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Foto: Aino Laberenz
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Auf der Suche nach einem Ort für das Operndorf: Eine Reise durch Burkina Faso nach der Sintflut, wo in verwundeten Bäumen die Ahnen und die bösen Geister leben

ZEIT Feuilleton 53/2009

Ouagadougou. Anfang September. Regenzeit. 35 Grad Celsius. Wir, der Architekt Francis Kéré, sein Bruder Ida und ich, sind auf der Suche nach Grundstücken für das Operndorf in Afrika. »Du fährst heute, damit du das Fahren in Afrika lernst«, sagen beide. »Du musst richtig vorglühen, der Wagen hat 450.000 Kilometer drauf und hat uns noch nie im Stich gelassen.« Ich starte den Motor des flaschengrünen Toyota-Jeeps. Es geht nach Gando, ins Heimatdorf von Ida und Francis im Südosten Burkina Fasos. Es herrscht totales Chaos wegen der schrecklichen Überschwemmung, die am 1. September die halbe Stadt weggespült hat. Die informellen Siedlungen hat es am schlimmsten getroffen. Einfache Lehmhütten sind zu einer amorphen Masse mit Wellblech und Plastikteilen verschmolzen. Menschen versuchen ihre Habe zu bergen. Sie warten nicht auf Hilfe. Nachrichten im Autoradio: Die Behörden gehen von 350.000 Obdachlosen aus, 70 Tote geborgen, Cholera. Die Savanne beginnt. Esel, Ziegen, Zeburinder kreuzen die Straße. Ein Hund wird überfahren. Ein Radfahrer packt den beigegrauen Kurzhaarmischling auf seinen Gepäckträger. Ich denke: »Wie ordentlich, dort werden die Kadaver gleich beseitigt, nicht wie bei uns, wo man den Verwesungsprozess einer auf der Straße klebenden Katze genau beobachten kann.« Großes Gelächter: »Hundesuppe, heute gibt’s Hundesuppe. Bei dem Radfahrer ist heute ein Festtag. In Afrika wird nichts weggeworfen, sondern alles verwertet. Man isst nur einmal im Jahr Fleisch. Es ist zu teuer. Keinem Tier, das kleiner als ein Esel ist, wird ausgewichen. Das ist auch zu gefährlich.«

Wie aus dem Nichts rasen plötzlich 15 Mopeds auf uns zu. Furchteinflößend! Alle Fahrer sind vermummt. Schmuggler. »Hast du vorhin den Mopedfahrer nicht bemerkt? Als Vorhut warnt er mit dem Handy die anderen vor Straßensperren. Sie nehmen Aufputschmittel, um die tausend Kilometer vom Hafen in Togo bis Ouaga ohne Pause zu schaffen.« Allee aus Feigenbäumen. Die Rinde der Bäume ist aufgeschlitzt. Aus den Wunden fließt Saft: ein Medikament. In den Bäumen leben die Ahnen und böse Geister. Seit Chinesen die Straße neu geteert und Bäume entfernt haben, ist das Gleichgewicht gestört. Ich erhalte von Ida und Francis einen Sprachkurs in Mòoré: »nesabre: Guten Abend, persugo: Esel, nasara: weißer Mann…«

Wir haben Hunger. Straßenrand. Hühnerkäfig, Hackstock mit Beil, Grill aus Metallschrott, Federn, Innereien, Knochen und Geier im roten Sand. »Beim Jüngsten Gericht werden uns alle Hühner, die wir gegessen haben, anklagen«, prophezeit Ida. Bei dem großen Baobab-Baum biegen wir von der Straße ab. Offenes Gelände: »Gib Gas, sonst bleiben wir stecken!« Schlammlöcher, rote Bäche. Dämmerung. Wir erreichen das Dorf. Wir sind von Kindern umringt. »Nasara, nasara« – singend laufen sie mir hinterher. Wir begrüßen unter dem uralten Baum den Stammesältesten, den Vater von Francis und Ida. Er deutet nach oben: »Es hat Krieg gegeben zwischen den Flughunden und den Webervögeln.« Unsere Begrüßungsgeschenke: Whisky für den Vater, LED-Lampe in Petroleumlampen-Optik (made in China) für die Mütter und Süßigkeiten für die Kinder.

Plötzliche Dunkelheit. Hier gibt es keinen Strom. Taschenlampen, Petroleumlicht und die neue LED-Lampe erhellen den Hof. Der Clanchef nimmt neben mir Platz. Ich fahre mein Laptop hoch. Die Dorfbewohner schauen bestürzt und lachend das Überschwemmungsvideo von Ida an, gedreht mit dem Handy. Nun soll ich den Mainzelmännchen-Film zeigen. Nein, das ist peinlich: Hier sind Kinder, alte Frauen und ein ehrbarer Häuptling! »Wir sind doch nicht prüde!« 30 Sekunden YouTube: Ein Mainzelmännchen hebt das Hemd und zeigt seine nackten Brüste. Riesengelächter. Der Clip läuft noch 20 Mal. Die Kinder schauen eine Diashow der letzten Afrikareise und Fotos meiner Familie an. Ich unterhalte mich mit einem Bruder von Francis. Wir sprechen über Fußball, Bayern München, den goldenen Käfig der Profis, das WM-Qualifikationsspiel Elfenbeinküste-Burkina Faso. Wir sprechen über Deutschland, das Rechtssystem und den deutschen Knast. »Ich würde mich sofort in einem deutschen Knast einsperren lassen mit dem Gehalt eines Profifußballers, aber ab und zu müsste mich eine Frau besuchen. Das Geld würde ich meiner Familie schicken«, meint Francis’ Bruder. Wieder zurück. Im klimatisierten Zimmer schreiben Francis und ich eine Mail an Christoph: über die Sintflut, Menschen, die sich selbst helfen, und mögliche Bauplätze für das Operndorf.

Der Bühnenbildner Thomas Goerge arbeitet an der Realisierung des Operndorfes mit. An der Hochschule für Musik und Theater »Felix Mendelssohn Bartholdy« hat er einen Lehrauftrag in der Fachrichtung Dramaturgie.

Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat.




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