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Warum auch in der internationalen Kulturarbeit Entwicklungshilfe ein umstrittener Ansatz ist

ZEIT Feuilleton 53/2009

Erwarte von mir keinen Bonus, weil du Afrikaner bist. Wenn du gut sein willst, dann musst du lernen, lernen, lernen.« Dies sagt nicht etwa ein evangelischer Missionar, sondern der viel beschäftigte Kameruner Kurator Simon Njami. Er sagt es zu einem Dutzend Fotografen, die aus allen Ecken des Kontinents auf Einladung des Goethe-Instituts zur Fotobiennale nach Mali gekommen sind, um im Kreis internationaler Experten ihre aktuellen Projekte vorzustellen: »Bei uns fehlen leadership, Verantwortung und Ehrgeiz. Aber wie sollen die auch entstehen, wenn alle Nase lang selbst ernannte Helfer aus fremden Ländern mit neuen Ideen und anderen Finanzierungsquellen kommen, die ein erträgliches Auskommen sichern? Der Künstler muss sich wehren gegen diese Parallelwelt der Liebhaberei.«

Eine Art, sich zu wehren, könnte die Losung »Experiment. Radikalität. Revolution« sein. Sie ist das Motto der in Kapstadt vorletzte Woche eröffneten Ausstellung DADA South?. Die Kuratoren befragen die politische Kraft zeitgenössischer Kunst und erheben Kritik zum Prinzip. In Zeiten, in denen angesichts der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft offenbar eher ein positives nation branding angesagt ist und die Folklorisierung Südafrikas im Vordergrund zu stehen scheint, ist das, gerade aus Sicht eines europäischen Kulturschaffenden, eine naheliegende Intervention. Doch es ist komplizierter. Es hagelt Proteste: Wieder werde ein europäischer Referenzrahmen gesetzt, um die eigene Identität zu erklären. Damit stecke die Ausstellung in demselben Dilemma wie die Wahrheits- und Versöhnungskommission: Anstatt den Opfern einen Weg zu weisen, mit der Vergangenheit umzugehen, verschaffe sie den Tätern Entlastung. Der richtige Weg sei es, zu einer eigenen Geschichtsschreibung zu kommen und sich nicht weiter über die Weißen zu definieren.

Wir Europäer sehen in der kritischen Distanz zur politischen Nomenklatur die Voraussetzung künstlerischen Schaffens, während in weiten Teilen Afrikas der Gemeinsinn stiftende Aspekt der Kunst im Vordergrund steht: Stammesführer, Bürgermeister und Minister sind selbstverständlich Teil des rituellen Ganzen. Dabei vergisst man leicht die Bilder von sich gegenseitig abschlachtenden Brüdern und Schwestern – die Bankrotterklärung für die vermeintliche Wirkung der Kunst Afrikas. Die Frage nach der Rolle der Kunst und des internationalen Kulturaustausches in den Ländern südlich der Sahara ist kompliziert und alles andere als beantwortet; die Diskussionen um die richtigen Konzepte auf europäischer Seite sind zuweilen noch immer von Unkenntnis der offenen Wunden, die die Kolonialzeit hinterließ, gekennzeichnet.

»Ich möchte mich«, so Pascal Marthine Tayou, dessen Arbeiten auf den Biennalen dieser Welt zu sehen sind, »als Künstler ernst genommen fühlen und nicht als Afrikaner. Ich will nicht bemitleidet werden, sondern mich messen mit den Besten.« Und die Besten sind für Afrika gerade gut genug. Die radikalen Visionäre, die die Wirklichkeit spielerisch aufnehmen, um neue Erfahrungen zu ermöglichen. Die der Schönheit Flügel verleihen, ohne in Ethnokitsch abzustürzen.

