als in den Pariser VorstĂ€dten Hunderte Autos brannten, was haben Sie da gedacht?

Schlingensief: Wir haben das Recht auf „persönlichen Terror“ gegen das Monopol der Staats- und Glaubensterroristen gesetzt. Beides muß man unbedingt unterscheiden! Die Pariser Unruhen waren ja auch alles andere als ein organisiertes Verbrechen, wie es die Medien gerne darstellen, sondern eine ganz natĂŒrlich gewachsene Antwort auf perverse ZustĂ€nde, zumal wenn ein französischer Innenminister seinerseits durch die Straßen marodiert und von 200 LeibwĂ€chtern umzingelt diese Menschen als Abschaum bezeichnet. Da zeigt sich, von welch dekadentem Standpunkt aus diese Probleme betrachtet werden. Die brennenden Autos wirkten deshalb wie ein Lebenszeichen: Wir sind noch da! NatĂŒrlich erschrecken einen solche Bilder, aber ich fand sie auch beeindruckend. In Deutschland heißt demonstrieren: Demo anmelden, in einen Bus setzen, GewerkschaftsfĂ€hnchen schwingen, warmer Tee aus Thermoskannen und abends hoffen, daß man im „heute journal“ mal durchs Bild lĂ€uft.

FrĂŒher haben Sie die Partei „Chance 2000“ gegrĂŒndet und den Aufruf „Tötet Helmut Kohl“ gestartet. Sie wollten vom Dach des Reichstags 100.000 Mark in Banknoten regnen lassen, Sie haben Asylbewerber in Container gesteckt und fĂŒnf Millionen Arbeitslose aufgerufen, in den Wolfgangsee zu hĂŒpfen, damit er ĂŒberlĂ€uft. Seit einer Weile verkrĂŒmeln Sie sich nach Afrika und Tibet, reden von Kraftfeldern und Buddhismus.

Schlingensief: Auch so ein kurioser Medienreflex: Solange man mit Arbeitslosen am Wolfgangsee oder mit Asylbewerbern in der Wiener Innenstadt steht, ist man der Provokateur, der Skandalregisseur; sobald man andere Kraftfelder bewirtschaft, die eher nach innen gehen, gilt man als fahnenflĂŒchtig oder altersmĂŒde. In meiner Chronologie fĂŒhren „Chance 2000“, die Wien-Container oder die „Church of Fear“ nach Bayreuth und zum Animatographen; nicht immer auf dem direkten Weg, aber die ZusammenhĂ€nge sind ganz klar. Kein aktuelles Projekt könnte ohne den Input vorangegangener Projekte existieren, Alles hĂ€ngt mit Allem zusammen. Das ist grundsĂ€tzlich schon voodooistisch. Was die StraßenkĂ€mpfe in Paris angeht, funktioniert der Medienmechanismus Ă€hnlich: FĂŒr die ersten brennenden Autos wird noch das Hauptprogramm unterbrochen, dann wird langsam runtergezĂ€hlt; am zweiten Tag noch 400 Autos, am dritten nur noch 150… In der Laufleiste am unteren Bildschirm laufen zeitgleich die Börsendaten. Alles versendet sich, auch der Notstand. Als deutsches Gewohnheitstier wartet man ab, bis sich der Medienhype nach ein, zwei Wochen gelegt hat. Wir sind durchimmunisiert, und ich bin es auch.

Das klingt fatalistisch.

Schlingensief: Na, Sie reden doch die ganze Zeit von TodsĂŒnden. Sie mögen das fatalistisch, buddhistisch, voodooistisch oder Politikflucht nennen, ich nenne es Notwehr. Ich gehe an Orte, in Nepal oder Namibia, die mich noch ĂŒberfordern können, die mir zeigen, was fĂŒr ein zentralistisches Weltbild wir hier pflegen. FĂŒr mich ist das der Wiedereinstieg in das Unternehmen „Leben“, ein anderer, menschlicher Begriff von Politik. Oder sind wir davon inzwischen schon komplett ausgeschlossen und Politik ist nur noch, wenn sonntags bei Christiansen eingeĂŒbter Nonsens gefaselt wird? Da bewegt sich nichts, keine neue Idee, kein neues Bewußtsein, nicht einmal die gestrafften GesichtszĂŒge von Frau Christiansen – alles tot, totgeredet, totgesendet. Wie soll aus solchen Fernsehgruften noch Aktionspotential nach draußen dringen? Wenn Christiansen das Wachstum ihrer FußnĂ€gel in Echtzeit filmen wĂŒrde, es steckte mehr Bewegung drin.

