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Die ungebremste Kreativität 6/6: Christoph Schlingensief
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Christoph Schlingensief zu seinem Beitrag zur Oper “Freax”

Mein Zugang zu dieser Oper, und vor allem zu ihrer Thematik, erfolgt über den Film „Freaks“ von Tod Browning. Die Übersetzung des Films in die Schemata der Oper finde ich falsch. Dagegen muß sich der Film wehren, weil er vereinnahmt wird, und die Oper, weil sie droht, Plagiat zu werden. Auch wenn Moritz Eggert eine ehrenhafte Idee verfolgt, stellt sich in der Realisierung des Themas die Frage nach der Oper in ihrem zwanghaften Wahn, etwas Vollkommenes präsentieren zu müssen, vollkommen im Sinne von perfekt.

„Freaks“ von Browning ist für mich nicht nur eine Liebesgeschichte zwischen einer sogenannten Normalen und einem Stigmatisierten. Er wird heute noch dem Genre des Horrorfilms zugerechnet und war, unter Verweis auf seine Darsteller, in mehreren US-Bundesstaaten lange Zeit verboten. Der Film unterscheidet sich von allen anderen Horrorfilmen dadurch, daß die „Monster“ nicht aus Pappmaschee und Gummi gebastelt, sondern tatsächlich Schwerstbehinderte sind, die sich nicht verstecken, sondern sich selbstbewußt und gleichzeitig „unheimlich“ zur Schau stellen.

Das ist der bleibende, meine Arbeit prägende Impuls durch diesen Film. Ich kann davon nicht abstrahieren. Und ich will nicht davon abstrahieren, weil es diesen Leuten ihr Selbstbewußtsein nimmt und sie zurück ins Klischee schickt. Eine Opernaufführung aber, die genau dieses Element der Autonomie in den Mittelpunkt stellt, ist, so wie die Dinge stehen, mit der vorgegebenen Musik und den Aufgaben der Sänger nicht vereinbar.

Die Behinderten ausgerechnet bei dem Thema, das ihr Thema ist, nur als „Generalpausenfüller“ und Referenzmaterial vorkommen zu lassen, widerspricht allen meinen bisherigen Arbeiten mit sogenannten „Behinderten“ grundlegend, ob an der Wiener Burg oder dem Schauspielhaus Zürich, ob in „Kunst & Gemüse“ (nach „Von heute auf morgen“ von Schönberg) an der Berliner Volksbühne oder in meinen Film- und TV-Arbeiten („Freakstars 3000“).

Bei „Freax“ konfligieren zwei berechtigte Interessen, die sich durch keinen Kompromiß vermitteln lassen, sondern nur durch eine klare Trennung der Sphären. Daß eine solche Parallelität hier möglich ist, ist ein Verdienst dieser Arbeit. Und eine Hoffnung darauf, daß Oper sich öffnen kann.

Am liebsten wäre mir – und so wie es jetzt ausschaut, wird es möglich sein –, wenn das Publikum einen Teil unserer Arbeit (als DVD) mit nach Hause nehmen kann und ihn sich dort in einer stillen Stunde anschaut, und so den Opernabend in die Wohnstube verlängert. Mein Beitrag ist jedenfalls ein „behindertes Fragment“.

Die Oper muß, wenn sie irgend etwas mit Kunst zu tun hat, zumindest in Fällen wie „Freax“ neue Wege versuchen und ungewöhnliche ästhetische Konstellationen möglich machen, ohne Rücksicht auf Konventionen und übliche Erwartungshaltungen, wenn es das Material erfordert. Die Werkstatt Bayreuth muß es auch in Bonn geben, als „Freakstatt“ Bonn. Deshalb ist die von uns angestrebte Trennung unter den gegebenen Umständen das einzige, was alle Beteiligten ohne Selbstverleugnung und Preisgabe ihrer künstlerischen und menschlichen Überzeugungen vertreten können. Eine Verleugnung dieser Überzeugungen, eine Identitätsverleugnung, kann kein Publikum wollen und ist auch keinem Publikum zuzumuten.




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