FESTSPIELHAUS FÜR AFRIKA

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Im SN-Gespräch schildert Christoph Schlingensief seine Ideen für ein multifunktionales Festspielhaus auf dem Schwarzen Kontinent

Salzburger Nachrichten, 6. Juli 2009. Von Magdalena Miedl

LINZ (SN). Und, wie sieht er aus? Ist er sehr schmal? Wirkt er müde? Wenn man Christoph Schlingensief gegenübersitzt, werden die Fragen, die man sich vorher gestellt hat, schnell unwichtig. Dass der Künstler eigentlich krank ist, dass er nach seiner Krebsdiagnose im Jänner 2008 damit gerechnet hatte, nur mehr wenige Monate zu haben, das wird völlig egal, wenn er von dem großen Thema erzählt, das er in seinem Leben derzeit hat: Das Festspielhaus für Afrika. „Wenn ich es auf Erden schaffe, jemandem einen Weg in die Zukunft zu bauen, dann ist das das Tollste“, sagt er im SN-Gespräch, und meint damit, dass er ein „Zukunftsreservoir“ schaffen will, etwas, das noch nach ihm weiterlebt. Nein, kein Denkmal. „Ich lebe ja auch nur, weil jemand vor mir den Weg freigeräumt hat.“

Wenn er dasitzt und mit seinen breiten Händen gestikuliert und erzählt, wie sich Bayreuth gegen afrikanische Anspielungen beim „Parsifal“ gewehrt hat, merkt man, wie schwer es für die Energiemaschine Schlingensief ist, einen Gang runterzuschalten. Die Zeit, die ihm bleibt, stopft er voll mit Ideen, mit Theaterstücken, mit Begegnungen. Bei der Berlinale im Februar saß er in der Jury. Mit Krimiautor Henning Mankell hatte er sich auch gleich angefreundet, der betreibt seit Jahren in Mosambik ein Theater. Der Regisseur Wayne Wang erzählte ihm von Flip-Kameras, die nur 100 Dollar kosten, und mit denen Kinder ihr Leben filmen können. Da könnte man doch im Festspielhaus auch eine Filmklasse einrichten! Kern des Hauses soll eine Schule sein, dann eine Tanzschule, ein Krankenhaus, eine Großküche, Probebühnen und eine Opernbühne. Einen Entwurf gibt es.

Schlingensief möchte mit Francis Kéré zusammenarbeiten, einem Architekten aus Burkina Faso, der in Berlin lebt. Der baut in Burkina Schulen mit wenig Beton und viel Lehm, die durch ein ausgeklügeltes Belüftungssystem noch in brütender Hitze innen nicht mehr als 25 Grad haben.

Kéré nahm Schlingensief und sein Team zu seinem Vater mit, einem Häuptling, der mit seiner Großfamilie in strohgedeckten Rundbauten. Der Vater ist Christ, der Onkel Moslem: „Dort gehört es fast zum guten Ton, zwei-, dreimal im Leben die Religion zu wechseln“, sagt Schlingensief, „Das ist großartig. Diese kleinkarierte Gütertrennung, die wir im Religiösen und im Kulturellen praktizieren, das ist so unnütz!“ Eine Kirche soll das Festspielhaus auch beherbergen, aber eine, die für alle frei ist. Der Glaube, das „gottesähnliche System“, ist dem katholisch erzogenen Schlingensief nach wie vor wichtig.

Es ist der Glaube daran, dass etwas getan werden muss, der ihn antreibt, und wenn man ihm gegenübersitzt und zuhört, vergisst man alle Zweifel. Da verwundert es auch nicht, dass er schon fast eine halbe Million Euro gesammelt hat, eine Million braucht es noch.

Aber eine Oper, in Afrika? Ist das nicht ein allzu europäisches Unterfangen? „Ich will um Himmels Willen nicht Bayreuth da runtertragen, das ist schon schlimm genug in Bayreuth, das muss man nicht auch noch den Afrikanern aufs Auge drücken“, sagt Schlingensief. Afrikanische Künstler sollen in dem Haus mit europäischen Gästen zusammenarbeiten. Wo es stehen wird, ist noch nicht fix. Wahrscheinlichster Standort ist Burkina Faso, die Entscheidung fällt aber erst im Oktober. „Rund um Burkina sind Ghana, Togo, Mali, Elfenbeinküste und so. Alle sind einmal durch das Land gezogen, und dabei blieb immer was zurück.“ Wenn Schlingensief kommt, wird auch etwas zurückbleiben. Möglichst lange.