Sie selbst haben


Schlingensief: Moment! Wer ist eigentlich auf die Idee gekommen, die Zahl der TodsĂŒnden auf sieben zu beschrĂ€nken? Ich möchte noch Dummheit und Ignoranz hinzufĂŒgen. Politisch gesehen sind diese beiden schlimmer als Wollust und Völlerei.

FĂŒr eine Wochenzeitung sind Sie der „Provokationsprofi“, ein Kritiker schrieb: „Wo er auftaucht, ist permanent Hysterie.“ Und der „Spiegel“ nennt Sie „ein Genie des Grauens“. Da muß Ihnen wenigstens die RĂŒckkehr von Gregor Gysi und Oskar Lafontaine auf die politische BĂŒhne sympathisch sein.

Schlingensief: Gregor Gysi habe ich als politischen Rechtsanwalt sehr gemocht. Sein Wiedereintritt in die StratosphĂ€re der Politik ist mir aber aus freundschaftlichen GrĂŒnden gesundheitlich unverantwortbar! Ich möchte ihn als Teilnehmer jeder politischen Diskussion sehen und hören, aber nicht mehr unter dem Deckmantel der politischen Initiation. Er und Lafontaine haben es zumindest geschafft, daß wir eine wie auch immer ernst zu nehmende Kraft neben den GrĂŒnen haben. Lafontaine weiß wovon er spricht. Ich genieße es sehr, wenn er seinen Kollegen von der SPFDP gegenĂŒbersitzt und alle wissen, daß er jederzeit auspacken könnte. Er hat sicher auch bei „Chance 2000“ gelernt. Sein Potential besteht darin, viele Sauereien der anderen zu kennen, die ihm vor Jahren noch als Sozi von internationalem Format gehuldigt haben. Da werden die Herrschaften ganz unruhig. Er hat zumindest eine Idee im Kopf, die er hartnĂ€ckig vertritt. Wie es mit der Idee aussĂ€he, mĂŒĂŸte er sie umsetzen, ist eine andere Frage. Neben Merkel und Koch ist er eigentlich der Einzige, der mich noch interessieren könnte. Der Rest kommt mir vor wie ein mĂŒder Furz. Es muß schon stinken, nach Verwesung oder nach PlĂ€tzchen


63 Prozent aller Westdeutschen, 72 Prozent aller Ostdeutschen sehnen sich, einer neuen Umfrage zufolge, nach einer „geistig-moralischen Wende“. Was hat das zu bedeuten?

Schlingensief: Das kann man doch nicht ernst nehmen! Wer gibt denn solche Umfragen in Auftrag? Wahrscheinlich hat das parteinahe Forschungsinstitut die Fragen so geschlossenen formuliert, daß man sich nur zwischen „Ja“, „Nein“ und „Weiß ich nicht“ entscheiden konnte. Immer mehr private Haushalte sind verschuldet, mittelstĂ€ndische Unternehmen gehen hopps und gleichzeitig laufen die Klums und Beckenbauers ĂŒber die Mattscheibe, als Inbegriff des erfolgreichen und engagierten Deutschen. Was heißt denn da neue Werte? Geordnete VerhĂ€ltnisse sind ja immer schön, aber man muß den Menschen auch die Möglichkeit zur eigenen Ordnung geben. Vielleicht sind die neuen Werte ja auch Börsenkurse und die Legalisierung von Steuerbetrug, Bankraub, Mord und Vergewaltigung die Wachstumsmodelle der Zukunft. Und selbst dann noch ist die geistig-moralische Wende Schnee von gestern.

In diese Richtung zielten die Fragen mit Sicherheit nicht. Es scheint eine neue Sehnsucht nach alten Werten und Tugenden zu geben. Auch die Benimmkurse haben großen Zulauf.

Schlingensief: Das hat nichts mit Sehnsucht nach alten Werten zu tun, sondern mit der Sehnsucht nach einer Ordnung, die uns Neue MĂ€rkte und alte Politik genommen haben. Politiker brauchen Benimmkurse, nicht die Leute, die an lĂ€cherlichen Umfragen teilnehmen. Irgendwann laufen wir alle wieder in Schlips und Karottenjeans durch die Gegend und gehen abends in die Tanzschule; zehn Jahre spĂ€ter kommen die Langhaarigen zurĂŒck und sagen „Ey Leute, macht euch mal locker“ und diskutieren ĂŒber Schlafen fĂŒr den Weltfrieden. Der Rhythmus ist nicht neu.

