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Die ungebremste Kreativität 6/6: Christoph Schlingensief
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Es ist Zeit, dass Europa sich mit mehr Sachverstand auf die komplexen kulturellen Gegebenheiten, die Wirklichkeit und die Bedürfnisse Afrikas einlässt

ZEIT Feuilleton 53/2009

Was ich an dem Projekt von Christoph Schlingensief interessant finde, ist die Tatsache, dass er einen mehrfach ausgezeichneten Architekten als Partner ausgesucht hat: Francis Kéré aus Burkina Faso. Mit ihm wird er von der Konzeption bis zur Realisierung des Operndorfes zusammenarbeiten. Schlingensief stellt sich nicht als Messias aus Europa dar, der Opern zu den »primitiven« Afrikanern exportieren möchte, sondern er will durch diese Zusammenarbeit mit den Einheimischen vor Ort einen ehrlichen Dialog zwischen den Kulturen Afrikas und Europas eröffnen. Das Projekt erhält durch diese Einstellung eine Verantwortung, die endlich zu einer Win-win-Situation führen kann. Es wäre gut, wenn die Politik und die Wirtschaft diese Vorgehensweise für andere Projekte übernehmen würden, die bisher überwiegend gescheitert sind, weil viele Besserwisser aus dem Norden die Entscheidungen allein getroffen haben.

Afrika wurde bislang von den Industrienationen als Problemfeld oder, salonfähiger ausgedrückt, als hilfsbedürftiger Kontinent angesehen. Kein Wunder, dass die Beziehungen zwischen den meisten Ländern Afrikas und dem Westen von herablassendem, diktierendem Verhalten geprägt waren. Das kennen wir alle: »Afrika, du musst das machen, du musst es so machen, du sollst es lieber so machen!« Warum denkt jeder, er wisse besser, wo die Afrikaner der Schuh drückt?

Wie kann man erklären, dass viele Regierungschefs auf dem Kontinent über 20 Jahre an der Macht kleben? Trotz nachgewiesener Korruption und dubioser Machenschaften sind sie gern gesehene Gäste im Westen. Sind die wirtschaftlichen Interessen der Industrieländer bezüglich Öl und anderer natürlicher Ressourcen so wichtig, dass sie die Afrikaner so lange im Stich gelassen haben?

Ist es nicht möglich, dass die Ressourcen in den Ländern Afrikas zu einem fairen Preis gekauft werden? Und wenn ja, wäre es dann nicht gleichgültig, welche Regierung an der Macht ist, wenn diese bereit ist, die Einnahmen gerecht zu verteilen? Einerseits fordern wir alle starke Institutionen für eine funktionierende Demokratie, andererseits unterstützen wir Staatschefs, die einfach zu manipulieren sind.

Partnerschaft auf Augenhöhe bedeutet auch Gleichbehandlung und Respekt füreinander. Die heutigen Eliten verdienen keinen Respekt, wenn sie Plünderer sind – umso mehr Achtung verdienen die afrikanischen Bürger, die trotz schwieriger Umstände noch ihr Leben meistern. Viele dieser Länder werden von Politikern regiert, die nur eigenen Interessen folgen. Trotzdem werden sie von den Industrienationen mit Budget- beziehungsweise Entwicklungshilfe überschüttet. Warum?

Wer profitiert denn davon? Die Steuerzahler der EU-Nationen müssen ihre Regierungen fragen, warum so viel Geld ausgerechnet in diese Länder gesteckt wird. Die Präsidenten kommen mit diesem für ihre Bevölkerung bestimmten Geld nach Europa, um es wochenlang in exklusiven Hotels zu verprassen. Wenn die afrikanischen Eliten krank werden, lassen sie sich in Europa heilen und nicht in den eigenen Krankenhäusern im Heimatland. Zur selben Zeit fehlen in diesen afrikanischen Ländern alle Mittel für notwendige Anschaffungen, zum Beispiel im Gesundheitssektor.

Ein Land mit einer schlechten Regierung kann keine Entwicklung durchlaufen – egal wie viel finanzielle Zuwendung es erhält. Mehr als 600 Milliarden Dollar sind als Entwicklungshilfe nach Afrika geflossen, mit kaum sichtbaren Folgen für die Entwicklung der Länder. Am Ausbau der Infrastruktur oder an einem Technologietransfer zur Verbesserung der Landwirtschaft haben die Geberländer kein echtes Interesse, obwohl viele afrikanische Länder nicht in der Lage sind, ihre eigene Bevölkerung ausreichend zu ernähren. Wer abhängig ist, bleibt ein Spielball…

Die Weltgemeinschaft ist aufgerufen, den rücksichtslosen Politikern das Handwerk zu legen! Man darf keine Gelder mehr blind an korrupte Regierungen überweisen und muss den Eliten Reiseverbote verpassen! Wenn die politische Klasse nicht mehr die Möglichkeit hat, das gestohlene Geld im Ausland zu verplempern beziehungsweise für die Erfüllung eigener Luxusbedürfnisse anzulegen, haben sie genug Zeit, sich intensiv mit ihren Bürgern zu beschäftigen. Die Mehrheit der Afrikaner will die reinen Geldgeschenke nicht. Sie untergraben ihr Selbstwertgefühl. Die Unternehmer vor Ort brauchen Kredite und keine salbungsvollen Worte.

Die meisten Probleme werden nicht nur durch mehr Geld gelöst, sondern durch die Schaffung von Rahmenbedingungen, die wirtschaftliches Wachstum unterstützen. Vor allem braucht es Bürgerinitiativen, und diese müssen unterstützt werden. Nur so können sie ihre Regierungen in die Pflicht nehmen.

Es ist ein erstaunliches Phänomen, dass viele Länder in der Lage sind, ausreichend Nahrungsmittel zu produzieren, wenn die notwendige Technologie und die richtigen landwirtschaftlichen Methoden angewendet werden. Warum investieren afrikanische Regierungen nicht in diesen Sektor, anstatt Geld für Waffen, Geländewagen und den Bau von Prestigeobjekten auszugeben?

Kofi Annan hat geäußert, Afrika brauche junge Regierungschefs anstatt Opas ohne Vision und ohne Strategie, um die Länder in eine neue Richtung zu führen. Es ist eine Schande, dass diese Männer so an der Macht kleben! Das Schlimmste an diesen Regierungen ist aber, dass sie ihre eigene Bevölkerung daran hindern, für sich selbst zu sorgen. Die Menschen sind Geiseln ihrer Regierungen.

Afrika braucht viele starke Frauen, um aus dieser Misere herauszukommen. Die Männer haben jahrzehntelang gezeigt, dass sie unfähig sind, auf die Bedürfnisse der Allgemeinheit zu reagieren. Die meisten von ihnen sind von Macht, Gier und Ruhmsucht besessen und wollen wie kleine Götter verehrt werden.

Aufseiten der Industrienationen brauchen wir ehrliche Menschen, die respektvoll mit anderen Kulturen und Völkern umgehen und nicht alles nur mit Dollar-und-Euro-Augen sehen.

Die Diplominformatikerin Veye Tatah wurde in Kamerun geboren. Sie grĂĽndete 1998 den Verein Africa Positive, der das gleichnamige Magazin herausgibt, um die Vielfalt der Menschen, der Kulturen und der Natur des bunten Kontinents darzustellen: www.africa-positive.de

Dieser Text ist dem Feuilleton der ZEIT Nr. 53/2009 entnommen, das Christoph Schlingensief gestaltet hat.




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