WECHSELBÄDER AUF DER STRASSE DER INTOLERANZ (WELT)

Die WELT zur deutschen Erstaufführung von Schlingensiefs “Via Intolleranza II” auf Kampnagel (k6)

Von Monika Nellissen

So einfach wie Regisseur Christoph Schlingensief sein Projekt Via Intolleranza II beschreibt, ist es dann eben doch nicht: “Es ist zu verstehen, es kommt nur darauf an, wie schnell man denkt.” Auf Kampnagel, wo jetzt die deutsche Erstaufführung der theatralen Analyse seines und unseres Verhältnisses zu Afrika geliefert wird, scheint das Gefühl eher gefordert als der Verstand, der Zugang mit dem Herzen leichter, als mit dem Hirn.

Die Schlussfolgerung, dass der Gut-Europäer in seinem Bemühen Afrika helfen zu wollen fast alles falsch macht, kommt dann von allein nach 90 wüsten, poetischen, verwirrenden, chaotischen und dramaturgisch dennoch schlüssigen Minuten, die uns in ein Wechselbad von Unsicherheit, Ablehnung und Hingabe stürzen. Zwischen Kult, Kunst, Kitsch und Klischee flottiert dieses überladene, gleichwohl bittere Film-Tanz-Musik-Spektakel mit Künstlern aus Burkina Faso und Europäern, das Schlingensief mit dem Rat an uns, die wir uns vor Ort als Heilsbringer des afrikanischen Kontinents aufschwingen, beschließt: “Taxi rufen, Schnauze halten und weg. Die lieben uns.” Spenden sind erwünscht, doch kein Dreinreden, was mit ihnen passiert. Das gilt auch für Schlingensiefs Operndorf “Remdoogo”, das derzeit in Burkina Faso gebaut wird, von einheimischen Kräften.

Der Titel des Projekts, der suggeriert, hier werde Luigi Nonos politisches Opernstatement von 1960, “Intolleranza”, musikalisch weitergeführt sieht sich ebenso getäuscht, wie all jene, die gekommen sind, um den schwer an Krebs erkrankten Regisseur (noch einmal) zu erleben. Der ist von einem unbändigen Lebenswillen beseelt, der Berge zu versetzen vermag.

Quelle: Die WELT vom 25.5.2010