Die Gesellschaft fĂŒr deutsche Sprache hat soeben den Aufschrei „Wir sind Papst“ auf den zweiten Platz zum Wort des Jahres 2005 gewĂ€hlte. Papst Benedikt, ein deutscher Papst, verschafft Ihnen das als Katholik große GefĂŒhle?

Schlingensief: Meine Mutter war nicht sein grĂ¶ĂŸter Fan, als er noch Kardinal Ratzinger hieß. Als er dann Papst wurde, fand sie es dann ganz gut so. Eventuell hat sie am Lebensabend das GefĂŒhl, daß man es sich mit dieser Instanz besser nicht verscherzen sollte. Mir ist der Papst egal, das meine ich ganz unfatalistisch. Ich habe mich von diesen Kircheninszenierungen entfernt, so wie ich mich vom Gebet entfernt habe. Es lĂ€ĂŸt mich kalt. Ich glaube an die Quantentheorie. Ein Afrikaner als Papst, das hĂ€tte mir gefallen. Es gibt zwei EingĂ€nge, das Reiche und das Arme, und genau da teilt sich das Universum. MerkwĂŒrdig, wo wir gerade davon sprechen, irritiert es mich, daß mich ein deutscher Papst nicht erregt.

Sind Sie noch Mitglied der Kirche?

Schlingensief: Ich zahle Kirchensteuer und möchte auch fĂŒr meine Eltern mal eine Freuden-Trauer-Messe und einen Beerdigungszug. Der Pfarrer soll etwas sagen, ich kriege da sicher nichts aus mir heraus.

Vogelgrippe, Feinstaub, Gammelfleisch – hat Sie das besorgt gemacht? Sie sind GrĂŒnder der „Kirche der Angst“ und fordern: „FĂŒrchtet Euch!“

Schlingensief: Nein, das waren doch Inszenierungen. Aber ich habe schon eine stark hypochondrische Veranlagung, auch Platzangst, wenigstens Fliegen kann ich inzwischen. Hier, schauen Sie mal auf meine Zunge, das habe ich aus Afrika mitgebracht.

Die Zunge ist kalkweiß.

Schlingensief: Als Hypochonder war meine erste Diagnose natĂŒrlich Zungenkrebs. Es ist aber nur ein Pilz mit Fisteln.

Herr Schlingensief, Sie sind Gastprofessor fĂŒr szenisches Gestalten und darstellendes Spiel. Weihnachten ist die ideale Gelegenheit, sich auszutoben.

Schlingensief: Das wĂŒrden Sie sich wĂŒnschen, daß ich nach der Bescherung mit dem brennenden Weihnachtsbaum ĂŒber den Altmarkt in Oberhausen renne. Das machen jetzt andere. Meine Eltern und ich schaffen Weihnachten seit Jahren peu Ă  peu ab. Wir feiern ohne Baum, es gibt nicht einmal mehr Geschenke, keine PlĂ€tzchenteller, keine Krippe mit Ochs und Esel. Das Essen kommt aus der Dose.

Das machen die Eltern mit?

Schlingensief: Mein Vater ist blind und sieht nicht einmal die Kerzen, meine Mutter kann nach einem Sturz keinen Baum mehr dekorieren. Auch die schwere Bibel kann sie nicht mehr halten. Wir sitzen gemĂŒtlich zusammen, von Jahr zu Jahr mehr in dem Bewußtsein, daß es das letzte gemeinsame Weihnachten sein könnte. Die beiden HĂ€ndchen haltend in ihren RollstĂŒhlen sitzen zu sehen, ist das grĂ¶ĂŸte Geschenk fĂŒr mich.

Es spricht der erste Vorsitzende der Bewegung „Nie wieder Lametta“. Wenn Sie Kinder hĂ€tten…

Schlingensief: 
dann wĂ€re ich der Erste, der den ganzen Zirkus wieder mitmachen wĂŒrde. Wenn mein Kind bei seinen Freunden sieht, wie die halbe Bude brennt, kann ich zu Hause nicht die RollĂ€den runterlassen und Ravioli kochen.




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