So wie der Mosambikaner Dario Fonseca. Die Protagonistin seines neuesten Films entflieht dem Martyrium häuslicher Gewalt, indem sie nicht nur gegen ihren Mann, sondern auch gegen die gesellschaftlichen Konventionen anrennt. Oder die Filmemacherin Wanuri Kahiu, deren letzter Film im postapokalyptischen Kenia spielt, wo eine junge Frau ihre hochtechnisierte Stadt verlässt, um sich auf die Suche nach der Natur zu begeben. Oshi Hiveluah hingegen erzählt die Geschichte eines namibischen Kriegsveteranen, den die Vergangenheit einholt, als er zufällig seinem ehemaligen Folterer begegnet. All dies sind cineastische Fragmente eines Kontinents in Bewegung. Bedürftigkeit als Credo war einmal – heute gilt es, Selbstbewusstsein und künstlerische Kraft zu demonstrieren.

Wie die Protagonisten der Kurzfilme befinden sich allerdings auch ihre Macher in einem Geflecht von widersprüchlichen Anforderungen. Innerhalb ihrer eigenen Gesellschaften und oft auch Familien müssen sie, um etwa vom Außenseiter zum Insider zu werden, den Ungleichzeitigkeiten individueller und kollektiver Erfahrung Rechnung tragen. Im internationalen Kontext sehen sie sich mit einer Vielzahl von Zuschreibungen konfrontiert, durch die in der Regel die alten Klischees von Armut und Krise reproduziert werden. Doch den Anpassungsdruck wissen sie nicht nur zu parieren, sondern zum eigenen Nutzen zu gestalten.

Dabei spielen neue Netzwerke eine zunehmend große Rolle. Das Privileg der internationalen Vernetzung ist im Zeitalter von Twitter und Facebook nicht mehr den ausländischen Kulturinstituten, wie etwa dem Goethe-Institut, vorbehalten. Umso wichtiger ist es, transparent zu arbeiten und die eigenen Interessen deutlich zu formulieren. Das Goethe-Institut hat erfreulicherweise eine bemerkenswert hohe Glaubwürdigkeit in Afrika – gerade im Vergleich zu anderen europäischen Kulturinstituten, deren Grad an Autonomie gegenüber ihren Regierungen weitaus geringer ist.

Eine sinnvolle Kulturarbeit versucht, die kulturell produktiven Räume zu finden und zu bespielen, in denen differenzierte Identitäten wachsen. In Afrika öffnen sich diese wie überall auf der Welt in den komplexen Lebenswelten zwischen Peripherie und Zentrum, zwischen Virtualität, Projektion und Wirklichkeit, zwischen Stadt und Land. Die spezifischen Arbeitsbedingungen der Künstler und Künstlerinnen in Afrika müssen berücksichtigt werden. Das schließt die Bereitstellung von Infrastruktur und Produktionsmitteln ebenso ein wie die Unterstützung einer Öffentlichkeit, die den Mehrwert von Kunst achtet. Und dazu gehört auch eine Nachwuchsförderung, die jedem, der es möchte, die Möglichkeit gibt, seine Talente zu entdecken und auszubauen. Die Überwindung der Widrigkeiten und Widerstände, die eine kontinuierliche Ausbildung verhindern, ist ein herausragendes Ziel, um das Recht, aber auch den Stolz zu fördern, teilhaben zu können an einer vielschichtigen Welt. »Eine der schwierigsten Sachen ist nicht, die Gesellschaft zu ändern, sondern sich selbst«, hat Nelson Mandela im Jahr 2000 gesagt.

Der Generalverdacht, dass der Anteil der Kunst an diesen Veränderungsprozessen gegenüber den Schwergewichten der internationalen Entwicklungspolitik eine in Afrika zu vernachlässigende Größe sei, ist längst aufgehoben. Über das Klischee hinaus sind Imagination und Improvisation auf dem Kontinent so weit verbreitet, dass wir ruhig mal etwas ohne schlechtes Gewissen abgucken dürfen und eigentlich dann erst wissen, dass Afrika als gleichwertiger Partner in dieser Welt angekommen ist.

Peter Anders ist Programmleiter des Goethe-Instituts Subsahara Afrika und hat das Operndorf-Projekt von Christoph Schlingensief von Anfang an in Afrika begleitet. Er hat in den neunziger Jahren fünf Jahre für das Goethe-Institut in Kamerun gearbeitet, dann unter anderem in Brasilien. Zurzeit lebt er in Johannesburg.

Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat.




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