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Die ungebremste KreativitÀt 6/6: Christoph Schlingensief
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Schlingensief persifliert das Fernsehen. Nur Nitsch verweigert sich.

Von T. Vieregge

Hermann Nitsch fĂŒhlt sich sichtlich nicht wohl in dieser AtmosphĂ€re des Schrillen, SchrĂ€gen. Schon der Auftritt ist dem in sich ruhenden Hohepriester des Aktionismus nicht geheuer. Ein wenig mĂŒhselig und unter lĂ€rmender Kakophonie erklimmt er die sich fortwĂ€hrend drehende BĂŒhne im von SperrzĂ€unen umgrenzten Foyer der Berliner Akademie der KĂŒnste unweit des Brandenburger Tors. BehĂ€big sucht er einen Platz in der engen Runde, deren Mobiliar die Veranstalter aus dem SperrmĂŒll zusammengeklaubt haben. Hauptsache: trashig.

Und so zwĂ€ngt sich Nitsch schließlich mit Jonathan-Meese-Double Klaus Beyer auf eine abgewetzte, orange 70er-Jahre-Couch. Was fĂŒr ein Anblick: der Aktionist im konservativ-strengen Priester-Look, Meese in Trainingsjacke und Wollstrumpfhose. Zum Auflockern genehmigt sich Nitsch einen Schluck aus der Bierflasche, die fortan auf seinem Schenkel ruht. “Ich misstraue der Weinkultur in Deutschland”, Ă€chzt der Hobby-Winzer aus Prinzendorf im Weinviertel.

Immer öfter blickt der Gast verstohlen auf die Uhr, was dem ĂŒbertourigen Gastgeber nicht verborgen bleibt. “Hermann, bist du unglĂŒcklich mit der Sendung?” Nitsch ist eigens aus Wien zu Schlingensiefs neuestem Streich angeflogen. “Die Piloten”, nennt der Regisseur sein Talk-Format, in dem ĂŒber alles oder nichts verhandelt wird. Es soll die Bla-Bla-Kultur des Fernsehens persiflieren - den “Sound des Wohnzimmers” einfangen, wie er sagt. Auf einer Großleinwand lĂ€uft derweil die Christiansen-Sendung vom Sonntag.

„Wir drehen eine Sendung, die nie gesendet wird“, erklĂ€rt Schlingensief in einer Pause hinter der BĂŒhne. „Und zwar ĂŒberall: in der Kantine, in der Garderobe. Da finden ja die eigentlichen Themen statt. Da geht es um Fragen wie: Wie waren die Quoten? War ich gut?“ Der deutsch-französische Kultursender Arte soll das „Making of“, die Zusammenfassung der insgesamt sechs GesprĂ€chsstaffeln, ausstrahlen - und nach dem Willen Schlingensiefs soll eine „kosmische Strahlung“ davon ausgehen.

Unter den Schlingensief-Freunden, Kultur- und Szene-Menschen, Selbstdarstellern und Behinderten ragt Nitsch heraus - weil er das Ganze ernst nimmt. „Bei mir wird nicht geschauspielert. Ich habe leider keinen Humor“, sagt er; es klingt nur ein klein wenig kokett, wenn er droht: „Hört’s auf zum Lachen, sonst red i nix mehr.“

Da ist etwa Gisela mit dem weißen HĂ€ubchen, Schlingensiefs einsilbige Assistentin, der Alzheimer-Patient, der spĂ€ter als verstoßener Priester auftritt, die kleinwĂŒchsige Karin, die ĂŒber ihr Sexleben spricht, der Blinde, der nach seinem Auftritt plötzlich wieder sieht, und die verschleierte Muslimin, der Schlingensief das Kopftuch wegreißt. Nach der Werbepause kĂŒndigt er Tom Cruise an.

Fake oder nicht Fake, das ist hier die Frage. Zwischendurch plaudert Schlingensief per Handy mit Helge Schneider, dem Hitler-Darsteller aus Dani Levys „Mein FĂŒhrer“, ĂŒber die Pein eines KĂŒnstlers. „Ich liege in der Badewanne“, enthĂŒllt Schneider - ohne wissen zu lassen, ob mit (wie in „Mein FĂŒhrer“) oder ohne Kriegsschiff. „Gleich muss ich wieder lustig sein.“ WĂ€hrenddessen intoniert seine angebliche Freundin ein „StĂŒck fĂŒr den Weltfrieden“: ein jaulendes Stakkato aus „Shalom“-Rufen. Klaus Staeck, PrĂ€sident der Akademie, wirft ein: „Da ist der Frieden eher in Gefahr.“

Rolf Hochhuth redet sich in Rage ĂŒber das Regietheater (Nitsch: „Niemand hat das Recht, einen Shakespeare zu verhunzen“), Fernseh-Pfarrer JĂŒrgen Fliege echauffiert sich ĂŒber das Fernsehen, Gotthilf Fischer lĂ€chelt vor sich hin, und der Rapper Sido legt ein wenig verschĂ€mt los. Sinnfrei plĂ€tschert das GesprĂ€ch vor sich hin. Und Nitsch fragt sich wohl insgeheim, was er hier zu suchen hat: „Ich wollte nie provozieren.“ Bevor er ins Philosophieren gerĂ€t: „Wir gehen weiter, wie ein Wurm, und wissen vielleicht nicht, ob wir vorwĂ€rtsgehen oder rĂŒckwĂ€rts.“

16.1.07




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