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Christoph Schlingensief - Ein Portrait
Kein deutscher Regisseur hat in den letzten Jahren das Attribut "politisch" für sein Theater derartig emsig verdient wie Christoph Schlingensief. Während der gesellschaftliche Begriff des Politischen zunehmend beliebig und theatra- lisch wurde, reagierte Schlingensief mit einer sehr eigenwilligen Kur: Das Diffuse des Politischen bekämpfte er mit einer totalen Verwirrung vermeint- licher Eindeutigkeiten.
Angefangen von seinen frühen Filmen in den Achtzigerjahren, in denen Hitler, Vergewaltiger und Amokläufer orgiastischen Unfug anstellten, über seine Theaterstücke an der Berliner Volksbühne in den Neunzigern, die deutsche Ikonen wie Rudi Dutschke, Helmut Kohl oder Rosa Luxemburg mit chaotischen Spektakeln vom Sockel holten, bis zu seinen Aktionen im öffentlichen Raum (etwa der künstlerischen Sozialstation 1997 am Hamburger Hauptbahnhof) bleibt ein Grundmotiv immer sichtbar: Traue keinen Gewissheiten!
Die permanente Verunsicherung betreibt Schlingensief mit einer Verwischung der Grenzen zwischen Wirklichkeit und Fiktion, Kunst und Straftat, Absicht und Handlung. Gerade bei seinen Aktionen außerhalb des Theaters funktioniert das häufig genial: Das Big-Brother-Spiel mit Asylanten im Zentrum von Wien, bei dem der letzte im Container Verbliebene eine Aufenthaltsgenehmigung gewinnen sollte, hielten nahezu alle Passanten für echt. Und seine "Hamlet"-Inszenierung in Zürich, für die er nicht nur scheinbar reuige Neonazis engagierte, sondern auch noch ein Aussteigerprogramm für Rechte erfand, entfachte eine heftige Diskussion über die Seriosität derartiger Aktionen.
Schlingensiefs spontanes und Regel verletzendes Theater – das zeigen schon diese wenigen Beispiele aus seinem zwanzigjährigen Störbetrieb – zeichnet sich zunächst durch ein gehöriges Minensuchtalent aus. Gesellschaftliche Themen, die entweder dem allgemeinen Konsens anheim gefallen sind (Hitler ist böse! Mohammed Atta ist böse!) oder mit schweigendem Unbehagen behandelt werden (Behinderte, Obdachlose, Asylanten, Arbeitslose), landen mit hoher Wahrscheinlichkeit irgendwann im Schlingensiefschen Warenkorb. Als Hauptakteur seiner eigenen Kunst, die nur dank seiner überdrehten Entertainer-Qualitäten überhaupt funktioniert, betreibt er einen vehementen Kampf gegen Heuchelei mit den Mitteln der Aktionskunst, des Tabubruchs, der Überforderung und der Improvisation.
Nun ist Heuchelei in der Politik wie in den Medien und der Kunst, also den Feldern, in denen Schlingensief sich bewegt, so weit verbreitet, dass die normale Reaktion der Zynismus wäre. Aktionen wie "Tötet Helmut Kohl!" auf der documenta 1997, Symposien zur Kunstqualität des Terrorismus oder die Verwendung von geistig Behinderten in seinen Filmen und Theaterstücken haben dann auch immer wieder diesen Vorwurf auf ihn selbst gemünzt. Doch was diesen Verdacht schnell entkräftet, ist die altmodische Weltsicht, die hinter seinem Radau steht: Christoph Schlingensief ist ein Moralist mit geradezu biblischen Botschaften: Solidarität, Ehre und Mitmenschlichkeit sind die Forderungen, die sich aus seinen künstlerischen Angriffen gegen ihren Missbrauch abzeichnen.
Der dauernde moralische Weckruf mit den Mitteln der gestörten Harmonie, den Schlingensief betreibt, unterliegt allerdings der Gefahr aller Provokationskunst: Hat man ihre Methode durchschaut, geht die Irritation verloren. Und so macht sich gerade innerhalb des Theatersystems mittlerweile eine gütige Neugier für seine Entregelungen breit, die Gift für die Wirkung ist. Seine aktuelle Trilogie "Attabambi Pornoland", die mit einem orgiastischen Mix aus Videos, Spielszenen, Sudelei, Pornografie, Lautstärke und Kunstzitaten die Deutungsmacht der Medien attackiert, wird eher als Event rezipiert: Das muss man halt gesehen haben.
Doch auch diese Abwehrreaktion entschärft nicht wirklich das Politische an Schlingensiefs Aktionstheater. Er bleibt in seiner assoziativen und aggressiven Art inhaltlich nicht leicht festzulegen und zwingt damit den Zuschauer zur Selbstüberprüfung. Als charmanter Medienliebling mit eigenen Talkshows oder als Interviewgast moderiert er sein zorniges Gewissenstheater inzwischen auch in breite Bevölkerungsschichten. Und selbst die Weihen als ernsthafter Regisseur scheut er nicht mehr: Der bekennende Wagner-Fan darf bei den Bayreuther Festspielen den "Parsifal" inszenieren. Es werde keinen Bombentrichter auf der Bühne geben, hat er bereits versprochen. Er bleibt doch immer für eine Überraschung gut.
Till Briegleb, Goethe Institut
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