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Die ungebremste Kreativität 6/6: Christoph Schlingensief
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Deichtorhallen Hamburg zeigen 65 Werke aus der Julia Stoschek Collection

Im Zwielicht leuchten flirrende Bilder, flimmert ein Labyrinth aus spiegelnden Stelen. Darin kann der Betrachter sich - zigfach zersplittert - selbst begegnen. Der Eingangsraum der Schau in der Nordhalle der Hamburger Deichtorhallen, wo erstmals Werke aus der international renommierten Julia Stoschek Collection außerhalb ihres Düsseldorfer Sitzes museal präsentiert werden, gleicht einem in mehrere Richtungen weisenden Tableau.

Hier bündeln sich zentrale Themen der auf Film- und Videokunst, Fotografie und Installationen fokussierten Sammlung: Utopien und deren düstere Kehrseiten, Positionen weiblicher Widerständigkeit, die Auseinandersetzung mit Körperlichkeit, Sexualität, existenziellen Extremzuständen, poetischer Minimalismus. Letzterer manifestiert sich bereits im ersten Exponat, mit dem die 1975 geborene, engagierte Kunstliebhaberin (sie ist Gesellschafterin eines Automobilzulieferers in Familienbesitz) 2002 ihre Sammlung startete. Es handelt sich um eine monochrome Malerei des katalanischen Künstlers Pep Agut, durchzogen von rätselhaftem schmalem Schriftband: “Mon ombre est un mur, la tienne un miroir” - “Mein Schatten ist eine Wand, deiner ein Spiegel”.

Daneben ist Julia Stoschek im Fotoporträt von Thomas Ruff zu sehen. Die extrem detaillierte Nahsicht schlägt um in Abstraktion. In der Ferne hinter dem Irrgarten des dänischen Künstlers Jeppe Hein ist Pipilotti Rists traumartig-bizarre Filmarbeit “I Want to See How You See” zu sehen, nach der die Ausstellung benannt wurde.

Diese erste von Dirk Luckow in seiner Eigenschaft als Deichtorhallen-Chef geplante Produktion ist in ihrer “Lebensnähe” programmatisch für Weiteres. “Es geht darum, Spuren in den Köpfen zu hinterlassen”, so Luckow. “Die Sammlung von Julia Stoschek liegt am Puls der Zeit - das Publikum kann bei der Betrachtung Essenzielles über die eigene Wirklichkeit erfahren.”

Aktuelle Ansätze sind charakteristisch für die Kollektion, die mittlerweile weit über 400 Werke umfasst und laut Julia Stoschek durch die Sammelleidenschaft des Hamburgers Harald Falckenberg inspiriert wurde. Pioniere der Sechziger- und Siebzigerjahre auf den Gebieten der feministischen Performancekunst sowie der gesellschaftskritischen Rollen- und Identitätshinterfragungen gehören auch zur Sammlung.

In der Hamburger Auswahl, die 65 Werke von 54 Künstlerinnen und Künstlern umfasst, stehen Klassikerinnen und Klassiker wie Marina Abramovic (vertreten mit ihrer eindringlichen Kämm-Aktion bis zur Schmerzgrenze “Art must be beautiful / Artist must be beautiful”), Bruce Nauman oder Chris Burden jungen Künstlerinnen und Künstlern wie Nathalie Djurberg, Klara Lidén, Clemens von Wedemeyer oder Terence Koh gegenüber.

Arbeiten von Christoph Schlingensief, Isaac Julien und Christian Jankowsky oder auch Anthony McCalls ephemere Lichtskulptur “Line Describing a Cone” von 1973 sind weitere Höhepunkte der Ausstellung, die in fantastisch konzipierter, vielfältige Blickachsen eröffnender Architektur ihre feinstoffliche Wucht entfaltet.

Von Belinda Grace Gardner, Die WELT, 16. April 2010




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